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ARZNEIMITTELTHERAPIE

Neu im April

Vier gewinnt


Von Sven Siebenand / Vier Medikamente mit einem hohen ­Innovationsgrad sind Anfang des Monats auf den Markt ge­kommen. Ihr Einsatzgebiet ist breit gefächert: Es reicht von ­Hämophilie A über Prostatakrebs und Hyperkaliämie bis hin zur Vorbeugung von Clostridium-difficile-Infektionen (CDI).

 

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Clostridium difficile ist einer der häu­figs­ten Erreger nosokomialer und Antibiotika-assoziierter Durchfallerkrankungen. Das von dem Bakterium produzierte Toxin B kann die Darmwand schädigen und eine Entzündung verursachen, die meist mit Symptomen wie wässrigem Durchfall und abdominellen Schmerzen einhergeht.



Der neue Wirkstoff Bezlotoxumab (Zinplava®25 mg/ml Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, MSD) ist kein Antibiotikum, sondern ein monoklo­naler Antikörper, der als einmalige In­fu­sion zusätzlich zu den bei CDI ein­gesetzten Standardantibiotika ver­abreicht wird. Der Antikörper bindet mit hoher Affinität an Toxin B und neutralisiert dessen Aktivität. Bezlotoxumab ist als erster Wirkstoff zur Präven­tion eines CDI-Rezidivs bei erwachsenen Patienten mit einem hohen Risiko für ein Wiederauftreten zu­gelassen worden.

Einmalige Infusion

Zinplava wird als intravenöse Einmal­infusion mit 10 mg/kg Körper­gewicht verabreicht. Das Präparat muss im Verlauf der antibakteriellen Therapie einer CDI verabreicht werden und ist nicht zur Behandlung einer CDI indiziert. Die in Studien am häufigsten registrierten Nebenwirkungen waren Übelkeit, Durchfall, Fieber und Kopfschmerz. Das neue Präparat sollte nicht in der Schwangerschaft eingesetzt werden, es sei denn, der Gesundheitszustand der Frau erfordert eine Behandlung mit dem Antikörper. In der Stillzeit ist zu entscheiden, ob auf Bezlotoxumab oder das Stillen verzichtet wird. Zinplava ist im Kühlschrank bei 2 bis 8 °C zu lagern.

Antikörper bei Hämophilie

Bei Menschen mit Hämophilie A ist die Blutgerinnung gestört. Die Ursache liegt in einem fehlenden oder nicht ausreichend funktionellen Gerinnungsfaktor VIII (FVIII). Wichtigstes Therapieziel ist, Blutungen und deren Folgen zu vermeiden sowie aufgetretene Blutungen zu stillen. Dazu wird der fehlende oder nicht ausreichend vorhandene Faktor VIII durch intravenöse Injek­tionen von sogenannten Faktorpräparaten substituiert. Abhängig vom Schweregrad der Erkrankung werden die Patienten entweder akut anlass­bezogen oder mit einer prophylak­tischen Dauertherapie behandelt.

Bei etwa 30 Prozent der Hämophilie-A-Patienten reagiert das Immunsystem mit der Bildung von sogenannten Hemmkörpern gegen das eingesetzte Faktorpräparat. Diese neutralisieren den injizierten FVIII und verhindern dessen Wirkung. Solange der Titer der gebildeten Inhibitoren niedrig bleibt, lässt sich diese unerwünschte Reaktion durch die Injektion höherer Dosen des Faktorpräparats kompensieren. In vielen­ Fällen wird jedoch eine Immuntoleranztherapie notwendig oder die Betroffenen sind auf Therapieoptionen mit Bypass-Medikamenten ange­wiesen. Diese Produkte haben jedoch nur eine geringe Halbwertszeit.




Der neue Antikörper Emicizumab (Hemlibra® 30 und 150 mg/ml Injek­tionslösung, Roche Pharma) stellt einen neuen Behandlungsansatz bei Hämophilie A und Faktor VIII-Hemmkörpern dar. Emicizumab ersetzt den Faktor VIII in seiner Funktion. Es handelt sich um einen sogenannten bispezifischen Anti­körper: Dieser bindet zunächst mit einer Bindungsstelle an Faktor IXa und im zweiten Schritt an Faktor X. Dadurch­ werden – wie durch aktivierten FVIII – beide Faktoren räumlich zusammengebracht, sodass sie miteinander reagieren können, der aktivierte Faktor Xa entsteht und so die Blutgerinnung weiter ablaufen kann.

