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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Hörbehinderung

Kommunikation mit Hindernissen


Von Carina Steyer / Eine Voraussetzung für die Kommunikation mithilfe der gesprochenen Sprache ist das Hören. Bei der Gebärdensprache ist es dagegen das Sehen. Treffen beide Sprachen aufeinander, können Missverständnisse und Berührungs­ängste die Kommunikation erschweren. Mit etwas Rücksichtnahme und praktischen Tipps lassen sich die größten Hürden jedoch gut meistern.

 

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In Deutschland leben etwa 80 000 gehörlose Menschen. Dazu kommen geschätzte­ 15 Millionen Schwerhörige. Für viele von ihnen ist die Deutsche Gebär­densprache (DGS) ihre »Muttersprache«. Schätzungen zufolge kommunizieren in Deutschland 200 000 Menschen regelmäßig in DGS.




Foto: Shutterstock/Mirzamlk


Wie die Lautsprachen sind auch Gebärdensprachen natürlich entstandene Sprachen, die neben den Gebärden aus Mimik, Gestik, Mundbild und Körperhaltung bestehen. Mit der Gebärdensprache können abstrakte Sachver­halte und Gedichte kommuniziert werden, es gibt Theaterstücke, Filme und Lieder.

Nahezu jedes Land hat seine eigene natio­nale Gebärdensprache mit oftmals zahlreichen regionalen Dialekten. In Deutschland ähnelt ihre Verbreitung den lautsprachlichen Dialekten. So sind auch in Bayern Gebärden verbreitet, die in Hamburg nicht verwendet werden. Auch Soziolekte wie die Jugendsprache entwickeln sich immer wieder neu.

Neben der Gebärdensprache gibt es die sogenannten lautsprachbegleitenden Gebärden (LBG). Sie dienen dem Zweck, die Lautsprache durch einzelne Gebärden zu unterstützen. Mit dem Fingeralphabet werden einzelne Buchstaben mit Handzeichen visualisiert, um Wörter der Lautsprache, Eigen­namen oder Fremdwörter zu buch­stabieren. In Deutschland wird für das Buchstabieren ausschließlich eine Hand verwendet. In Großbritannien hingegen greift man auf das Zwei-Hand-Fingeralphabet zurück. Wie die Gebärdensprache ist auch das Finger­alphabet nicht international, sondern orientiert sich an der landes­spe­zifischen Lautsprache.

Nicht barrierefrei

In den Sprachwissenschaften gilt die ­Gebärdensprache bereits seit den 1960er-Jahren als eigenständige Sprache. Rechtlich anerkannt wurde sie in Deutschland aber erst mit Inkraft­treten des Behindertengleichstellungsgesetzes im Jahr 2002. Bis dahin wurde Kindern das Gebärden sogar oftmals verboten.

Heute weiß man, dass Kinder, die mit Gebärdensprache aufwachsen, die gleichen Spracherwerbsschritte durchlaufen wie lautsprachlich aufgewachsene Kinder. Auch die Sprachver­arbeitung im Gehirn verläuft bei Laut- und Gebärdensprachen gleich. Dennoch­ sind viele ­Lebensbereiche für Hörbehinderte nicht barrierefrei. In der Kommunikation mit Hörenden sind sie fast immer auf die Lautsprache angewiesen. Wie gut das funktioniert, hängt davon ab, wie stark das Hör­vermögen beeinträchtigt ist (siehe Tabelle­) und seit wann der Hörverlust besteht.

Etwa 2 von 1000 Kindern werden gehör­los, 1 bis 2 von 1000 schwerhörig geboren. Zu den häufigsten Auslösern einer angeborenen Hörbehinderung zählen genetische Ursachen, mütter­liche Röteln, Toxoplasmose, Medikamenteneinnahme oder Drogenmissbrauch während der Schwangerschaft sowie ein Sauerstoffmangel unter der Geburt. Hat ein hörgeschädigtes Kind gehörlose Eltern, ist das Aufwachsen mit der Gebärdensprache in der Regel selbstverständlich. Die deutsche Lautsprache stellt für sie lediglich eine Zweitsprache dar, die für die Kommunikation mit Hörenden benötigt wird. Ohne entsprechende Förderung ist der Aufbau der Lautsprache und der Umfang des Wortschatzes eingeschränkt. Hörbehinderte Kinder mit hörenden Eltern haben es hier etwas einfacher. Sie erhalten dafür nicht immer Zugang zur Gebärdensprache.

Erworbener Hörverlust

Neben angeborenen Hörbehinderungen gibt es erworbene Hörverluste. Verursacht werden sie zum Beispiel durch Infektionen wie Masern oder Mumps, Mittelohr- oder Gehirnhautentzündungen, Schädelverletzungen, Tumoren, Lärmschäden oder oto- toxische Medikamente. Mit zunehmendem Alter gilt eine schleichende Abnahme des Hörvermögens als physiologisch und ist bei fast jedem Über-50-Jährigen zu beobach­ten.


