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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Heißhunger

Ein Symptom – viele Ursachen


Von Michael van den Heuvel / Klagen Patienten im Beratungsgespräch über Heißhunger, gibt es viele Gründe. Die Möglichkeiten reichen von schlecht eingestellten oder unentdeckten Stoffwechselstörungen bis hin zu psychischen Erkrankungen. Heißhunger kann aber auch medizinisch erwünscht sein.

 

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Kennen Sie das auch? Sie kommen nach Hause und haben Lust auf ein bestimmtes Lebensmittel. Vielleicht muss es etwas Süßes wie Schokolade sein. Vielleicht bevorzugen Sie aber auch salzige, fettige Chips. Wir verspeisen oft mehr, als erforderlich wäre, um unseren Hunger zu stillen. Dabei werden körpereigene Regulationsvorgänge ausgehebelt.




Foto: iStock/FluxFactory


Um Hungergefühle auszulösen, ist der Blutglukosespiegel eine zentrale Größe. Rezeptoren in der Leber und im Magen melden diesen Wert an ein spezielles Hunger- und Sättigungszentrum im Gehirn. Auch der Insulinspiegel ist von Bedeutung. Weniger Glukose führt zur vermehrten Produktion des Hormons Glukagon. Es leitet den Abbau von Glykogen in der Leber ein. Und über das Hormon Leptin erhält das Gehirn Informationen zu den vorhandenen Fettreserven. Im Magen selbst befinden sich Dehnungsrezeptoren, die Sättigungsreize an das Gehirn senden. Ähnliche Informationen kommen von Chemo­rezeptoren in Darm und Leber. Sie ­melden beispielsweise, falls Nahrungsmittel einen zu geringen Gehalt an Energieträgern haben. Umso schneller tritt erneuter Hunger auf.

Diese biologisch sinnvollen Mechanismen geraten manchmal außer Kon­trolle. Im Tierexperiment aktivierte Snack-Food Gehirnregionen, die mit Belohnung und Sucht in Verbindung gebracht werden. Bei Schokolade triggern unter anderem Theobromin, Tryptophan oder Phenylethylamin diese Bereiche. Trotz erster Forschungsergebnisse bleiben etliche Fragen offen.

Bei Grunderkrankungen des Stoffwechsels sind die Zusammenhänge weitaus klarer. Leiden Patienten an Diabetes mellitus, sollte Heißhunger als Alarmsignal einer drohenden Unterzuckerung interpretiert werden. Möglicherweise haben Patienten ihre Insulindosis falsch berechnet und zu große Mengen des Hormons appliziert. Auch orale Antidiabetika wie Sulfonylharnstoffe, speziell Glibenclamid und Glimepirid, können in eine Unterzuckerung führen. Selbst ohne Diabetes kann der Blutzuckerwert stark abfallen, etwa durch viel körperliche Bewegung. Arzneistoffe, etwa Chinin-Derivate, Sulfonamide, Chinolone oder Propranolol, werden ebenfalls mit Hypoglykämien in Verbindung gebracht.




Foto: iStock/YinYang


Haben PTA oder Apotheker den Verdacht, der Blutglukose­spiegel eines Patienten könnte zu niedrig sein, lohnt sich ein Schnell­test. Die Grenze für Unterzucker liegt bei 50 mg/dl. Bereits unter 60 mg/dl stellen sich Symptome wie Heißhunger­, Schwitzen, Zittern und Konzentrationsschwäche ein. Als Sofortmaßnahme eignet sich Glukose in Form von Traubenzucker-Täfelchen. Als Faustregel gilt: Vier Täfelchen sollten es mindestens sein, um den Blutzucker wieder sicher an­zuheben.

Appetit durch die Schilddrüse

Heißhunger kann aber auch Hinweise auf eine Schilddrüsenüberfunktion geben, eine Hyperthyreose. Typisch ist, dass der Betroffene trotz des großen Appetits an Gewicht verliert. Das liegt am erhöhten Grundumsatz. Im Bereich des Stoffwechsels tritt mitunter eine Glukosetoleranz bis hin zur Hyperglykämie auf, da ständig Energiereserven mobilisiert werden. Patienten klagen auch über Unruhe, Wärmeintoleranz und Beschwerden des Herz-Kreislauf-Systems.

Normalerweise gibt die Schilddrüse die Hormone Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3) über Regelkreise ge­steuert bedarfsgerecht ab. Diese Steuerung versagt bei der sogenannten Schilddrüsenautonomie. Das heißt, einzelne Bereiche oder das gesamte Organ schütten kontinuierlich Hormone aus. Eine Hyperthyreose kann auch Folge einer Autoimmunerkrankung sein, etwa bei Morbus Basedow.




