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Die Geschichte des Taschentuchs

Die Nase-Weißen


Von Elke Wolf / Quadratisch, praktisch, gut: Die Rede ist nicht von einer Schokolade, sondern von einem Taschentuch. Als Empfänger von Tränen und weniger appetitlichen Sekreten, als Liebespfand und Statussymbol und ständiger Begleiter hat das kleine Tuch Geschichte geschrieben.

 

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Als Oskar Rosenfelder von den Ver­einigten Papierwerken Nürnberg am 29. Januar 1929 das Reichspatentamt in Berlin betrat, hatte die Menschheit seit Jahrhunderten in Stofffahnen oder in Daumen und Zeigefinger geschnäuzt, die dann am Ärmel oder am Tischtuch abgewischt wurden. Das einfache Volk schnäuzte mal mit der rechten, mal mit der linken Hand; die feinere Gesellschaft hingegen ausschließlich mit links. Stofftüchlein gebrauchte man erst ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert fürs Naseschnäuzen.




Foto: iStock/Imgorthand


Rosenfelder meldete das Waren­zeichen Tempo für das erste Papier­taschentuch aus reinem Zellstoff an. Das Patent basierte auf einem Zellstoffpapier, das mit einer dünnen Schicht Glycerin überzogen war, um damit ein Gefühl von Glätte und Weichheit zu erzeugen. Ehrlicherweise muss man erwähnen, dass bereits 1894 der Göppinger Papierfabrikant G. Krum ein kaiserliches Patent auf ein sehr dünnes, fast normales Papier erhalten hatte, das ebenfalls mit Glycerin getränkt war.

Schnell, schneller, Tempo

Wie es zur Markenbezeichnung kam, ist nicht gänzlich geklärt. In der Firmengeschichte ist überliefert, dass sich das Lebensgefühl der Menschen im Jahr 1929 in Begriffen wie »Geschwindigkeit« und »Schnelllebigkeit« wider­spiegelte. »Tempo« sollte dem Ausdruck verleihen; der Name passte perfekt in eine Zeit, »in der sich alles immer schneller drehte und alles, was heute glänzend neu war, morgen bereits im Papierkorb der Geschichte liegen kann«, fand Rosenfelder.

Hergestellt werden Papiertaschentücher aus Cellulose, die man aus dem Holz von Fichten, Buchen, Pappeln oder Kiefern gewinnt. Die Holzfasern werden in kleine Chips gehäckselt und gekocht. Dieser Papierbrei wird dann getrocknet, zu großen Bahnen ausgerollt und anschließend geschnitten. Vier Lagen­ von Zellstoff werden für die Produktion übereinandergelegt und am Rand durch einen speziellen Pressvorgang miteinander verprägt. Walzen mit kleinen Pins sorgen für das charakteristische Tempo-Pünktchenmuster. Dann wird das Taschentuch so geknickt, dass man es mit einer Hand wieder entfalten kann. Zehn Stück werden in Folie verpackt und die Verpackung meist mit einem Klebestreifen zum Wiederverschließen versehen. Die Folien­päckchen, versehen mit Firmenlogos und anderen Botschaften, sind heute als Werbemittel aus der Apotheke nicht mehr wegzudenken.

Die Marke Tempo verbreitete sich so rasant, dass der Markenname des Einwegtaschentuchs zum Gattungsnamen, also zum Synonym für das Papiertaschentuch, wurde. Heute werden in Deutschland pro Jahr rund 39 Milliarden Taschentücher verbraucht, nicht nur zum Naseputzen bei Erkältung.

Bis zum Einwegtaschentuch war es ein langer Weg; die Historie der nütz­lichen und zierenden Tücher reicht zurück bis in die Antike. So nutzte die vornehme Gesellschaft im antiken Rom das Sudarium, ein luxuriöses Schweißtuch. Oder das Orarium, ein Mundtuch, das später von den ersten Christen als Gebetstuch verwendet wurde. Oder die Mappa, eine Kombination aus Serviette­, Einschlagtüchlein und kleinem Tafeltuch. Mappa und Orarium fanden Eingang in christliche Zeremonien, das Schweißtuch entwickelte sich dagegen eher zu einem Vorläufer des Schnupftuchs.

Seit dem 11. Jahrhundert spielten die Taschentücher aus Stoff in Europa eine wichtige kulturelle Rolle beim Minnedienst als heimliches Liebespfand. Der Ritter nahm das Tüchlein seiner Geliebten als Glücksbringer mit in den Kampf. Die jungen Frauen wiederum ließen ihre Tücher vermeintlich unabsichtlich fallen, sodass ein galanter Herr es für sie aufheben konnte.