Tabelle: Mediziner bestimmen die Schwere einer Hörstörung, indem sie mit einem Hörtest den Hörverlust im Vergleich zum normalen Gehör bestimmen

Hörverlust Schwere einer Hörstörung Geräusche, die nicht mehr wahrge­nommen werden 
Mehr als 20 Dezibel Leichte Schwerhörigkeit Das Ticken einer Armbanduhr oder Blätterrauschen 
Mehr als 40 Dezibel Mittlere Schwerhörigkeit Ein leises Gespräch oder Vogelgezwitscher 
Mehr als 60 Dezibel Hochgradige Schwer­hörigkeit Ein Gespräch in normaler Laut­stärke oder die Türklingel 
Mehr als 90 Dezibel Resthörigkeit Geräusche eines startenden Flugzeugs oder Presslufthammers 
Mehr als 100 Dezibel Gehörlos  

Tritt der Hörverlust erst nach dem Spracherwerb auf, ist die Situation für viele Betroffene oft schwer zu ak­zeptieren. Ihre Beeinträchtigung offen anzusprechen, ist ihnen unangenehm. Es gibt jedoch typische Anzeichen, die in einem Gespräch auf eine Hörbe­hinderung hindeuten. Dazu gehört zum Beispiel eine ungewöhnliche Konzentration auf die Lippen, häufiges Nachfragen, falsches oder unlogisches Antworten sowie merkwürdig erscheinendes Reagieren.

Von den Lippen ablesen

Hörbehinderte Menschen sind in der Kommunikation mit Hörenden darauf angewiesen, das Gesprochene vom Mund abzulesen. Da jedoch nur etwa 30 Prozent des Gesprochenen tatsächlich erkannt werden kann und der Rest geraten werden muss, sind Missverständnisse vorprogrammiert. Um das Gespräch trotz dieser Schwierigkeit positiv und für beide Seiten erfolgreich zu gestalten, haben verschiedenen Ge­hörlosen- und Schwerhörigen-Verbände Tipps für Hörende erarbeitet, welche die Verunsicherung minimieren und die Kommunikation unterstützen sollen (Kasten).

Auch technische Hilfsmittel können die Kommunikation zwischen hörenden und hörbeeinträchtigten Menschen verbessern. So wird zum Beispiel mit der App VerbaVoice Gesprochenes live von einem Gebärdensprach­dolmetscher in Text oder Gebärden übersetzt. Ein Nachteil der App ist, dass sie sich nicht für spontane Gespräche eignet, da der Dolmetscher zuvor gebucht werden muss. Flexibler ist hier die App Ava. Ihr Nachteil ist, dass sie derzeit nur für die Sprachen Englisch, Niederländisch, Französisch und Spanisch verfügbar ist. An einer deutschen Version wird jedoch laut Hersteller bereits gearbeitet. /


Tipps für die erfolgreiche Kommunikation mit hörbehinderten Kunden

  • Den Hörbehinderten beim Sprechen anschauen und Blick­kontakt halten. Das Sprachbild ist in Sprechrichtung viel besser zu ­erkennen als von der Seite oder mit abgewandtem Kopf.
  • Der Mund sollte nicht verdeckt und ausreichend beleuchtet sein. Ungünstig ist es zum Beispiel, vor einem Fenster im Gegenlicht zu stehen.
  • Langsam, deutlich und gleichmäßig sprechen.
  • Nicht übermäßig laut, unnatürlich oder übertrieben sprechen. Dann verzerren sich die Gesichtszüge und das Ablesen wird schwieriger. Auch Menschen mit einem Hörgerät profitieren­ nicht davon, wenn besonders laut gesprochen wird. Hörgeräte­ können nur die Töne verstär­ken, die der Hörgeschädigte ansatzweise hört. Die Lautstärke ist bereits so eingestellt, wie für den Betroffenen notwendig.
  • Das Sprechen durch Mimik, Gestik und natürliche Gebärden unter­stützen.
  • Kurze, klare Sätze verwenden, aber bruchstückhafte Sätze vermeiden.
  • Wenn möglich, Hochdeutsch sprechen.
  • Oft dauert es etwas, bis der Hör­beeinträchtigte sich auf ein neues Mundbild eingestellt hat. Dadurch kann es sein, dass ein Beratungs­gespräch länger dauert als bei hören­den Kunden. Für eine positive Kommunikation ist es gut, wenn in der Situation die nötige Ruhe ­bewahrt wird und keine Ungeduld aufkommt.
  • Es gibt Hörbeeinträchtigte, denen es unangenehm ist, wenn sie das Gesprochene nicht verstehen. Sie geben lieber vor, alles verstanden zu haben als nachzufragen. Hier können Rückfragen hilfreich sein, um sicherzugehen, dass der Kunde alle wichtigen Informationen richtig aufgenommen hat.
  • Sobald man merkt, dass der Gesprächs­partner die Information nicht verstanden hat, wird empfohlen, das Gesagte noch einmal im ­Satz­zusammenhang zu wiederholen.
  • Um Missverständnissen vorzubeugen, sollten wichtige Informationen zusätzlich aufgeschrieben werden.



Beitrag erschienen in Ausgabe 06/2018

 

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