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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Hype um Kokosöl

Versprechen nicht haltbar


Von Ulrike Becker / Kokosfett kennen viele als weißes Plattenfett zum Braten. Geschicktes Marketing hat jetzt natives Kokosöl als vermeintliches Gesundheitselixier in die Lebensmittelregale gebracht. Von der Entgiftung bis zum Schutz vor Alzheimer reichen die Versprechen. Bietet es tatsächlich Vorteile für die Gesundheit?

 

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Ob im Supermarkt, Bioladen oder Online-Handel: Lebensmittel aus der Kokosnuss liegen­ im Trend. Das Angebot reicht von Kokoschips und -flocken fürs Müsli über Kokosmilch für exotische Gerichte und Kokoswasser als Fitnessgetränk bis zum Kokosöl. Firmen vermarkten Kokosöl unter anderem für mehr Fitness, als Schutz für die Leber­ oder zur Unterstützung bei der Gewichtsreduktion. Es soll den Fettstoffwechsel positiv beeinflussen und das vorteilhafte HDL-Cholesterin erhöhen. Sogar gegen ein Fortschreiten der Alzheimer-Demenz sowie gegen Viren, Bakterien und Pilze soll es laut Herstelleraussagen helfen. Allein aufgrund der Vielfalt an Gesundheitsversprechungen ist Misstrauen angebracht.

Die in tropischen Regionen wie Sri Lanka­, Indonesien, Philippinen oder Thailand wachsende Frucht der Kokospalme (Cocos nucifera) stellt für Millionen­ von Menschen einen wich­tigen Energielieferanten dar. Die bis zu zweieinhalb Kilogramm schwere Kokos­nuss selbst ist nur der Stein der großen Früchte. Die Außenschichten bestehen aus einer dünnen leder­artigen Hülle mit einer vier bis sechs Zentimeter dicken faserigen Unterschicht; aus diesen Kokosfasern werden­ in den Tropen unter anderem Seile, Körbe­ oder Teppiche hergestellt. Die hierzulande erhältlichen Kokosnüsse sind von einer dünnen braun-faserigen Schicht umgeben. Darunter liegt der von einer harten verholzten Schale geschützte Kern mit dem gehaltvollen Fruchtfleisch. Der Hohlraum unreif geernteter­ Kokosnüsse ist mit einer klaren­, nährstoffreichen Flüssigkeit gefüllt, dem Kokoswasser. Während der Reifung der Früchte wird das anfangs weiche Fruchtfleisch weiß und fest, das Kokoswasser lagert sich immer mehr an den Innenwänden als Fruchtfleisch ab. Einmal geerntete Früchte reifen nicht nach. Das Kokosfruchtfleisch enthält etwa 45 Prozent Wasser und neben dem Hauptbestandteil Fett unter anderem geringe Mengen Vitamin E und Selen sowie einige sekundäre Pflanzenstoffe.

Verarbeitung unterscheidet Qualität

Um Fett beziehungsweise Öl aus der Kokosnuss zu gewinnen, kommen verschiedene Verfahren zum Einsatz. Für konventionelles Kokosfett wird das geraspelte und getrocknete Fruchtfleisch – Kopra genannt – bei hohen Temperaturen gepresst; der Zusatz verschie­dener chemischer Lösungsmittel erhöht­ die Ausbeute. Das gewonnene Öl durchläuft anschließend einen Raffinationsprozess. Dieses feste, weiße Kokos­fett ist aufgrund der Fettzu­sammensetzung und der Raffination sehr hitzestabil. Es lässt sich deswegen gut zum Braten und Frittieren ein­setzen. Raffiniertes Kokosfett wird auch industriell zur Herstellung von Speise- und Spezialfetten genutzt.

Für die Herstellung des nativen Kokos­öls wird das frische Fruchtfleisch in der Regel nur heiß gewaschen, zerkleinert­, für kurze Zeit getrocknet und mechanisch gepresst. Häufig wird es in Bio-Qualität angeboten; dann ist die Verwendung von chemischen Hilfsstoffen tabu. Auf die Fetthärtung verzichten Bio-Hersteller ebenfalls. Das Ergebnis ist ein cremig-weißes Öl mit angenehmem Kokosaroma. Teilweise erfolgt eine anschließende Behandlung mit heißem Dampf, um unerwünschte Geruchs- und Geschmacksstoffe zu entfernen. Die Ölgewinnung kann auch nach der Trockenmethode erfolgen, bei der das enthaltene Fett aus dem getrock­neten Fruchtfleisch bei Temperaturen bis etwa 38 °C herausgepresst wird. Natives Kokosöl ist nicht ganz so hitzebeständig wie raffiniertes, kann aber zum Dünsten oder kurzen Anbraten eingesetzt werden.

