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BERATUNGSPRAXIS

Frailty und Sarkopenie

Altersgebrechlichkeit vorbeugen


Von Ulrike Viegener / Gebrechlichkeit ist ein geriatrisches Phänomen, dem nicht selten mit der nihilistischen Einstellung begegnet wird, es sei halt so im Alter, dass die Kräfte nachlassen. Doch man kann sehr wohl etwas dagegen tun – am besten vorbeugend.

 

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Gebrechlichkeit ist ein schwammiger, nicht exakt definierter Begriff. Das mag mit dazu beigetragen haben, dass sich die Medizin um dieses Altersphänomen lange Zeit kaum gekümmert hat. Das änderte sich erst in den Neunzigerjahren, als das Phänomen einen anderen Namen bekam: »Frailty« ist seither die international verwendete Bezeichnung für einen komplexen Vitalitätsverlust, der mit einer verminderten Belastbarkeit und einer erhöhten Krankheitsanfälligkeit verbunden ist. Frailty schränkt die Lebensqualität erheblich ein und kann leicht dazu führen, dass die Betroffenen nicht mehr in der Lage sind, ihren Alltag alleine zu meistern. Das Risiko von Pflege­­be­dürftigkeit und auch die Sterblichkeit gebrechlicher älterer Menschen sind erhöht.




Beinahe 40 Prozent der 65- bis 79-Jährigen haben ein erhöhtes Frailty-Risiko.

Foto: Shutterstock/Voronin76


Vielschichtige altersbedingte Veränderungen führen zu der Frailty-typischen Vulnerabilität. Funktions­einbußen lebenswichtiger Organe, Muskelschwund (Sarkopenie) sowie geistige Defizite und psychische Beeinträchtigungen tragen dazu bei, dass der Körper Stress unterschiedlichster Art nicht mehr so gut parieren kann. Ein Krankenhausaufenthalt, der Verlust eines Angehörigen, aber auch weit weniger einschneidende Erlebnisse können gebrech­liche Menschen aus der Bahn werfen. Nicht selten wird erst durch einen solchen Auslöser auffällig, wie stark die Ressourcen und Reserven eines älteren Menschen eingeschränkt sind.

Um das Ausmaß an Gebrechlichkeit objektivieren zu können, wurden Screeninginstrumente wie der Frailty Index und der Frailty Phänotyp entwickelt. Mit diesen Scores werden unterschiedliche Aspekte von Gebrechlichkeit ­erfasst, wobei allerdings nicht verbindlich geregelt ist, welche Aspekte unbedingt zu berücksichtigen sind. Gängige Screeningtests stützen sich vor allem auf Erschöpfung, verlangsamte Gehgeschwindigkeit, geringe körperliche Aktivität, unfreiwilligen Gewichtsverlust sowie reduzierte Muskelkraft (Handgriffstärke) als Aspekte der körperlichen Gebrechlichkeit. Manche Tests erfassen darüber hinaus kognitive Leistungsfähigkeit und psychische ­Gesundheit, und auch soziale Aspekte, vor allem die soziale Vernetzung, gelten in diesem Kontext als relevant.

Viele Ältere gefährdet

Die Tests dienen dazu, Gebrechlichkeit zu diagnostizieren beziehungsweise gefährdete Personen zu identifizieren, die sich in einem Vorstadium (Pre-­Frailty) befinden. Verschiedene in Deutschland durchgeführte Studien dokumentieren übereinstimmend, dass Altersgebrechlichkeit ein weitverbreitetes Phänomen darstellt. Laut der vom Robert-Koch-Institut durchgeführten Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1) sind 2,6 Prozent aller 65- bis 79-Jährigen als gebrechlich einzustufen. Hinzu kommt ein hoher Prozentsatz von gefährdeten Personen: 38,8 Prozent dieser Altersgruppe erfüllte in der DEGS1 die Kriterien von Pre-Frailty.

