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BERATUNGSPRAXIS

Blasenentzündung

Leitlinie empfiehlt Phytopharmaka


Von Ulrike Viegener / Die Selbstbehandlung der unkompli­zierten Blasenentzündung ist eine Domäne der Phyto­medizin. Frauen, die öfter mit den lästigen Beschwerden zu kämpfen haben, sollten immer auch über die Möglichkeiten einer Rezidivpro­phylaxe beraten werden.

 

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Die Beschwerden bei einer Blasenentzündung sind fies: Brennende Schmerzen und permanenter Harndrang, auch wenn sich nur Tröpfchen in der Blase befinden. In der Folge kommt es zu einer­ regelrechten Angst vor dem Toiletten­gang.




Eine Therapie gegen Blasenentzündung sollte in erster Linie die Symptome lindern.

Foto: Shutterstock/markos86


Deshalb brauchen Frauen­, die mit einer Zystitis in die Apotheke kommen, in erster Linie ein Me­dikament, das die Symptome schnell beseitigt. Antibiotika erfüllen diese Forderung, bei manchen ist bereits nach der ersten­ Tabletteneinnahme eine deut­liche Besserung zu spüren. Trotzdem suchen viele Frauen nach einer Alter­native, besonders dann, wenn sie häufiger­ mit dem Problem zu kämpfen haben.

Rezidivierende Blasenentzündungen sind keine Seltenheit. Die schnelle Symptomlinderung ist vorrangiges Therapieziel bei der Auswahl eines geeigneten Medikaments. Es sollte, gerade­ auch bei der Selbstmedikation, aber auch unbedingt sichergestellt sein, dass die Infektion tatsächlich ausheilt­ und nicht verschleppt wird.

Oft ohne Antibiotikum

Laut einer Doppelblind-Studie mit 500 Teilnehmerinnen, in der die Wirksamkeit von Fosfomycin (3 g als »single shot«) und Ibuprofen (dreimal täglich 400 mg über drei Tage) verglichen wurde­, heilen zwei Drittel aller un­komplizierten Blasenentzündungen ohne Zuhilfenahme eines Antibiotikums folgenlos aus. Allerdings hatte der Verzicht auf ein Antibiotikum schon seinen Preis: Die Beschwerden hielten unter Ibuprofen im Schnitt einen Tag länger an. Außerdem kam es innerhalb von 14 Tagen tendenziell häufiger zu einem­ Rezidiv. Und die Komplikationsrate war ohne Antibiotikum signifikant erhöht: In fünf Fällen kam es unter Ibuprofen­ zu einer Nierenbeckenentzündung (Pyelonephritis), unter Fosfomycin nur in einem Fall.

Die Studie wird in der im vergan­genen Jahr aktualisierten Leitlinie zum Thema »Unkomplizierte Harnwegsinfekte« unter Federführung der Deutschen­ Gesellschaft für Urologie ausdrücklich erwähnt, in der sich die Experten sehr kritisch mit dem Einsatz von Antibiotika auseinandersetzen. Zwingend erforderlich sei eine Anti­biotikatherapie bei unkomplizierten Harnwegsinfekten nicht, so das Statement. Eine unkomplizierte Blasenentzündung kann also auch symptom­orientiert mit Ibuprofen behandelt werden, so die Empfehlung der Leit­linienautoren.

Über die genannten Nachteile, die mit dem Verzicht auf ein Antibiotikum verbunden sind, sollten Frauen mit einer­ Zystitis aber informiert sein. Bei Blut im Urin ist auf jeden Fall ein Antibiotikum erforderlich. Dasselbe gilt bei Fieber, denn in diesem Fall sind die Bakterien­ meist bereits aufgestiegen und es besteht erhöhte Gefahr einer Pyelonephritis. Frauen, die früher bereits­ eine Nierenbeckenentzündung durchgemacht haben, sollten ebenfalls auf Nummer sicher gehen und ein Antibiotikum einnehmen.

Pflanzliche Desinfizienzien

Für die Selbstbehandlung unkom­plizierter Harnwegsinfekte stehen verschie­dene Arzneimittel und Arzneitees zur Verfügung. Die Leitlinie spricht in dieser Hinsicht allerdings keine Empfeh­lungen aus. Abgesehen vom Hinweis auf die zitierte Ibuprofen-Studie­ werden keine Alternativ­vorschläge zur Antibiotikatherapie gemacht. In der Praxis häufig angewendete Phytopharmaka finden in der Leitlinie bei der Akuttherapie unkomplizierter Harnwegsinfekte keine Erwähnung. Anders sieht es in punkto Rezidivprophylaxe aus: Hier sehen die Autoren zum gegenwärtigen Zeitpunkt mehr Evidenz für den Einsatz pflanz­licher Harndesinfizienzien wie Kapuzinerkressekraut, Meerrettichwurzel und Bärentraubenblätter (Arctostaphylos uva-ursi).


