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BERATUNGSPRAXIS

Arzneimitteltherapie bei Senioren

Da kommt ja gar nichts raus!


Von Caroline Wendt / Die korrekte Anwendung von Arzneimitteln ist nicht immer einfach. Insbesondere für ältere Patienten mit eingeschränkten körperlichen und kognitiven Fähigkeiten stellen einfache Handgriffe oft eine Herausforderung dar.

 

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Verwundert bemerkt die PTA, dass eine Kundin kurze Zeit nach ihrem Besuch erneut die Apotheke betritt. »Haben Sie noch etwas vergessen, oder stimmt etwas mit Ihren Medikamenten nicht?«, erkundigt sie sich. Umständlich kramt die ältere Dame in ihrer Handtasche und holt mit steifen Fingern die vorhin erhaltenen Augentropfen heraus. Mit dem Fläschchen könne etwas nicht stimmen, beschwert sie sich. »Da kommen überhaupt keine Tropfen raus.«




Zur Anwendung von Augentropfen sind Kraft, Fein­motorik und Ko­ordination nötig.

Foto: Your Photo Today


Die Patientin ist kein Einzelfall, immer wieder berichten vor allem ältere Kunden in der Apotheke über Probleme bei der Anwendung von Arzneimitteln, etwa von Augentropfen, Pulverinhalatoren oder Insulinpens. PTA und Apotheker sollten ihnen die Anwendung erklären und mit einfachen Tipps erleichtern.

Weniger Kraft

Ab dem 60. Lebensjahr sinkt die Muskelkraft pro Jahr durchschnittlich um 3 Prozent, und auch das feinmotorische Ko­ordinationsvermögen kann nachlassen. Dazu können Erkrankungen wie Rheuma­toide Arthritis, Gicht oder Morbus Parkinson die Kraft in den Fingern reduzieren und die Motorik einschränken.

Zur Anwendung von Arzneimitteln sind unterschiedliche Fingergriffarten er­forderlich. Meistens sind entweder der sogenannte Spitzgriff, der Schlüsselgriff oder der Dreifingergriff nötig, um eine Arzneiflasche zu öffnen, Augentropfen zu applizieren oder einen Pulverinhalator zu bedienen (siehe Tabelle auf Seite 30). Der Schlüssel- und der Dreifingergriff sind im Vergleich­ zum Spitzgriff deutlich effek­tiver: Die durchschnittliche Kraft, die ein Erwachsener dabei aufwenden kann, liegt 25 bis 50 Prozent höher.

Fingerspitzengefühl

In Packungsbeilagen ist meistens der Spitzgriff abgebildet. Auch bei den Augentropfen der Kundin im Beispiel empfiehlt der Hersteller, das Fläschchen mit den Spitzen von Daumen und Zeigefinger zusammenzudrücken. Die PTA gibt der Kundin den Tipp, die Flasche mit den Endgliedern statt mit der Spitze von Daumen und Zeigefinger zu greifen, um eine größere Kraft aufbringen zu können. Die Finger, die nicht am Griff beteiligt sind, soll sie ebenfalls beugen. Die Kundin möchte die neue Grifftechnik direkt ausprobieren und tropft ein wenig Flüssigkeit auf ein Taschentusch: Es funktioniert. Da aber die Kraft, die mit den Fingern aufgebracht werden kann, auch abhängig von der Haltung des Arms ist, rät die PTA, direkt in der Apotheke zu testen, ob sie die Tropfen so auch ins Auge applizieren kann.


Tabelle: Verschiedene Griffarten mit zwei oder drei Fingern

Griffart Beschreibung Arzneiformen, bei denen diese Griffart eingesetzt wird 
Spitzgriff Spitze des Daumens und des Zeigefingers werden zusammengedrückt Eindrücken der Drucktasten eines Pulverinhalators zur Perforation der eingelegten Kapsel 
Schlüsselgriff Endglied des Daumens drückt auf Mittel- oder Endglied des abgebogenen Zeigefingers Quetschen eines Nasensprayfläschchens 
Dreifingergriff Endglied des Zeigefingers und Endglied des Mittelfingers werden gleichzeitig auf Endglied des Daumens gedrückt Niederdrücken der Dose eines Dosieraerosols zur Freisetzung eines Sprühstoßes 

