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BERATUNGSPRAXIS

Kopfschmerzen

Domäne der Selbstmedikation


Von Barbara Erbe / 70 Prozent der Deutschen haben nach Erkenntnissen der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft mindestens einmal im Jahr Kopfschmerzen. Wer sich dann an die Apotheke wendet, ist mit seinen Beschwerden oft schon vertraut. Dennoch ist es wichtig, die Dosierung von Schmerz­mitteln zu erläutern, nicht-medikamentöse Hilfen vorzustellen und wenn nötig, einen Arztbesuch zu empfehlen.

 

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»Ich brauche etwas gegen Kopfschmerzen.« Gäbe es eine Hitliste der Kundennachfragen in der Apotheke, dieser Satz läge wahrscheinlich weit vorn. Laut einer­ repräsentativen Stichprobe der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) unter Jugendlichen ab 14 Jahren und Erwachsenen gaben mehr als 40 Prozent der Befragten an, im letzten halben Jahr unter Kopfschmerzen gelitten zu haben – von ihnen­ hatten 3,8 Prozent der Männer und 10,9 Prozent der Frauen eine Migräne.




Foto: iStock/Urilux


Obwohl Kopfschmerzen also zu den häufigsten Beschwerden der Bevölkerung zählen, geht nach Erkenntnissen der Studie nur jeder Zweite damit zum Arzt: Kopfschmerzen, das zeigt die Befragung, sind nach wie vor eine Domäne der Selbstmedikation.

Vertrauter Schmerz

Aus diesem Grund rät der DMKG-Vizepräsident Professor Dr. Andreas Straube PTA und Apothekern dazu, den Kundenwunsch nach schneller Hilfe gegen Kopfschmerzen zunächst mit einer Gegenfrage zu beantworten: »Kennen Sie diese Kopfschmerzen?« Die meisten Menschen seien mit »ihrem« persönlichen Kopfschmerz durchaus vertraut und wüssten ganz gut, bei welchen Gelegenheiten, wie lange und wie heftig er auftritt. »Hat ein Kunde einen solchen Schmerz aber noch nie zuvor erlebt, ist Vorsicht angebracht. Dann sollte – zumindest bei stärkeren Kopfschmerzen – ein Arzt zu Rate gezogen werden«, betont Straube im Gespräch mit PTA-Forum. Das gilt erst recht, wenn die Kopfschmerzen von Fieber, Lähmungserscheinungen, Bewusstseinsstörungen oder epileptischen Anfällen­ begleitet werden, und auch wenn sie schlagartig, das heißt innerhalb einer Minute, in voller Stärke auftre­ten. Denn das könnte darauf hindeuten, dass der Schmerz nicht primär, also ohne bestimmbare Ursache, auftritt­, sondern dass es sich um sekun­däre Kopfschmerzen handelt. Diese entstehen etwa infolge eines Unfalls oder einer Krankheit.

Nicht zu zaghaft

Bei der Behandlung primärer Kopfschmerzen – und das sind zu mehr als 90 Prozent Spannungskopfschmerzen und/oder Migräne – vertrauen die meisten Menschen auf Hausmittel oder freiverkäufliche Schmerzmittel aus der Apotheke, wie die DMKG- Studie zeigt. In der Regel reichten OTC-Analgetika, zum Beispiel mit Paracetamol, Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen oder Kombinationen mit diesen Wirkstoffen, auch völlig aus, erklärt Straube, der Oberarzt an der Neuro­logischen Klinik der Ludwig-Maxi­milians-Universität München ist. Wichtig sei dabei, dass Betroffene von Anfang an die richtige Dosis wählen: »Viele Menschen beginnen mit einer zu schwachen Dosis, weil sie erst einmal probieren möchten, mit wenig auszukommen. Das ist aber kontraproduktiv. Die gewünschte Wirkung setzt dann nicht ein, sodass man nachdosieren muss und im Endeffekt länger leidet­ und mehr Tabletten nimmt«, sagt Straube. Für den Zeitpunkt der Einnahme gelte: »Wer seine Symptome kennt, sollte das Mittel schon bei den allerersten Anzeichen des Kopfschmerzes schlucken, damit gar nicht erst mehr passiert.«

Jenseits der Medikation haben sich auch verschiedene Hausmittel bewährt, die Patienten häufig Linderung verschaffen. Einige Tropfen Pfefferminzöl auf Stirn und Schläfen beispielsweise hätten auf viele Betroffene eine entspannende Wirkung, berichtet Straube. Einen ebensolchen Effekt könne­ ein kühler Waschlappen auf der Stirn haben. Auch Kaffee oder Espresso sind häufig hilfreich: Das enthaltene Koffein ist selbst zumindest schwach analgetisch wirksam, aber vor allem ein Koanalgetikum, da es die Wirkung von ASS, Ibuprofen oder Paracetamol verstärkt.

