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ARZNEIMITTELTHERAPIE

Sexuell übertragbare Infektionen

Noch immer ein Tabuthema


Von Carina Steyer / In Deutschland und vielen weiteren europäischen Ländern infizieren sich immer mehr Menschen mit einer sexuell übertragbaren Krankheit. Als Ursache sehen Experten mangelndes Wissen um die Erkrankungen und ein falsches Schamgefühl.

 

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Chlamydien, Gonorrhoe, Trichomonaden, Syphilis, Hepatitis B, Herpes, HIV und HPV – das sind die weltweit häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen (STI). Darüber hinaus gibt es aber noch zahlreiche weitere Erkrankungen. Mediziner kennen heute mehr als 30 verschiedene Bakterien, Viren, Pilze, Protozoen und Arthropoden, die durch sexuelle Kontakte übertragen werden. Viele von ihnen gelangen durch vaginalen, analen oder oralen Geschlechtsverkehr von Mensch zu Mensch. Bei anderen reicht schon enger Körperkontakt, das Berühren infektiöser Stellen oder gemeinsam benutztes Sexspielzeug, um eine Infektion auszulösen.

Weltweit infizieren sich pro Tag mehr als eine Million Menschen mit einer STI, schätzt die Weltgesundheits­organisation WHO. In Deutschland geht man davon aus, dass bis zu 20 Prozent der Bevölkerung einmal im Leben an einer STI erkrankt. Am häufigsten handelt es sich dabei um Infektionen mit dem Bakterium Chlamydia trachomatis. Der Erreger der Chlamydien ist für etwa 300 000 Neuinfektionen pro Jahr verantwortlich.

Chlamydien verbreiten sich vor allem unter jungen Erwachsenen und sind gleichzeitig in der Bevölkerung weitgehend unbekannt. So konnten in der jährlichen Repräsentativbefragung »Aids im öffentlichen Bewusstsein der Bundesrepublik Deutschland« (2016) der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) nur 14 Prozent der insgesamt 3600 Teilnehmer Chlamy­dien als eine STI benennen.

Chlamydien-Infektionen verlaufen im Anfangsstadium häufig symptomlos, können aber bei Frauen weitreichende Folgen haben. Unbehandelt verursacht die Infektion häufig Entzündungen von Gebärmutter und Eier­stöcken, die im schlimmsten Fall zur Unfruchtbarkeit führen. Um dem vorzubeugen, können Frauen unter 25 Jahren einmal jährlich einen kostenlosen Chlamydien-Test durchführen lassen. Von dieser Möglichkeit wissen aber nur wenige. Laut »Aids im öffentlichen Bewusstsein« (2014) sind nicht einmal ein Drittel der 16- bis 20-jährigen Frauen über das Angebot informiert.

Die meisten Chlamydien-Tests werden während der Schwangerschaftsvorsorge durchgeführt. Hier gehören sie bereits seit vielen Jahren zum Standard, um Frühgeburten und schweren Komplikationen beim Neugeborenen vorzubeugen.

Ein Kontakt genügt

Deutlich bekannter als Chlamydien sind Syphilis und Gonorrhoe (Tripper). Etwa die Hälfte der Teilnehmer der BZgA-Befragung von 2016 nannte beide als ihnen bekannte STI. Das Bakterium Neisseria gonorrhoeae verursacht Gonorrhoe als weltweit zweithäufigste bakterielle STI. Das derzeit größte Problem bei dieser Erkrankung liegt in der Resistenzentwicklung gegen alle eingesetzten Antibiotika. Laut dem Global Gonococcal Antimicrobial Surveillance Program der WHO werden inzwischen in annähernd allen Ländern, die Daten erheben, resistente Stämme nachgewiesen.

Die Übertragung der Gonorrhoe erfolgt ausschließlich durch direkten Schleimhautkontakt, allerdings sehr effizient. Nach einem einzigen Sexualkontakt beträgt die Infektionsrate bei Männern 25, bei Frauen 50 Prozent. Etwa die Hälfte aller Gonorrhoe-Infekti­onen verläuft ohne eindeutige Symptome. Unbehandelt kann die Gono­rrhoe aufsteigen und bei Frauen chronische Entzündungen im kleinen ­Becken, Verwachsungen und Unfruchtbarkeit hervorrufen. Männer leiden unter Entzündungen der Prostata, ­der ­Samenbläschen und der Nebenhoden. Durch orale oder anale Kontakte können sich die Erreger auch im Rachen und Enddarm ansiedeln. Vor allem Racheninfektionen verlaufen meist symptom­los und stellen so ein unerkanntes Erreger­reservoir dar.

Impfschutz zu wenig genutzt

Syphilis-Infektionen werden seit 2010 in vielen europäischen Ländern und den USA verstärkt bei Männern, die Sex mit Männern haben, registriert. Experten vermuten, dass diesem Trend eine Veränderung im Sexualverhalten zugrunde liegt. Diskutiert wird außerdem, ob die antiretrovirale Therapie die Immunität gegen den Erreger der Syphilis (Treponema pallidum) einschränkt und somit die Übertragung begünstigt.