Die Frailty-Prävalenz ist in der DEGS1 vergleichsweise gering, andere Erhebun­gen kommen diesbezüglich zu deutlich höheren Zahlen: In der ESTHER-Studie etwa (Epidemiologische Studie zu Chancen der Verhütung, Früh­erkennung und optimierten Therapie chronischer Erkrankungen in der älteren Bevölkerung) wurde körperliche Gebrechlichkeit bei Frauen im Alter zwischen 75 und 79 in 22,9 Prozent der Fälle diagnostiziert, bei gleichalten Männern dagegen waren es 12,1 Prozent. Die höhere Gefährdung von Frauen wird durch andere Studien bestätigt. In der Altersgruppe der 70- bis 74-Jährigen erfüllten in der ESTHER-Studie 12,5 Prozent der Frauen und 5,7 Prozent der Männer die Kriterien körperlicher Gebrechlichkeit.

Schleichender Schwund

Einen entscheidenden Beitrag zur Altersgebrechlichkeit leistet der Verlust an Muskelmasse, der vor allem schnelle Typ-2-Muskelfasern betrifft. Die Synthese kontraktiler Muskelproteine ist verlangsamt, während ihr Abbau gleichzeitig ­beschleunigt ist. Neurodegenerative Prozesse, hormonelle Veränderungen, niedrigschwellige Entzündungen und oxidativer Stress spielen vermutlich als Ursachen eine Rolle. Unternimmt man nichts dagegen, gehen rund 30 bis 50 Prozent der Muskel­masse bis zum 80. Lebensjahr schleichend verloren.




Krafttraining ist auch in hohem Alter sinnvoll, sollte aber unter Anleitung erfolgen.

Foto: iStock/jacoblund


Der altersassoziierte Muskelschwund wird als Sarkopenie bezeichnet und ist definiert als progredienter, generalisierter Verlust von Masse und Kraft der Skelettmuskulatur. Folgen sind Einschränkungen der körperlichen Leistungsfähigkeit und Beweglichkeit, die mit einer erhöhten Gefahr für Stürze und Knochenbrüche einhergehen.

Nach aktuellem Verständnis handelt es sich bei der Sarkopenie nicht um ein pathologisches Phänomen, sondern um einen normalen Alterungsprozess. Was aber nicht heißt, dass man den altersbedingten Muskelschwund als naturgegeben hinnehmen sollte. Vor allem mit gezieltem Muskeltraining lässt sich gegensteuern. Außerdem kann der Muskelabbau durch Komorbiditäten verschärft werden, die es konsequent zu behandeln gilt. Bewegungsmangel und unausgewogene Ernährung – beides bei älteren Menschen weit verbreitet – akzentuieren das Problem und sind derzeit die wichtigsten Ansatzpunkte für eine therapeutische oder besser noch präventive Interven­tion.

Muskelaufbau bis ins Alter möglich

Zum Erhalt beziehungsweise zum Aufbau der Muskelkraft wird älteren Menschen, sofern keine Kontraindikationen bestehen, ein regelmäßiges Krafttraining empfohlen, das in jedem Fall unter professioneller Anleitung und Begleitung erfolgen sollte. Muskelaufbau ist bis ins höchste Alter möglich, wie Professor Cornel Sieber, Leiter des Instituts für Biomedizin des Alterns an der Universität Erlangen-Nürnberg, betont. Optimal sei eine gezielte körperliche Aktivität von 150 Minuten pro Woche, aufgeteilt in fünf Einheiten an verschiedenen Tagen. 

Ein Maximalkrafttraining mit hoher Last und wenigen Wiederholungen eignet sich, die Muskelkraft rasch zu steigern. Allerdings scheint sich dadurch die Funktionalität gebrechlicher Menschen im Alltag nicht in gewünschtem Maß zu verbessern. Speziell eine Abnahme des Sturzrisikos konnte nicht nachgewiesen werden. Ein sogenanntes Schnellkrafttraining ist in dieser Hinsicht offenbar die bessere Strategie. Sind ältere Menschen zu einem klassischen Krafttraining nicht in der Lage, gibt es auch weniger anstrengende Möglichkeiten, wie etwa ein Vibrationstraining (Whole Body Vibration, WBV). Dabei steht man auf einer vibrierenden Platte, wodurch Muskelkontraktionen provoziert werden. Abgesehen von gezieltem Muskeltraining sollten Senioren motiviert werden, sich im Alltag möglichst viel zu bewegen, indem sie zum Beispiel öfter mal das Auto stehen lassen und ausgedehnte Spaziergänge unternehmen.

