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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Elektromyostimulation

Muskeln unter Strom


Von Carina Steyer / Zeiteffizient, individualisierbar, effektiv – mit diesen und ähnlichen Schlagwörtern bewerben zahlreiche Fitnessstudios die neue Trendsportart Ganzkörper-Elektro­myo­stimulation. Was für Laien vielversprechend klingt, spaltet Experten in zwei Lager.

 

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Die Ganzkörper-Elektromyostimulation (auch Ganzkörper-Elektromuskelstimulation, kurz WB-EMS) ist ein neuer Fitnesstrend, der immer mehr Fitness­studios erobert. Statt selbstständig Gewichte zu heben, werden die Muskeln durch das Anlegen niederfrequenter Spannung aktiviert. Und das ­äußerst effektiv: Ein vollständiges Workout dauert lediglich 20 Minuten. In dieser Zeit werden alle Muskeln vom Oberkörper über die Arme bis hin zu den Beinen gleichzeitig trainiert.




EMS kann Nebenwirkungen mit sich bringen, deren Relevanz von Experten unterschiedlich eingeschätzt wird.

Foto: Fotolia/contrastwerkstatt



Für das Training schlüpft der Sportler in eine spezielle, saugfähige Unterkleidung, die aus enganliegenden Shorts und T-Shirt besteht und mit Wasser befeuchtet wird. Darüber kommt eine Weste mit darin eingearbeiteten Elektroden. Arme, Beine und Gesäß werden durch separate Klettverschlusspads mit Strom versorgt. Ein ­Kabel verbindet die Trainingskleidung mit dem Steuergerät für den Strom. Während der Sportler einfache Übungen zur Muskelanspannung ausführt, wie Kniebeugen, Sit-ups und ähnliches, schaltet der Trainer den Strom zu. Die Anspannung wird vier Sekunden lang gehalten, anschließend folgt eine Pause von ebenfalls vier Sekunden. Der Stromimpuls verstärkt die Muskelkontraktion derart, dass mit dem Training auch tiefere Muskelfasern erreicht werden. Auf diese Weise baut sich Muskulatur in deutlich kürzerer Zeit auf, verglichen mit herkömmlichen Kraft­training.

Altbekannte Technik

Physiotherapeuten kennen und nutzen die Elektromyostimulation bereits seit vielen Jahren. Sie ist Bestandteil der Elektrotherapie, mit der Muskeln und Gelenke behandelt werden, um einzelne Muskeln nach einer OP oder längerer Bettlägerigkeit wieder aufzubauen, Schmerzen zu lindern oder die Durchblutung zu verbessern. Welche Stromart und Frequenz zum Einsatz kommen, hängt von der Indikation ab. So wird Gleichstrom hauptsächlich verwendet, um Schmerzen zu lindern. Hochfrequenztherapien produzieren Wärme in unterschiedlichen Gewebeschichten. Nieder- und Mittelfrequenztherapien werden immer dann eingesetzt, wenn Nerven oder Muskeln lokal begrenzt stimuliert oder aufgebaut werden sollen.

Der Trend, die Elektromyostimulation als Ganzkörpertraining einzusetzen, hat sich erst in den vergangenen Jahren entwickelt. Vor allem durch die Zeitersparnis gegenüber anderen Trainingsformen spricht die WB-EMS eine breite Zielgruppe an. Die Nachfrage ist groß, und viele Sportler sind mit dem Training sehr zufrieden. Gleichzeitig wird allerdings auch immer wieder von ­negativen und gesundheitsgefährdenden Zwischenfällen berichtet.




Ein WB-EMS- Training darf niemals allein durchgeführt werden.

Foto: iStock/kanzefar


In der Fachwelt ist die Meinung über die Sinnhaftigkeit des WB-EMS Trainings für Hobbysportler gespalten. Die Deutsche Gesellschaft für klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung hat Anfang des Jahres in einer Pressemitteilung vom Einsatz des WB-EMS-Trainings im Breitensport abgeraten. »Das EMS-Training ist nicht geeignet, um bequem und ohne Anstrengung in Form zu kommen, denn der Trainingseffekt ist nicht bewiesen und bei falscher Anwendung ist die Methode sogar riskant«, sagt Professor Dr. med. Stefan Knecht, Chefarzt der Klinik für Neurologie, St. Mauritius Therapie­klinik Meerbusch, und Pressesprecher der DGKN.

Sorge bereitet den Experten der DGKN vor allem das Enzym Creatin-­Kinase (CK). Es versorgt die Muskeln mit Energie und wird bei intensivem Krafttraining verstärkt ausgeschüttet. Laut einer Studie der Sporthochschule Köln sei der CK-Anstieg bei einem WB-EMS Training 18-mal höher als bei einem herkömmlichen Training. »Diese Extremwerte können in Einzelfällen die Nieren schädigen«, so die DGKN.

