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BERATUNGSPRAXIS

Hypotonie

K.o. für den Kreislauf


Von Judith Schmitz / Ein zu niedriger Blutdruck gilt als ungefährlich. Dennoch plädieren einige Experten dafür, die Hypotonie ernst zu nehmen, besonders, wenn häufig Kreislaufbeschwerden auftreten. Sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Maßnahmen können Abhilfe schaffen.

 

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Solange ein zu niedriger Blutdruck keine Beschwerden hervorruft, gilt er in der Regel als unproblematisch. Wissenschaftler wie der emeritierte, in der Forschung noch aktive Psychologie-Professor Dr. Rainer Schandry von der Ludwig-Maximilians-Universität München sind in der Minderheit mit ihrem Appell, Hypotonie als Krankheitsbild ernst zu nehmen. Sie berufen sich dabei­ auf Studien, die ergaben, dass ein zu niedriger Blutdruck zu einer Minderleistung des Gehirns führen kann.




Foto: iStock/kali9


Tatsächlich wird ein niedriger Blutdruck­ im Gegensatz zu Bluthoch­druck sogar als erstrebenswert wahrgenommen. Das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen ist niedriger, bereits ab Blutdruckwerten im Normal­bereich ab 115/75 mmHg steige es exponenziell an, schreibt die Deutsche Hochdruckliga.

Eine arterielle­ Hypotonie entsteht, wenn ein Missverhältnis von Gefäß­- und zirkulierendem Blut­volumen vorliegt, etwa durch einen verminderten Gefäßwiderstand, eine reduzierte kardiale Pumpfunktion, ein zu geringes Blutvolumen oder einen Blutrückstrom zum Herzen. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO besteht eine Hypotonie bei einem systolischen Druck unter 110 mmHg (Mann) beziehungsweise unter 100 mmHg (Frau) unabhängig vom diastolischen Druck unter Ruhebedingungen. Mediziner unterscheiden die konstitutionelle, die symptomatische und die orthostatische Hypotonie. Ein Blutunterdruck kann plötzlich und heftig auftreten (akut) oder der Druck kann dauerhaft zu niedrig sein (chronisch).

Akut unterversorgt

Bis zu 600 ml Blut können bei einem plötzlichen Blutdruckabfall in den Beinen versacken. Der Körper versucht dann, das Blut in die lebens­wichtigen Organe umzuleiten. Wird das Gehirn dabei nicht ausreichend durchblutet und mit genügend Sauerstoff versorgt, entstehen Kreislaufprobleme. Sie können von Augenflimmern über Schwindelattacken, Ohren­sausen und Schweißausbruch bis zum Kreislaufkollaps mit Ohnmacht reichen. Extreme Blutdruckstürze etwa durch einen großen Blutverlust, schwere Infektionen oder allergische Reak­tionen können gar einen lebensbedrohlichen Schock verursachen.

Auch ein dauerhaft zu niedriger Blutdruck kann Kreislaufprobleme wie Augenflimmern, Schwindel und Übelkeit hervorrufen. Hypotoniker fühlen sich oft müde (vor allem morgens)­, antriebslos, verstimmt. Sie schlafen schlecht, haben kalte Hände und Füße, zittern, leiden unter Kopfschmerzen und Herzrasen. Autoregulatorische Prozesse kompensieren einen zu niedrigen Blutdruck und verhindern damit­ eine verminderte Hirndurch­blutung, so die gängige Lehrmeinung. Doch zumindest die Untersuchungen von Schandry und einigen anderen Wissenschaftlern deuten darauf hin, dass eine chronische Hypotonie die Hirnfunktion hinsichtlich Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung negativ beeinflussen kann. Der niedrige Blutdruck könnte also womöglich doch mehr sein als die oft belächelte »deutsche Krankheit«, wie die Hypotonie im Ausland spöttisch bezeichnet wird.

