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BERATUNGSPRAXIS

Schlafstörungen

Den Schlaf nicht belasten


Von Brigitte M. Gensthaler, Schladming / Gar nicht schlafen zu können, ist lebensbedrohlich. Diese Störung ist allerdings selten. Meistens klagen Patienten über zu wenig, unterbrochenen oder nicht erholsamen Schlaf und Müdigkeit am Tag. Schlafmittel sind keine gute Lösung. Was kann die Apotheke empfehlen?

 

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Der DAK-Gesundheitsreport hat es 2017 gezeigt: Knapp ein Drittel der rund 3000 befragten Berufstätigen schläft mehr als zwei Nächte pro Woche schlecht. Ein Viertel hat ein- bis zweimal pro Woche Schlafprobleme, und mehr als 40 Prozent fühlen sich oft oder immer müde. Vor allem Menschen mit geringer be­ruflicher Qualifikation, unsicherer Po­sition, vielen Über­stunden und Nachtschichten hätten über Schlafstörungen geklagt, be­richtete Professor Dr. Hans Förstl vom Klinikum rechts der Isar der TU München beim diesjährigen Fort­bildungskongress Pharmacon in Schladming. Auch Berufstätige, die über moderne­ Medien ständig erreichbar sind, schliefen oft schlecht.




Foto: iStock/KatarzynaBialasiewicz


Dass Menschen über Schlaf­probleme klagen, liegt oft auch an un­realistischen Erwartungen. Jüngere Menschen brauchen etwa sechs bis acht Stunden Schlaf, Ältere weniger. »Das individuelle Schlafbedürfnis lässt im Alter nach, und das muss man den Patienten immer wieder erklären«, betonte­ der Psychiater. Studien mit Naturvölkern hätten ergeben, dass diese durchschnittlich 5,7 bis 7,1 Stunden schlafen.

Wenn Menschen Probleme mit dem Ein- und/oder Durchschlafen haben und dies ihre Leistungsfähigkeit am Tag vermindert, sprechen Experten von Insomnie. In der S3-Leitlinie »Nicht erhol­samer Schlaf/Schlafstörungen« der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (Stand 2017; www.dgsm.de) wird Tages­schläfrigkeit als weiteres Leitsymptom an­gegeben. Dies sind verminderte Wachheit und Daueraufmerksamkeit sowie ein Einschlafdrang am Tag in­folge des nicht erholsamen Schlafs. Die Schlafstörungen treten wenigstens dreimal pro Woche über einen Zeitraum von einem­ Monat auf.

In Industrieländern leiden etwa 10 Prozent der Erwachsenen an Insomnie. Die Schlafstörung ist nicht nur lästig­, sondern erhöht auch das Risiko für Depression, Herz-Kreislauf-Er­krankungen, Bluthochdruck und Diabetes.

Aufklärung an erster Stelle

An erster Stelle der Therapie stehen nicht-medikamentöse Maßnahmen wie ausführliche Beratung (»Psychoedukation«) und Aufklärung zur Schlafhygiene. Dazu gehören zum Beispiel eine angenehme Atmosphäre, kühle frische Luft und Dunkelheit im Schlafzimmer sowie angenehme Bett­geh-­Rituale. Oft hilft es schon, wenn Betroff­ene nach dem Mittagessen keine­ Koffein-haltigen Getränke (Kaffee, Tee, Cola) mehr trinken, abends keine­ schweren Mahlzeiten essen, Alkohol­ weitgehend meiden und diesen­ keinesfalls als Schlafmittel einsetzen­. Regelmäßige körperliche Aktiv­ität und eine allmähliche Ver­rin­gerung geistiger und körperlicher Anstrengung vor dem Zubett­gehen ist ebenfalls empfehlenswert. In der Leitlinie­ wird eine kognitive Verhaltens­therapie nachdrücklich empfohlen.

Manche Menschen hätten eine richtige­ Schlafneurose, die zu durch­brechen sei, sagte Förstl. Den Schlafdruck könne der Patient erhöhen, indem­ er konsequent auf das Mittagsschläfchen verzichtet und nachts aufsteht, sobald er längere Zeit wachliegt. »Das Bett ist nur zum Schlafen da, nicht zum Schafezählen und nicht zum Ärgern«, betonte der Psychiater.

Auch viele körperliche Erkrankungen und Medikamente können den Schlaf belasten (siehe Tabelle). Apo­theker und PTA können Patienten, die schlafstö­rende Arzneimittel einnehmen, em­pfehlen, mit ihrem Arzt da­rüber zu sprechen. Menschen mit psychia­trischen Krankheiten wie Angst­erkrankungen oder Schizophrenie und mit nächtlichen Bewegungs­störungen wie Rest­less-legs-Syndrom leiden häufig an Schlafstörungen. Eine Behandlung der Grundkrankheit kann auch die Nachtruhe erleich­tern.

Zurückhaltung gefordert

Kritisch äußerte sich Förstl über Schlafmittel. Für nicht-verschreibungspflichtige sedierende Antihistaminika wie Doxylamin und Diphenhydramin sowie für pflanzliche und homöopathische Mittel sei die wissenschaftliche Datenlage unzureichend. Phytopharmaka seien aber »gute Hilfen zum Schlafen«, wenn sie in der Apotheke mit ein­fühl­samer fachlicher Beratung abge­geben werden. »Sie sind gute The­rapeuten, wenn Sie überzeugt sind von Ihrer Arbeit­ und den Präparaten«, sagte er zum Auditorium in Schladming.