Sportwissenschaftler hingegen schätzen den Einsatz der WB-EMS im Breitensport wesentlich positiver ein. In einer Stellungnahme zur Pressemitteilung der DGKN widerspricht Professor Dr. Christoph Eifler von der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement der Aussage, dass die Trainingseffekte des WB-EMS Trainings nicht nachgewiesen seien. Die Steigerung der motorischen Leistungsfähigkeit, der gesundheits­positiven Veränderungen der Körperkomposition sowie weitere gesundheitsprotektive Wirkungen seien bereits durch Studien der Deutschen Sporthochschule Köln, der Medizinischen Fakultät der Universität Erlangen und des Arbeitsbereichs Trainings- und Bewegungswissenschaft der Technischen Universität Kaiserslautern nachgewiesen worden. Auch die erhöhte Ausschüttung der CK relativiert Eifler. Sie würde lediglich belegen, dass ein unsachgemäßes, übertrieben intensives und nicht zur Zielgruppe passendes WB-EMS Training schädlich sein kann. Das sei aber kein Alleinstellungsmerkmal des WB-EMS-Trainings, sondern könne durch jedes Kraft- und Ausdauertraining provoziert werden.

Richtig trainieren

In einem Punkt sind sich alle Experten einig: WB-EMS-Training gehört in erfah­rene Hände. Aus diesem Grund haben Sportwissenschaftler der Universitäten Köln, Kaiserslautern und ­Erlangen bereits 2016 Handlungsleitlinien für ein sicheres und effektives WB-EMS-Training entwickelt (siehe Kasten). Laut den Autoren sind nach derzeitigem Kenntnisstand keine negativen Folgen durch ein WB-EMS-Training zu erwarten, wenn sich Sportler, Trainer und Gerätehersteller an die im Kasten aufgeführten Punkte halten. /


Sicher trainieren – Handlungsleitlinien WB-EMS

Ein WB-EMS Training darf niemals allein, sondern immer nur in Begleitung eines erfahrenen Trainers durchgeführt werden. Der Laie erkennt ihn daran, dass er eine EMS-Ausbildung absolviert hat und eine entsprechende Lizensierung vorweisen kann. Zudem ist WB-EMS kein Gruppentraining. Die optimale Trainingssituation besteht aus maximal zwei Sportlern und einem Trainer.

Während des Trainings sollte sich der Trainer ausschließlich um den Sportler kümmern. Vor, während und nach dem Training muss der Zustand des Trainierenden verbal und per Augenschein überprüft werden, um gesundheitliche Risiken auszuschließen und ein effektives Training zu gewährleisten. Das Steuergerät muss für den Trainer und den Sportler jederzeit schnell und einfach zu erreichen und zu bedienen sein.

Vor dem ersten Training muss der Gesundheitszustand des Trainingswilligen überprüft werden. Herz-Kreislauferkrankungen, Rheuma und andere entzündliche Autoimmunerkrankungen gelten als Kontraindikationen. Nach erschöpfender Vorbelastung oder bei fiebrigen Infekten sollte von einem WB-EMS-Training abgeraten werden. Auch der Konsum von Alkohol und Drogen gilt als Ausschlussgrund für ein WB-EMS-Training.

In der ersten Trainingseinheit darf, unabhängig vom körperlichen Zustand und der Sporterfahrung des Trainierenden, keine Ausbelastung stattfinden. Die Stromreizhöhe muss von Trainingseinheit zu Trainingseinheit langsam gesteigert werden und sollte frühestens nach acht bis zehn Wochen die höchste Ausprägung erreichen.

Die Trainingszeit sollte zunächst reduziert und dann langsam auf 20 Minu­ten gesteigert werden. Diese gelten gleichzeitig als maximale Trainingszeit, die nicht überschritten werden darf. In den ersten acht bis zehn Wochen benötigt der Körper zwischen zwei Trainingseinheiten eine Regenerationszeit von einer Woche. Später sollten mindestens vier Tage zwischen zwei Trainingseinheiten liegen.

Die metabolische Belastung des Organismus ist durch das Training ausgesprochen hoch. Vor dem Training muss deshalb ausreichend und möglichst kohlenhydratreich gegessen werden. Sollte dies nicht möglich sein, kann etwa zwei Stunden vor dem Training ein kohlenhydratreicher Snack mit etwa 250 Kalorien verzehrt werden. Vor, während und nach dem Training sollten je 500 Milliliter Wasser getrunken werden, um einer möglichen Nierenbelastung entgegenzuwirken.

Quelle: Kemmler, W., Froehlich, M., von Stengel, S., Kleinöder, H., Whole-Body Electromyostimulation – The Need for Common Sense! Rationale and Guideline for a Safe and Effective Training. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin. 2016, 67:218-221.



Beitrag erschienen in Ausgabe 05/2018

 

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