Die gegen Faktor VIII gebildeten Hemmkörper können Emicizumab nicht angreifen, und eine Antikörper­bildung gegen den neuen Wirkstoff ist bislang nicht beobachtet worden. Das sind wichtige Vorteile. Hervor­zuheben ist ferner die lange Halbwertszeit von 28 bis 34 Tagen. Sie ermög­licht Pa­tienten mit Hemm­körperbildung eine nur einmal wöchentliche Injektion. Im Vergleich zur intrave­nösen Gabe der Faktor­präparate ist auch die subkutane Applikation einfacher und weniger belastend für die Patienten.

Die empfohlene Dosis beträgt 3 mg/kg einmal wöchentlich in den ersten vier Wochen (Initialdosis), gefolgt von 1,5 mg/kg einmal wöchentlich (Er­haltungsdosis). Die häufigsten Nebenwirkungen, die nach Behandlung mit mindestens einer Dosis Hemlibra be­obachtet wurden, waren Reaktionen an der Injektionsstelle (19 Prozent), Kopfschmerzen (15 Prozent) und Arthralgie (10 Prozent).

Zu viel Kalium

Mit Patiromer (Veltassa® 8,4 g Pulver zur Herstellung einer Suspension zum Einnehmen, Fresenius Medical Care Nephro­logica Deutschland) ist ein Arznei­mittel zur Behandlung von Erwachsenen mit hohen Kaliumspiegeln im Blut auf den Markt gekommen. Eine solche Hyperkaliämie kann zu Herzrhythmusstörungen und Muskelschwäche führen. Oft ent­wickelt sich eine Hyper­kaliämie zum Beispiel im Zuge einer Therapie mit einem Hemmer des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems, etwa einem ACE-Hemmer.



Patiromer gehört in die Gruppe der Kationenaustauscher. Durch die Bindung von Kalium im Lumen des Gastrointestinaltrakts erhöht der Wirkstoff die fäkale Kaliumausscheidung. Der Serumkaliumspiegel sinkt. Der Wirkeintritt erfolgt nach vier bis sieben Stunden. Deshalb ist Patiromer nicht für eine Notfallbehandlung einer Hyper­kaliämie geeignet.

Die empfohlene Anfangsdosis beträgt 8,4 g einmal täglich. Der Arzt passt die Dosis anschließend, abhängig von den Kaliumspiegeln im Blut, in Abstän­den von mindestens einer Woche an. Die Höchstdosis beträgt 25,2 g einmal täglich. Die Veltassa-Mischung sollte zusammen mit Nahrung und mindestens drei Stunden vor oder nach anderen oral verabreichten Arznei­mitteln eingenommen werden.

Zubereitung der Suspension

PTA und Apotheker können zur Zube­reitung der Suspension wichtige Hinweise weiter­geben. Patiromer sollte folgen­der­maßen mit Wasser zu einer Suspen­sion einheitlicher Konsistenz verrührt werden: Die komplette Dosis sollte in ein Glas mit circa 40 ml Wasser gegeben und verrührt werden. Danach sollten die Patienten weitere 40 ml Wasser hinzufügen und die Suspension erneut gut verrühren. Wichtig: Das Pulver löst sich nicht auf. Zum Er­reichen der gewünschten Konsistenz kann noch mehr Wasser hinzugefügt werden. Die Suspension sollte innerhalb von einer Stunde nach der Herstellung­ getrunken werden. Wenn im ausgetrunkenen Glas noch Pulverrückstände verbleiben: Wasser nachfüllen, umrühren und sofort aus­trinken. Dieser Vorgang kann so oft wiederholt werden, bis die gesamte Dosis eingenommen wurde. Zum Herstellen der Mischung können anstelle von Wasser auch Apfel- oder Cranberrysaft verwendet werden. Andere Flüssigkeiten sind nicht so gut geeignet, da sie möglicherweise hohe Mengen an Kalium enthalten.