Ärztlich verordnet werden meist Z-Substanzen wie Zolpidem, Zaleplon und Zopiclon oder Benzodiazepine. Zur Kurzzeittherapie über maximal vier Wochen­ können diese Substanzen laut Leitlinie effektiv gegen Insomnie ein­gesetzt werden. Bei längerer Einnahme lasse jedoch die Wirksamkeit nach und die Gefahr einer Abhängigkeit steige. Zu­ beachten sind immer mögliche gravie­rende Nebenwirkungen wie nächtliche Verwirrtheit und Sturz­gefahr oder verminderte Fahrtauglichkeit.

Förstl mahnte zu »extremer Zurückhaltung« gegenüber Hypnotika. Da sie die tiefen Non-REM- und REM-Schlafphasen reduzieren, stören sie die Schlafarchitektur und führen somit zu einem nicht-natürlichen Schlaf. »Zudem­ verhindern sie die nächtliche Reinig­ung des Gehirns über das so­genannte Glymph-System«, erklärte der Arzt. Dieses Lymph-ähnliche System­, das erst seit wenigen Jahren bekannt ist, sorge für den Abtransport schäd­licher Abfallstoffe, zum Beispiel von Amyloid, aus dem Gehirn.

Eine Reduktion oder ein Entzug von Benzodiazepinen ist mühsam, lohnt sich laut Förstl aber in jedem Alter und auch bei demenziell erkrankten Menschen. »Manche Patienten sind gar nicht mehr so dement, wenn die Benzo­diazepine reduziert wurden.«

Alternative Substanzen

Vielfach eingesetzt werden auch sedier­ende­ Antidepressiva wie Trazodon, Trimipramin und Doxepin, die jedoch­ individuell dosiert werden müssen­. Förstl nannte das sedierend wirksame Antidepressivum Mirtazapin, das in niedriger Dosis bei Insomnie helfen könne und keine Abhängigkeit auslöse. Gut wirksam und relativ neben­wirkungsarm sei auch das atypische­ Neuroleptikum Quetiapin.




Unruhige Nacht: Berufstätige mit unsicherer Position, vielen Überstunden und Nachtschichten leiden häufig unter Schlafstörungen.

Foto: Shutterstock/Photographee.eu


Heutzutage werden vor allem ältere Menschen und demente Patienten mit Verhaltensstörungen zunehmend mit Substanzen wie Risperidon, Haloperidol, Quetiapin oder Olanzapin be­handelt. Die Autoren der Leitlinie sehen dies kritisch, da die Sterblichkeitsrate dieser Patienten unter den Antipsy­chotika deutlich ansteigt.

Zu nennen ist noch das natürlich vorkommende Hormon Melatonin, das von der Zirbeldrüse freigesetzt wird. Es ist beteiligt an der Steuerung des zirkadianen­ Rhythmus und der Synchroni­sation der inneren Uhr mit dem Tag-Nacht-Zyklus. Seit 2007 ist ein Mela­tonin-Präparat mit verzögerter Freisetzung zur kurzzeitigen Behandlung von Schlafstörungen zugelassen, das der Arzt Patienten über 55 Jahren verordnen kann.

Neue Schlafmittel bewertete Förstl ebenfalls zurückhaltend. In der US-amerikanischen Leitlinie zur Pharmakotherapie von Ein- und Durch­schlafstörungen sind beispielsweise Melatonin und Ramelteon sowie der Orexin-Antagonist Suvorexant aufgeführt. Mögliche Nebenwirkungen sind Geschmacks- und Verhaltens­störungen sowie eine Verschlechterung einer depressiven Stimmungslage. Kompli­kationen wie Schlafwandeln und »Schlaffahren« werden durch Benzo­diazepine und Zolpidem, aber mög­licherweise auch durch Melatonin-­Agonisten und Orexin-Antagonisten begünstigt. Letztere könnten in den Schlaf hin­ein- und ausleitende (hypnagoge und hypnopompe) Halluzinationen ähnlich einer­ Narkolepsie auslösen.

Das Resumée des erfahrenden Psychiaters: »Wir dürfen den Schlaf nicht zusätzlich belasten durch störende Medikamente und durch Schlafmittel, die abhängig machen. Wir müssen aufklären über den schwierigen Umgang mit Schlaf­störungen.« Dazu kann die Apotheke erheblich beitragen. /


Erkrankungen und Medikamente als mögliche Auslöser von Schlafstörungen (nach Förstl)

Auslöser Beispiele 
Krankheiten chronische Schmerzen, Kopfschmerzen, starker Juckreiz, Polyneuropathien, neurologische Erkrankungen wie Epilepsie, Schlaganfall, Multiple Sklerose, chronische Nieren- und Magen-Darm-Erkrankungen, Tumoren 
Arzneimittel Opioide, Antidementiva, Betablocker, Asthmamittel (Beta-Sympathomimetika, Theophyllin), Diuretika, Antibiotika (Gyrasehemmer), Endokrinologika (L-Thyroxin, Corticosteroide), 
Stimulanzien, Suchtmittel Koffein, Kokain, Amphetamine, Ectasy, Nikotin, Alkohol 


Beitrag erschienen in Ausgabe 04/2018

 

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