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BERATUNGSPRAXIS

Schwitzen

Noch normal oder krankhaft?


Von Ulrike Viegener / Starkes Schwitzen kann physiologisch sinnvoll, aber auch pathologisch sein. Sekundäre Hyperhidrosen lassen sich meist ursächlich behandeln, bei primären Hyperhidrosen dagegen richtet sich die Therapie gegen das Schwitzen selbst.

 

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Normales Schwitzen ist eine gegenregulatorische Maßnahme, mit der die Körpertemperatur konstant gehalten wird. Bei sommerlicher Hitze, beim Sport und auch bei fieberhaften Infekten verschafft sich der Körper auf diese Weise Kühlung, denn Schwitzen erzeugt Verdunstungskälte. Außerdem gehört Schwitzen zum normalen physiologischen Programm, mit dem wir auf Stress reagieren.




Fokale Hyperhidrosen werden in der Regel topisch behandelt, meist mit einem Aluminiumsalz-haltigen Antitranspirant.

Foto: Your Photo Today


Beim pathologischen Schwitzen (Hyperhidrose) dagegen fließt der Schweiß bei niedrigen Temperaturen und ohne körperliche Anstrengung. Die Betroffenen sind regelrecht schweißgebadet: Der Schweiß läuft ihnen­ in Rinnsalen das Gesicht hinunter oder bildet riesige Flecken unter den Achseln. Das alles sind keineswegs Übertreibungen. Pathologisches Schwitzen kann extrem sein, und es ist nicht verwunderlich, dass viele Betroffenen sehr darunter leiden. Andererseits sind die Übergänge zwischen noch normalem und übermäßigem Schwitzen fließend.

Das starke Schwitzen wird als so­zial stigmatisierend empfunden und führt nicht selten dazu, dass die Betroffenen soziale Kontakte meiden. Sie selbst wissen, dass ihr Schwitzen nichts mit mangelnder Hygiene zu tun hat, sehen sich aber nicht selten mit diesem Vorurteil konfrontiert. Angst und Unsicherheit können das Schwitzen noch verstärken, sodass ein Teufelskreis entsteht.

Die Betroffenen versuchen, sich mit ihrem Handicap zu arrangieren. Oft haben sie keine Ahnung, dass starkes Schwitzen eine Vielzahl von Ursachen haben kann, gegen die man gezielt etwas unternehmen kann. Häufig wird nie eine exakte Diagnose gestellt. Körperliche Krankheiten können ebenso wie psychische Erkrankungen für übermäßiges Schwitzen verantwortlich sein, und auch Medikamente kommen als Auslöser einer sekundären Hyperhidrose in Betracht.

Nebenwirkung Schwitzen

Wenn jemand wegen starken Schwitzens in die Apotheke kommt, muss die Ursachenforschung also an erster Stelle stehen. Die Liste schweißtreibender Medikamente ist lang. Darauf stehen beispielsweise Parasympathomimetika, Gonadorelin-Analoga, Schilddrüsenhormone, trizyklische Antidepressiva, Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, Opioide, Sulpirid, Methylphenidat, Baclofen, Cinnarizin und Omeprazol. Vor allem bei einer entsprechenden Neueinstellung besteht der Verdacht, dass das Schwitzen etwas mit der Medikation zu tun haben könnte.

Als Krankheiten, die starkes Schwitzen hervorrufen können, sollten PTA und Apotheker neben Infektionskrankheiten vor allem Adipositas, Hypoglykämien bei Diabetes mellitus, Hyperthyreose, Herzinsuffizienz sowie hämatoonkologische Erkrankungen auf dem Schirm haben. Und natürlich sollten auch Hitzewallungen in der Menopause ausgeschlossen sein, bevor man eine primäre Hyperhidrose in Betracht zieht. Bei Verdacht auf eine sekundäre Hyperhidrose sollten die Betroffenen unbedingt einen Arzt aufsuchen, denn hier gilt es, zunächst die Grundkrankheit gezielt zu behandeln.

Fokal oder generalisiert

Primäre Hyperhidrosen, die häufig erstmals in der Pubertät auffallen, treten lokal begrenzt auf, wobei Gesicht, Achseln, Handflächen und Fußsohlen vorrangig betroffen sind (fokale Hyperhidrose). Die übermäßige Schweißbildung kann aber auch den ganzen Körper erfassen (generalisierte Hyperhidrose). Millionen von ekkrinen Schweißdrüsen münden über den ganzen Körper verteilt direkt an der Hautoberfläche. Besonders dicht sitzen sie an Handflächen und Fußsohlen, in den Achselhöhlen und im Gesicht. Die Schweißdrüsen werden von cholinergen Nervenfasern innerviert und unterliegen der Oberhoheit des Sympathikus. Als Ursache der primären Hyperhidrose wird eine komplexe Störung der sympathischen Kontrolle vermutet. Die familiäre Häufung spricht dafür, dass die Gene eine Rolle spielen.