Ein Spaziergang an der frischen Luft ist im Akutfall eher eine Ablenkung als ein wirkliches Gegenmittel. »In der Prophylaxe aber spielen Spaziergänge eine wichtige Rolle«, betont Straube. Vor allem­ Ausdauersport­arten wie Joggen oder Schwimmen empfehlen Experten Menschen mit chronischen Spannungskopfschmerzen oder Migräne. Zusätzlich können auch Entspannungs­verfahren wie die progressive Muskel­entspannung nach Jacobson, autogenes Training, Biofeedback sowie eine kognitive Verhaltenstherapie gut tun.

Ein Tagebuch hilft

Bei Migräne und anderen primären Kopfschmerzerkrankungen – etwa den sehr schmerzhaften Clusterkopfschmerzen – werden die Attacken manchmal von bestimmten Lebensmitteln oder Situa­tionen getriggert. »Die Auslöser können individuell unterschiedlich sein: Bei einigen ist es zum Beispiel Schokolade, bei anderen ein alkoholisches Getränk oder der Aufenthalt in großer Höhe«, erläutert Torsten Stiewe, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Ressorts Gesund­heitsinformation des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). »Wer in einem­ Kopfschmerz-Tagebuch dokumentiert, wann und wie es zu Schmerzattacken gekommen ist, kann solche Auslöser herausfiltern und versuchen, sie künftig zu meiden«, erklärt er im Gespräch­ mit PTA-Forum.




Ein Schmerz- tage­buch ist beim Aufspüren von Triggern behilflich.

Foto: Shutterstock/Spectral-Design


Aber Vorsicht, nicht jeder zeitliche Zusammenhang belegt auch einen kausalen. So kann ein Verlangen nach Schokolade schon zu Beginn einer Mi­gräneattacke auftreten, die Schokolade selbst ist dann nicht der Auslöser. Außerdem hilft ein Tagebuch dabei, den Verlauf einer Kopfschmerz­erkrankung besser zu beurteilen. Wichtig ist auch einzutragen, zu welchem Zeitpunkt Medikamente genommen wurden und wenn ja, welche und wie viele. »Denn insbesondere bei chronischen Kopfschmerz­erkrankungen besteht die Gefahr, dass sich durch übermäßigen Gebrauch von Analgetika zusätzlich ein arzneimittelinduzierter Kopfschmerz entwickelt.«

Prophylaxe von Anfällen

Während akute Migräneanfälle meist mit Schmerzmitteln wie ASS, Ibuprofen, Paracetamol oder Triptanen behandelt werden, kann der Arzt davon unabhängig auch Medikamente zur Prophylaxe verschreiben. So soll verhindert werden, dass es überhaupt zu Migräneanfällen kommt. Ob Betroffene vorbeugend Medikamente einnehmen möchten, sei eine persönliche Entscheidung, die Betroffene gemeinsam mit ihrem Arzt treffen sollten, so Stiewe. »Sie hängt unter anderem davon ab, wie belastend die Migräne ist und wie die Vor- und Nachteile einer Medikamenten-Behandlung beurteilt werden.«

Eingesetzt werden zur Prophylaxe etwa Betablocker wie Metoprolol oder Propranolol. Normalerweise zur Blutdrucksenkung angewendet, wirken sie auch gegen Migräne. Auch Antikonvulsiva wie Topiramat und Valproinsäure, die die Erregung von Nervenzellen dämpfen und eigentlich zur Epilepsie-Behandlung eingesetzt werden, kommen zum Einsatz. Speziell zur Behandlung einer chronischen Migräne (re­gelmäßig mehr als 15 Kopfschmerztage im Monat) ist auch der Wirkstoff Botulinum­toxin Typ A zugelassen. Das Nerven­gift wird in kleinen Dosier­ungen in verschiedene Muskeln im Nacken­- und Kopfbereich gespritzt.

Auch einige Nahrungsergänzungsmittel werden von verschiedenen Herstellern­ zur Vorbeugung von Migräne­attacken angeboten. Sie enthalten beispielsweise Coenzym Q10, Magnesium, Mutterkraut, Pestwurz und Vitamin B2. »Ob diese Mittel vor Migrä­ne schützen, ist aber fraglich«, gibt Stiewe zu bedenken. »Ihre Wirksamkeit wurde meist nur in Studien mit wenigen Teilnehmern und geringer Aussagekraft untersucht.« Nahrungsergänzungsmittel und pflanzliche Arzneimittel gelten zwar oft als gut verträglich und sicher – Neben- und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind aber auch bei ihrer Einnahme nicht ausgeschlossen. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 22/2017

 

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