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ARZNEIMITTELTHERAPIE

Neu auf dem Markt

Quartett an Möglichkeiten


Von Sven Siebenand / Vier neue Arzneistoffe sind Mitte Februar in den deutschen Handel gekommen. Darunter befinden sich ein Hämophilie-A-Medikament, ein Präparat für bestimmte Asthma-Patienten, ein Wirkstoff für Hautkrebspatienten und ein neues Mittel zur Prophylaxe einer Cytomegalievirus-Reaktivierung nach einer allogenen Knochenmarkstransplantation.

 

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Bei einer allogenen hämatopoetischen Stammzelltransplantation werden Stammzellen von einem Spender verwendet, um die Knochenmarkszellen des Empfängers zu ersetzen, damit neues Knochenmark gebildet wird. Letermovir (Prevymis® 240 und 480 mg Filmtabletten sowie 240 und 480 mg Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, MSD) kann erwachsenen Patienten helfen, um einer Erkrankung vorzubeugen, die durch Cytomegalie­viren (CMV) hervorgerufen wird.




Foto: Shutterstock/Michael Gogin



Viele Menschen tragen CMV in sich. Die Viren sind jedoch in der Regel inaktiv und verursachen keine Schäden. Bei einem geschwächten Immunsystem, etwa durch eine Stammzelltransplantation, können die Viren aktiv werden und zu einer schweren Erkrankung führen.

Damit sich CMV vermehren kann, muss dessen DNA kopiert und in Pro­teinhüllen verpackt werden, um mehr Viren zu produzieren, die daraufhin andere Zellen infizieren können. Letermovir blockiert das Virusenzym DNA-Terminase. Die Terminase ist an der Verpackung der DNA in die Proteinhüllen des Virus beteiligt. Durch Blockade des Enzyms verhindert das Arzneimittel die ordnungsgemäße Entwicklung der ­Viren, sodass sich das CMV nicht vermehren und andere Zellen infizieren kann.



Da der DNA-Terminase-Komplex eine auf das Virus beschränkte Funktion besitzt, ist das Risiko für Toxizitäten durch Letermovir aufgrund einer unerwünschten Hemmung entsprechender zellulärer Funktionen beim Menschen sehr gering.

Letermovir ist als Tablette und als Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung erhältlich. Die übliche empfohlene Dosis beträgt jeweils 480 mg einmal täglich. Kommt gleichzeitig das Immunsuppressivum Ci­closporin zum Einsatz, verringert sich die Dosis von Prevymis auf 240 mg einmal täglich. Die Behandlung mit dem neuen Medikament beginnt am Tag der Transplantation oder an einem beliebigen Tag bis zu 28 Tage danach und dauert während 100 Tagen nach der Transplantation an. Ärzte können bei bestimmten Patienten auch eine längere Behandlungsdauer in Betracht ­ziehen.



Häufig verursacht Letermovir Übelkeit, Durchfall und Erbrechen. In Sachen Wechselwirkungen darf der neue Wirkstoff nicht gemeinsam mit dem Neuroleptikum Pimozid oder Mutterkorn-Arzneistoffen wie Ergotamin und Dihydroergotamin angewendet werden. Bei Patienten, die Letermovir und Ciclosporin erhalten, verbietet sich die zusätzliche Gabe von Dabigatran, Atorvastatin, Pitavastatin, Rosuvastatin und Simvastatin. Weitere detaillierte Hinweise zu möglichen Wechselwirkungen finden sich in der Fachinformation des neuen Medikaments.

Die Behandlung mit Letermovir wird bei Schwangeren und Frauen im gebärfähigen Alter, die nicht verhüten, nicht empfohlen. Unter Berücksichtigung des Vorteils des Stillens für das Kind und des Vorteils der Therapie für die stillende Frau muss der Arzt entscheiden, ob abstillen oder die Behandlung mit Prevymis die sinnvollere Alternative darstellt.

Medikament bei Hämophilie A

Mit Rurioctocog alfa pegol (Adynovi® Pulver und Lösungsmittel zur Herstellung einer Injektionslösung, Shire Deutschland) kam ein neues Hamöphilie-A-Medikament zur Behandlung und Prophylaxe von Blutungen bei Patienten ab einem Alter von zwölf Jahren auf den Markt. Bei zuvor unbehandelten Patienten wurden Sicherheit und Wirksamkeit des neuen Medikaments bisher allerdings noch nicht bewiesen.

Die Blutgerinnungsstörung bei Patienten mit Hämophilie A besteht, weil der Gerinnungsfaktor VIII entweder nicht funktioniert oder vermindert oder gar nicht gebildet wird. Adynovi enthält einen rekombinanten Faktor VIII. Es handelt sich dabei um eine Weiterentwicklung des seit Langem bekannten Hämophilie-A-Wirkstoffs Octocog alfa. Indem Polyethylenglykol (PEG) angehängt wird, verlängert sich die Halbwertszeit um das 1,4- bis 1,5-Fache.

