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PANORAMA

Geschichte des Gesundheitsamts

Spiegel der Gesellschaft


Von Angela Kalisch / Das Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt am Main feiert in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag. Zu diesem Anlass informiert eine Ausstellung im Institut für Stadtgeschichte über das städtische Gesundheitswesen im Wandel der Zeit – mit einem besonderen Schwerpunkt auf dessen Rolle im Nationalsozialismus.

 

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Mitten in der Frankfurter Innenstadt, nur wenige Meter entfernt von der hektischen Betriebsamkeit der Einkaufsmeilen und mit Blick auf Bankentürme und Goethe-Denkmal steht seit Ende August ein grauer Bus aus Beton. Eine eigene Haltestelle gibt Auskunft über seine Bedeutung: Es handelt sich um ein mobiles Denkmal, das hier Station macht, um das Thema »Euthanasie im Nationalsozialismus« direkt in das Zentrum der Mainmetropole und den Alltag ihrer Bewohner und Besucher zu bringen. Mit grau gestrichenen Postbussen waren in den Jahren 1940/1941 im Rahmen der Aktion T4 (siehe Kasten) Tausende Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen und psychischen Erkrankungen in Tötungs­anstalten wie Hadamar bei Limburg transportiert worden.




Die Urnen von 315 Euthanasie-Opfern aus Frankfurt und Umgebung ruhen in der Gräberanlage für Opfer des Nationalsozialismus auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.

Foto: PZ/Kalisch


Das Denkmal der grauen Busse ist Teil einer Veranstaltungsreihe der Stadt Frankfurt anlässlich des hundertsten Geburtstags des Gesundheitsamts. 1917 war das Amt eher zufällig und nebenbei gegründet worden. Der schlechte Gesundheitszustand der Zivilbevölkerung während des Ersten Weltkriegs, vor allem durch Unterernährung, hatte es erforderlich gemacht, dem bis dahin einzigen städtisch tätigen Arzt weitere Mitarbeiter zur Seite zu stellen.

Ballastexistenzen

Nach dem Ersten Weltkrieg verfolgte das neu gegründete Gesundheitsamt das Ziel, das kommunale Gesundheitswesen zentral zu organisieren und vor allem Kinder und Jugendliche bestmöglich zu versorgen. »Gesundheit für alle« galt als Maßstab des liberalen Geistes der Weimarer Republik. Parallel dazu entstanden in dieser Zeit jedoch auch schon zahlreiche Schriften, die sich der Frage widmeten, ob eine Gesellschaft es sich leisten könne, auch diejenigen am medizinischen Fortschritt teilhaben zu lassen, die selbst keinen Beitrag für die Allgemeinheit erbringen. Auf diese Zusammenhänge wies Professor Dr. Gerrit Hohendorf in einem Vortrag im Oktober im Institut für Stadtgeschichte hin. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie nannte als eine der wichtigsten Veröffentlichungen zu diesem Themenkomplex unter anderem die Abhandlung »Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens« aus dem Jahr 1920. Der Jurist Karl Binding und der Psychiater Alfred Hoche diskutieren darin die Möglichkeit, die straffreie Tötung auf Menschen auszuweiten, deren Existenz als Last bewertet werden müsse und denen kein eigener Lebenswille zugestanden werden könne. Zu dieser als »Ballastexistenzen« bezeichneten Gruppe zählten sie neben unrettbar Schwerkranken und Bewusstlosen auch Menschen mit unheilbarer geistiger Behinderung. Die Schrift von Binding und Hoche gilt als Wegbereiter für den organisierten Massenmord an Kranken, der Jahre später unter der euphemistischen Bezeichnung »Euthanasie« (griechisch: »guter Tod«) stattfinden sollte.

Kaum an der Macht, begannen die Nationalsozialisten mit der sogenannten Gleichschaltung der Ämter. Unliebsame Mitarbeiter, zuerst jüdische und sozialdemokratische, wurden ersetzt, so auch in den Gesundheitsämtern. Das Recht des Einzelnen auf indivi­duelle Gesundheit wich der Propaganda eines gesunden Volkskörpers unter sozialdarwinistischen und rassehygienischen Gesichtspunkten. Die Gesundheitsämter wurden strategisch dazu genutzt, Bevölkerungsdaten in einer Erbkartei zu sammeln, und bald schon überzog ein Netz an Informationen das gesamte Land. Die Einträge der Erbkartei wurden nicht nur für die Genehmigung von Eheschließungen und Familiengründungen herangezogen, sondern auch für die Durchführung von Zwangssterilisationen, über die bereits im Juli 1933 ein Gesetz verabschiedet wurde. Familien, die dem Ideal der Machthaber entsprachen, erfuhren hingegen eine ideologische Aufwertung und auch materielle Unterstützung, etwa durch die Einrichtung von Säuglingsstationen.

