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BERATUNGSPRAXIS

Selbstmedikation

Keine Last mit der Verdauung


Von Ulrike Viegener / Magen-Darm-Probleme haben ganzjährig Konjunktur. Vor Weihnachten scheinen jedoch stets noch mehr Patienten als sonst nach Mitteln gegen Völlegefühl, Blähungen und Krämpfe zu fragen. Symptome, gegen die unter anderem auch einige Weihnachtsgewürz-Klassiker wirken.

 

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Die Advents- und Weihnachtszeit fordert die Verdauungsorgane heraus: Üppige Mahlzeiten und jede Menge Süßigkeiten liegen schwer im Magen, und auch für die Darmpassage braucht schwer verdaulicher Speisebrei viel Zeit. Völlegefühl, Verstopfung, Blähungen und krampfartige Schmerzen sind die Folge. Hinzu kommt, dass die besinn­liche Adventszeit bei vielen Menschen in Stress ausartet, der bekanntlich ebenfalls auf den Magen schlagen kann.




Foto: iStock/svetikd



Da passt es gut, dass einige typisch weihnachtliche Gewürze der Verdauung auf die Sprünge helfen. Anis zum Beispiel wurde 2014 besonders wegen seiner verdauungsfördernden, spasmolytischen und karminativen Wirkung zur Heilpflanze des Jahres gekürt. Verantwortlich für diese Effekte ist in erster Linie trans-Anethol, das in den ätherischen Ölen sowohl von echtem Anis (Pimpinella anisum) als auch von Sternanis (Illicium verum) in hoher Konzentration enthalten ist. Als Gewürz und als Arznei­droge werden von beiden Pflanzen die Früchte beziehungsweise die darin enthaltenen ätherischen Öle verwendet. Im Unterschied zum Chinesischen Stern­anisbaum ist echter Anis ein einjähriges Kraut, das schon in der Antike im östlichen Mittelmeerraum wegen seiner wohlschmeckenden und wohltuenden Inhaltsstoffe bekannt war.




Foto: Shutterstock/nortongoFoto: Shutterstock/nortongo


Bei dyspeptischen Beschwerden und Blähungen helfen Arzneitees, die Anis allein oder in Kombination mit ande­ren Gewürzen enthalten. Bewährt hat sich etwa die Kombination aus Anis, Fenchel und Kümmel. Bei bekannter Allergie auf Doldenblütler dürfen diese drei Gewürze allerdings nicht ange­wendet werden. Auch Fertig­arzneimittel, die Anis oder Stern­anis enthalten (zum Beispiel Carmol® Tropfen, Salus® Leber-Galle-Kräutertropfen), werden bei Verdauungsbeschwerden angeboten. Für die entblähende Wirkung von Anis, Fenchel, Kümmel und anderen Karminativa dürften neben dem spasmo­lytischen Effekt auch antimikrobielle Eigenschaften der Inhaltsstoffe verantwortlich sein, unter deren Einfluss sich die Menge an von der Darmflora produzierten Gärungsgasen reduziert.

Gewürznelken fördern die Verdauung ebenfalls. Der intensive Duft der getrockneten Blütenknospen des Gewürznelkenbaums (Syzygium aromaticum) zählt zu den typischen Düften der Weihnachtszeit. Dass gehaltvolle Fleischsaucen und Marinaden tradi­tionell mit Nelken gewürzt werden, dafür dürfte nicht nur deren Aroma, sondern auch das Wissen um die verdauungsfördernde Wirkung maßgeblich sein. Die Qualität von Gewürznelken anhand ihres Gehalts an ätherischem Öl lässt sich leicht in einem Wasserbad testen: Hochwertige Nelken gehen unter oder schwimmen mit dem Stil nach unten, minderwertige Nelken dagegen treiben waagerecht auf der Wasseroberfläche.




Fenchel fördert die Magen-Darm-Motilität und wirkt spasmolytisch.