Komplizierte Infekte

Nur unkomplizierte Blasen­­ent­zündungen sollten in Eigenregie behandelt werden. Bei Hinweisen auf einen kom­plizierten Infekt sollten PTA und Apotheker an den Arzt verweisen. Das sind:

  • Dumpfe Schmerzen in der Nie­ren­gegend, allgemeines Krankheitsgefühl, Fieber, blutiger Urin.
  • Die Beschwerden bestehen auch nach drei bis fünf Tagen weiter oder verschlechtern sich.
  • Anomalien des Harntrakts.
  • Als generell kompliziert gelten Harnwegsinfekte bei Kindern, Männern, Schwangeren, Immunsupprimierten, Patienten mit Nieren­insuffizienz und schlecht eingestellten Diabetikern.


Auch wenn sich die Experten für ein positives Votum noch mehr kontrollierte Studien wünschen – Studiendaten, die den Einsatz der Kapuzinerkresse (Tropaeolum majus) und der Meerrettichwurzel (Armoracia rusticana) auch in der Akut­situation nahelegen, gibt es schon. Das Kombinationspräparat Angocin® Anti-Infekt N enthält hochdosierte Senfölglykoside beider Heilpflanzen, die sich in den Harn­wegen anreichern. Mehrere Studien sprechen dafür, dass das Kombinationspräparat zur Behandlung der akuten unkomplizierten Zys­titis geeignet ist.

Breites Spektrum

Die relevanten Inhaltsstoffe beider Heilpflanzen sind Senfölglykoside, die von vielen Kreuzblütlern als Fraßschutz produziert werden. Im Gastrointestinum werden die Senfölglykoside durch pflanzeneigene Enzyme zu Senfölen (Isothiocyanaten) – den aktiven Wirkstoffen – hydrolysiert. Diese weisen ein breites Wirkspektrum gegenüber grampositiven und -negativen Bakterien auf, wobei­ auch Escherichia coli als typischer­ Erreger unkomplizierter Harnwegsinfekte nachweislich erfasst wird.


Tipps für das Beratungsgespräch

  • Bei Harnwegsinfekten sollten Frauen viel trinken. Laut Leitlinie sollten aber 1,5 Liter pro Tag bei einer Antibiotika-Therapie nicht überschritten werden, weil sonst die Wirkstoffe zu stark verdünnt werden.
  • Übertriebene Hygiene fördert Harnwegsinfekte. Zum Schutz der Schleimhautbarriere sollten allenfalls milde Reinigungsmittel verwendet werden. Wasser allein reicht aber auch.
  • Das Darmbakterium Escherichia coli ist der wichtigste Erreger unkom­plizierter Harnwegsinfekte. Damit keine Bakterien in Richtung Harn­leiter verschmiert werden, wird die richtige Wischtechnik von vorne nach hinten empfohlen.
  • Bakterien mögen kein saures Milieu. Bei rezidivierenden Harnwegsin­fekten raten Experten dazu, den Harn-pH-Wert zu senken (zum Beispiel mit Acimethin®, Utipro plus®).
  • Häufiger Sex kann eine »Honey­moon«-Zystitis zur Folge haben. Es kann ratsam sein, zur Prophylaxe gleich nach dem Geschlechtsverkehr die Blase zu entleeren (allerdings wider­sprüch­liche Evidenz).
  • Während und nach der Menopause ist das Zystitisrisiko infolge des Estrogen­mangels erhöht. In diesem Fall stellen estrogenhaltige Scheiden­­zäpfchen eine wirksame Prophylaxe dar.


Gegenüber klassischen Antibiotika weisen­ Senföle einige Vorteile auf: Zum einen bleibt die physiologische Darmflora, die sowohl für die Verdauung als auch für die Immunabwehr bedeutsam ist, weitgehend intakt. Senföle werden nämlich im oberen Dünndarm fast vollständig resorbiert, sodass zumindest die Bakterien der unteren Darm­abschnitte nicht behelligt werden. Auch sonst verursachen Senföle so gut wie keine Nebenwirkungen. Allenfalls kann es zu leichten Schleimhautreiz­ungen im Magen-Darm-Trakt kommen, weshalb empfindliche Personen senfölhaltige Präparate nach dem Essen einnehmen sollten. Ein weiteres Plus der pflanzlichen Antibiotika: Resistenzen scheinen kein nennenswertes Problem zu sein. Eine Studie, in der Angocin Anti­-Infekt N bei rezidivierenden Harnwegsinfekten zum Einsatz kam, belegt auch nach wiederholter Anwendung eine gleichbleibend gute Wirksamkeit.




Drei Harnwegsdes­­infizienzien mit nach­gewiesener Wirkung: Kapuzinerkressenkraut, Meer­rettichwurzel, Bären­traubenblätter (von oben nach unten).