Essenziell bedeutsam: Aminosäure Leucin

Um die trainingsinduzierte Neusynthese kontraktiler Muskelproteine zu unterstützen, wird im Anschluss an das Training die Einnahme einer Leucin-­reichen Mahlzeit beziehungsweise eines Leucin-Supplements empfohlen. Studien belegen einen positiven Einfluss dieser kombinierten Strategie auf Muskelmasse und Muskelkraft sowie auf die Alltagsfunktionalität.




Senioren sollten besonders auf eine eiweißreiche Ernährung achten. Lachs enthält zudem die wertvolle Aminosäure Leucin.

Foto: Shutterstock/margouillat photo


Leucin, eine der essenziellen Aminosäuren, die der Körper nicht selbst herstellen kann, spielt beim Aufbau von Muskelfasern offenbar eine zentrale Rolle. Unterschiedliche Proteinsupplemente wurden bei Sarkopenie ­getestet, brachten aber nicht den gewünschten Erfolg. Nur bilanzierte Diäten mit hohem Leucin-Gehalt waren in der Lage, die altersbedingte Muskelschwäche in relevanter Weise günstig zu beeinflussen. Es zeigte sich, dass ältere Menschen für den Muskelaufbau fast doppelt so viel Leucin benötigen wie jüngere.

Die wenigsten älteren Menschen, davon ist auszugehen, ernähren sich so, dass der hohe Bedarf an dieser Amino­säure gedeckt ist. Gute Quellen sind zum Beispiel Lachs und Milchprodukte. Klare Ernährungsempfehlungen gibt es diesbezüglich allerdings bislang nicht. Und auch zur Frage, ob oder wann Leucin supplementiert werden sollte, um einen altersbedingten Muskelschwund zu verhindern, existieren derzeit keine Richtlinien.

Soviel steht fest: Im Alter kann der Körper Eiweiß schlechter verwerten, und gleichzeitig benötigt er mehr davon­. Ältere Menschen sollten sich deshalb eiweißreich ernähren und Nahrungs­mittel mit hoher Nährstoffdichte bevorzugen.

Die für gesunde Erwachsene empfohlene Menge von 0,8 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körper­gewicht dürfte für Senioren nicht ausreichen. Sieber empfiehlt für ältere Menschen eine Tages­ration Eiweiß von 1,0 bis 1,2 Gramm pro Kilogramm Körper­gewicht. Besonders gut eignen sich Molkeproteine. Sie werden schnell resorbiert und haben außerdem einen hohen Leucin-Gehalt.

Auf Vitamin D achten

Auch der Bedarf an Vitaminen und Spurenelementen steigt im Alter an. Speziell die Versorgung mit Vitamin D gilt als kritisch: Viele ältere Menschen weisen zu niedrige Blutspiegel auf, häufig deshalb, weil sie zu wenig ­Sonne abbekommen, die für die Bio­synthese dieses Vitamins in der Haut erforderlich ist.

Was wenig bekannt ist: Vitamin D spielt nicht nur für die Knochen­gesundheit, sondern auch für den Muskelstoffwechsel eine große Rolle. Eine Meta­analyse, in der acht kon­trollierte Studien zur Auswertung kamen­, belegt ­einen dosisabhängigen Effekt von ­Vitamin D im Hinblick auf die Sarko­penie-assoziierte Sturzhäufigkeit: Bei täglicher Gabe von 700 bis 1000 IE Vitamin D verrin­gerte sich die Sturzgefahr um rund 20 Prozent. Eine Supplementierung in dieser Größenordnung wird deshalb besonders bei Risikopersonen für sinnvoll erachtet. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 05/2018

 

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