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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Plötzlicher Herztod

Erst zum Arzt, dann zum Training


Von Michael van den Heuvel / Berichte über den tragischen Tod von Profifußballern oder Marathonläufern machen schnell die Runde. Wissenschaftler fanden heraus, dass Freizeitsportler ­weitaus stärker gefährdet sind. Sie sollten sich in regelmäßigen ­Abständen kardiologisch untersuchen lassen.

 

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Im Juni starb Cheick Tioté (30), ein Fußballer der Elfenbeinküste, am plötzlichen Herztod. Das gleiche Schicksal ­ereilte einen Teilnehmer des Köln-­Marathons Anfang Oktober. Solche Ereignisse schlagen in den Medien hohe Wellen, bleiben im Profilager aber eher eine Ausnahmeerscheinung, wie aktuelle Zahlen zeigen.




Männliche Freizeitsportler zwischen 40 und 70Jahren haben ein besonders hohes Risiko, an plötzlichem Herztod zu versterben.

Foto: iStock/ Robert Daly


In Deutschland sterben rund 900 Sportler jährlich am plötzlichen Herztod. Wissenschaftler geben an, dass weltweit pro 100 000 Sportler und Jahr 0,5 bis 2 Fälle auftreten.

Details kommen aus dem deutschen »Sudden Cardiac Death Register«, einer Datenbank, die auf Initiative des DFB-Mannschaftsarztes Professor Dr. Tim Meyer eingerichtet worden ist.

Forscher fanden heraus, dass sich 96 Prozent aller plötzlichen Todesfälle bei männlichen Freizeitsportlern zwischen 40 und 70 Jahren ereignen. Betroffene litten vor allem an der koronaren Herzkrankheit. Bei Personen unter 35 Jahren fanden Ärzte vor allem hypertrophe Kardiomyopathien, arrhythmogene rechtsventrikuläre Kardiomyopathien (ARVC), eine Myokarditis oder fehlerhafte Koronararterien. Über alle Ereignisse gemittelt, waren Fußballspielen, Joggen und Fahrradfahren besonders riskant. Nur 12 Prozent aller Betroffenen hatten vor dem plötzlichen Herztod Beschwerden. Unentdeckte Grunderkrankungen sind nicht nur bei Sportlern, sondern bei der gesamten Bevölkerung ein Problem.

Ab dem 35. Lebensjahr leiden Patienten immer häufiger an der koronaren Herzkrankheit. Durch falschen Lebensstil und/oder durch genetische Risiken entwickelt sich Arteriosklerose. Dabei verändert sich die Gefäßinnenwand von Arterien. Ablagerungen aus Fetten, Kohlenhydraten, Calcium und weiteren Blutbestandteilen verengen die Blutgefäße. Verhärtungen der Gefäßwände gehen damit einher. Der Prozess verläuft schleichend ohne erkennbare Beschwerden über Jahre hinweg. Unter Belastung, später auch in Ruhe, verringert sich die Durchblutung des Herzmuskels. Gleichzeitig drohen Plaquerupturen. Ablagerungen werden oberfläch­lich zerstört, und Blutpfropfen (Thromben) entstehen. Sie lösen nicht selten Kammerflimmern sowie Herzinfarkte aus.

Keine Frage des Alters

Auch bei jüngeren Sportlern haben Ärzte nach einem plötzlichen Herztod in vielen Fällen die Todesursache ermittelt. Unter 35 Jahren stehen hypertrophe Kardiomyopathien mit 46 Prozent an der Spitze der Grunderkrankungen. Durch veränderte Proteine verdickt sich die Muskulatur der linken Herzkammer. Die linksseitige Auswurfbahn des Herzens wird enger, und der Herzmuskel versteift sich. Unter körperlicher Belastung treten verstärkt Herzrhythmusstörungen auf. Deshalb warnen Kardiologen vor Sportarten wie Fußball, bei denen in kurzer Zeit eine maximale Belastung des Herzens eintreten kann. Ansonsten ist körperliche Belastung möglich. Die Erkrankung ist erblich, jeder 500. Mensch hat entsprechende Gendefekte. Sollten in der nahen Verwandtschaft bereits Personen am plötzlichen Herztod verstorben sein, ist die Wahrscheinlichkeit erhöht. Zur Behandlung werden Betablocker oder Calciumantagonisten verordnet.

Nach Kardiomyopathie folgen angeborene Koronaranomalien als mögliche Auslöser eines plötzlichen Herztodes. Etwa 17 Prozent aller Fälle stehen mit dieser Erkrankung in Zusammenhang. Meist handelt es sich um Koronarfisteln. Das sind direkte Verbindungen zwischen einer Koronararterie und einer Herzhöhle. Diese Besonderheiten entdecken Ärzte meist zufällig bei Routineuntersuchungen. Die Patienten haben in der Ruhe keine Beschwerden. Unter Belastung kann sich jedoch eine Minderdurchblutung des Herzmuskels entwickeln und in der Folge eine Herzrhythmusstörung. Stellt ein Kardiologe die Diagnose Kardiomyopathie, verschließt er störende Gefäße minimal­invasiv im Rahmen einer Herzkatheteruntersuchung.