Foto: Shutterstock/Nattika


Eugenol, der Hauptwirkstoff des Nelkenöls, ist auch in Piment enthalten, das bei Magen-Darm-Problemen ebenfalls wirksam ist. Ein weiteres typisches Weihnachts­gewürz mit verdauungsfördernder Wirkung ist Kardamom (Elettaria carda­momum). Die dreieckigen Samenkapseln der Kardamompflanze, einem ursprünglich aus Vorderindien stammenden Ingwergewächs, gelten als besonders kostbares Gewürz. Über 100 Inhaltsstoffe wurden im ätherischen Öl der Kardamomsamen nachgewiesen, wobei vor allem Monoterpene für die stimulierende Wirkung auf Magen- und Gallensäuresekretion verantwortlich sein dürften. In der indischen und arabischen Kultur ist es Tradi­tion, nach dem Essen einige Kardamomsamen zu zerkauen, um die Verdauung anzuregen.

Kardamom und Ingwer

Auch Ingwer (Zingiber officinale) regt die Verdauung an. Von der schilfartigen Ingwerpflanze werden aber nicht die Samen, sondern das horizontal am Boden kriechende, verzweigte Rhizom verwendet. Als Weihnachts­gewürz findet Ingwer vor allem in Leb­kuchen und Printen Verwendung. Die im Ingwerrhizom enthaltenen Scharfstoffe – Gingerole und Shoagole – stimulieren die Wärmerezeptoren der Mundschleimhaut, was reflektorisch den Speichelfluss verstärkt und die Magen­saftproduktion steigert. Auch Gallenfluss und Darmmotilität nehmen unter dem Einfluss von Ingwer zu.




Foto: Shutterstock/Christian Jung


Diese experimentellen Befunde machen die Wirkung von standardisierten Ingwerextrakten bei dyspeptischen Beschwer­den und Blähungen plausibel. Der antiemetische Ingwereffekt, der von karibischen Fischern schon seit Jahrhunderten zur Prophylaxe der Seekrank­heit genutzt wird, scheint dage­gen auf einem Serotonin-Anta­gonismus zu be­ruhen. Aufgrund der guten Evidenz hat die Kommission E Zingibe­ris rhizoma positiv bewertet und empfiehlt die Droge sowohl, um dyspeptische Beschwerden zu behandeln als auch, um Reisekrankheit zu verhüten. Ingwer steht für diese Indi­kationen in verschiedenen Dar­reichungsformen (zum Beispiel Zintona® Kapseln, Ingwer Pure Tropfen) zur Verfügung.

Mehrgleisig fahren

Auch über die weihnachtstypischen Gewürzpflanzen hinaus sind gegen Magen-Darm-Beschwerden einige Kräu­ter gewachsen. Oft werden in Fertig­arznei­mitteln unter­schied­liche Pflanzen mit vermuteter, beziehungsweise nachgewiesener syn­er­gistischer Wirkung kombiniert.

Iberogast® zum Beispiel ist ein standardisierter Extrakt aus neun verschiedenen Kräutern: Angelika­wurzel, Kamillenblüten, Kümmelfrüchten, Marien­distel­früchten, Melissenblättern, Pfeffer­­minz­blättern, bitterer Schleifenblume, Schöllkraut und Süßholzwurzel. Das Kombinationspräparat entfaltet prokinetische, tonisierende und spas­­mo­lytische Effekte und hat seine Wirksamkeit in klini­schen Studien bei funk­tionellen gastrointestinalen Störungen unter Beweis gestellt.

Bei Magen-Darm-Problemen kommen verschiedene Pathomechanismen wie Motilitätsstörungen und Veränderungen der Darmflora zum Tragen, deren Bedeutung im Einzelfall gerade bei akuten Erkrankungen schwer ein­zu­schätzen ist. Häufig handelt es sich um eine multifaktorielle Genese. Vor diesem Hintergrund erscheint das pragmatische Konzept, unterschied­liche Wirkansätze mit­einander zu kombinieren, gerade für die Selbst­medi­ka­tion akuter Beschwerden sinnvoll. Kritische Stimmen wenden ein, dass viele Einzelkomponenten in einem Kombi­nations­prä­parat zu Lasten der Überschaubarkeit von Wirkungen und Neben­wirkungen gehen.