Bei einem Großteil der gemeldeten unerwünschten Wirkungen handelt es sich um gastrointestinale Störungen, wobei am häufigsten von Obstipation, Diarrhö, Bauchschmerzen und Blähungen berichtet wurde. Häufig traten auch zu geringe Magnesiumspiegel im Blut auf. Aus Gründen der Vorsicht sollte die Anwendung von Veltassa während der Schwangerschaft unterbleiben. Das neue Präparat sollte­ bei Temperaturen zwischen 2 und 8 Grad Celsius gelagert und transportiert werden. Patienten können Veltassa bei Temperaturen unter 25 °C bis zu sechs Monate lang aufbe­wahren.

Photodynamische Therapie

Die photodynamische Therapie kennt man zum Beispiel aus der Behandlung der aktinischen Keratose. Dabei erfolgt zunächst eine lokale Behandlung mit einem sogenannten Photosensitizer. Unter Einwirkung von Licht wird dann eine toxische Reaktion auslöst. Der Vorteil ist, dass sehr gezielt kranke Zellen zerstört werden und gleichzeitig gesundes Gewebe geschont wird.

Eine vergleichbare Therapie wurde nun für die Behandlung des Prostatakarzinoms entwickelt. Dabei kommt der Photosensitizer Padeliporfin (Tookad® 183 und 366 mg Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung, Steba Biotech) zum Einsatz. Er wird den Patienten intravenös verabreicht. Die empfohlene Einzeldosis beträgt 3,66 mg/kg KG. Direkt im Anschluss wird die Prostata über einige Minuten mit Laserlicht einer bestimmten Wellenlänge bestrahlt, das über interstitielle optische Fasern abgegeben wird. Unter der Lichteinwirkung entstehen bei einer phototoxischen Reaktion Radikale, die innerhalb weniger Tage zur Gewebenekrose führen. Der Eingriff wird unter Vollnarkose durchgeführt.

Bei Low-Risk-Karzinom

Diese Form der Behandlung kommt für Männer mit einem sogenannten Low-Risk-Prostatakrebs infrage. Bei diesem wartet man häufig ab und beobachtet das Krebswachstum, bevor man eine Operation oder Strahlen­therapie durchführt, die immer auch das Risiko von Impotenz und Inkontinenz mit sich bringen. Die Gefahr dieser­ Nebenwirkungen ist bei der neuen­ photodynamischen Therapie nicht so hoch. Zugelassen ist Tookad bei erwachsenen Patienten mit zuvor unbehandeltem, einseitigem Niedrig­risiko-Adenokarzinom der Prostata mit einer Lebens­erwartung von mindestens zehn Jahren.

Sonnenlicht meiden

Nach der Behandlung besteht das Risiko­ von Lichtempfindlichkeit der Haut und Augen bei Lichtexposition. Es ist wichtig, dass alle Patienten 48 Stunden lang nach dem Eingriff Vorsichtsmaßnahmen im Hinblick auf Licht Folge­ leisten, um das Risiko einer Haut- oder Augenschädigung zu minimieren­. Die Männer sollten eine direkte Ein­wirkung von Sonnenlicht, einschließlich durch Fenster, sowie alle hellen Lichtquellen, sowohl in Gebäuden als auch im Freien, meiden.

Arzneimittel mit potenziell photosensibilisierender Wirkung, etwa Tetrazykline, Sulfonamide oder Thiazid­diuretika, sollten mindestens zehn Tage vor dem Eingriff mit Tookad und bis mindestens drei Tage nach dem Eingriff­ abgesetzt oder durch andere Behandlungen ohne photosensibi­li­sierende Eigenschaften ersetzt werden. Wenn das photosensibilisierende Arzneimittel, zum Beispiel Amiodaron, nicht abgesetzt werden kann, sollte der Patient darauf hingewiesen werden, dass eine gesteigerte Lichtempfind­lichkeit auftreten kann und er sich möglicherweise für einen längeren Zeitraum vor direktem Sonnenlicht schützen muss.

Die in klinischen Studien am häufigsten berichteten Nebenwirkungen waren Erkrankungen des Harntrakts und des Fortpflanzungssystems, zum Beispiel Dysurie, Erektionsstörung und Schmerzen am Damm. Tookad muss im Kühlschrank bei 2 bis 8 Grad Celsius aufbewahrt werden. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 08/2018

 

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