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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Riechstörungen

Sinnesausfall mit Folgen


Von Carina Steyer / Gerüche beeinflussen unsere Gemütslage, entscheiden was wir essen und mit wem wir interagieren. Fällt der Geruchssinn aus, beeinträchtigt das die Lebensqualität der Betroffenen nachhaltig.

 

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Riechen funktioniert rund um die Uhr und liefert – zum Teil unbewusst – wichtige Informationen. Ist die Nah­rung­ verträglich, ein potenzieller Partner in der Nähe, droht Gefahr durch Feuer oder Gas? Über Gerüche können wir die Gefühlslage anderer Menschen wahrnehmen, sie beeinflussen unser Sozialverhalten und spielen eine wichtige Rolle in der Mutter­-Kind-Bindung. Doch trotz seiner­ enormen Bedeutung wird der Geruchs­sinn von den meisten Menschen unterschätzt. Wie wichtig er ist, bemerkt man erst, wenn er nicht mehr richtig funktioniert.

Riechstörungen sind in der Be­völkerung weitverbreitet. Schätzungen zufolge leben 20 Prozent der Deutschen mit einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Einschränkung des Geruchssinns. Mediziner bezeichnen diesen Zustand als Hyposmie. Kann ein Mensch gar nichts mehr riechen­, leidet er an einer­ Anosmie. Experten­ gehen davon aus, dass dies auf etwa 5 Prozent der Bevölkerung zutrifft. Neben dem Verlust der Riechfähigkeit kann es auch zu einer ver­änderten Wahrnehmung von Ge­rüchen kommen (siehe Kasten).




Foto: iStock/Neustockimages


Verlust an Lebensqualität

Wie belastend eine Riechstörung wahrgenommen wird, ist unterschiedlich. Während­ viele Betroffene sich mit der Situation arrangieren, erlebt etwa ein Drittel die Riechstörung als enorme Einschränkung ihrer Lebensqualität. Etwa mit Freude essen und trinken: Das können vor allem Anosmiker kaum noch.

Um Aromen von Speisen und Getränken wahrzunehmen, benötigen wir das retronasale Riechen (Riechen beim Ausatmen), das mit der Riechstörung meist wegfällt. Viele Patienten mit Geruchsverlust leiden unter Appetitlosigkeit und Gewichtsabnahme, aber auch das Gegenteil kann der Fall sein. Um etwas zu schmecken, übersüßen Betroffene­ ihre Speisen und essen dadurch­ sehr kalorienreich. Mit dem Wegfall des Geruchssinns fehlt außerdem eine wichtige Warnfunktion im Alltag. Betroffene bemerken zum Beispiel nicht, wenn sie verdorbene Speisen­ essen oder nehmen nicht wahr, wenn Gas austritt.

Hilfestellung bietet unter anderem die Arbeitsgemeinschaft Olfaktologie und Gustologie der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heil­kunde­, Kopf- und Hals-Chirurgie. Experten haben­ hier praktische Hinweise zusammengestellt, die den Umgang mit einer Riechstörung erleichtern. So wird etwa empfohlen, die Freude am Essen durch die Stimulation des Fühlsinns im Mund-Rachenraum zu er­halten. Dies kann durch Konsistenz, Temperatur und Schärfe der Speisen geschehen. Beim Kochen und Backen kann eine Waage helfen, die richtige Gewürz- und Süßungs­menge zu bestimmen. Zur Sicher­heit empfehlen die Experten, auf Lebensmitteln das Kaufdatum zu vermerken­ und es ebenso wie das Verfalldatum vor dem Verzehr zu kon­trollieren. Vorsichtig sollten Betroffene im Umgang mit offenem Feuer­ und beim Kochen sein. Rauch- und Gas­melder informieren über drohende­ Gefahren, eine Eieruhr beim Kochen schützt vor einem­ Anbrennen der Speisen.

Auch im Bereich der Hygiene treten schnell Unsicherheiten auf, wenn man den eigenen Körpergeruch nicht wahrnehmen kann. Um etwa übertriebene Hygienemaßnahmen oder sozialen Rückzug zu vermeiden, empfehlen die HNO-Ärzte Zeitpläne für die Körper­pflege, den Wäschewechsel, die Toilettenreinigung oder das Lüften zu erstellen.

Nicht ausgeglichen werden kann die Tatsache, dass Gerüche und Gefühle eng miteinander verknüpft sind. Fehlt der Geruchssinn, ist die Wahrscheinlichkeit für Depressionen deutlich erhöht­. Umgekehrt finden sich bei Menschen mit Depressionen häufig Einschränk­ungen in der Geruchs­wahrnehmung und -ver­arbeitung.