Im Gegensatz zu Hypertonikern machen Hypotoniker mit geschätzten 3 bis 5 Prozent nur einen kleinen Teil der Bevölker­ung aus. Bei mehr als 90 Prozent der Betroffenen liegt eine konsti­tutionelle Hypoto­nie vor, Ursache unbekannt. Vermu­tet wird ein Zusammenhang mit dem Körperbau und der körperlichen Verfassung. Denn betroffen sind vorwiegend­ junge Menschen, insbe­sondere schlanke, zierliche Frauen. Der Blutdruck ist zwar dauerhaft nie­drig, die Kreislaufbeschwerden treten aber nicht permanent auf. Oft kommt es etwa bei Hitze im Sommer, nach langem Baden in zu heißem Wasser oder bei einem Temperaturwechsel zu Beschwer­den. Auch nach langer Bett­lägerigkeit oder während eines jugend­lichen Längenwachstumsschubs treten verstärkt Kreislaufprobleme auf.




Foto: iStock/Sarinyapinngam


Erkrankungen des Herzens­, der Gefäße oder des Nerven­systems oder auch Hormonstörungen wie eine Schilddrüsenunterfunktion können zu einer sekundären Hypo­tonie führen. Verschiedene Erkrankungen können die Herzleistung vermindern (wie die Herz­insuffizienz), den venösen Rückfluss zum Herzen stören (wie bei Lungenembolie, Krampfadern) oder zu Blutver­lusten, etwa bei einer Nebenniereninsuffizienz, führen. Auch Medikamente können den Kreislauf negativ be­einflussen, darunter etwa einige Mittel gegen Bluthoch­druck oder Parkinson, Anti­depress­iva oder Medikamente gegen die erektile Dysfunktion, wenn sie gleich­zeitig mit Nitroglycerin eingenommen werden. Auch Schwangerschaft, Dehydrierung­ sowie ein Mangel an Vitamin B12 und Folsäure und eine damit verbun­dene Anämie können einen niedrigen Blutdruck bedingen.

Anpassungsstörung

Normalerweise reguliert das Kreislaufzentrum im Hirnstamm die Leistung des Herzens und der Blutgefäße, je nach Bedarf des Körpers. Funktioniert diese Steuerung nicht richtig, kann eine orthostatische Hypotonie entstehen: Infolge eines Ver­sagens des Spannungszustandes der Venen und ungenügender Blutförderung entgegen der Schwerkraft kann der Körper den Blutdruck nicht an die Lage des Körpers anpassen. Etwa schnelles Aufstehen aus dem Liegen oder langes Stehen in der Sonne können dann einen plötzlichen Blutdruckabfall mit Kreislaufproblemen bis hin zur Ohnmacht verur­sachen. Setzen oder legen sich die Betroffenen wieder hin, lassen die Beschwer­den in der Regel schnell nach. Bei Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Parkinson oder Diabetes können Steuerungsmechanismen allerdings durch Nervenschäden gestört sein.

Ein niedriger Blutdruck mit kaum oder nur gelegentlich auftretenden leichten Kreislaufproblemen ist bis zum mittleren Alter meist harmlos. Wichtig ist, den Blutdruck durch eigene Messungen und ärztliche Kontrolle im Auge zu behalten. Fühlt sich ein Betroffener jedoch­ durch entsprechende Beschwerden in seiner Lebensqualität ein­geschränkt oder tritt ein akuter Blutdruckabfall mit heftigen Kreislaufproblemen auf, sollte er zum Arzt gehen. »Die Hypotonie sollte nicht unterschätzt werden­. Klagen über Anlaufschwierigkeiten am Morgen, Leistungsminderung und Konzentrationsschwäche sind kein Gejammer, sondern tatsächliche Begleiterscheinungen des Blutunterdrucks«, sagt Schandry.

Wenn einem Betroffenen schwindelig wird oder er das Gefühl hat, das Bewusstsein zu verlieren, sollte er sich hinlegen und die Beine hochlegen. Droht ein Schock, sollten Anwesende sofort einen Notarzt rufen. Ein Arzt sollte abklären, ob eventuell eine sekundäre Hypotonie vorliegt, weil sich dahinter zum Teil lebens­bedrohliche Erkrankungen verbergen können. Sie müssen dann ebenfalls behan­delt werden.

