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BERATUNGSPRAXIS

Mukositis

Weniger wund im Mund


Von Elke Wolf / Eine Mundschleimhautentzündung infolge einer Chemo­- oder Strahlentherapie kann so schmerz­­haft und belastend sein, dass die Krebs­patienten die Behandlung unterbrechen müssen. Hier helfen vor allem kom­plementärmedizinische Ansätze, den Schmerz zu lindern, erklärte Apotheker Jörg Riedl auf einer Fortbildungs­veranstaltung.

 

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Eine Strahlentherapie oder eine Behand­lung mit systemisch wirk­samen Zytostatika kann die Mundschleimhaut großflächig schädigen. Da sich die Zellen der Schleimhaut häufig erneuern, reagieren sie besonders empfindlich auf eine solche Therapie. Je nach Art der Krebsbehandlung können neben den Schleimhäuten in Mund und Rachen auch die Schleimhäute im gesamten Verdauungstrakt bis zum After betroffen sein.




Eine schmerzhafte Mukositis kann Patienten mit Chemotherapie extrem belasten. Es gibt einige natürliche Ansätze, die die Beschwerden lindern können.

Foto: Shutterstock/Photographee.eu


Die Prävalenz einer oralen Mukositis liegt bei Krebspatienten unabhängig von der Tumorart bei mehr als 20 Prozent. Bei einer Bestrahlung des Kopf-Hals-Bereichs ist sie fast unvermeidbar. Es kann bis zu vier Wochen dauern, bis die Entzündung nach der letzten Einheit eines Chemo- oder Strahlentherapiezyklus abheilt.

Nur grober Rahmen

»Es gibt kein Patentrezept, wie diesem­ Krankheitsbild beizukommen ist«, informierte Jörg Riedl, Apotheker am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck, auf einer Fort­bildungsveranstaltung der Lan­des­­apothekerkammer Hessen in Gießen­. »Klinische Studien zur Wirksamkeit der verschiedenen Ansätze sind spärlich gesät und methodisch schwierig durchzuführen.« Richtlinien, wie auf Basis der verfügbaren Daten einer Mukositis am besten vorzu­beugen und wie sie zu behandeln ist, geben nur einen groben Rahmen vor. Ausgearbeitet wurden sie von der Euro­päischen Fachgesellschaft für Medizinische Onkologie, der Arbeits­gruppe Oral Care der Arbeits­gemeinschaft Supportive Maß­nahmen in der Radioonkologie und der Multi­nationalen Gesellschaft zur supportiven Betreuung von Krebs­patienten.




Foto: Shutterstock/MK photograp55


Danach ist es Pflicht, Risikofaktoren wie schlechte Mundhygiene und Mund­trockenheit anzugehen, bevor eine potenziell schleimhautschädigende Therapie begonnen wird. Zudem ist die Mundschleimhaut täglich auf Veränderungen zu untersuchen. Eine lokale Kryotherapie, also die Kühlung der Mundhöhle mithilfe von Eiswasser­spülungen oder Lutschen von Eis­würfeln, ist in der Lage, das Ausmaß und die Schwere der Mukositis zu begren­zen. Durch die Minderdurch­blutung der Mundschleimhaut, so die Überlegung, verringere sich die Kon­zen­tration toxischer Substanzen in diesem­ Gewebe, und entzündliche Reak­tionen werden unterdrückt, erklärte Riedl.

Das große Problem dabei: Aufgrund des langen und intensiven Kältereizes (die Kältetherapie sollte bereits vor der Infusion beginnen und bis etwa eine halbe Stunde nach deren Ende fort­gesetzt werden) ist sie von vielen Pa­tienten nur schwer durchführbar. Angenehmer als die Eiswürfel empfinden viele Patienten das Lutschen tiefge­frorener Fruchtwürfel, etwa aus Ananas­, Papaya oder auch Salbeitee, informierte Riedl. »Fruchtkugeln werden noch besser akzeptiert als -würfel. Wir haben auch eine Slush-Ice-­ Ma­schine«, informierte Riedl die An­wesenden darüber, wie das Team seiner Krankenhausapotheke versucht, den Patienten entgegenzukommen. Riedl forderte die Anwesenden zu Phantasie im pharmazeutischen Know-how auf. Auch eisgekühlte Butterkügel­chen oder gekühlte Aloe-vera-Mundspüllösungen fänden oft die Akzeptanz der Patienten.




