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Zur Ruhe kommen

Raus aus der Stress-Spirale


Von Isabel Weinert / Gleich morgens ging der Stress los: Martina B. hatte den Schlüssel für die Apotheke vergessen, deshalb die Chefin rausgeklingelt, Ärger bekommen, einen übel gelaunten Kunden nach dem anderen beraten, ein Medikament falsch bestellt, nichts gegessen. Mal ein solcher Tag – kein Thema. Doch dauert Stress an, macht er Menschen mürbe: Seit 15 Jahren nehmen stressbedingte Krankschreibungen in Deutschland zu.

 

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Der Organismus von Martina B. lief auf Hochtouren, deshalb konnte die PTA ihren Stresstag gut meistern. Die Achse aus Hypothalamus, Hypophyse und Nebenniere setzte Adrenalin und Noradrenalin in großen Mengen frei. Die Neurotransmitter sorgten für mehr Blut und eine höhere Spannung in der Muskulatur, für Aktion in den Nervenbahnen, weitgestellte Bronchien, eine tiefere Atmung, einen kräftigeren und schnelleren Herzschlag und einen Blutdruckanstieg. Zudem setzte die Leber Zuckerreserven frei, und die Verdauung machte Pause. Die Zahl natürlicher Killerzellen im Blut stieg an, und Schmerzen hätte die PTA in der Stressphase kaum wahrgenommen. Ein perfektes, uraltes Reaktionssystem, das Menschen in Bruchteilen einer Sekunde in die Lage versetzt, akuten Gefahren adäquat zu begegnen.




Foto: Fotolia/f9photos



Allerdings zeigt die TK-Stressstudie 2016, dass sich 60 Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung gestresst fühlt, davon 23 Prozent häufig – im Schnitt steht also jeder vierte Apothekenkunde unter Daueranspannung. Abschalten fällt diesen Menschen schwer, und damit nimmt die physiologische Stress­reaktion einen Verlauf, der der Gesundheit schaden kann. Das große Geschütz des Organismus läuft beim modernen Menschen meist ins Leere, weil man auch auf 180 noch freundlich lächelt, alles schaffen und irgendwie durchhalten will.

Ein Verhalten, das häufig mit einem hohen Anspruch an sich selbst vergesellschaftet ist: 43 Prozent der Menschen in Deutschland nennen diesen Faktor laut TK-Studie als eine Ursache für Stress. »Perfektionismus ist ein typischer Stresstreiber«, konstatiert auch Privatdozent Dr. med. Mazda Adli, Stressforscher und ärztlicher Leiter der Fliedner-Klinik Berlin. Der Experte in ­Sachen Stress (lesen Sie dazu auch Interview: Stressige Zeiten) empfiehlt Menschen, die sich häufig unter Druck fühlen, die eigenen Stresstreiber zu identifizieren. »Dazu gehört, sich zu fragen, ob es typische Situationen sind, die einen in Bedrängnis bringen, oder ob bestimmte Charaktereigenschaften dazu führen, dass der Stresspegel immer wieder in ähnlichen Situationen steigt.«

PTA Martina B. hat mittlerweile eigene Stresstreiber ausgemacht: Gerade der Anspruch an Perfektion führt sie an ihre Grenzen. Und dann passieren Fehler, wie der zuhause vergessene Schlüssel für die Apotheke.

Dass Stress dem Gehirn und besonders dem Gedächtnis schadet und womöglich gar Alzheimer begünstigt, darauf deuten verschiedene Untersuchungen hin. So zeigten zum Beispiel amerikanische Forscher der University of California in San Diego an Mäusen, dass chronischer Stress in Verbindung mit einer Anhäufung von Tau-Proteinen in den Hirnen der Versuchstiere steht. Vor allem der Hippocampus der Nagerhirne war betroffen, das Areal, das eine große Rolle für die Gedächtnisleistung auch des Menschen spielt. Bei akutem Stress zeigten sich derartige Veränderungen nicht.

Nicht gut für die Abwehr

Bleibt Stress über längere Zeit bestehen, leidet auch das Immunsystem. Bei akutem Stress läuft es auf Hochtouren, auf Dauer entwickeln sich zwei gegenläufige Prozesse, die in chronische Entzündungen münden: Teile des Immunsystems arbeiten unermüdlich am Limit, bleiben also im Stressmodus. Mit Cortisol, als einem der effektivsten körpereigenen Immunmodulatoren, verhält es sich jedoch anders. Die Nebennierenrinde setzt es zwar unter dauernder Anspannung des Menschen in hohen Konzentrationen frei, doch entwickelt der Körper im Laufe der Zeit eine Art Resistenz dagegen, es wirkt also nicht mehr ausreichend. So gelingt es nur noch eingeschränkt, körper­eigene Entzündungsprozesse herunter zu regulieren. So arbeitet die Abwehr quasi ungebremst, was entzündliche Prozesse befördert. Neben Arteriosklerose, Arthritis oder Diabetes als möglichen Entzündungsfolgen äußert sich Daueranspannung häufig in Schlafstörungen, hohem Blutdruck, Infektanfälligkeit, Hörsturz oder Tinnitus, einer verzögerten Wundheilung, mehr Bauchfett und weniger Muskelmasse, Kopfschmerzen, Konzentrationsproblemen und sexueller Unlust.

