Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Fasten

Auszeit vom Überfluss


Von Andrea Pütz / Heilfasten soll den Körper reinigen, geistig erfrischen und sich positiv auf verschiedene Erkrankungen auswirken. Welche Effekte eine Hungerkur wirklich hat und worauf man beim kontrollierten Verzicht achten sollte.

 

Anzeige

 

Der Verzicht auf Essen oder andere Genussmittel steht häufig im religiösen Kontext: Gerade befinden sich die Christen in der Fastenzeit. Sie fasten zwischen Aschermittwoch und Ostern, um es Jesus gleich­zutun, der der Bibel zufolge 40 Tage lang in der Wüste gefastet und gebetet hat. Im Islam gibt es den Fastenmonat Ramadan, der in diesem Jahr am 15. Mai beginnt. Zwischen Morgendämmerung und Sonnenuntergang dürfen Muslime dann keine Nahrung aufnehmen und auch nicht trinken.




Foto: iStock/PeopleImages



Neben der völligen Nahrungskarenz über eine festgelegte Zeitspanne verzichten viele Menschen während der Fastenzeit auch selektiv auf bestimmte Dinge: Fleisch, Alkohol, Süßigkeiten oder Rauchen, bis hin zum Social-Media-Konsum. Eine DAK-Studie aus dem vergangenen Jahr zeigt: Rund 60 Prozent der Deutschen üben sich in Verzicht. Bei der jüngeren Generation liegt vor allem das Online-Fasten im Trend.

Viele verbinden mit einer Fastenkur aber vor allem den kompletten oder teilweisen Verzicht auf feste Nahrung, der einen reinigenden Effekt auf Körper und Geist haben soll. Tatsächlich empfinden viele (Nahrungs-)Fastende nach einigen Tagen eine geistige Klarheit und Frische. Auch euphorische Hochgefühle können entstehen, durch die vermehrte Bildung von Endorphinen. Die körpereigenen Morphine werden in Notsituationen (etwa Kampf, Verletzungen, Nahrungsmangel) ausgeschüttet und wirken schmerzlindernd. Das und die Willensstärke, den Hunger zu überwinden, kann das Selbstvertrauen stärken und für die Zukunft motivieren. Das kann der Startschuss zu einer Änderung im Leben sein.

Auch auf bestimmte körperliche Beschwerden soll das Heilfasten positiv Einfluss nehmen. Das therapeutische Fasten zeigt Effekte bei vielen verschiedenen Erkrankungen, unter anderem bei Rheuma, Arthrose oder beim metabolischen Syndrom. Patienten sollten eine entsprechende Kur aber nur in Absprache mit ihrem Arzt durchführen oder diese noch besser in einer Fastenklinik mit Betreuung durchführen.

Der Darm als Ofenrohr

Der Arzt und Begründer des Heilfastens, Otto Buchinger, verglich den menschlichen Körper und besonders den Darm in den 1930er-Jahren mit einem Ofen. Soll er wieder besser »ziehen«, muss er ab und zu gründlich von seinen Schlacken gereinigt werden. Medizinisch ist der Vergleich des menschlichen Darms mit einem Ofenrohr nicht haltbar. Der Darminhalt wird durch mehrere Liter Verdauungssäfte zersetzt und von Muskeln permanent in Bewegung gehalten. Da der Dünndarm immerzu Zellen abstößt, können sich auf seiner Oberfläche keine Giftstoffe festsetzen. Das Abschilfern von Schleimhautzellen ist ein natürlicher Vorgang, der bei einer gesunden, vollwertigen Ernährung und ausreichender Flüssigkeitszufuhr von etwa 1,5 bis 2 Litern pro Tag optimal funktioniert. So wird Tag für Tag alles aussortiert, was nicht hi­neingehört – ohne externes Zutun. Eine Anhäufung von Schlacken und eine Ablagerung von Stoffwechselprodukten im Organismus, wie häufig auch im Zusammenhang mit dem Mode-Begriff »Detox« propagiert, ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Die Arbeit von Nieren und Leber reicht in der Regel aus, um mit den normalen Belastungen des Alltags fertigzuwerden.