In Schwung kommen

Es gibt einige Maßnahmen, um den Kreislauf anzuregen. Vor allem regel­mäßige Bewegung (am besten morgens eine halbe Stunde lang mit moderater Intensität) bringt den Kreislauf in Schwung und trainiert die Gefäße. Sie werden elastischer und können besser auf Blutdruckschwankungen reagieren. Beingymnastik trainiert die Muskel­pumpen der Gefäße und verhindert, dass das Blut in den Beinvenen versackt.

Sauna und Wechselduschen

Hypotoniker sollten aus diesem Grund auch nicht lange stehen, sondern bevorzugt gehen oder zumindest mit den Füßen wippen. Das Tragen von Kompressionsstrümpfen ist eine wei­tere Option. Gegen kalte Hände hilft Fingergymnastik. Auch warm-kalte Wechselduschen nach Kneipp helfen, denn sie üben eine starke Reizreaktion aus: Man führt einen bis zu 10 °C kalten Wasserstrahl kurz auf warme Haut­regionen, bis sie kribbeln oder rot werden. Dabei beginnt man von rechts nach links, von außen nach innen und von unten nach oben. Startpunkt ist der rechte Fuß, Endpunkt ein Guss über den Rücken. Anschließend lässt man die Haut von allein trocknen. Zum Einstieg sollte man dies am besten erst einmal an den Gliedmaßen ausprobieren. Ebenso stärken Saunagänge und Bürstenmassagen den Kreislauf. Auch hier beginnt man an den Füßen und streicht mit einer weichen Bürste über die Haut zum Herzen hin. Eine gesunde Lebensweise mit möglichst wenig Stress, gesunder Ernährung mit vermehrter Flüssigkeitszufuhr können ebenfalls dabei helfen, Kreislaufbeschwerden vorzubeugen.

Der Elektrolythaushalt sollte zudem im Gleichgewicht gehalten werden. Die Kochsalzzufuhr sollte nicht reduziert werden: Salz bindet im Körper Wasser, der Blutdruck steigt. Zu den kreislaufanregenden Pflanzen zählen Ginsengwurzel, Weißdorn und Rosmarin. Sie bewirken, dass sich die Venen stärker zusammenziehen und das Blut mit stärkerem Druck zum Herzen gepumpt wird. Auch Kaffee und schwarzer Tee können den Kreislauf anregen.

Menschen mit Kreislaufproblemen sollten morgens generell langsam aufstehen und schon am Bett ein Glas Wasser trinken. Bei einigen hilft auch ein Aufenthalt in klimatischen Reiz­zonen wie im Hochgebirge oder an der Nordsee. Wichtig ist auch, auf die passende Kleidung zu achten, um nicht unnötig zu schwitzen und den Kreislauf so zu belasten. Besser mehrere Kleidungs­stücke übereinander tragen, die man bei Bedarf ausziehen kann.

Eine Arzneimitteltherapie kann erforderlich sein, wenn andere Maßnahmen keine Besserung bringen. Etilefrin (wie in Effortil®) erhöht die Wandspannung der Blut­gefäße und regt über α-Rezeptoren die Herztätigkeit an. Zur Unterstützung der Herz-Kreislauf-Funktion können auch pflanzliche Kardio­tonika mit Weißdornblättern und -früchten wie Crataegutt® novo, Esbericard® novo oder Koro Nyhadin® eingesetzt werden. Die Kombination von Weißdornfrüchte-Extrakt mit D-Campher (wie Korodin®) wirkt schnell bei akuten Kreislaufbeschwerden. /


Tipps bei niedrigem Blutdruck

  • viel trinken (gegebenenfalls auch nachts), auf alkoholische Getränke möglichst verzichten
  • regelmäßiger Ausdauersport
  • Wechselduschen, Saunabesuche
  • morgens langsam aufstehen, Beine vor dem Aufstehen bewegen
  • starke Hitze und direkte Sonneneinstrahlung meiden
  • mehrere kleine statt wenige ­üppige Mahlzeiten einnehmen



Beitrag erschienen in Ausgabe 02/2018

 

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