Quelle: Abgewandelt nach Kircher W., Arzneiformen richtig anwenden. Deutscher Apotheker Verlag 2016


Sollte die Kraft des Patienten nicht ausreichen, kann eine Applikationshilfe (zum Beispiel Autosqueeze® oder Autodrop®) die Anwendung von Augentropfen erleichtern. Bei Einzel­dosisophthiolen (EDO) kann es helfen, diese in einer Wimpernzange einzuklemmen. Da die Temperatur sowohl Einfluss auf die Viskosität der Flüssigkeit als auch auf die Steifheit der Gefäßwand hat, sollten Augentropfen bei der Anwendung immer Raumtemperatur haben. Auch die Form der Flasche wirkt sich da-rauf aus, wieviel Kraft benötigt wird: Bei hohen Flaschen oder EDOs sind die langen Behältnis-Wände flexibler und somit leichter einzudrücken.

Die Kundin verlässt zufrieden die Apotheke, dank der neuen Grifftechnik hat sie keine Probleme mehr, die Augentropfen anzuwenden. Zudem hat die PTA ein generisches Präparat gefunden, welches sich durch seine länglichere Flaschenform leichter tropfen lässt. Beim nächsten Kontrolltermin möchte die Kundin ihren Arzt bitten, ihr dieses Tropfen zu verordnen, da sie weiß, dass ihre Finger im Winter noch unbeweglicher sein werden.

Oftmals ist aber nicht nur die Kraft entscheidend, ob Augentropfen richtig angewendet werden können. Neben dem Drücken des Fläschchens muss mit der anderen Hand das Lid fixiert und die Flüssigkeit in den unteren Bindehautsack getropft werden. Das sind viele Einzelschritte, die in Summe schwierig sein können. Wenn Feinmotorik und Koordination eine konventionelle Tropfmethode nicht zulassen, können PTA und Apotheker die kanthale Applikation empfehlen. Dabei liegt der Patient flach auf dem Rücken und gibt bei geschlossenem Auge einen Tropfen in den inneren Augenwinkel. Beim Öffnen der Augen verteilt sich die Lösung dann automatisch über das gesamte Auge.

Richtig inhalieren

Auch der richtige Gebrauch von Pulverinhalatoren kann Senioren vor große Herausforderungen stellen. Hier sollten PTA und Apotheker mit dem Kunden die Anwendung in der Apotheke üben – auch bei einem Präparatewechsel, denn die Inhalatoren unterscheiden sich teils erheblich in ihrer Funktion und Handhabung. Bei einigen Inhalatoren müssen die Patienten zunächst eine Wirkstoffkapsel einlegen und diese anschließend durch Drücken zweier Knöpfe perforieren. Diese beiden Schritte erfordern Kraft und Geschick. Bei anderen Pulverinhalatoren muss die zu inhalierende Dosis durch Spannen eines Hebels oder Drehen eines Mechanismus bereitgestellt werden. Auch hier können die Kunden die unterschiedlichen Griffarten erproben.

Schlechte Sicht

Bei Inhalatoren mit separaten Kapsel­blistern kann nach der Inhalation eine visuelle Kontrolle erfolgen. Ist die Kapsel leer oder enthält sie noch Pulverreste? Fehlt hierfür allerdings die Sehschärfe, kann es leicht zu einer Unterdosierung kommen.




Insulin richtig dosieren: Das Drücken des Dosierknopfes kostet Kraft.

Foto: Shutterstock/Image Point Fr


Auch bei Blister- oder Reservoir-Inhalatoren können Patienten mit Sehschwäche Probleme bekommen: Zählwerke geben die Anzahl der noch verbliebenen Anwendungen an. Häufig sind die Zahlen jedoch klein und bei mangelnder Sehschärfe kaum zu erkennen. So kann es leicht passieren, dass Patienten aus Versehen zwei Einzeldosen zur Inhalation bereitstellen und die doppelte Dosis inhalieren. Um dies zu verhindern, sollte in Absprache mit dem behandelnden Arzt ein Inhalator gewählt werden, der eine versehentliche Überdosierung verhindert (zum Beispiel Novolizer®, Genuair® oder Ellipta®).