Das neue Medikament wird intravenös verabreicht. Dosis und Häufigkeit der Injektionen hängen davon ab, ob das Medikament der Behandlung oder der Vorbeugung einer Blutung dient. Zudem richten sie sich nach dem Schweregrad des Faktor-VIII-Mangels, dem Ausmaß und Ort der Blutung sowie dem klinischen Zustand des Patienten und seinem Körpergewicht.



Für die Prophylaxe von Blutungen mit herkömmlichen Faktor-VIII-Präparaten sind in der Regel Injektionen im Abstand von zwei bis drei Tagen nötig. Unter Adynovi können aufgrund der verlängerten Halbwertszeit die Injektionsintervalle verlängert werden. Zur Langzeitprophylaxe beträgt die empfohlene Dosis 40 bis 50 I.E. pro Kg Körpergewicht zweimal wöchentlich im Abstand von drei bis vier Tagen.

Da Frauen nur in seltenen Fällen an Hämophile A erkranken, liegen keine Erfahrungen zur Anwendung von Faktor VIII bei Schwangeren und Stillenden vor. Ihnen sollten Ärzte das Faktor-VIII-Präparat nur nach strenger Indikationsstellung verordnen. Daten zur Fertilität liegen bisher nicht vor.

Als häufige Nebenwirkungen traten in Studien Kopfschmerz, Durchfall, Übelkeit und Ausschlag auf. Selten wurden unter Rurioctocog alfa pegol Überempfindlichkeit oder allergische Reaktionen beobachtet, die sich in manchen Fällen zu einer schweren Anaphylaxie entwickeln. Falls Symptome einer Überempfindlichkeit auftreten, sollte die Anwendung von Adynovi sofort unterbrochen werden. Patienten sollten typische Anzeichen von Überempfindlichkeitsreaktionen kennen, etwa Quaddelbildung, Engegefühl im Brustbereich, Giemen und Blutdruckabfall.

Einige Patienten entwickeln Antikörper gegen Faktor VIII. Diese sogenannten Faktor-VIII-Hemmkörper können dazu führen, dass das Arzneimittel nicht mehr wirkt. Die Patienten bemerken diese Reaktion daran, dass sie Blutungen nicht mehr kontrollieren können. In diesen Fällen sollten sie sofort ein spezialisiertes Hämophilie-Zentrum kontaktieren.

Das Medikament muss im Kühlschrank bei 2 bis 8 Grad Celsius gelagert werden.

Biologikum gegen Asthma

Das eosinophile Asthma ist durch einen Überschuss einer bestimmten Art von weißen Blutkörperchen charakterisiert, die sogenannten Eosinophilen. Der neue Antikörper Benralizumab (Fasenra® 30mg Injektionslösung in einer Fertigspritze, Astra-Zeneca) ist zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit schwerem eosinophilem Asthma zugelassen. Das Biologikum darf als Add-on-Medikament zum Einsatz kommen, und zwar in der Erhaltungstherapie bei Patienten, deren Erkrankung trotz hoch dosierter inhalativer Corticosteroide plus lang wirksamen β-Sympathomimetika unzureichend kontrolliert ist. Zur Therapie von akuten Asthma-Exazerbationen ist Benralizumab nicht vorgesehen.



Interleukin-5 spielt eine Schlüsselrolle beim Einstrom von Eosinophilen in die Lunge. Bereits auf dem Markt befinden sich zwei Antikörper, die IL-5 binden und damit dessen Wirkung sowie die Zahl der Eosinophilen in der Lunge reduzieren: Mepolizumab (Nucala®) und Reslizumab (Cinqaero®). Benralizumab wirkt ähnlich. Der Antikörper bindet zum einen an eine Untereinheit des Interleukin-5-Rezeptors auf Eosinophilen und verstärkt zum anderen durch seine Bindung an natürliche Killer­zellen die Apoptose der Eosinophilen. Dadurch geht die Entzündung zurück, was Asthma-Anfälle reduziert und die weiteren Symptome bessert. Benralizumab wird mittels einer Fertigspritze von medizinischem Fachpersonal subkutan injiziert, vorzugsweise in Oberarm, Oberschenkel oder den Bauch. Die empfohlene Dosis beträgt jeweils 30 mg. Die ersten drei Injektionen erfolgen in einem Abstand von vier Wochen, anschließend wird das Medikament alle acht Wochen verabreicht. Patienten mit einer Wurminfektion sollten vor Beginn der Therapie mit Benralizumab antiparasitär behandelt werden, da die Eosinophilen an der parasitären Abwehr beteiligt sind. Wenn sich die Patienten unter Behandlung mit Fasenra infizieren und nicht auf eine anthelminthische Therapie ansprechen, sollte der Antikörper bis zum Abklingen der Infektion abgesetzt werden.