Umgekehrt tragen positive Gefühle und eine ebensolche Umgebung dazu bei, von einer Krankheit gut zu genesen oder sie gar nicht erst zu bekommen. Das zeigen Ergebnisse der Psycho­neuro­immunologie.

Gezielt fragen

PTA und Apotheker sehen sich häufig Menschen gegenüber, die gestresst wirken, das auch formulieren und Hilfe in Form von Medikamenten suchen. Phytopharmaka eignen sich, um Stresssymptome zu mildern, sofern es sich nicht in Wahrheit um eine behandlungsbedürftige Grunderkrankung oder um die Nebenwirkung eines Medikaments handelt, die Unruhe verursacht (siehe Kasten).


Was unruhig macht

  • Depressionen
  • Schizophrenie
  • Schilddrüsenüberfunktion
  • Niedriger Blutdruck
  • Herzrhythmusstörungen
  • Wechseljahre
  • Beta-Sympathomimetika, etwa in Asthmasprays
  • Bupropion
  • SSRI
  • Amantadin
  • Theophyllin
  • Benzodiazepin-Entzug


Umso wichtiger, nicht sofort ein Medikament zu empfehlen, sondern zunächst nachzufragen, zum Beispiel nach akuten Anlässen für den Stress, nach Hinweisen auf ein Burnout-Syndrom oder eine Depression, nach körperlichen und psychischen Erkrankungen und nach einzunehmenden Medikamenten. Der ersten Einschätzung, ob Symptome eher von Dauerbelastung oder einer Depression herrühren, kommt in der Apotheke eine wichtige Rolle zu. Denn nicht selten verbirgt sich hinter einem Burn-out in Wahrheit eine Depression. Hier helfen klassische Ratschläge zur Erholung nicht, etwa viel zu schlafen oder in Urlaub zu fahren, sondern können die Depression gar verschlimmern. Aufmerken sollten PTA, wenn ein Patient von anhaltenden Schlafstörungen berichtet, von Rücken- oder Kopfschmerzen oder einem Druckgefühl auf der Brust. Dann fährt er besser, wenn er zunächst einen Arzt aufsucht. Auch ein Selbsttest, wie unter www.deutsche-depressionshilfe.de, kann Betroffenen weiterhelfen.

Pflanzliche Hypnotika und Sedativa, wie Baldrian, Hopfen, Melisse und Passionsblume, sind allesamt gut untersucht und haben positive Empfehlungen sowohl der ESCOP als auch des HMPC. Das gilt auch für Johanniskrautextrakt und Lavendelöl, deren Zubereitungen in der Roten Liste gemäß Indikationen teilweise unter den pflanzlichen Hypnotika und Sedativa und unter Psychopharmaka/Antidepressiva zu finden sind. Rosenwurz wird vom HMPC als traditionelles Arzneimittel eingestuft.


Doping fürs Gehirn

Ob der gut aussehende Karrieremann im maßgeschneiderten Anzug oder die fröhliche Mutter, die man aus der Gemeindearbeit kennt – Stress und (dadurch bedingte) psychische Erkrankungen kennen keine gesellschaftlichen Grenzen. Immer mehr Menschen bedienen sich sogar Medikamenten, die die Hirnleistung ankurbeln sollen, nur, um noch mehr als alles leisten zu können. Laut DAK-Gesundheitsreport aus 2015 schluckten schon damals rund eine Million Berufstätige regelmäßig Medikamente, von denen sie sich noch mehr Wachheit versprachen. Die wichtigsten Mittel für »Doper« sind Methylphenidat, Modafinil, Betablocker, Anti­depressiva, Antidementiva und Amphetamine, zu denen auch die illegalen Drogen Crystal Meth oder Ecstasy zählen. Mit ihrer Aufklärung über Stress und dessen Abbau können PTA ein Stückweit dazu beitragen, Medikamentenmissbrauch einzudämmen.


Bei Patienten, die Johanniskrautpräparate einnehmen, lohnt ein Interaktionscheck, weil der Extrakt aufgrund seines Metabolismus die Wirkung zum Beispiel von Phenprocoumon, oralen Kontrazeptiva, trizyklischen Antidepressiva, Ciclosporin, Theophyllin und Digoxin vermindern kann. Bis Johanniskrautextrakt optimal wirkt, dauert es zwei bis vier Wochen. In dieser Zeit dürfen sich Patienten also nicht entmutigen lassen und deshalb das Präparat absetzen, sondern sollten es im Gegenteil regelmäßig einnehmen, um davon profitieren zu können.