Umbau im Herzen

Bei etwa 7 Prozent aller Fälle erklärt eine akute Myokarditis den plötzlichen Herztod. Hinter dem Begriff verbergen sich Entzündungen des Herzmuskels. Die infektiöse Form steht mit unterschiedlichen Viren in Verbindung, etwa mit Adenoviren, Coxsackie-Viren, Influenza-Viren oder Parvoviren. Da eine Virus­myokarditis häufig spontan ausheilt, aber auch zum plötzlichen Herztod führen kann, raten Ärzte zur strikten Schonung. Symptome einer damit verbundenen Herzinsuffizienz werden je nach Schweregrad unter anderem mit ACE-Hemmern, Aldosteronantagonisten, AT1-Antagonisten, Betablockern, Herzglykosiden oder Diuretika behandelt. Gegen virale Entzündungen können Ärzte Interferon-β einsetzen.

Nicht zuletzt finden Pathologen bei 4 Prozent aller durch den plötzlichen Herztod Verstorbenen eine arrhythmogene rechtsventrikuläre Kardiomyopathie (ARVCM). Aufgrund genetischer Anomalien finden im Herzen Umbauprozesse statt. Die rechte Herzkammer besteht nicht aus Herzmuskel-Gewebe, sondern aus Fett oder Bindegewebe. Körperliche Belastung kann zu Herzrhythmusstörungen und damit zum plötzlichen Herztod führen. Für Patienten ist Sport tabu. Sie tragen oft einen implantierbaren Kardioverter-Defibrillator (ICD) im Körper. Das Gerät besteht aus einem Impulsgeber und mehreren Elektroden, die bis zum Herzmuskel führen. Bei Kammerflattern oder -flimmern löst ihr ICD von selbst Stromstöße aus, um die Herzmuskelaktivität wieder zu normalisieren.

Aufgrund der Vielzahl an möglichen Auslösern des plötzlichen Herztodes raten Kardiologen allen Sportlern, sich routinemäßig untersuchen zu lassen. Zur Diagnostik gehören nicht nur bekan­nte Verfahren wie Elektrokardiogramme (EKG), Ultraschall-Untersuchungen, Magnetresonanz- oder Computertomographien. Genanalysen sind heute durch neue Technologien der Sequenzierung vergleichsweise preiswert geworden. Viele Erkrankungen des Herzmuskels können schon im Kindesalter anhand genetischer Auffälligkeiten entdeckt werden – und nicht erst nach dem plötzlichen Herztod.

Neben Vorerkrankungen spielt auch der Lebensstil eine Rolle, wie kanadische Forscher vermuten. Sie untersuchten medizinische Aufzeichnungen einer großen Zahl an Mitgliedern der Royal Canadian Air Force. Zu Beginn der Erhebung waren alle Teilnehmer gesund. Der Beobachtungszeitraum umfasste 60 Jahre. Rund 21 Prozent aller Fälle mit plötzlichem Herztod ereigneten sich an einem Montag. Die Autoren sehen nicht nur Arbeitsbedingungen als Grund, sondern Alkoholexzesse am Wochenende davor. Dafür spricht ihrer Meinung auch, dass vor allem junge Männer betroffen waren, die oft exzessiv feiern.

Cave: Selbstmedikation

Auch die Risiken von OTC-Analgetika sollten nicht unterschätzt werden. Studien zufolge führten Nicht Steroidale Antirheumatika generell zu einem um 31 Prozent erhöhten Risiko. Bei Ibuprofen waren es 31 Prozent, bei Diclofenac 50 Prozent und bei Naproxen 29 Prozent. Die Autoren schreiben, Naproxen sei wahrscheinlich der sicherste und Diclofenac der gefährlichste Arzneistoff, jeweils auf kardiale Ereignisse bezogen. Ihre Daten überraschen kaum. Bereits im Jahr 2004 wurde Rofecoxib wegen kardiovaskulärer Nebenwirkungen vom Markt genommen.

In anderer Hinsicht geben Experten jedoch Entwarnung. Der plötzliche Herztod beim Sex ist eher eine Rarität. Forscher aus Los Angeles untersuchten knapp 4 600 Patientenakten. Nur bei 34 Fällen, davon waren 32 Männer, standen erotische Aktivitäten und tödliche kardiale Ereignisse in einem zeitlichen Zusammenhang. Ärzte müssten Patienten nur in wenigen Fällen abraten, lautete ihr Resümee. /


Tipps für Freizeitsportler

Wer nach langer Pause wieder sportlich aktiv ist oder sein Trainingsprogramm intensiviert, sollte sich vom Kardiologen untersuchen lassen.

Treten beim Sport selbst Beschwerden auf, sollte sofort ein Arzt aufgesucht werden.

Akute Infekte sind Grund genug, nicht zu trainieren beziehungsweise nicht an Wettkämpfen teilzunehmen.

Doping ist nicht nur verboten, sondern schadet vor allem dem Körper.



Beitrag erschienen in Ausgabe 05/2018

 

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