Verantwortung der Wissenschaft

In den Nachkriegsprozessen bis in die 1960er-Jahre hinein gewann die Abhandlung von Binding und Hoche noch einmal neu an Bedeutung, indem sie zur Verteidigung der Ärzte und Pflegekräfte herangezogen wurde, die für die Tötungen in den Heil- und Pflegeanstalten verantwortlich gewesen waren. Demnach hatten diese sich nicht als Täter im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie schuldig gemacht, sondern beriefen sich auf einen schon vorher bestehenden gesellschaftlichen Konsens. Mit der Begründung, aus Mitleid gehandelt zu haben oder im Rahmen einer Kosten-Nutzen-Rechnung, die in Bezug auf »unwertes Leben« allgemein akzeptiert gewesen sei, wurden viele Mordanklagen lediglich als Totschlagdelikte geahndet oder führten sogar zum Freispruch. Auch im Frankfurter Gesundheitsamt konnten Wissenschaftler, die aktiv an den Verbrechen während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft beteiligt waren, ihre Karriere fortsetzen.

In den 1980er-Jahren wurde zudem bekannt, dass im Max-Planck-Institut noch immer Hirnpräparate zu Forschungszwecken genutzt wurden, die von Euthanasie-Opfern stammten. Der Wert des Studienmaterials wog in den Augen der Wissenschaftler offenbar schwerer als mögliche ethische Bedenken gegen ihre Verwendung. Erst auf Druck von kritischen Historikern, die einen würdigen Umgang mit den Organen der NS-Opfer forderten, kam es zu einer Bestattung der Präparate. Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof, am Rande eines Gräberfelds, auf dem mehr als 300 Urnen von NS-Euthanasie-Opfern aus Frankfurt und Umgebung beigesetzt sind, mahnt eine Tafel an die Verantwortung der Wissenschaft.

Gesundheitsamt heute

Als eines der größten Gesundheits­ämter in Deutschland ist die Frankfurter Einrichtung heute ein moderner Dienstleister in einer weltoffenen, internationalen Stadt mit ihren sich ständig wandelnden Herausforderungen. Im Kampf gegen wechselnde Krankheiten von Syphilis über Tuberkulose bis hin zu Aids spiegeln sich die gesellschaftlichen Veränderungen im Laufe der Zeit wider. Als weiterer Schwerpunkt muss die innovative und fortschrittliche Drogenpolitik der Stadt hervorgehoben werden. Diese und andere Meilensteine der Arbeit des Gesundheitsamtes zeigt die interessante Ausstellung, die noch bis April 2018 zu sehen ist.

Trotz zahlreicher spannender Themen der Gegenwart haben sich die Initiatoren entschieden, die Zeit des Nationalsozialismus in den Mittelpunkt der Veranstaltungen zu rücken, da eine inten­sive wissenschaftliche Aufarbeitung noch immer aussteht. Dass sich ausgerechnet in Heilberufen tätige Menschen schuldig gemacht haben gegenüber den Schwächsten der Gesellschaft, dürfe nicht in Vergessenheit geraten.

Bis Ende Mai 2018 steht das Denkmal der grauen Busse noch in Frankfurt. Wenn es die Stadt dann wieder verlässt, hat es hoffentlich Spuren im Bewusstsein der Menschen hinterlassen, die auch in den Alltag wirken. /


»Wohin bringt ihr uns?« – Die Aktion T4

In grau gestrichenen ehemaligen Postbussen wurden von Ende 1939 bis August 1941 etwa 70 000 psychisch kranke und geistig behinderte Patienten, die zuvor bereits in Heil- und Pflegeanstalten eingewiesen waren, in sechs über das Reichsgebiet verteilte Tötungsanstalten befördert. Dort wurden sie nach ihrer Ankunft in Gaskammern ermordet und in Krematorien verbrannt, nachdem einigen von ihnen zu Forschungszwecken das Gehirn entnommen worden war.

Die Mordaktion wurde von einer zen­tralen Dienststelle in Berlin mit Sitz in der Tiergartenstraße 4 organisiert, weshalb die »Euthanasie«-Verbrechen auch unter dem Namen »Aktion T4« bekannt sind. Eigens zu diesem Zweck eingerichtete Behörden stellten Dokumente mit falschen Todesursachen und Sterbedaten aus, um den organisierten Massenmord zu verschleiern.

Kritik vonseiten der katholischen Kirche und der Beginn des Russlandkrieges bewogen die Verantwortlichen im August 1941, die zentral gelenkte »Aktion T4« zu beenden. Dezentral fanden bis zum Kriegsende jedoch fortgesetzt weitere NS-Euthanasie-Verbrechen statt. Durch gezielte Unterernährung und Vernachlässigung, über- oder unterdosierte Medikamente und Vergiftungen wurden bis 1945 in den Heilanstalten weiterhin Patienten getötet. Insgesamt kann von etwa 300 000 Euthanasie-Opfern ausgegangen werden. Hinzu kommen rund 400 000 Zwangssterilisierte.

Das mobile »Denkmal der grauen Busse« erinnert an die Todestransporte der »Aktion T4«. Die eingemeißelte Inschrift »Wohin bringt ihr uns?« überliefert die bange Frage eines Patienten.

www.dasdenkmaldergrauenbusse.de

www.die-grauen-busse-frankfurt.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 23/2017

 

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