Besondere Fettqualität

Kokosfett enthält rund 92 Prozent gesättigte Fettsäuren, etwa 6 Prozent einfach ungesättigte und knapp 2 Prozent mehrfach ungesättigte Fett­säuren. Damit unterscheidet es sich – ausgenommen Palmfett – deutlich von anderen Pflanzenölen, in denen die mehrfach und einfach ungesättigten Fettsäuren dominieren. Der hohe Anteil an gesättigten Fettsäuren trägt zu der besonderen Konsistenz des Fettes beziehungsweise Öles bei. Denn als eines der wenigen pflanzlichen Öle ist Kokosfett erst ab etwa 24° C flüssig, bei niedrigeren Temperaturen oder im Kühlschrank wird es hart.

Trotz seines hohen Gehaltes an gesättigten Fettsäuren wird Kokosöl auf zahlreichen Internetseiten, pseudo­wissenschaftlichen Magazinen oder Büchern als wahres Gesundheitselixier beworben. Kokosfett besteht zwar überwiegend aus gesättigten Fett­säuren, doch macht etwa die Hälfte davon die Laurinsäure aus, eine Fettsäure, die mit 12 Kohlenstoffatomen (C12:0) von einigen Autoren und Herstellern noch zu den mittelkettigen Fettsäuren gezählt wird. Rund 14 Prozent entfallen auf die Capryl- (C8:0) sowie die Caprinsäure (C10:0), die eindeutig zu den mittelkettigen Fettsäuren zu rechnen sind. Mittelkettige Fettsäuren werden auch als MCT-Fette (Medium Chain Triglycerides) bezeichnet. Die Werbung hebt die MCT-Fette des Kokos­öls als »Gruppe einzigartiger Nährstoffe« hervor und macht sie unter anderem für die an­geblich positiven Einflüsse auf den Fettstoffwechsel verantwortlich. So soll die Laurinsäure den Blutspiegel des »guten«­ HDL-Choles­terins erhöhen. Die MCT-Fette in Kokos­öl würden zudem vom Orga­nismus leichter aufge­nommen und verwertet, was die Leber entlaste und entgifte. Zudem sollen die MCT-Fette den Stoffwechsel anregen, nicht in Fettdepots gespeichert werden und so Übergewichtigen beim Ab­nehmen helfen.

Vorteil durch MCT-Fette?

Einige Studienergebnisse deuten tatsächlich darauf hin, dass diätetische MCT-Fette, die in einem speziellen Verarbeitungsprozess aus Kokos- und Palmkernfett hergestellt werden, in mancher Hinsicht Vorteile bieten. Sie haben sich beispielsweise bei Fett­verwer­tungsstörungen, Erkrankungen der Gallenwege, Leber und Bauch­speicheldrüse sowie Mucoviszidose oder Morbus Crohn bewährt. Der Körper­ kann die aufgrund der geringen Kettenlänge wasserlöslichen MCTs direkt­ in das Blut aufnehmen und ohne Zuhilfenahme von Gallensäuren und fettspaltenden Enzyme aufschließen. Diätetische MCT-Fette weisen zudem einen um etwa zehn Prozent niedrigeren Energiegehalt auf und erhöhen den Energieverbrauch nach der Nahrungs­­auf­nahme etwas mehr als herkömm­liche Fette. Ob sich diese Eigenschaften günstig bei einer Gewichtsreduktion auswirken, ist wissenschaftlich nicht belegt.

Der Knackpunkt besteht jedoch darin­, dass die beschriebenen Effekte sich auf industriell hergestellte MCT-Fette, nicht aber auf die ursprünglichen Fette beziehen. Zudem fällt die Zu­ordnung der in Kokosöl hauptsächlich vorliegenden Laurinsäure zu den mittel­kettigen Fettsäuren nicht so eindeutig aus, wie in der Werbung behauptet. Viele Ernährungs­wissen­schaftler, beispielsweise Experten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, rechnen zu den MCT-Fetten nur Fettsäuren mit sechs bis zehn Kohlen­stoffatomen. Auch diäteti­sche MCT-Fette haben in der Regel maximal eine Ketten­länge von zehn Kohlenstoff­atomen. Bei Laurinsäure sind es wie erwähnt­ jedoch zwölf. So betrachtet sind der Gehalt an mittelkettigen Fettsäuren in Kokosöl ebenso wie die dadurch­ erhofften Effekte erheblich geringer, als Vermarktungsstrategen es beschreiben.