Das Fasten soll bei vielen auch den Weg zu einem gesunden Körpergewicht ebnen. Natürlich purzeln beim Heilfasten nach Buchinger mit Kräutertee, Gemüse- und Obstsaftkuren oder beim Molkefasten zuerst einmal die Pfunde. Es ist eine einfache Gleichung, die immer gilt: Es werden weniger Kalorien aufgenommen als verbraucht. Für einen langfristigen Abnehmerfolg ist das Fasten allerdings kaum geeignet. Denn der Organismus setzt den Nahrungsentzug mit einer Notsituation gleich, er schaltet auf Sparbetrieb und damit in den Hungerstoffwechsel. Der Körper schüttet das Hormon Glucagon aus, das die Freisetzung von Glucose aus den Glykogenspeichern in Leber und Muskeln fördert. Sind die Speicher aufgebraucht, geht der Körper an die Fettreserven

Risiko Muskelabbau




Frischekur: Beim Saftfasten sollen Obst- und Gemüsesäfte den Körper reinigen.

Foto: Shutterstock/Anna Hoychuk


Immer wieder ist zu lesen, dass beim Fasten auch Muskeln abgebaut werden, denn diese weisen den höchsten Energieverbrauch auf. Für eine langfristige Gewichtsreduktion ist Muskelabbau jedoch nicht von Vorteil. Nach der Fastenkur fehlt Muskelmasse als wichtiger Verbrennungsmotor. Wer dann wieder normal isst, legt schnell an Gewicht zu.

Experten betonen jedoch, dass der Muskelabbau beim Fasten unter Anleitung und vor allem mit begleitendem Bewegungsprogramm für Gesunde unbedenklich ist. Selbst ein Zuwachs an Muskelkraft und eine Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit seien bei Ausdauertraining während des Fastens möglich, schreibt etwa die Ärztegesellschaft Heilfasten und Ernährung.

Wer fastet, sollte sich also möglichst viel bewegen. Leichtes Ausdauertraining wie Walken oder Schwimmen ist dafür gut geeignet. Für intensive sportliche Belastung und Krafttraining fehlt während des Fastens möglicherweise die Energie – und es besteht die Gefahr einer Unterzuckerung. Eine beliebte Aktivität während der Fastenzeit ist auch sanftes, begleitetes Fastenwandern, das zusätzlich Entspannung bringt.

In der heutigen Überflussgesellschaft finden sich bei vielen Menschen Fettablagerungen an Organen, etwa in der Leber oder der Bauchspeicheldrüse. Das kann die Energieaufnahme in die Zelle und das natürliche Zell-Recycling stören. Insulinresistenz und eine gestörte Autophagie können die Folge sein. Autophagie bedeutet »sich selbst essend«. Dieser Vorgang wirkt Alterung und Stress entgegen und hilft beispielsweise, Hunger zu überleben. Die Autophagie spielt eine Rolle bei vielen Krankheiten, etwa bei Infektionskrankheiten und Entzündungen sowie bei Krebs und neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson. Für die Erforschung des Autophagie-Mechanismus hat der Japaner Yoshinori Ohsumi 2016 den Medizin-Nobelpreis erhalten.

Greift der Körper beim Fasten Fettreserven an, entstehen Ketonkörper. Damit beginnt er, Energievorräte aus alten, geschädigten oder überflüssigen Zellbestandteilen wiederzuverwerten. Tagelanges Kasteien ist dafür gar nicht nötig. Nach aktuellem Forschungsstand können Autophagie-Prozesse bereits durch Intervallfasten angekurbelt werden.


Körpergeruch

Beim Fasten stellt der Körper auf den Hungerstoffwechsel um. Dabei bilden­ sich Ketosäuren wie die Acetessigsäure, die unter anderem zu deutlichem Mund- und Körpergeruch nach Aceton führen können. Dies wird von vielen Fastenden fälsch­licherweise als Reinigung be­ziehungsweise Ausscheiden von Schadstoffen gewertet. Der Körper produziert jedoch einfach mehr Säuren als sonst. Das beschleunigte Ausatmen beim Sport sowie das Trinken von Kräutertees und Obst- und Gemüse­säften kann eine solche­ latente­ Übersäuerung ab­puffern. Wer möchte, kann auch eventuell mit einem (ungesüßten) Basenmittel die körpereigenen Puffer­systeme unterstützen. Eine Mischung aus Mineralstoffcitraten (wie Kalium, Magne­sium, Calcium) ist empfehlenswert.