Die am häufigsten während der ­Behandlung berichteten Nebenwir­kungen sind Kopfschmerzen und Pharyngitis. Auch Reaktionen an der Injektionsstelle waren häufig. Schwangere sollten das neue Präparat möglichst nicht bekommen. In der Stillzeit muss der Arzt entscheiden, ob das Stillen unterbrochen oder auf Fasenra verzichtet wird.

Das Biologikum ist im Kühlschrank bei 2 bis 8 Grad Celsius zu lagern.

Gegen Basalzell-CA

Das Basalzellkarzinom zählt zum sogenannten hellen Hautkrebs. Der größte Risikofaktor dafür ist zu starke UV-Bestrahlung. Seit Mitte Februar steht mit Sonidegib (Odomzo® 200 mg Hartkapseln, Sun Pharmaceuticals Germany) ein neuer Wirkstoff zur Behandlung von Patienten mit dieser Krebsform zur Verfügung. Zugelassen ist er für Erwachsene mit lokal fortgeschrittenem Basalzellkarzinom, bei denen eine kurative Operation oder Strahlentherapie nicht infrage kommt.



Bei vielen Patienten mit einem Basalzellkarzinom ist der sogenannte Hedgehog-Signalweg überaktiv. Dieser steuert eine Reihe von Zellaktivitäten, einschließlich des Zellwachstums. Sonidegib blockiert ein Protein, das diesen Signalweg steuert. Dadurch werden Wachstum und Ausbreitung der Krebszellen reduziert. Der Wirkmechanismus ist nicht neu. Bereits vor einigen Jahren kam mit Vismodegib ein Hedgehog-­Signalweg-Inhibitor in den Handel, der ebenfalls beim Basalzellkarzinom zum Einsatz kommt.

Patienten nehmen einmal täglich eine Kapsel à 200 mg ein. PTA und Apotheker sollten dazu raten, die Einnahme mindestens zwei Stunden nach der letzten und eine Stunde vor der nächsten Mahlzeit vorzunehmen. Die Behandlung mit Odomzo darf fortgeführt werden, solange ein klinischer Nutzen erkennbar ist oder bis das Mittel aufgrund von Nebenwirkungen nicht mehr eingenommen werden kann.

Stoffe, die den Hedgehog-Signalweg beeinflussen, können ungeborene Kinder schwer schädigen. Daher müssen Frauen, die Odomzo einnehmen, während der Behandlung und über einen Zeitraum von 20 Monaten nach Absetzen des Arzneimittels wirksame Methoden zur Schwangerschaftsverhütung einsetzen. Männer, die das Mittel bekommen, müssen während der Behandlung und über einen Zeitraum von sechs Monaten nach deren Ende beim Geschlechtsverkehr mit weiblichen Partnerinnen stets ein Kondom benutzen. Die Einnahme des neuen Medikaments ist kontraindiziert in der Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Frauen im gebärfähigen Alter, die die Anforderungen des Schwangerschaftsverhütungsprogramms für die Behandlung mit Odomzo nicht ein­halten.

Die Liste an Nebenwirkungen des Krebsmedikaments ist lang. Sehr häufig traten in den Studien Muskelspasmen, Haarausfall, Geschmacksstörungen, Müdigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Muskel- und Knochenschmerzen, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Durchfall, Gewichtsverlust, Appetitverlust und Juckreiz auf.

Während der Behandlung mit Sonidegib sowie in den 20 Monaten nach Ende der Therapie sollen die Patienten kein Blut spenden. Männer dürfen während der Behandlung sowie in den folgenden sechs Monaten nach Einnahme der letzten Dosis keine Samen spenden.

Grundsätzlich sollte die gleichzeitige Behandlung mit starken CYP-Induktoren wie Rifampicin, Carbamazepin oder Phenytoin vermieden werden, da ein Risiko für verringerte Blutspiegel und somit für eine verringerte Wirksamkeit von Sonidegib nicht ausgeschlossen werden können.

Einige Patienten mit fortgeschrittenem Basalzellkarzinom entwickelten unter Therapie mit Sonidegib ein kutanes Plattenepithelkarzinom. Es wurde jedoch nicht untersucht, ob ein Zusammenhang zwischen dem Plattenepithelkarzinom und der Behandlung mit der neuen Substanz besteht. Während der Therapie mit dem neuen Krebsmedikament sollte der Arzt daher alle Patienten routinemäßig überwachen und ein Plattenepithelkarzinom entsprechend dem üblichen Therapiestandard behandeln. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 05/2018

 

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