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ARZNEIMITTELTHERAPIE

Karies

Immer seltener bohren


Von Carina Steyer / Gute Nachrichten für alle, die bereits beim Gedanken an den Zahnarztbohrer schweißnasse Hände bekommen. Karies im Anfangsstadium muss nicht immer mit dem Bohrer entfernt werden. Eine Alternative bieten sanfte Methoden, die zunehmend Einzug in den Praxisalltag erhalten.

 

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Karies zählt weltweit zu den häufigsten chronischen Erkrankungen. Laut der fünften Deutschen Mundgesundheitsstudie, die vom Institut der Deutschen Zahnärzte im Auftrag der Bundeszahnärztekammer und der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung durchgeführt wurde, haben Erwachsene im Durchschnitt neun Zähne, die aufgrund von Karies behandelt wurden.




Keine Panik: Bei früh erkanntem Karies muss der Zahnarzt nicht immer unbedingt bohren.

Foto: Shutterstock/pathdoc


Meist handelt es sich dabei um die klassische Füllungstherapie, bei der die kariöse Stelle mit dem Bohrer ausgeräumt und anschließend gefüllt wird. Doch viele Füllungen müssen nach einigen Jahren gegen größere ausgetauscht werden. Der Zahn gerät damit in eine Behandlungsspirale, an deren Ende ihn der Zahnarzt nicht selten überkronen oder vollständig entfernen muss. Um dem vorzubeugen, legen Zahnmediziner den Fokus zunehmend auf schonende Maßnahmen, die das Bohren zeitlich hinauszögern oder ganz vermeiden.

Zu den wichtigsten nicht-invasiven Maßnahmen gehört heute der gezielte Einsatz von Fluoriden. Dass sie wirken, ist wissenschaftlich belegt und seit langem erprobt. Der Zahnarzt trägt sie hochdosiert auf die kariöse Stelle auf, wo sie mit der Zahnoberfläche reagieren und die Zahnsubstanz remineralisieren. Leider ist die Wirkung der Fluoride begrenzt. Sie eignen sich deshalb ausschließlich für Karies im Anfangsstadium, eine fortgeschrittene Erkrankung lässt sich so nicht mehr behandeln. Trotz des guten Erfolgs übernehmen Krankenkassen Fluoridierungsmaßnahmen nur für Kinder und Jugendliche. Bei Erwachsenen berechnet der Zahnarzt den Preis anhand der zu behandelnden Fläche.

Ebenfalls nicht-invasiv arbeitet das sogenannte Karies-Management-System. Das Programm funktioniert denkbar einfach: Patienten mit beginnender Karies erhalten eine individuelle Schulung zur Mundhygiene sowie zu notwendigen Umstellungen ihrer Ernährung. Auf häufige Zwischenmahlzeiten, süße Snacks und Getränke sollen die Betroffenen verzichten. Ergänzend wird ein hochkonzentrierter Fluorid-Lack auf die kariöse Stelle aufgetragen, und der Zahnarzt kontrolliert den betroffenen Zahn in regelmäßigen Abständen. Ursprünglich entwickelte Professor Wendell Evans von der Universität Sydney das Karies-Management-System für Risikopatienten. Inzwischen wurde es jedoch schon über mehrere Jahre hinweg in 19 australischen Zahnarztpraxen mit gutem Erfolg erprobt. Laut den Wissenschaftlern benötigten die Patienten im Karies-Management-System nach sieben Jahren 30 bis 50 Prozent weniger Füllungen als die Probanden der Kontrollgruppe.

Kunststoff zum Schutz

Wissenschaftler der Charité Berlin und der Universität Kiel haben mit der sogenannten Kariesinfiltration eine Methode entwickelt, die zu den sogenannten mikroinvasiven Maßnahmen der Zahnmedizin gehört. Bei der Karies­entstehung gehen die mineralischen Anteile der Schmelzstruktur verloren. Dadurch entstehen Poren im Zahn, die mit fortschreitender Erkrankung immer größer werden, bis sie zusammenbrechen und ein Loch entstanden ist. Auf dieser Grundlage basiert das Verfahren. Der Arzt trägt zunächst die mineralisierte Oberflächenschicht des Zahns mit einem Salzsäuregel ab. Anschließend leitet er einen Kunststoff in die Poren, der diese verschließt und verhindert, dass Säuren und Kohlenhydrate weiter an die kariöse Stelle gelangen. Erste Studienergebnisse sind recht vielversprechend. So wurde in einer Studie mit jungen Erwachsenen die Entwicklung von Karies im Seitenzahnbereich mit und ohne Kariesinfiltration verglichen. Nach 18 Monaten war die Karies bei 37 Prozent der Kontrollflächen, aber nur bei 7 Prozent der infiltrierten Flächen fortgeschritten. Nach fünf Jahren waren es 46 Prozent der Kontroll­flächen und 5 Prozent der infiltrierten.