Die häufigsten viralen STI sind HPV-Infektionen. Die mehr als 140 Subtypen befallen die Epithelzellen von Haut und Schleimhäuten. Während Hochrisiko-Typen die Entstehung von Krebs im Genitalbereich begünstigen, verursachen Niedrigrisiko-Typen die ungefährlichen, aber lästigen Feigwarzen. Typischerweise treten diese an den Schamlippen, der Scheide und dem Penis auf. Sie können sich aber auch in der Harnröhre, dem Analkanal, Enddarm oder Gebärmutterhals bilden. Obwohl mit der HPV-Impfung eine effektive Möglichkeit besteht, sich selbst zu schützen, sind die Impfraten nach wie vor gering. Laut Robert-Koch-Institut beträgt die Impfquote bei 15-jährigen Mädchen 31 Prozent (Stand 2015).

Juckende, brennende Bläschen mit verkrusteten Belägen im Genital­bereich zeichnen eine Infektion mit Herpes genitales aus. In den meisten Fällen ist das Herpes simplex-Virus (HSV) 2 verantwortlich, in zunehmendem Maße aber auch HSV 1. Das Virus, das vor allem im Zusammenhang mit Lippenherpes bekannt ist, gelangt durch Oralverkehr in den Intimbereich. Nach der Erstinfektion, die meist im jungen Erwachsenenalter erfolgt, bleiben die Herpesviren lebenslang im Körper und können immer wieder neu ausbrechen.

Outing fällt schwer

Bei Filzläusen und Krätzemilben reicht bereits enger Körperkontakt, um sich anzustecken. Beide Parasitosen machen sich durch Juckreiz bemerkbar, der die Betroffenen vor allem nachts plagt. Filzläuse lassen sich als kleine braune Punkte oft bereits mit dem bloßen Auge, besonders gut aber mit einer Lupe erkennen. Typisch für Krätze­milben sind feine rötliche Linien, die sogenannten Milbengänge. Die weiblichen Milben legen sie für die Eiablage an, nachdem sie sich in die Haut eingebohrt haben. Das Tier selbst ist als kleine schwarze Kugel erkennbar. Krätzemilben werden mit einem Antiscabiosum behandelt, bei Filzläusen geht man meist wie bei Kopfläusen vor. Es wird außerdem empfohlen, Kleidung, Bettwäsche und Handtücher bei mindestens 60 Grad zu waschen.

Noch immer sind STI mit einem Stigma verbunden und viele Betroffene trauen sich nicht, bei Beschwerden zum Arzt zu gehen. Eine anonyme ­Alternative bieten Gesundheitsämter und Checkpoints der Deutschen Aids-Hilfe an, wo die Tests zum Teil auch kostenfrei durchgeführt werden.

Testen ganz ohne Zuschauer ermöglichen die sogenannten Selbst- und Einsendetests. In Deutschland dürfen HIV-Heimtests nicht verkauft werden, ihr Besitz ist allerdings straffrei. Ein positives Testergebnis muss allerdings immer durch einen regulären Test bestätigt werden. Auch Einsendetests sind in Deutschland noch nicht etabliert, werden aber aktuell vom Checkpoint München im Rahmen einer Studie angeboten. Der Patient erhält ein Test-Set, mit dem er die notwendigen Blut- und Urinproben sowie Abstriche zu Hause selbstständig entnehmen kann. Eine genaue Anweisung für die Probenentnahme ist im Set enthalten. Anschließend werden die Proben an das zuständige Labor geschickt. Sobald die Ergebnisse vorliegen, werden sie telefonisch oder online mitgeteilt.

Um zu verhindern, dass sich die Infektion weiter verbreitet, ist die Information aller Sexualpartner von großer Bedeutung. Weil auch dieser Schritt vielen Betroffenen schwer fällt, bietet das Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin (WIR – Walk In Ruhr) des Katholischen Klinikums Bochum die Möglichkeit der Partnerbenachrichtigung an. Die Benachrichtigung erfolgt online und anonym. Der potentiell Infizierte erhält eine E-Mail oder SMS, in der ihm ein Test nahegelegt wird. /


Regelmäßig testen

Die Deutsche Aids-Hilfe empfiehlt allen Personen mit wechselnden Sexualpartnern, einmal jährlich einen Test auf STI durchführen zu lassen. Nur so können viele Folge­erkrankungen und die unbewusste Weiterverbreitung der Infek­tionen verhindert werden.

Und was nur wenige wissen: Unerkannte STI erhöhen bei HIV-negativen Menschen das Risiko, sich mit HIV zu infizieren. Die Entzündungen erleichtern dem Virus, in den Körper einzudringen.

Auch HIV-positive Menschen sollten die Testung ernst nehmen. Bei ihnen können einige STI einen schweren Verlauf nehmen. Zusätzlich steigt das Risiko, die HIV-Infektion an Sexualpartner weiterzu­geben. Denn die Zahl der HI-Viren in den von der STI beeinflussten Regionen steigt deutlich an.



Beitrag erschienen in Ausgabe 03/2018

 

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