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BERATUNGSPRAXIS

Bergwandern

Chronisch krank in die Höhe


Von Isabel Weinert / Der Aufenthalt in Höhenlagen stellt für Menschen mit chronischen Erkrankungen eine Herausforderung dar. Wie man sich akklimatisiert und was Menschen mit chronischen Erkrankungen beachten sollten, kann Teil einer Reiseberatung in der Apotheke sein.

 

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Wer in den Bergen wandern möchte, muss ab Höhen von 2500 Metern ­damit rechnen, dass der niedrige Sauerstoffpartialdruck der Luft dem Organismus spürbar zu schaffen macht. Als ­Beschwerden dieser Höhenkrankheit ­können Schwindel, Kopfschmerz, Benommenheit oder Übelkeit auftreten, allerdings erst nach sechs bis acht Stunden Aufenthalt in der Höhe. Ein kurzer Trip in Höhenlagen bereitet hingegen keine Probleme. Ob Beschwerden beim Wandern und mehrtägigem Aufenthalt in Höhenlagen auftreten, hängt wesentlich damit zusammen, wie schnell ein Wanderer aufsteigt, denn der Körper braucht schon bei mittleren Höhenlagen ab 1500 Metern Zeit, sich zu akklimatisieren.




Foto: Shutterstock/Julia Kuznetsova


Als Faustregel gilt, dass der Körper je 500 Höhen­meter eine Anpassungsdauer von drei bis vier Tagen benötigt. Wie lange es im Einzelfall dauert, ist individuell sehr verschieden und unabhängig von der körperlichen Fitness. Wie gut sich der Organismus bereits angepasst hat, darüber gibt die morgendliche Puls­kontrolle recht zuverlässig Auskunft. Liegt der Ruhepuls, gemessen im Bett, um mehr als 20 Schläge höher als zuhause, dann hat sich der Körper noch nicht an die Höhe gewöhnt und braucht Schonung. Der Wanderer sollte sich dann noch einen Tag Pause gönnen. Auf flacheren Strecken hilft ein Atemrhythmus, bei dem man beim ­ersten Schritt ein- und beim zweiten Schritt ausatmet, um den Körper bestmöglich mit Sauerstoff zu versorgen. Weil Menschen in der Höhe mehr ­atmen und die Luft meist trockener ist, steigt der Bedarf an Flüssigkeit. Ausreichend trinken ist deshalb ein weiterer Tipp für wanderfreudige Kunden. Zeigt ein Wanderer milde Zeichen einer Höhen­krankheit, wie Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit, genügt es meist, in die Höhe abzusteigen, auf der er sich noch gesund fühlte, und dort ­einen Tag abzuwarten. Bei starken ­Beschwerden sowie Gangstörungen (Verdacht auf Höhenhirnödem) oder trockenem Husten (Hinweis auf ein ­Höhenlungenödem) hilft nur, den ­Betroffenen so schnell wie möglich ins Tal zu bringen.

Auf das Stadium achten

Chronische Erkrankungen stehen dem Wandern in den Bergen nicht grundsätzlich entgegen. Im Bereich der Herz-Kreislauf-Erkrankungen zeigten Kardiologen der Universität Bicocca in ­Mailand und des Bozener Forschungs­zentrums Eurac Research, dass auf das Bergwandern ab 2500 Metern nur diejenigen verzichten müssen, die unter einer sehr schweren Herzerkrankung leiden.

Für Patienten mit Herzinsuffizienz gelten bezüglich der Aufstiegshöhe pro Tag dieselben Empfehlungen wie für gesunde Menschen: Ab einer Höhe von 2500 Metern sollte man langsam aufsteigen, das heißt, nicht mehr als 300 bis 500 Meter pro Tag. Die mögliche Höhe und das Ausmaß an Aktivität hängen vom NYHA-Stadium ab, berichten die Autoren der Studie. Menschen mit NYHA-Klasse I bis II, die also bei Belastung nicht eingeschränkt sind und bei denen Symptome oder Beschwerden trotz diagnostizierter Herzkrankheit vollständig fehlen, beziehungsweise deren Belastbarkeit leicht eingeschränkt ist und die Symptome erst bei stärkerer Belastung verspüren, können eine Höhe von 3500 Metern sicher erreichen. Auf schwere körperliche Aktivitäten sollen sie dort allerdings verzichten. Patienten mit NYHA-Klasse III dürfen sich bis 3000 Meter ­wagen, sollen sich dort jedoch auf leichte ­körperliche Anstrengungen beschränken. Menschen mit NYHA-Klasse IV hingegen – sie geht mit einer starken Einschränkung der Belastbarkeit einher und mit Symptomen bereits bei leichter Belastung – sollen extreme Höhenlagen meiden. Bevor Menschen mit Herzinsuffizienz mit dem Wandern ­beginnen, muss ein Arzt mögliche Komorbiditäten beurteilen.

