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BERATUNGSPRAXIS

Giftige Meerestiere

Erste Hilfe bei Kontakt


Von Frank Schäfer / Meer, Strand, Sonne, blauer Himmel: So soll es sein beim Strandurlaub. Und meistens bleibt das Vergnügen ungetrübt. Manchmal aber haben Badegäste einfach Pech und stoßen auf stachelige, giftige Meeresbewohner. Dazu können PTA im Vorfeld einer Urlaubsplanung beraten.

 

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Reisenden, die in Europa am Meer ­Urlaub machen wollen und sich vor giftigen Meeresbewohnern fürchten, kann man eine beruhigende Auskunft geben: Das Risiko für Kontakte mit giftigen Meeres- oder Strandbe­wohnern ist hier recht überschaubar. So wurden dem Giftinformations­zen­trum Nord (GIZ-nord) in den ­Jahren von 1996 bis 2017 ganze 148 Vergiftungs­anfragen zu Quallen gemeldet. Allerdings muss man von einer hohen Dunkel­ziffer nicht gemeldeter, in aller Regel eher harmlos verlaufener Fälle ausgehen. Im ­selben Zeitraum gab es auch 370 Anfragen wegen Stichen durch einen als Petermännchen ­bezeichneten giftigen Grundfisch.




Foto: Shutterstock/WorldStock


Quallen beziehungsweise Medusen sind im Meer frei bewegliche Geschlechtsformen einiger Nesseltiergruppen. Ungeschlechtliche Stadien leben als festsitzende Polypen. Einige Quallenarten weisen gar kein Polypenstadium mehr auf. Ihre Beute fangen sie mit Hilfe dünner, mitunter meterlanger Tentakeln voller kleiner Nesselkapseln. Jede dieser Kapseln lässt bei Kontakt mit Beutetieren erst einen ­Stachel und dann in die Wunde einen dünnen Schlauch vorschnellen, über den die Quallen ihr Nesselgift injizieren.

Doch nur einige Quallenarten in ­europäischen Meeren können auf diese Weise auch Menschen so weit ver­giften, dass dies vorrübergehend ­Beschwerden wie starke Brenn­schmerzen, entzündliche Hautreaktionen mit Rötung, Quaddelbildung und Schwellung sowie Juckreiz verursacht. Beschwerden durch Quallenstiche sind zwar mitunter unangenehm, aber fast nie lebensbedrohlich.

Dennoch sind Quallen auch in europäischen Meeren kein völlig vernachlässigbares Problem. Gerade die im Mittelmeer und in wärmeren Teilen des Atlantischen Ozeans mitunter in großen Schwärmen auftretende Leuchtqualle Pelagia noctiluca kann Badegäste stark beeinträchtigen. Und auch anderswo gibt es von Zeit zu Zeit Quallen-Plagen. Daher kann man allen Strandurlaubern nicht nur in Europa, sondern weltweit einen ersten wichtigen Rat im Umgang mit diesem Problem geben: Wird offiziell vor Quallen (englisch: jellyfish; spanisch/italienisch: medusa; französich: méduse) gewarnt, sollte man dem Wasser fern bleiben. Das gilt auch, wenn ohne offizielle Warnung Quallenschwärme an der Küste auftauchen. Im Zweifel wissen Laien nicht, ob es harmlose Arten sind oder solche, die Menschen schaden können.




Die Kompassqualle hat eine beeindruckende Farbe und ist doch ungefährlich.

Foto: Fotolia/Pavlo Vakhrushev


Bedrohlich ist unter Umständen die – äußerst seltene – Begegnung mit der Portugiesischen Galeere (Physalia physalis). Bei ihr handelt es sich zwar um ein Nesseltier, aber nicht um eine ­Qualle, sondern um eine Polypen­kolonie beziehungsweise Staatsqualle. Auf der Wasseroberfläche treibt eine Art Blase, die an eine durchsichtige Plastiktüte erinnert und leicht purpurn bis violett gefärbt ist. Daran hängen Fangfäden, die ins Wasser ragen und bis zu 30 Meter lang sein können. Die Kolonie treibt im offenen Meer mit dem Wind, die Fangfäden werden wie ein Schleppnetz hinterhergezogen. Die Wirkung der Nesselgifte ist auch für Menschen sehr stark. Es treten neben starken Entzündungen an den Stichstellen heftige Schmerzen, Übelkeit und womöglich Herz-Kreislauf-Schocks auf. Die Portugiesische Galeere lebt in wärmeren Meeren im Pazifik, im Süd­atlantik bis vor Portugal, Irland sowie Großbritannien und taucht vereinzelt auch im Mittelmeer auf.