Die Ursachen für Riechstörungen sind vielfältig. Völlig natürlich ist ein zu­nehmender Verlust des Geruch­sinnes im Alter. So ist in der Gruppe der 65- bis 80-Jährigen jeder Zweite von einer Hypos­mie betroffen, bei den Über-80-Jährigen mehr als 70 Prozent. Darüberhinaus gibt es zahlreiche Er­krankungen, die eine Riechstörung verursachen können. Mediziner unterteilen sie nach ihrem Entstehungsort in sinunasale und nicht- sinunasale Ursachen.

Eine sinunasale Riechstörung hat ihren­ Ursprung in der Nase oder den Nasennebenhöhlen. Häufig stecken chronische Infektionen, Allergien oder Verlegungen des Duftstofftransports durch anatomische Veränderungen wie Polypen oder eine Verkrümmung der Nasenscheidewand dahinter. Der Riechverlust entwickelt sich schleichend über Monate oder Jahre hinweg.

Nicht-sinunasale Riechstörungen resultieren in den meisten Fällen aus einer Schädigung des olfaktorischen Systems. Das kann durch eine virale Infektion der oberen Atemwege, ein Schädel-Hirn-Trauma, durch eine Chemo­therapie oder toxische Einflüsse geschehen. Der Verlust des Geruchsinns kann auch das Frühsymptom einer­ neurodegenerativen Erkrankung wie Morbus Parkinson oder Alzheimer sein. Etwa vier bis sechs Jahre vor den eigentlichen Symptomen der Erkrankungen treten erste Riechstörungen auf. Patienten mit unklaren Störungen sollten daher nach der HNO-Diagnostik einen Neurologen aufsuchen.

Treten Riechstörungen bei Kindern auf, kann eine seltene Ursache wie eine genetische Erkrankung oder Fehl­bildung dahinterstecken. Eltern wird geraten, ihren Kinderarzt zu in­for­mieren. Etwa einem von 8000 Neu­geborenen fehlt der Geruchssinn von Geburt an. Mädchen sind häufiger betroffen als Jungen.


Veränderte Geruchs-Wahrnehmung

Parosmie:
Veränderte qualitative Wahr­nehmung von Gerüchen

Phantosmie:
Wahrnehmung von Gerüchen in Abwesenheit einer Duftquelle

Hyperosmie:
Überempfindlichkeit gegenüber Gerüchen

Olfaktorische Intoleranz:
Übersteigerte subjektive Empfindlichkeit gegenüber Duftstoffen bei normalem Geruchssinn


Umfassende Diagnose

Wer eine veränderte Geruchswahrnehmung bemerkt, sollte sich zunächst an einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt wenden. In der Regel beginnt dieser mit einer umfangreichen Anamnese, um den Verlauf zu erfassen und mögliche Auslöser zu identifizieren. 




Foto: Shutterstock/ pirtuss


Anschließend folgt eine Untersuchung der Nase, des Nasenrachenraums und der Riech­spalte. Eine bildgebende Diagnostik mit Computer- oder Magnetresonanztomografie gibt Aufschluss über sinu­nasale und angeborene Ursachen.

Getestet wird das Riechvermögen mit sogenannten Sniffin-Sticks. Diese ähneln Filzstiften, die beim Abnehmen der Stiftkappe verschiedene Duftstoffe freisetzen. Ermittelt wird, ab welcher Konzentration der Patient einen Geruch­ wahrnimmt und wie gut er Gerüche unterscheiden kann. Das retronasale Riechvermögen kann außerdem mit Schmeckpulvern getestet werden.

Therapie nach Ursache 

Ob eine Therapie notwendig ist, und wie erfolgsversprechend sie ist, hängt von der Ursache der Riechstörung ab. Menschliche Riechsinneszellen erneuern sich ständig, deshalb heilen viele Riechstörungen auch ohne Behandlung aus. So liegt die Spontanheilungsrate bei posttraumatischen Riechstörungen zwischen 10 und 20 Prozent. Bei post­viralen sind es sogar bis zu 60 Prozent.




Foto: Shutterstock/Ohhlanla


Erkrankungen der Nase oder Nasennebenhöhlen haben eine gute Prognose. Entzündungen werden mit Corticosteroiden oder Antibiotika behandelt. Anatomische Fehlstellungen, Polypen und Tumoren in der Nase oder den Nasen­nebenhöhlen können mit einem chirurgischen Eingriff korrigiert oder entfernt werden.

Für den Einsatz von Vitamin A, Zink und Estrogenen bei Riechstörungen gibt es keine wissenschaftliche Evidenz. Auch ob Akupunktur eine Ver­besserung bringt, ist umstritten. Bewährt haben sich in mehreren Studien dagegen sogenannte Riechtrainings. Dabei riecht der Betroffene zweimal täglich für jeweils­ zehn Sekunden an einem Zitronen-, Eukalyptus-, Nelken- und Rosenduft. Innerhalb von vier Monaten konnten viele Patienten so eine Ver­besserung ihrer Riechleistung erreichen. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 04/2018

 

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