Fettstoffwechsel profitiert nicht

Ernährungswissenschaftler bewerten den Hype um Kokosöl ohnehin kritisch. Denn nach der wissenschaftlichen Studien­lage ist unstrittig, dass ge­sättigte Fettsäuren den LDL-Choles­terin­spiegel erhöhen und daher als Risiko­faktor für Herz-Kreislauf-Er­krank­ungen gelten. In einer aktuellen Ver­öffentlichung der American Heart Associa­tion (AHA) bestätigen die Wissen­schaftler, dass das Risiko für kardio­vaskuläre Erkrankungen um fast ein Drittel sinkt, wenn der Anteil an gesättig­ten Fettsäuren zugunsten mehrfach ungesättigter Fettsäuren in der Nahrung reduziert wird. Sie kommen nach der Prüfung von 21 Forschungsarbeiten zu dem Schluss, dass Kokosöl für die Gesundheit keinen Vorteil­ bringt. Im Gegenteil: Die vor­liegenden Studien zu den Wirkungen auf den Fettstoffwechsel zeigen, dass der gesteigerte Verzehr von Kokosöl die LDL-Konzentration im Blut erhöht und es diesbezüglich nicht viel besser abschneidet als tierische Fette. In den Unter­suchungen zeigte sich, dass Kokos­öl das Gesamt- und das LDL-Choles­terol in einem größeren Ausmaß erhöhte als ungesättigte Pflanzenöle, jedoch in einem­ geringeren Umfang als Butter. In den tropischen Herkunftsländern des Kokosöls ließ sich jedoch kein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko durch den dort üblichen Verzehr von Kokosnuss­produkten erkennen. Da sich die Ess­gewohnheiten in den westlichen In­dustrie­ländern jedoch deutlich von den Tropen unterscheiden, könnten die Ergeb­nisse nicht auf westliche Länder übertragen werden, betonen die Wissen­schaftler.

Wirksam gegen Alzheimer?

Die versprochenen Gesundheitseffekte gehen noch weiter. Der regelmäßige Konsum von etwa zwei Esslöffeln Kokos­öl täglich soll auch vor Alzheimer-Demenz schützen und in größeren Mengen im frühen Krankheitsstadium ein Fortschreiten verzögern. Ob diese po­sitiven Effekte wirklich durch den Konsum­ von Kokosöl zu erzielen sind, bleibt allerdings fraglich. Viele Behauptun­gen beziehen sich auf Er­gebnisse aus methodisch mangel­haften Untersuchungen mit wenigen Teil­nehmern oder stammen von Tier- oder Laborstudien, die sich nicht einfach­ auf den Menschen übertragen lassen. Die Experten von Cochrane Öster­reich – ein Netzwerk von Wissenschaftlern und Ärzten – kommen nach der Sichtung aktueller­ Studien zu dem Schluss, dass eine Wirkung nicht belegt ist.

Eine erste Tierstudie deutet da­gegen darauf hin, dass Laurinsäure bei Arthrose günstig wirken könnte. Beim Vergleich von Kostformen, die sich nur in der Zusammensetzung der Fett­säuren unterscheiden, erwies sich die mit einem hohen Anteil an Laurinsäure am günstigsten. Bei einer Diät mit langkettigeren Fettsäuren waren die Schäden im Gelenkknorpel dagegen ausgeprägter. Selbst Ratten mit bestehen­der Arthrose zeigten eine Besserung des Gelenks, wenn sie Laurin­säure-­reiches Futter erhielten. Ergebnisse aus menschlichen Zellkulturen zeigten, dass Laurinsäure die Freisetzung bestimmter Stoffe fördert, die die Festigkeit des Knorpels positiv beeinflussen. Doch hier ist noch weitere Forschungsarbeit nötig, ehe sich Empfehlungen ableiten lassen.