Richtig handeln

Spüren Badende plötzlich brennende Schmerzen am Körper, sollten sie rasch das Wasser verlassen. So entkommen sie dem Wirkungskreis der Quallententakel. Am besten wenden sich ­Betroffene nach dem Verlassen des Wassers für die Strandaufsicht, sofern es eine solche vor Ort gibt. Das Giftinformationszentrum Nord (GIZ-nord) in Göttingen gibt zum weiteren Vorgehen folgende Ratschläge:

  • Die sicherste Maßnahme zur Ent­fernung von an der Haut klebenden ­Tentakeln mit ihren darin enthaltenen Nesselkapseln ist unabhängig von der Quallenart das Aufbringen von Sand oder Rasierschaum – dann kurz warten und anschließend die Masse aus Fäden und Sand oder Fäden und Rasierschaum vorsichtig abschaben. Diese nicht verreiben oder drücken. Als Hilfsmittel zum Schaben können Plastikkarten dienen, die man im Geldbeutel mit sich führt. Vor ­allen weiteren Maßnahmen sollte dies erfolgt sein.
  • Man kann noch auf der Haut kle­bende Tentakel zudem mit einer ­Pinzette oder mit den Fingern (Schutzhandschuhe!) entfernen.
  • Kein Süßwasser, keine Desinfektionsmittel, keinen Alkohol und keine ­alkoholhaltigen Flüssigkeiten nutzen, das aktiviert womöglich noch nicht ausgelöste Nesselzellen. Außerdem sollte man die Fäden nicht mit der bloßen Hand berühren und die ­betroffenen Hautstellen nicht mit dem Handtuch abrubbeln.
  • Als Erste-Hilfe-Maßnahmen nach der Tentakelentfernung empfiehlt das GIZ-nord, den betroffenen Körperteil ruhig zu stellen und betroffene Hautstellen nicht zu berühren. Die nachträgliche Applikation von Des­infektionsmittel ist nicht erforderlich, über Infektionen nach Kontakt mit Quallen-Tentakel wurde bislang nicht berichtet. Salben mit Antihistami­nika oder Kortison helfen in aller Regel nicht, erfolgversprechender sind ­Salben und Lotionen, die Lokal­anästhetika enthalten.
  • Für eine Wirksamkeit der Heißwassermethode, bei der die betroffene Haut mit bis zu 45 Grad Celsius warmen Wasser­bädern oder -güssen behandelt wird, gibt es Wirksamkeitshinweise bei Würfel- sowie bei Staatsquallen. Im Allgemeinen rät das GIZ-nord davon jedoch ab, da noch verbliebene Nessel­kapseln durch Süßwasser aktiv werden. ­Zudem besteht bei unvorsichtigem Vorgehen Verbrennungsgefahr.
  • In seltenen Fällen entwickeln Menschen nach Kontakt mit Quallen Atemnot, Herzrasen, starke Übelkeit oder Kreislaufprobleme mit Schwindel oder Bewusstseinsverlust. Dann kann nur der Notarzt helfen. Das gilt ebenso bei großflächigen Hautreizungen. Betroffene unter Schock bringt man in Schocklage, bewusstlose Personen, die noch atmen, in die ­Seitenlage. Fehlt die Atmung, mit Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen (Herzdruckmassage, Beatmung).
  • Wichtig auch der Hinweis des GIZ-nord: Bei einigen Quallenarten kann nach der initialen Vernesselung noch nach etwa zwei bis vier Wochen ­erneut eine Urtikaria auftreten, auch an Stellen, die keinen Kontakt mit Nesselkapseln hatten. Vermutlich handelt es sich um eine immunolo­gische Spätreaktion, die ein bis sieben Tage anhält.

Vorsorglich sollte man keine gestrandeten Quallen berühren. Meist handelt es sich gerade an der Nord- oder Ostsee um die für Menschen harmlosen Ohrenquallen. Doch im Zweifel erkennen Laien nicht, ob sie eine harmlose Quallenart vor sich haben. Und Nesselkapseln können auch bei gestrandeten, toten Tieren noch einige Tage lang ­aktiv sein.




Auch an Land sollten Quallen nicht angefasst werden. Die Nesselkapseln der toten Tiere können noch einige Tage aktiv sein.

Foto: Shutterstock/Lunx


Das äußerliche Auftragen von Haushaltsessig, Pasten aus Backpulver oder Magnesiumsulfat wird oft empfohlen, um Nesselkapseln von Quallen zu in­aktivieren. Welche dieser Maßnahmen hilft, hängt aber davon ab, um welches Nesseltier es sich handelte.

Essig etwa kann in einigen Fällen helfen, zum Beispiel bei den in australischen Küsten­gewässern lebenden Würfelquallen. In anderen Fällen, etwa bei in europäischen Gewässern vorkommenden ­gelben Haarquallen, ist Essig kontra­indiziert. Was einzusetzen ist, können Laien mangels Artenkenntnis meist schwer feststellen. Außerdem haben sie ihren »Angreifer« im Wasser oft nicht richtig sehen können, zumal ­dieser womöglich einige Meter entfernt war und Schwimmer nur mit den langen Fangarmen in Berührung ­gekommen sind.