Bei ischämischen Herzerkrankungen teilen die Experten die mögliche Höhe, in die die Patienten dürfen, nach der CCS-Klassifikation der Angina ­Pectoris ein. Für Patienten mit einem niedrigen Risiko beziehungsweise ohne Symptome oder mit Symptomen nur bei schwerer körperlicher Anstregung (CCS 0 bis 1) erachten sie Aufenthalte bis 4200 Meter als relativ sicher, bei dort niedriger bis moderater Aktivität. Liegt ein moderates Risiko vor, treten ­Beschwerden also bei moderater beziehungsweise schon bei leichter körper­licher Belastung auf (CCS II bis III) sind ­Höhen bis 2500 Meter erlaubt, aber höchstens leichte körperliche Anstrengung. Bei einer CCS von IV, die sich durch Beschwerden bereits in Ruhe auszeichnet, gilt es, extreme Höhen ganz zu meiden. Wer an einer ischämischen Herzerkrankung leidet, sollte laut der Experten zudem Therapie­änderungen immer mit dem Arzt besprechen sowie körperliche Anstrengung nicht in Höhenlagen beginnen, wenn man schon in geringen Höhen körperlich inaktiv ist. Außerdem sollten sich Patienten nach einem Herzinfarkt ­beziehungsweise nach einer Bypass-Operation frühestens nach sechs ­Monaten in Höhenlagen begeben, ­solche mit einer Stentimplantation ­frühestens nach sechs bis zwölf Monaten.

In der Höhe steigt der Blutdruck, und zwar bei Menschen mit hohem Blutdruck stärker als bei normotensiven. Deshalb sollte der Arzt die antihypertensive Therapie bei Menschen mit hohem Blutdruck eventuell anpassen, wenn diese einen Urlaub in Höhenlagen planen. Am besten ist es, das Blutdruckmessgerät mitzunehmen, um jederzeit selbst messen zu können. Patienten mit ernsten Herzrhythmusstörungen sollen Höhen oberhalb 3000 bis 3500 Meter meiden.

Große Höhe – tiefer Blutzucker

Diabetiker profitieren vom Wandern für ihr Herz-Kreislauf-System und den Stoffwechsel. Ob und wie sich der Blutzucker in Höhenlagen im Vergleich zum Aufenthalt im Tal verändert, dazu existiert eine kleine, bereits ältere Studie deutscher Diabetologen, die den Einfluss der geographischen Höhe auf den Glukosestoffwechsel untersucht hat. Eingeschlossen waren acht Typ-1-­Diabetiker, deren Blutzuckerverlauf per kontinuierlicher Glukosemessung (CGM) im Tal und in der Höhe vor, während und nach einem Ergo­metertraining beobachtet wurde. Dabei zeigte sich, dass der Blutzucker in Höhenlagen bei gleicher Belastung wie im Tal deutlich rascher abfallen kann. Der erste Rat für ­Diabetiker, deren Therapie ein Unterzucker­risiko beinhaltet, lautet deshalb, den Blutzucker beim Wandern in Höhenlagen häufig zu messen, um Unterzuckerungen zu erkennen und ­gegensteuern zu können. Um sicher messen zu können, müssen Blutzuckermesssysteme, seien es Sensoren oder herkömmliche Teststreifen, vor Kälte und Frost geschützt werden, weil sie sonst nicht mehr genau arbeiten. Das gilt auch bei Höhen ab 4000 Metern. Symptome einer Höhenkrankheit, wie zum Beispiel Übelkeit und damit verbundener Appetitmangel, können dazu führen, dass Diabetiker mit Insulintherapie weniger Insulin spritzen, um weniger essen zu müssen. Dieses Vorgehen kann jedoch eine Ketoazidose provozieren, deren Symptome denen der Höhenkrankheit ähneln. Auf diesen Zusammenhang sollte man deshalb hinweisen.

Medikamente anpassen

Durch regelmäßiges Wandern ver­bessert sich bei Asthmatikern die Atemtiefe, und die Atemmuskulatur wird gestärkt. Bevor sich Menschen mit Asthma auf eine Höhenwanderung begeben, sollten sie mit ihrem Arzt ­klären, wie sie die Medikation bei ­Problemen anpassen können. Ganz entscheidend ist die richtige Inhala­tionstechnik. Hier sind PTA gefragt. Nachdem sie den Patienten in ein ­Inhalationssystem eingewiesen haben, sollten sie ihn die Handhabung nachmachen lassen. Asthmatiker können durch kalte Luft und starke ­Anstrengungen verstärkt Probleme bekommen. Sie sollten ihre schnell wirksamen Medikamente immer ­parat haben. Wer bei Anstrengung leichter einen Asthma­anfall bekommt, der sollte vor Beginn einer Wanderung bereits ein Beta-2-Sampathomime­ticum anwenden. Die Basisbehandlung mit einem inhalativen Glucocorticoid muss in ­Höhenlagen unbedingt fortgesetzt werden. Mancher Betroffener könnte auf die Idee kommen, das Medikament in der guten Bergluft womöglich nicht zu brauchen. Damit Asthmatiker wissen, wie es um ihre aktuelle Ausatemkapazität und damit um ihre Lungenfunktion steht, darf ein Peak-Flow-Meter im Gepäck nicht fehlen.

Generell sollten Menschen mit chronischen Krankheiten, die ihnen akut Probleme bereiten können, möglichst nicht in weit abgelegene Gebiete aufsteigen und darauf achten, dass ein Smartphone dabei ist, mit einer App, die es Helfern per GPS-Koordinaten im Notfall ermöglicht, rasch Hilfe zu leisten. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 07/2018

 

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