Unter den pflanzlichen Hypnotika/Sedativa und Antidepressiva gibt es Einzelextrakte und Kombinationen (siehe Tabelle). Homöopathische Zu­bereitungen, die die oben genannten Pflanzen enthalten, teilweise kombiniert mit weiteren Inhaltsstoffen, sind zum Beispiel Calmedoron® Streu­kügelchen, Calmvalera® Hevert, dystoLoges®, Neurexan®, Zappelin® Streu­kügelchen. Mit Aurum metallicum, Kalium phosphoricum und Ferrum-Quarz D2 enthält Neurodoron® eine andere Zusammensetzung.


Beispiele für pflanzliche Hypnotika/Sedativa bzw. Antidepressiva in Fertigpräparaten

Pflanzenhilfe Präparate 
Baldrian Moradorm® Beruhigung, Baldriparan®, Sedonium® 
Kombi Baldrian, Hopfen Ardeysedon® 
Kombi Baldrian, Melisse, Hopfen Sedacur® 
Kombi Baldrian, Passionsblume, Hopfen Kytta® Sedativum 
Johanniskraut Hypnotika/Sedativa: Johanniskraut Dragees H Psychopharmaka/Antidepressiva: Jarsin®, Laif®, Laif® 900 Balance, Neuroplant® 
Kombi Johanniskraut, Baldrian Sedariston® 
Kombi Johanniskraut, Baldrian, Passionsblume Neurapas® 
Lavendel Hypnotika/Sedativa: Weleda® Lavendelöl 10% Psychopharmaka/ Antidepressiva: Lasea® 

Pflanzenhilfe gratis bieten Wald­spaziergänge. In Japan als »Wald­baden« therapeutisch etabliert, wissen Forscher auch in unseren Breiten um die positiven Effekte der Wälder. Ein Spaziergang stärkt Physis und Psyche messbar. Der Herzschlag beruhigt sich, der Blutdruck sinkt, die Muskelspannung lässt nach, und positive Gefühle verscheuchen trübe Gedanken.

Im richtigen Takt

Stehen Schlafstörungen im Vordergrund, und reichen Schlafhygiene und pflanzliche Mittel nicht aus, können chemisch-synthetische Medikamente zum Einsatz kommen, die Doxylamin (zum Beispiel Hoggar® Night) oder Diphenhydra­min, etwa in Moradorm® Nachtruhe Diphenhydramin, enthalten. Wie Benzodiazepine können auch diese Medikamente paradox wirken, also Unruhe, Erregung, Spannung und Schlaflosigkeit verstärken. Und wie bei den Tranquillizern können Schlaf­störungen auch hier erneut und verstärkt auftreten, wenn der Patient das Medikament abrupt absetzt. Ihn über diese beiden Sachverhalte zu informieren, gehört an dieser Stelle in das Beratungsgespräch.

Auch hier gilt im Vorfeld, an eine den Schlafstörungen eventuell zugrunde liegende Depression zu denken. Wichtig für die Patienten ist auch der in der S3-Leitlinie »Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen« vorhandene Passus, dass Schlafmediziner neuerdings vorrangig eine kognitive Ver­haltenstherapie empfehlen, wenn erholsamer Schlaf länger ausbleibt, und nur, wenn diese nicht anschlägt, Benzodiazepine und Z-Substanzen kurzfristig zum Einsatz kommen sollten.




Bei kurzfristigem Stress hat die Stressreaktion des Körpers sogar positive Effekte; dauert sie länger an, schadet sie.

Grafik: Stephan Spitzer



Psychiater setzen bei Schlafstörungen aufgrund einer Depression Substanzen wie Mirtazapin, Trimipramin oder Trazodon in geringen Dosierungen als schlafanstoßende und nicht suchterzeugende Antidepressiva ein. Der Hinweis von Seiten der PTA, dass diese Substanzen nicht abhängig machen, kann in vielen Fällen für eine bessere Compliance sorgen. Martina B. ist ihr Stressproblem mehrgleisig angegangen – so empfiehlt sie es auch ihren Kunden. Sie prüfte ihre Stresstreiber mithilfe eines Psychotherapeuten. Zudem änderte sie ihren Lebensstil: So isst sie nun regelmäßig, geht mehrmals die Woche spazieren oder treibt Sport und schläft ausreichend. Maßnahmen, die spürbar mehr Ruhe in ihr Leben brachten. Zuhause gönnt sie sich morgens und abends je 20 Minuten Atemübungen und schaltet abends das Smartphone aus. Die Summe der Maßnahmen senkt ihre innere Anspannung.

Wer sich in ähnlicher Weise ernsthaft mit dem eigenen Stress auseinandersetzt, hat gute Chancen auf ein geruhsameres Leben bei guter Gesundheit. /


Zur Ruhe kommen

Lesen Sie zum Themenschwerpunkt auch die Beiträge

Interview: Stressige Zeiten

Benzodiazepine: Abhängigkeit oft nicht bewusst

Restless-Legs-Syndrom: Um den Schlaf gebracht

Entspannung: Die besten Techniken

Demenz: Unruhige Zeiten

Burn-out: Mein Weg aus dem Seelentief



Beitrag erschienen in Ausgabe 01/2018

 

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