Bei Bitterstoffen uneins

Die verdauungsfördernde Wirkung pflanzlicher Bitterstoffe, die in dieser Indikation eine lange Tradition be­sitzen, ist umstritten, legt man mo­derne Studiendesigns zugrunde. Es handelt sich um eine chemisch sehr hetero­gene Gruppe von Wirkstoffen, die Magen und Galle anregen sollen, vermehrt Verdauungssäfte auszuschütten. Vor allem bei dyspeptischen Beschwerden infolge fettreicher Mahlzeiten sollen sie helfen, wobei auch die Verringerung von Gär- und Fäulnis­prozessen im Darm eine Rolle spielt. Der bitterste aller natürlichen Bitterstoffe ist das in der Enzianwurzel enthaltende Amarogentin, aber auch bitter schmeckende Zweifach­zucker sind für den Einsatz des Enzians bei dyspeptischen Beschwerden relevant. Vor allem der getrocknete Wurzelstock des Gelben Enzians (Gentiana lutea) dient der Herstellung von Arzneitees und Fertigpräparaten, wie zum Beispiel Wala® Enzian Magentonikum.




Foto: Shutterstock/Edward Westmacott


Zweifel an der Wirksamkeit von Bitter­stoffen stehen Ergebnisse einer kürzlich veröffentlichten Studie zur Wirkung von Koffein gegenüber. Dieser Bitterstoff stimuliert TAS2R-Rezptoren, die sowohl in Mund und Rachen als auch im Magen zu finden sind. Tatsächlich regte Koffein in der Studie mit aller­dings kleiner Probandenzahl die Magensäureproduktion an. Dies war jedoch nur der Fall, wenn ausschließlich die Rezeptoren im Magen aktiviert wurden. Die Stimulation von TAS2R im Mund verzögerte hingegen die Ausschüttung der Magensäure. Diese Entdeck­ung, so die Wissenschaftler der Uni Wien, könnte möglicherweise Ausgangspunkt für die Entwicklung neuer Wirkstoffe zur Regulation der Magensäuresekretion sein.

Die Blätter der Artischocke sind ebenfalls reich an Bitterstoffen, und es wird eine Vielzahl von Mitteln auf Artischockenbasis zur Behandlung von Verdauungsstörungen angeboten. Deren Wirkung jedoch wird durch eine Ökotest-Prüfung aus dem Jahr 2016 stark in Frage gestellt. Die 30 getesteten Prä­parate – apothekenpflichtige ebenso wie freiverkäufliche Präparate – wurden durchweg als mangelhaft bis ungenügend bewertet. Damit bestätigt Ökotest eine studiengestützte Beur­teilung der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA aus dem Jahr 2011, die ­einen Mangel an belastbaren positiven Daten konstatiert. Auf jeden Fall muss vor Abgabe eines Artischockenprä­parates erfragt werden, ob eine Allergie gegen Korbblütler und damit eine Kontra­indikation besteht.




Foto: iStock/razahaza


Stoßen pflanzliche Mittel an ihre Grenzen, stehen – abhängig von der Symptomatik – weitere Optionen zur Verfügung: Bei stärkeren Blähungen und Begleitbeschwerden haben sich Entschäumungsmittel bewährt. Simeticon, zum Beispiel Lefax®, eine Kombi­nation aus flüssigem Polydimethylsiloxan (PDMS) und festen Silizium­dioxidpartikeln, wirkt sehr schnell. In einer Studie besserten sich die Beschwerden bei fast 70 Prozent der Teilneh­mer innerhalb der ersten 30 Minuten deutlich. Blähungen entstehen, weil Gas in zähflüssigem Schaum (Flüssig­keits­lamellen) »gefangen« gehalten wird. Laut neueren Unter­suchungen dringen die Siliziumdioxidpartikel in die Schaumlamellen ein und dünnen sie aus. Die Blasen platzen, und die Gase können entweichen. Versuchsreihen am Max-Plack-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam haben nachgewiesen, dass Sime­ticon sowohl eine schaumzer­störende als auch eine schaumve­r­hütende Wirkung besitzt. Entschäumungsmittel werden nicht resorbiert, sind deshalb sehr gut verträglich und für die Selbstmedi­kation bestens ge­eignet – auch für Säuglinge und Schwangere.