Karies schreitet langsam voran und wird deshalb oft schon im Anfangsstadium entdeckt.

Foto: Shutterstock/ittipon


Die Methode eignet sich für Karies im Anfangsstadium und an schwer zugänglichen Stellen, zum Beispiel an der Seitenfläche eines Zahns zum Nachbarzahn hin. Ist die Karies weit fortgeschritten, die kariöse Stelle sehr groß oder wurde der Zahn bereits früher mit einer Füllungstherapie behandelt, kann die Kariesinfiltration nicht mehr angewendet werden. Denn obwohl der Kunststoff nach dem Einleiten mit UV-Licht ausgehärtet wird, bleibt die behandelte Stelle weicher als die übliche Zahnsubstanz. Die Wissenschaftler arbeiten jedoch bereits daran, einen festeren Kunststoff zu entwickeln.

Noch ist die Methode nicht flächendeckend verbreitet, findet aber in einigen zahnärztlichen Praxen schon Anwendung. Krankenkassen übernehmen die Kosten bislang noch nicht. Patienten müssen mit 60 bis 120 Euro pro Fläche rechnen.

Bakterien aushungern

In anderen Ländern, besonders im skandinavischen Bereich, geht der Trend beim Bohren dahin, nur den oberflächlichen Teil der Karies zu entfernen. Den Rest desinfiziert der Zahnarzt und verschließt ihn mit einer Füllung. Das entzieht den Kariesbakterien die Nahrungsgrundlage, sie können sich nicht weiter vermehren und sterben schließlich ab. In Deutschland hat sich das Verfahren bisher nicht durchsetzen können. Viele Zahnärzte hadern mit der Methode, denn bisher galt der Grundsatz »extension for prevention« des amerikanischen Zahnmediziners Greene Vardiman Black: Karies wird beim Bohren so weit entfernt, dass nichts mehr übrigbleibt. Gerade bei fortgeschrittener Karies steigt dadurch aber die Gefahr, die Zahnpulpa zu verletzen. In ihr liegen neben Blut- und Lymphgefäßen empfindliche Nerven. Derartig tiefe Füllungen können deshalb weitere Schmerzen nach sich ziehen.




Röntgenbilder des Kiefers zeigen auch an, ob Zahnwurzeln bakteriell infiziert sind.

Foto: Shutterstock/Syda Productions


Ein ähnliches Ziel, also den Zahn möglichst unversehrt zu erhalten, verfolgt auch die sogenannte Hall-Technik. Bei dieser Methode überzieht der Arzt den Zahn mit einer Stahlkrone und entzieht den Bakterien damit die Nahrungsgrundlage. Weil mit Stahl überzogene Zähne jedoch meist die Ästhetik der Patienten stören, kommt das Verfahren hauptsächlich bei kariösen Milchzähnen zum Einsatz.

Experimentelle Ansätze

Am King’s College in London haben Wissenschaftler eine Methode entwickelt, bei der sie niedrig dosierte Gleichspannung an den Zahn anlegen. Dadurch sollen Calcium und Phosphate in den Zahn transportiert werden. Sie tragen dazu bei, dass sich die Zahnsubstanz von selbst regeneriert. Es handelt sich jedoch noch um eine experimentelle Maßnahme, die bisher keine Anwendung in den zahnärztlichen Praxen gefunden hat.

Viele Jahre haben Forscher versucht, eine Impfung gegen Streptococcus mutans zu entwickeln, den vermeintlichen Verursacher von Karies. Heute weiß man jedoch, dass ein ganzer Mix aus Bakterien für die Erkrankung verantwortlich ist. Wissenschaftler suchen deshalb verstärkt nach Ansätzen, mit denen Karies gar nicht erst entstehen kann. So sollen etwa Probiotika oder hochkonzentriertes L-Arginin die schädlichen Bakterien aus der Mundhöhle verdrängen. Amerikanische Wissenschaftler entwickeln derzeit ein Präparat mit dem antibakteriellen Wirkstoff Farnesol. Er soll an Plaque hängenbleiben und Kariesbakterien gezielt bekämpfen.

Alternativ oder konservativ

Karies ist keine schnell fortschreitende Erkrankung. Laut Professor Wendell Evans dauere es im Durchschnitt vier bis acht Jahre, bis die Karies das Dentin erreicht hat und somit nur noch durch Bohren gestoppt werden kann. In den meisten Fällen erkennt der Zahnarzt Karies im Anfangsstadium, und es bleibt genügend Zeit, um das Fortschreiten der Erkrankung mit alternativen Maßnahmen zu stoppen. Wichtig ist jedoch, dass Zahnarzt und Patient die Krankheit ernst nehmen und im Auge behalten. Regelmäßige zahnärztliche Kontrollen inklusive der Anfertigung von Röntgenbildern sind notwendig, um Veränderungen schnell zu erkennen und rechtzeitig eingreifen zu können. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 23/2017

 

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