Zum Naseschnäuzen war das Stofftüchlein auch in den nächsten Jahrhunderten nicht gedacht. Vermutlich war es Baptiste Chambray, ein Weber aus Flandern, der um das Jahr 1300 erstmals ein Draspesello panetto die naso herstellte. Als Statussymbol entwickelte sich das Tüchlein bis über die Grenzen Europas hinaus zu einem kunst­vollen Accessoire, oft aus teuren Stoffen wie Seide gefertigt, mit Perlen, Goldfäden und Edelsteinen durchwirkt. Die adlige Oberschicht nannte es »fazzoletto«.

Statussymbol und Lifestyle

Seit dem 15. Jahrhundert wurden die verschiedenen Tücher der Antike von vornehmen Patriziern als Teil der Beklei­dungskultur fortentwickelt. Die Männer steckten sie sich zu festlichen Anlässen schön drapiert als sogenanntes Pochette in die Brusttasche ihrer Jackets. Adlige verliebte Jünglinge hielten sich diese mit sehnsüchtigem Blick unter ihr Riechorgan – das Accessoire bekam eine neue Funktion als Nas(en)tuch. Die Tücher waren mit Monogrammen bestickt und so schön, dass sie sichtbar in der Hand gehalten und nicht etwa in die Tasche gesteckt wurden. Berühmte Persönlichkeiten wie die Infantin Maria Theresa von Spanien ließen sich sogar mit Taschentuch malen (Diego Velàzquez, 1652).




»Weil immer mehr Leute Tempo kaufen.« Einwegtaschentuch auf Expansionskurs: In den 1960er-Jahren wirbt Tempo für die Großpackung.

Foto: Fotoreport Procter & Gamble


Wenn Adlige von Untergebenen hofiert wurden, war es eine übliche Geste, sich ein Tüchlein vor die Nase zu halten, um sich vor dem Mundgeruch des Bittstellers zu schützen. Dabei bezeugen Überlieferungen, dass es damals vor allem die Adligen waren, die unter Karies litten. Denn mit der Einfuhr des Kakaos hatten sie ihre Vorliebe für Süßigkeiten entdeckt. Ihr Taschentuch tränkten sie gern mit Parfüm, um den eigenen Mundgeruch zu kaschieren.

Im 18. Jahrhundert wurde es in der vornehmen Gesellschaft üblich, sich die Nase mit einem Taschentuch zu schnäuzen. Die Formenvielfalt der Tücher­ über rund, drei- und viereckig missfiel der französischen Königin Marie­ Antoinette. Ihr Gemahl Ludwig XVI. veranlasste daraufhin eine Verordnung, wonach Taschentücher so lang wie breit zu sein hatten.

Nach der Französischen Revolution wurde das Taschentuch demokratischer. Durch die Einfuhr preiswerter Baumwolle und die Erfindung mechanisierter Webstühle war es mit der Exklusivi­tät vorbei. Die Tücher konnten zu niedrigeren Preisen produziert und unters Volk gebracht werden. Irgendwann war die chemische Industrie in der Lage, waschechte Farben zu liefern, was zur Verbreitung grell gefärbter Textilien führte. Sie wurden bei Freunden­ des Schnupftabaks als so­genannter Nasenlumpen populär, entweder in rot oder mit Karos. Weiße Leinen- oder Baumwolltücher waren weiterhin als Taschentuch üblich, da sie kochfest waren. Im 20. Jahrhundert gab es kochfeste Tücher in allen Farben, weiße Taschentücher gelten dennoch immer als die förmlichste Wahl zum festlichen Anlass.

Ein Tuch für alle Fälle

Stofftaschentücher wurden bestickt, umhäkelt, man wickelte beim Kirchgang Bibel und Gesangbuch darin ein. Noch zu Beginn der 1960er-Jahre des 20. Jahrhunderts war es üblich, dass man zur Konfirmation von den Paten ein Gesangbuch mit Goldschnitt und ein Taschentuch mit Häkelspitze bekam. Und ein Pfadfinder hatte in seiner Allzeit-Bereit-Tasche außer den Not­groschen zum Telefonieren ein frisch gebügeltes Stofftaschentuch dabei.

Heute hat das Papiertaschentuch die Welt erobert. Die Hausfrau ist froh, gewaschene Stofftaschentücher nicht mehr bügeln zu müssen. Die Erfindung der Einwegtaschentücher stellt für die Hygiene bei Erkältungen einen enormen Fortschritt dar – wenn wir sie nicht herumliegen lassen, sondern sie sofort nach Gebrauch in einen geschlossenen Mülleimer werfen. »Jedes Taschentuch, das nur einmal verwendet wird, ist prinzipiell hygienischer als ein wiederholt verwendetes Tuch«, heißt es beim Robert-Koch-Institut. /




Foto: iStock/Peter Schenk





Beitrag erschienen in Ausgabe 22/2017

 

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