Foto: Shutterstock/Catalina M


Hat sich die Mundschleimhaut dennoch entzündet, gilt die erste Maß­nahme der Schmerzbekämpfung. Salbeimund­spüllösung (wie Salviathymol®) oder Lindenblütentee können versucht werden. Eher prophylaktisch wirken Extrakte aus Tormentillwurzelstock, Ratanhia­- und Rharbarberwurzel oder Myrrhe (wie Repha®-OS, Pyralvex®, Ratiosept®). Mundgele und Lösungen, die Lokalanästhetika (wie Dynexan® Gel, Kamistad® Gel) oder Benzydamin (wie Tantum® Verde) enthalten, können versucht werden, dürften aber ab einem bestimmten Schweregrad zu schwach wirksam sein.

Gute Erfahrungen hat Apotheker Riedl mit Heilerde innerlich und Lein­samen gemacht, vor allem wenn auch der übrige Verdauungstrakt in Mit­lei­den­schaft gezogen ist. Vom Lein­samen können sowohl der Schleim als auch der Überstand verwendet werden. »Der Überstand eignet sich zum Trinken­ bei Beschwerden im Mund. Der Schleim wird erwärmt; Patienten mit Parästhesien an Hand und Fuß baden darin ihre Gliedmaßen und empfinden es als angenehm«, berichtete Riedl.

Bewährte Rezepturen

Eine weitere Möglichkeit: Riedl und sein Team verarbeiten selbst Sanddorn, denn »Sanddornfurchtfleischöl wirkt antibakteriell, schmerz- und reiz­lindernd und beschleunigt die Granulation von beschädigter Haut und Schleimhaut«. Dazu werden zwei bis drei Tropfen Sanddornfruchtfleischöl etwa in Naturjoghurt eingerührt oder mit einem halben Löffel Leitungs­wasser oder Aloe-vera-Bio-Ursaft verdünnt, stellte Riedl seine Rezepturen vor.




Alles, was beruhigt: Aloe-vera-Spülungen, Sanddornfruchtfleischöl und Salbeitee (von oben nach unten).

Foto: Shutterstock/Maria Medvedeva


Auch mit Manuka- oder Kanukaöl hat der Experte gute Erfahrungen gemacht, wenn es mit warmem Leitungswasser gemischt wird. Die Mischung eigne sich mehrmals täglich zum Schlucken oder Gurgeln.

Auf schulmedizinischem Weg fährt man gegen den Schmerz im Mund stärkere­ Geschütze auf. Weil nicht steroi­dale Antiphlogistika die Schmerz­intensität einer oralen Mukositis nicht signifikant lindern können, kommen Opiatanalgetika wie Tramadol, Tilidin/Naloxon, Fentanyl oder Morphin zum Einsatz. Um die starken Nebenwirkungen infolge der systemischen Gabe zu umgehen, geht man an einigen Kliniken­ dazu über, die entzündete Schleimhaut mit verdünnten Morphinlösungen zu spülen oder mit Rezepturen von Opiaten in mukoad­häsiven Grundlagen zu versorgen. Möglich ist dieser Therapieansatz, weil Opiate nicht nur zentral wirksam sind, sondern auch in peripheren Gewe­ben an Rezeptoren binden. Ob die topische Opiatgabe die Schmerzlinderung einer systemischen An­wendung erreicht, ist aber nicht unter­sucht. Ebenso fehlen verbindliche Empfehlungen, was die einzusetzenden Konzentrationen betrifft. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 24/2017

 

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