Müde Bauchspeicheldrüse

Prokinetika kommen bei gestörter Magen-Darm-Funktion, bei Magenentleerungsstörungen sowie bei Übelkeit und Erbrechen zum Einsatz. Diese Wirkstoffe kurbeln die Vor­wärtsperis­taltik an und bringen die Magen-Darm-Passage des Nahrungsbreis in Schwung. Klassiker unter den Prokine­tika sind Domperidon und Meto­clopramid, die in erster Linie als Dopamin-Antagonisten wirken und so den Para­sympathikus akti­vieren. Im Unterschied zu Metoclopramid, das vor allem bei Säuglingen und Klein­kindern extrapyramidale Neben­wirkungen wie Krämpfe hervorrufen kann, passiert Domperidon die Blut-Hirn-Schranke nicht.

Ein möglicher Grund dyspeptischer Beschwerden nach üppigen, fettreichen Mahlzeiten ist eine kurzfristige Überforderung von Pankreasenzymen, die mit der Aufspaltung der Nahrungs­bestandteile nicht mehr nachkommen. Dies ist jedoch kein Grund für den Einsatz von Pankreasenzymen. Eine Enzym­substitution ist nur bei nach­gewiesener Bauchspeicheldrüsenschwäche (exokriner Pankreasinsuffi­zienz) indiziert.

Deren unspezifische Symptome können leicht mit banalen dyspeptischen Beschwerden ver­wech­selt werden. Fettige Stühle (Steatorrhö) und Gewichtsverlust können auf eine Pankreasschwäche hindeuten. Nach diesen Zeichen sollten Apotheker und PTA im Beratungs­gespräch fragen. Ergeben sich Hin­weise auf eine exo­krine Pankreas­insuffizienz, sollten die Betroffenen einen­ Arzt aufsuchen, damit­ dieser die Verdachts­diagnose überprüfen kann.

Pankreatinpräparate mit den wichtigsten Verdauungsenzymen müssen verschiedene Anforderungen erfüllen: Die Enzyme müssen säuregeschützt sein, sich gut mit dem Speisebrei (Chymus)­ im Magen mischen und zeitgleich mit ihm ins Duodenum ge­langen. Obwohl kontrollierte Vergleichsstudien an größ­eren Patientenkollektiven fehlen, wird Pankreatin­präparaten mit ummantelten Mikro­pellets beziehungsweise Mini­tabletten, deren Durchmesser zwei Millimeter nicht über­schreitet, der Vorzug gegeben. Die Einnahme erfolgt zu den Mahlzeiten in bedarfs­adaptierter Dosis. In der Regel beginnt der Patient mit ein- bis zweimal 20 000 bis 40 000 Lipase-Ein­hei­ten pro Mahlzeit.

Kein galenischer Säureschutz ist bei Verwendung von Rizoenzymen (Nortase­®) erforderlich. Dabei handelt es sich um Ver­dau­ungs­enzyme aus Reispilzkulturen (Rhizopus oryzae, Aspergillus oryzae), die in einem pH-Bereich­ von drei bis neun stabil und funktionstüchtig sind. Spricht die Standard­behandlung aufgrund eingeschränkter Bi­car­bo­nat­sekretion nicht an, stellen Rizoenzyme eine alternative Therapieoption dar.

Gravierende Erkrankungen zu übersehen, die einer adäquaten Therapie bedür­fen, ist grundsätzlich ein Ri­siko der Selbstmedikation, das durch gezielte Fragen im Be­ratungsgespräch minimiert werden muss. Abgesehen von alarmierenden Symptomen wie un­gewolltem Gewichtsverlust sind lange Dauer und wiederholte Verdauungs­beschwerden Signale, die unbedingt vom Arzt geklärt werden müssen. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 23/2017

 

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