Kurze Fasten-Intervalle

Bereits kurze Fastenzeiten tun dem Körper gut, denn er lernt wieder, gespeicherte Energiereserven zu mobilisieren. Auf dieses intermittierende (von lat. intermittere = unterbrechen, aussetzen) Fasten ist er genetisch programmiert. Dies soll unter anderem den Zucker- und Fettstoffwechsel verbessern. Muskelmasse wird bei kurzen Fastenintervallen nicht abgebaut , und es kommt auch nicht zum Jo-Jo-Effekt.

Bei der 5:2-Methode wird an fünf Tagen­ wie gewohnt gegessen, ohne Kalorienzählen. Natürlich sollte aber eine ausgewogene, gesunde Ernährung im Fokus stehen. Frauen reduzieren dann an zwei Tagen pro Woche ihre Nahrung auf 500, Männer auf 600 Kilo­kalorien pro Tag. Kohlenhydrate sind an den Fastentagen tabu. Am günstigsten sind dafür die Tage, an denen ausreichend Zeit für Ruhephasen vorhanden ist. Viel Wasser und ungesüßter Tee füllen­ die Hungerlöcher, in Maßen auch schwarzer Kaffee. Wer keine ganzen Tage fasten möchte, kann auch längere Essenspausen einbauen. So isst man bei der 8:16-Methode etwa nach 17 Uhr nichts mehr und startet am nächsten Morgen wieder um 9 Uhr mit dem Frühstück – eine übersichtliche Hungerstrecke von 16 Stunden. Viele Inter­vallfastende freuen sich zudem über eine bessere Schlafqualität, denn die Verdauung hat es nachts nicht mehr so schwer.

Laut Studien soll Intervallfasten nicht nur beim Abnehmen helfen, sondern auch vor Typ-2-Diabetes schützen. Weitere Studien untersuchen derzeit die Wirkung auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen und neurologische Krankheiten wie Multiple Sklerose. So soll Intervallfasten die Produktion des Nervenwachstumsfaktors BDNF (Brain-derived neurotrophic factor) steigern können – als Schutz vor beispielsweise Demenz. Wer das Intervallfasten dauerhaft umsetzen möchte, der sollte dies aber mit seinem Arzt besprechen. Bei bestimmten Erkrankungen und Beschwerden (etwa bei niedrigem Blutdruck) ist die Methode nicht geeignet.

Auch eine Fastenkur ist nicht für jeden geeignet. Neben Kindern, Schwangeren und Stillenden sollten auch Personen nicht fasten, die an einer Essstörung wie Anorexia nervosa leiden. Fasten erhöht zudem bei Patienten mit Hyperuri­kämie das Risiko eines akuten Gicht­anfalls. Es kann darüber hinaus zu Nieren­steinen, Kreislaufstörungen, Schwindel, Schweißausbrüchen, Herzrhythmusstörungen und Blutdruck­abfall führen und die Wirkung von Medika­menten beeinflussen.

Gut geplant

Wer eine Fastenkur machen möchte, sollte dies (vor allem bei Vor­erkrankungen) mit dem Arzt be­sprechen und zuerst seinen Gesundheitszustand untersuchen lassen. Die Fastenkur selbst sollte ent­weder unter ärztlicher Kon­trolle zu Hause oder in einer Fastenklinik stattfinden. Interessierte können sich auf der Homepage der Ärztegesellschaft Heilfasten und Ernährung (www.aerztegesellschaft-heilfasten.de) über Therapiezentren, Verfahren, Indikationen und Kontra­indikationen informieren. Sinnvollerweise wählen Fastende eine Einrichtung, in der sie auch durch Bewegungs- und Entspannungsein­heiten durch Massagen und/oder Sauna für ein paar Tage die alltägliche Hektik vergessen können. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 04/2018

 

Das könnte Sie auch interessieren

 


© 2018 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=11525