Stiche durch das Petermännchen

Petermännchen sind am Meeresgrund lebende Fische. Es gibt mehrere Arten, von denen Badegästen besonders eine Probleme bereiten kann: das kleine ­Petermännchen Trachinus vipera. Dieser Fisch kommt an der Atlantikküste von Schottland bis Westafrika und in der Nord- und der westlichen Ostsee vor, wo sich der etwa 15 Zentimeter ­lange Fisch auch in flacherem Wasser in Schlick und Sandböden eingräbt. ­Gerade im Frühjahr und Sommer kommen Petermännchen zum Laichen in flache Gewässerzonen. Die Gefähr­lichkeit von Petermännchen beruht auf der Giftigkeit der Flossenstacheln der ersten Rückenflosse und eines Stachels am Kiemendeckel. Freigesetzt wird das Gift, sobald sich der Stachel durch die Haut bohrt.




Gut versteckt in Schlamm oder Sand: Das Petermännchen.

Foto: Fotolia/aquapix


Tritt man barfuß auf ein Petermännchen, etwa bei einer Wattwanderung oder beim Baden, kann ein Stich sofort heftigste Schmerzen bewirken, die sich rasch ausbreiten. Teils haben Betrof­fene Probleme, dann noch zu schwimmen. Das Schmerzmaximum tritt nach etwa einer halben bis einer Stunde auf. Ohne Behandlung können die Schmerzen einige Stunden, mitunter auch Tage anhalten. Die verletzte Stelle ist nach etwa 24 Stunden häufig taub und gefühllos. Ausgeprägte Ödeme und Hautrötungen können sich ausbilden. An der Wunde zeigen sich später eine lokale Nekrose des Gewebes und eine Verschorfung. Symptome wie Kopfschmerz, Fieber, Brechreiz, Atem- und Kreislaufprobleme oder Herzrhythmus­störungen sind möglich, aber eher ­selten. Die Stichfolgen können mit­unter noch monatelang spürbar sein. Betroffene sollten daher:

  • Das Wasser schnell verlassen, da der Schmerz nach dem Stich rasch ­zunimmt.
  • Die Wunde vorsichtig (!) von giftigen Stacheln und von Geweberesten ­befreien, gründlich mit Wasser, auch Seewasser, reinigen, wenn möglich desinfizieren.
  • Ist nicht rasch ein Arzt erreichbar, kann man versuchen, die Wunde mit der Temperatur-Variationsmethode zu behandeln. Einige wenige Minuten wird die Wunde lokal erwärmt, entweder mit einem heißen Föhn oder mit einer nahe daran gehaltenen Zigarettenglut (nicht direkt auf die Haut!). Dann kühlen, am besten mit Eis. Allerdings muss man auch hier vorsichtig zu Werke gehen, um die ­Situation nicht zu verschlimmern, etwa durch Verbrennungen. Nach der Ersten Hilfe geht man am besten bald zum Arzt.

In europäischen Meeren können sich gerade im Sommer regional starke ­Algenblüten ausbreiten. Manche Algenarten produzieren dabei Toxine, die bei Berührung mit der Haut oder beim Verschlucken zu mitunter erheblichen Vergiftungen führen können.

Algenteppiche meiden

Das Landesamt für Soziales, Gesundheit, Familie, Jugend und Senioren des Landes Schleswig-Holstein gibt dazu folgende allgemeine Hinweise: »Sehen Sie bei knietiefem Wasser Ihre Füße nicht mehr, sollten Sie nicht baden. Dies gilt erst recht für Bereiche, wo das ­Wasser durch Flocken und Schlieren der Blaualgen getrübt ist. Da besonders Kinder dazu neigen, Wasser beim Baden zu verschlucken, sollten sie von solchen Bereichen ferngehalten werden. Um Hautreizungen zu verhindern, sollte man sich nach einem Bad in den Küsten­gewässern mit Süßwasser abduschen. Auf Algenblüten in Nord- und Ostsee wird meistens durch Warnschilder hingewiesen, gegebenenfalls wird ein ­Badeverbot ausgesprochen. Als stän­dige aktuelle Informationsquelle steht der »Algenreport« (www.algenreport.de) im Internet zur Verfügung, im Sommer sind Auszüge daraus als Aushang an vielen öffentlichen Plätzen zu finden.« Hinweise gibt es auch unter www.schleswig-holstein.de/DE/Themen/B/badegewaesser.html.

Aber auch in anderen europäischen Gewässern sollte man bei ausgeprägten Algenteppichen oder Algenwarnungen nicht baden. Bei Kontakt wäscht man betroffene Stellen sogleich mit warmem, klarem Wasser ab. Bildet sich eine Rötung, muss man vor allem mit betroffenen Kindern einen Arzt auf­suchen. Beim Verschlucken ist es stets besser, umgehend zum Arzt zu gehen. /


Anfragen in Vergiftungsfällen

Giftinformationszentrum-Nord

Robert-Koch-Straße 40

37075 Göttingen

Telefon: 0551 19240

Telefax: 0551 3831881

Internet: www.giz-nord.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 07/2018

 

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