Foto: Shutterstock/Eskymaks


Während die Kapuzinerkresse-Meerrettich-Kombination bei Harnwegs­infekten im Moment fast noch Geheimtipp­-Status besitzt, sind die von den Leitlinienautoren ebenfalls positiv bewerteten Bärentrauben­blätter (wie in Arctuvan®, Cystinol® akut) ein Phyto­klassiker in dieser Indikation. Das enthaltene Arbutin wird zu Hydrochinon metabolisiert, welches mild antibakteriell wirkt.

Harntreibend

Daneben kommen auch andere Phyto­pharmaka, etwa mit Rosmarinblättern, Liebstöckelwurzel und Tausend­gülden­kraut (wie Canephron®) zum Einsatz. Goldrutenkraut (Solidago virgaurea) und Birkenblätter (Betula pendula beziehungsweise pubescens) werden auch oft in Form von Arzneitees getrunken.




Foto: Shutterstock/Eskymaks


Harntreibende Inhaltsstoffe helfen, die Blase gut durch­zuspülen und Bakterien auszuschwemmen. Außerdem werden Inhaltsstoffen der Goldrute entzündungshemmende und krampflindernde Eigenschaften zugeschrieben, die bei akuter Blasenentzündung ebenfalls nützlich sind. Kontraindiziert ist eine Durchspül­therapie mit Aquaretika bei Herz- und Niereninsuffizienz.

Rezidivprophylaxe

Bei rezidivierenden Harnwegsin­fekten, das heißt mindestens zwei Episoden­ innerhalb von sechs Monaten oder mindestens drei innerhalb von zwölf Monaten, sollte den betroffenen Frauen zu einer Rezidivprophylaxe geraten­ werden. Eine Langzeit­anti­biose ist bei harmlosen Infekten allerdings die Ultima ratio. Zuvor stehen­ verschiedene Maßnahmen zur Auswahl, die darauf abzielen, die Immun­abwehr zu stärken oder die Erreger­ direkt auszuschalten. An erster Stelle empfiehlt die Leitlinie eine dreimonatige Behandlung mit dem oralen Immunprophylaktikum Uro Vaxom® (OM-89). Und auch das Immunprophylaktikum StroVac®(drei Injek­tionen in wöchentlichen Abständen) sei einen Versuch wert.




Foto: Okapia/Manfred Ruckszio


Ein effektives wie verträgliches Prophy­laktikum ist auch die D-Mannose (wie Femmanose®). Dieser Einfachzucker, der kaum verstoffwechselt wird, ist laut einer randomisierten, offenen Langzeit-Studie dem Antibiotikum Nitrofurantoin ebenbürtig. Die Teil­nehmerinnen, die unter rezidivierenden Harnwegsinfekten litten, tranken entweder täglich 2 g D-Mannose in Wasser aufgelöst oder sie nahmen Nitro­furantoin in einer Dosis von 50 mg täglich ein. Nach sechs Monaten war in der Zuckergruppe bei 14,6 Prozent und in der Antibiotikumgruppe bei 20,4 Prozent der Frauen erneut ein Harnwegsinfekt aufgetreten – und das bei 72 Prozent weniger Nebenwirkungen (vor allem Durchfall) in der Zucker­gruppe. Deutlich höher dagegen die Rezidivrate in der unbehandelten Kon­trollgruppe: 61 Prozent. Bleibt die Frage­, wie der Effekt der D-Mannose zu er­klären ist. Offenbar fängt der Zucker eingedrungene Erreger durch Komplexbildung ab und verhindert so ihr Andocken an die Blasenschleimhaut

D-Mannose ist übrigens auch in Cranberrys enthalten, was zu deren postulierter Wirkung bei Harnwegs­infekten beitragen könnte. Theoretisch würde dies einleuchten – wenn da nicht die widersprüchliche Studienlage wäre. Die Autoren der Leitlinie ver­sagen den roten Beeren deshalb eine positive Beurteilung und eine Empfehlung zur prophylaktischen Anwendung. Am ehesten seien Effekte mit hoch dosierten­ Kapseln und Tabletten zu erwarten­, deren Proanthocyanidin-Gehalt­ deutlich höher liege als bei handels­üblichen Cranberry-Präparaten. Studien mit entsprechenden oralen­ Darreichungsformen stünden aber bislang aus, soweit das offizielle Statement. Jedoch gibt es aber klinische Studien, die eine prophylak­tische Wirkung von Cranberrys dokumentieren. Und es gibt viele Patien­tinnen mit wiederkehrenden Harnwegsinfekten, die auf Cranberrys schwören. Womit sich einmal mehr bewahrheitet, dass evidenzbasierte Medizin und Erfahrungsmedizin nicht zwingend zu deckungsgleichen Aussagen kommen müssen. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 10/2018

 

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