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PANORAMA

Transsexualität

Endlich im richtigen Körper!


Von Narimaan Nikbakht / Von außen betrachtet sind Wolfgang (55) und Karola (54) Süßenguth lange ein Traumpaar. Bis Wolfgang seiner Ehefrau gesteht, dass er sich nicht als Mann, sondern als Frau fühlt. Einige Jahre sind seitdem vergangen. Inzwischen heißt Wolfgang Andrea und sagt: Endlich darf ich die sein, die ich wirklich bin.

 

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Es war das Nachthemd seiner Frau, das Wolfgang Süßenguths bisherige Welt endgültig ins Wanken brachte. »Ich habe nackt geschlafen und eines Nachts sehr gefroren. Meine Frau bot mir an, ihr Nachthemd überzuziehen. Und da fühlte ich sie wieder – diese große Sehnsucht, mich als Frau ausleben zu dürfen. Eine Sehnsucht, die mich schon mein ganzes Leben begleitet hat und meine weitere Zukunft infrage stellen würde«, so Andrea Süßenguth. Es bedeutete, dass sie nicht weiter als Mann mit Ehefrau leben wollte, sondern als Frau. Doch bevor aus Wolfgang Andrea wurde, lag noch ein langer Weg vor ihr.




Andrea als »Wolfgang« mit 50 …

Bin ich ein Junge oder ein Mädchen? Schon früh begleitete Andrea Süßenguth diese Frage. Geboren wurde sie als Junge in Halberstadt (Sachsen-Anhalt), doch mit fünf Jahren stieg in ihr das erste Mal eine Ahnung hoch, sie sei anders.

Ihre Mutter war Schneiderin und hatte Andreas Cousine ein Kleid genäht. »Als meine Mutter ein Model zum weiteren Abstecken benötigte, bat sie mich, es anzuprobieren. Erst sträubte ich mich, aber dann willigte ich doch ein. Und bemerkte, was für ein wunderbares Gefühl es war, mich wie ein Mädchen im Spiegel betrachten zu dürfen. Ich war hin und weg von diesem Anblick. Es fühlte sich so stimmig an, und am liebsten hätte ich auch so ein Kleid gehabt. Aber das traute ich mich natürlich nicht zu sagen.«

So wächst Andrea Süßenguth weiter als Junge auf und unterdrückt ihre wahre weibliche Identität. Während der Schulzeit schleicht sich »der kleine Wolfgang« heimlich zum Kleiderschrank der Mutter, zieht Kleider, Röcke, Seidenstrümpfe und BHs an und genießt es, dass die Sachen, »ihn« zu dem machen, was »er« eigentlich sein will – ein Mädchen. Aber den guten Gefühlen folgten jedes Mal Scham und Schuldgefühle.

Ein ganz normales Leben als Mann

Bis Andrea 55 Jahre alt ist, führt sie nach außen hin ein ganz »normales« Leben als Mann. »Mit 18 lernte ich meine Frau Karola kennen, später ging ich zur Armee, studierte danach Gerätetechnik und wurde Vater von drei Kindern.«

Dass sie sich einem großen psychischen Stress aussetzt, indem sie ihre wahre Identität verleugnet, wird ihr erst sehr viel später klar. Bis dahin zerreibt sie sich zwischen dem Wunsch, ihrer Frau alles zu beichten und der Angst, damit deren Liebe und die ganze Familie zu zerstören.

Längst sind es nicht mehr die Sachen der Mutter, sondern die von Karola, die sie heimlich anzieht. »Meine Frau hat davon nie etwas gemerkt. Dazu habe ich meine Rolle als Mann zu gut gespielt.«

Damals wusste Andrea noch nicht, dass es für das, was sie empfand, einen Begriff und dass es viele transsexuelle Menschen gibt, die sich im Körper des falschen Geschlechts gefangen fühlen. Man geht von mindestens 50 000 Transsexuellen aus – wobei die Dunkelziffer wesentlich höher liegt, da viele Betroffene aus Angst und Scham lebens­lang nicht an die Öffentlichkeit gehen.

Erst Ende der 90er-Jahre liest An­drea zum ersten Mal etwas von anderen Transsexuellen. Zu der Zeit arbeitet sie in Frankfurt am Main, hat dort eine kleine Zweitwohnung und kann zum ersten Mal ungestört in den eigenen vier Wänden das ausleben, was sie in Halberstadt immer verstecken musste. »Ich kleidete mich komplett wie eine Frau, polsterte den BH aus und lief geschminkt durch die Wohnung. Als ich dann wieder eine Stelle in Halberstadt bekam, schmiss ich die ­Sachen weg.«

2008 dann kommt es zum besagten Schlüsselmoment mit dem Nachthemd ihrer Frau. Fortan schläft Andrea nur noch in Nachthemden und bestellt sich weitere per Katalog, die immer femininer werden. »Meine Frau stellte keine Fragen. So wurde ich immer mutiger, orderte Strumpfhosen und Unterwäsche, kaufte Pullover und T-Shirts in der Frauenabteilung und zog die Sachen zu Hause an, wenn ich mit meiner Frau allein war.«

Nur eine Lebenskrise?

Warum Karola Süßenguth so gelassen reagierte, lässt sich nur damit erklären, dass sie eine Midlife-Crisis hinter dem Verhalten ihres Mannes vermutete. Und dass sie hoffte, »diese Phase« möge bald vorübergehen. Doch das Gegenteil war der Fall: Andrea merkt, dass es ihr nicht mehr reicht, nur hin und wieder Damensachen zu tragen.