Akustische Signale

Die Bereitstellung der Inhalationsdosis ist häufig an akustische Signale gekoppelt, beispielsweise das Spannen eines Hebels beim Diskus® oder das Schließen des Handihaler®-Mundstückes nach dem Einlegen der Kapsel. Patienten mit eingeschränktem Hörvermögen können dieses Signal aber oft schlecht wahrnehmen. PTA und Apotheker können dann empfehlen, das Gerät nah an das besser hörende Ohr zu halten. Zusätzlich kann der Patient das erste Gelenk des Daumens während des Bedienens an den Kopf oder an den Knorpel am Eingang des Gehörgangs anlegen. So wird der Schall, den das Einrastgeräusch erzeugt, direkt über den Knochen übertragen, wie Apotheker Dr. Wolfgang Kircher im Buch »Arzneiformen richtig anwenden« erklärt. Auch bei der Anwendung von Kapselinhalatoren kann die Knochenschallleitung genutzt werden: Hört der Kunde zu schlecht, um das Rotieren der Kapsel im Inhalator wahrzunehmen, können PTA und Apotheker empfehlen, während der Inhalation leicht auf das Mundstück zu beißen.

Atemstromstärke

Bei Pulverinhalatoren muss der Patient möglichst kräftig einatmen, um das Pulver zu dispergieren und dann inhalieren zu können. Bei Senioren ist die Atemstromstärke dazu häufig zu gering. Dann bietet die Anwendung eines Dosieraerosols Vorteile, bei dem die enthaltene Lösung oder Suspen­sion beim Auslösen zerstäubt wird. Problematisch bei Dosieraerosolen ist allerdings, dass die Patienten den Auslöser drücken und synchron dazu langsam und tief einatmen müssen. Bei Koordinationsproblemen kann ein Spacer, eine Vorschaltkammer, helfen. Aus diesem können die Patienten in mehreren Atemzügen die Aerosol­wolke einatmen. Auch gibt es Dosier-aerosole, die atemzuginduziert auslösen, es reicht hierfür eine geringe Atemstromstärke aus (zum Beispiel Autohaler® oder Easybreathe®). Auch eine gute Empfehlung: Mit Trainingshilfen, die einen Ton erzeugen (zum Beispiel Trainhaler mit Flo-tone), können Kunden die richtige Einatem­geschwindigkeit üben.

Schwerwiegende Folgen kann die fehlerhafte Anwendung von Insulinpens haben. Schon das Einstellen der richtigen Dosis kann schwierig sein, wenn Senioren die Anzeige nicht richtig erkennen können. Große, übersichtliche Geräte mit einer einfachen Handhabung (zum Beispiel Innolet®) können in solchen Fällen die Arzneimitteltherapiesicherheit erhöhen.

Können die Patienten das Geräusch beim Einrasten der Einheiten nicht richtig hören, kann mithilfe eines einfachen Tricks die subjektiv wahrgenommene Lautstärke verdoppelt werden. Kircher empfiehlt, den Pen durch einen am Boden durchbohrten Plastikbecher zu stecken. Der Becher dient als zusätzlicher Resonanzkörper.

Zu wenig Insulin

Für die Injektion des Insulins benötigt der Patient Kraft in den Händen. Drückt er den Dosierknopf mit zu geringer Kraft, wird das Insulin nur verzögert freigesetzt. Bleibt die Kanüle dann nicht lange genug in der Haut, kann es zu einer unbemerkten Unterdosierung kommen. In Abstimmung mit dem Arzt können PTA und Apotheker leichtgängigere Einmalpens oder halb- beziehungsweise vollautomatische Pens empfehlen. Manchmal kann es auch schon ausreichen, eine Kanüle mit einem größeren Durchmesser zu wählen. Durch den verringerten Widerstand ist weniger Kraft nötig, um den Auslöseknopf nach unten zu drücken. /


Das Problem mit dem Kleingedruckten

Klagt ein Patient über zu klein ­geschriebene Packungsbeilagen, können PTA und Apotheker helfen, indem sie wichtige Textpassagen groß kopieren. Auch sind einige Beipackzettel in Großdruckformat oder als Hörbuch auf der Seite www.patienteninfo-service.de zu finden.



Beitrag erschienen in Ausgabe 24/2017

 

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