Geschmack statt Gesundheit

Festzuhalten bleibt, dass keine der versprochenen Gesundheitswirkungen des Kokosöls wissenschaftlich haltbar ist. Aufgrund der unzureichenden Studien­lage sind auch keine gesundheitsbezogenen Werbeaussagen (Health Claims) erlaubt. Trotzdem spricht nichts da­gegen, Kokosöl in der Küche einmal auszuprobieren. Das angenehm kokos­nussige Aroma passt nicht in jedes Gericht, verleiht aber vor allem asiatisch angehauchten Speisen­ den besonderen Pfiff. Wer den charakteristischen Geschmack mag, kann auch Gemüse darin andünsten oder kurz anbraten.

Um aber das ideale Fettsäure­muster in der Nahrung zu erreichen, sollten pflanzliche Öle mit einfach und mehrfach ungesättigten Fettsäuren wie Oliven­-, Raps-, Lein- und Walnussöl die hauptsächlich verwendeten Öle bleiben­. Wer sie vermehrt in der kalten­ und warmen Küche einsetzt, versorgt den Körper mit essenziellen Fettsäuren und senkt nachweislich das Risiko für Herz-Kreislauf- Erkrankungen. /




Foto: iStock/bhofack2



Wenn Kokos, dann Bio

Wer Kokosöl verwenden möchte, sollte zu nativer, möglichst fair gehandelter Bio-Ware greifen. Denn auf biologisch bewirtschaftete Flächen wachsen unter den Palmen gleichzeitig andere Pflanzen in einer gesunden Mischkultur. Der Verzicht auf künstliche Bewässerungssysteme trägt ebenfalls zum Naturschutz bei, genauso wie das Verbot von Pestiziden und Kunstdünger. Das Öko-Test-Magazin hat in vielen Kokosprodukten Rückstände von Mineralöl, Weichmachern oder Chlorat gefunden; nur Bio-Ware überzeugte die Warentester. Der ökologische Anbau kommt zudem den Arbeitern vor Ort zugute.




Das weiße Kokosfleisch enthält das Öl der Steinfrucht.

Foto: iStock/santhosh_varghese



Wasser und Milch aus Kokos

Urlauber kennen vielleicht die noch unreifen, oben geöffneten Früchte der Kokospalme mit Strohhalm, die von Straßenhändlern in tropischen Regionen als Durstlöscher verkauft werden. Bestimmte Sorten enthalten in einem Alter von rund sechs bis sieben­ Monaten etwa 600 Milliliter Kokoswasser. Längst bieten Unternehmen auch hierzulande in kleine Tetrapaks oder Fläschchen abge­fülltes Kokoswasser als neuartiges Getränk an, das zur Regeneration nach dem Sport oder zum Entgiften – neudeutsch detoxen – beitragen soll. Die leicht süßliche und kaum nach Kokos schmeckende klare Flüssigkeit enthält neben Wasser reichlich Mineralstoffe, vor allem Kalium, Calcium, Magnesium, Natrium und Phosphor sowie einige Kohlenhydrate und B-Vitamine­. Angeblich soll Kokoswasser die Harnproduktion anregen und die Ausscheidung von Giftstoffen fördern, was aber nicht belegt ist.

Kokosmilch ist in der vegetarischen Küche zur Abrundung von exo­tischen Gemüsecurrys sehr beliebt. Sie selbst ist kein natürliches Produkt­, sondern wird aus reifen Kokos­nüssen hergestellt, indem das zerkleinerte Fruchtfleisch mit Wasser­ vermischt und anschließend gepresst wird. Die überwiegend in Dosen angebotene aromatische Milch liefert reichlich Energie und sollte daher nicht in übermäßigen Mengen zum Einsatz kommen.

Ein weiteres neues Produkt der Kokos­palme ist Kokosblütenzucker. Er wird als natürliches Süßungsmittel beworben und aus den Blüten­ständen der Palme gewonnen. Dazu wird der Pflanzensaft aus den Blüten zu einem Sirup eingekocht, aus­kristallisiert und gemahlen. Der karamell­artige Zucker schmeckt etwas­ weniger süß als herkömm­licher Haushaltszucker und wird sicher aufgrund des hohen Preises von 20 bis zu 30 Euro pro Kilogramm meist nur sparsam eingesetzt. Gesund­heitliche Vorteile hat auch er nicht zu bieten.



Beitrag erschienen in Ausgabe 09/2018

 

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