Eines Abends sitzt sie mit Karola am Küchentisch und hält den Druck nicht mehr aus. Sie erzählt Karola, dass sie sich innerlich als Frau fühlt. Dann legt sie die Hände vors Gesicht und beginnt zu weinen. Schleusen öffnen sich, die lange geschlos­sen waren. Aus den Tiefen ihrer Seele entlädt sich eine Last. Doch Karola ist sich der Tragweite »seiner« Sätze immer noch nicht bewusst, will es vielleicht auch nicht wahrhaben und reagiert weiterhin erstaunlich ruhig und gelassen. Erst in den folgenden Wochen dringen »seine« Worte mehr und mehr zu ihr durch, und eine schwierige Zeit bricht für das Paar an. Es folgen heftige Auseinandersetzungen, in denen nun beide weinen und Karola mit dem Gedanken spielt, sich von An­drea zu trennen.




… und heute, fünf Jahre nach der OP, mit 60


Fotos: privat


Dem Paar hilft in dieser Situation, sich Zeit zu lassen und nichts zu übereilen. Irgendwann beruhigt sich alles, und die beiden einigen sich darauf, dass Andrea ihren Wunsch, eine Frau zu sein, zu Hause ausleben kann. Nur mitbekommen sollte es niemand. Dieser Prozess in kleinen Schritten hilft auch Karola dabei, sich an die neue Situation zu gewöhnen. Das Paar führt seit Jahren eine gute Ehe, liebt sich und möchte die Beziehung nicht aufgeben.

Das nun folgende Versteckspiel geht dennoch an die Substanz. Wenn Freunde oder Familie spontan vor der Tür stehen, muss sich Andrea innerhalb von Minuten wieder in einen Mann verwandeln. Das Paar merkt, dass es mit der Situation auf Dauer nicht klarkommen wird und weiht den Sohn und die beiden Töchter, später auch Freunde und Verwandte ein. Zu ihrer großen Erleichterung reagierte ihr gesamtes Umfeld offen und verständnisvoll. Keiner kehrte ihnen den Rücken.

Aber da gibt es noch die Arbeitskollegen. Nach einem Beratungsgespräch mit der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Harz klärt Andrea ihre Kollegen – rund 1200 an der Zahl – in einem offenen Brief über die Mitarbeiterzeitung auf. Dazu lässt sie sich mit einem Foto abbilden, das den »einstigen Wolfgang« nun als Frau zeigt. Die Information schlägt ein wie eine Bombe, und zwar im positiven Sinn. »Ich erhielt sehr viele E-Mails und Anrufe. Viele haben mich beglückwünscht und mir für meinen weiteren Weg alles Gute gewünscht. Andere haben einfach nur Fragen gehabt oder das Gespräch gesucht. Nicht eine negative Reaktion war dabei«, sagt Andrea Süßenguth und lächelt.

Seit 2011 lebt »Wolfgang« nun als Andrea. Den Bartwuchs ließ sie sich mithilfe einer speziellen Technik behandeln. Sie hat die Männerkleidung weggeworfen und trägt gern Röcke und schwarze Strumpfhosen. Sie lackiert sich die Nägel und legt gern ­Make-up auf. Nur die blonden langen Haare sind nicht echt, sondern eine ­Perücke. »Ich hatte als Mann schon fast eine Glatze, da wächst auch mit Hormonen nichts mehr nach«, sagt Andrea und lacht.

Um diese Hormone für die Angleichung zu bekommen, musste sie zunächst über mehrere Monate einen Psychotherapeuten aufsuchen. Grund: Nur mit einem Gutachten und der Diagnosestellung »transidentisch« dürfen Mediziner weitere Schritte in die Wege leiten. Bei Andrea sind es zuerst Estrogen-Tabletten, später ist es dann ein Gel zum Einreiben, um die Belastung für die inneren Organe zu verringern. Zusätzlich nimmt sie noch 14 Tage im Monat natürliches Progesteron.

Danach lässt sie ihr Geschlecht und ihren Vornamen ändern, was nur über ein Gericht möglich ist und wofür sie weitere zwei Gutachten benötigt.

Nach diesem Schritt beantragt An­drea die geschlechtsangleichende Operation bei der Krankenkasse und lässt diese 2012 vornehmen. Die Schmerzen dafür nimmt sie gern in Kauf. »Als Mann weiterleben zu müssen, hätte mich mehr gequält.«

Wenn Andrea heute auf die vergangenen Jahre zurückblickt, sagt sie, es hätte ihr geholfen, hätte sie schon deutlich früher etwas über Transsexualität gesehen oder gelesen. Aus diesem Grund schreibt sie einen Blog , um aufzuklären und anderen zu helfen. »Transsexualität ist kein Fetisch und ist auch nicht der Rotlicht-Szene zuzuordnen. Ein betroffener Mensch ist einfach nur im falschen Körper geboren. Es hat auch nichts mit der sexuellen Orientierung zu tun. Wenn das in den Köpfen der Menschen ankäme, wäre schon viel gewonnen«, sagt Andrea, die heute froh darüber ist, diesen mutigen Schritt gewagt zu haben. /


Blog

Unter http://mein-wahres-leben.blogspot.de informiert Andrea über ihren Weg.



Beitrag erschienen in Ausgabe 03/2018

 

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