Klassische Ursache für Heißhunger: eine Schwangerschaft

Foto: iStock/PIKSEL


Die Behandlung orientiert sich an der Grunderkrankung und behebt letztlich auch den Heißhunger. Thyreostatika hemmen die Freisetzung oder die Produktion von Schilddrüsenhormonen. Thionamide wie Thiamazol, Carbimazol beziehungsweise Propylthiouracil sind wichtige Vertreter. Perchlorate kommen ebenfalls zum Einsatz. Als Alter­native bleiben chirurgische Eingriffe oder Behandlungen mit dem radio­aktiven Isotop Jod-131, um überaktives Gewebe zu zerstrahlen.

Missverständnis bei Migräne

Nicht nur der Stoffwechsel beeinflusst unseren Appetit. Neurologische Ursachen sind ebenfalls bekannt. Rund 30 Prozent aller Patienten mit Migräne haben wenige Stunden bis zwei Tage vor den eigentlichen Schmerzen unterschiedliche Symptome. Ein gesteigerter Appetit gehört dazu, mehr Lust auf Süßig­keiten oder fette Speisen und mehr Durst. Andere berichten von Müdig­keit, fühlen sich benommen, sind gereizt oder können weniger leisten.

Diese Prodromalphase (Vorläuferphase) ist typisch für Migräne. Sie geht früher oder später in die Kopfschmerz­phase über. Aufgrund dieser Besonderheit galten Lebensmittel lange Jahre als Auslöser dieser Kopfschmerzform. Heute wissen Forscher, dass der Heißhunger auf Schokolade nicht Auslöser, sondern Vorbote einer Attacke ist.

In freudiger Erwartung

Schwangere berichten ebenfalls von kaum stillbarem Appetit. Erstaun­licherweise handelt es sich oft um Lebens­mittel, die vorher gar nicht auf dem Speiseplan standen. Das kann Fleisch oder Fisch sein. Entgegen üb­lichen Vermutungen ist es Wissenschaftlern bisher nicht gelungen, Zusammen­hänge zu Hormonen herzustellen. Sie vermuten aktuell, dass der Körper versucht, einen Nähr­stoff­mangel auszugleichen. Hier ist weitere Forsch­ung erforderlich, um die Me­chanismen zu identifizieren. Therapien sind aber nicht notwendig.

Seelenhunger

Anders sieht die Sache bei Essstör­ungen aus. Patienten, die am so­genannten Binge Eating leiden, empfinden Heißhunger, verlieren die Kon­trolle über das eigene Essverhalten und »fressen« große Mengen an Nahrungsmitteln auf einmal. Betroffene konsumieren meist fettreiche, hochkalorische Kost. Zur Behandlung setzen Ärzte auf Antidepressiva wie Serotonin-­Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Verhaltenstherapien und neuerdings auch angeleitete Selbsthilfe per Internet ergänzen die Behandlung. Wissen­schaftliche Studien zeigen außerdem, dass Lisdexamfetamin die Neigung zu Essattacken verringert. Der Wirkstoff ist in Deutschland bislang bei der Aufmerk­samkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zugelassen, falls Methylphenidat nicht wirkt.

Auch bei der Ess-Brechsucht (Bulimie) treten Heißhungerattacken auf. Im Unterschied zum Binge Eating lösen Patienten nach dem Konsum großer Mengen selbst Erbrechen aus oder verwenden Laxantien. Als Auslöser für Essanfälle gelten Stress, Unzufriedenheit mit der eigenen Person oder starke Gefühle von Verlassenheit. Dann folgen Scham oder die Angst vor einer weiteren Gewichtsabnahme, was im herbeigeführten Erbrechen mündet. Durch den Verlust an Kalorien verstärkt sich auch der Heißhunger. Mittelfristig gerät der Elektrolythaushalt durcheinander, die Zähne werden durch den Mageninhalt beim Erbrechen auf Dauer zerstört, und es entwickeln sich gastrointestinale Erkrankungen. Ärzte setzen zur Behandlung auf Psychotherapien und auf Antidepressiva.

Bei der Arzneimitteltherapie lohnt es sich, genauer hinzusehen. Manche Psychopharmaka beeinflussen das Sättigungs- und das Hungerzentrum im Gehirn. So führen Antidepressiva oder Neuroleptika zu stärkerem Hunger.

Nicht immer ist Heißhunger un­erwünscht oder gar behandlungsbedürftig. Viele Erkrankungen, allen voran Krebs, führen zur Kachexie. Diese Abmagerung lässt sich unter anderem symptomatisch mit Medizinalhanf therapieren. Forscher wissen schon länger, dass »Kiffer« Heißhunger haben. Sie fanden heraus, dass nicht nur Canna­binoid 1-Rezeptoren, die unseren Appetit stimulieren, dafür verantwortlich sind. Zusätzlich werden Nervenzellen, die normalerweise ein Sättigungsgefühl erzeugen, inaktiviert. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 23/2017

 

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