Der Klassiker: Aluminiumchlorid

Fokale Hyperhidrosen werden in erster Linie topisch behandelt. Häufig kommen Aluminiumsalze wie Aluminiumchlorid-Hexahydrat oder Aluminiumsulfat zum Einsatz, die eine adstringierende Wirkung besitzen. In vielen freiverkäuflichen Antitranspiranzien ist Aluminiumchlorid in 1- bis 2-prozentiger Konzentration enthalten. Bei krankhaftem Schwitzen sind allerdings höhere Konzentrationen von 15 bis 20 Prozent erforderlich. Magistralrezepturen für entsprechende Zubereitungen als Gel, wässrige oder alkoholische Lösung finden sich im Neuen Rezeptur Formularium (NRF).




Foto: Shutterstock/Jiri Hera


Am besten wirken Aluminiumsalze bei übermäßigem Achselschweiß, sie helfen aber auch bei schwitzigen Handflächen und Fußsohlen. Die schweißhemmende Wirkung beruht auf einem Verschluss der Poren infolge Eiweißfällung. Damit die »Ministöpsel« nicht gleich wieder ausgewaschen werden, wird das Aluminiumsalz am besten zur Nacht aufgetragen, wenn die Sympathikusaktivität heruntergefahren ist. Morgens sollte die Haut gut gereinigt werden, um Irritationen zu vermeiden. Durch Okklusion mit Plastikfolie oder Plastikhandschuhen lässt sich der schweißhemmende Effekt eventuell steigern. Dieser sollte nach drei Wochen spürbar sein und hält nach Absetzen der Behandlung noch eine Zeit lang vor. Zu Beginn wird das Adstringens mehrmals pro Woche angewendet, später kann die Frequenz auf einmal wöchentlich reduziert werden.

Seit Langem wird über die gesundheitliche Unbedenklichkeit Aluminium-haltiger Antitranspiranzien diskutiert. Kritische Stimmen befürchten vor allem ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs und Morbus Alzheimer. Hohe Aluminiumdosen zeigen beim Menschen neurotoxische und im Tiermodell embryotoxische Effekte. Laut einer 2014 veröffentlichten Stellungnahme des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) fehlen aber bisher belastbare Studien zur Aufnahme von Aluminium über die Haut. Schätzungen, die sich auf experimentelle Daten stützen, lassen befürchten, dass die als unbedenklich geltenden Aufnahmemengen für Aluminium bei regelmäßiger Anwendung Aluminium-haltiger Antitranspiranzien auf gesunder Haut überschritten werden. Das BfR rät, diese nicht unmittelbar nach einer Rasur und nicht auf verletzte Haut aufzutragen, da davon auszugehen sei, dass sich die Penetration von Aluminium bei Hautläsionen weiter erhöht.

Gerbstoffe als Alternative

Eine Alternative zu Aluminiumsalzen sind Präparate mit synthetischen Gerbstoffen (wie in Tannolact®, Tannosynt®), die ebenfalls über eine Eiweißfällung die Ausführgänge der Schweißdrüsen verschließen. Gerbstoffpräparate, die als Creme, Puder und Badezusatz angeboten werden, sind in der Regel gut verträglich. Ihre Wirkung ist allerdings im Vergleich zu Aluminiumsalzen nicht so ausgeprägt, weshalb sich ihr Einsatz in erster Linie bei leichteren Formen der Hyperhidrose eignet. Diese Behandlung hat den Vorteil, dass sie auch bei Entzündungen und Läsionen der Haut, wie sie nicht selten infolge einer Hyperhidrose auftreten, angewendet werden darf. Die antientzündliche Wirkung der Gerbstoffe stellt im Fall einer Dermatitis einen günstigen Zusatzeffekt dar.

Auch Methenamin (Antihydral® Salbe), das ebenfalls zu den Adstringenzien gehört, ist bei übermäßigem Schwitzen einen Versuch wert. Für die Wirksamkeit dieser Substanz muss allerdings zwingend saurer Schweiß vorhanden sein, da nur dann Formaldehyd freisetzt wird. Formaldehyd denaturiert Proteine im Schweiß und führt so zu einer Verstopfung der Poren.

Bei gustatorischem Schwitzen – durch Essen ausgelöste Schweißausbrüche vor allem im Gesicht – hat sich die topische Anwendung des Anticholinergikums Glycopyrrolat (0,5 Prozent) bewährt. Das NRF enthält eine Magistralrezeptur. Die Salbe soll vor den Mahlzeiten auf die betroffenen Hautpartien aufgetragen werden.

Innerlich und äußerlich

Eine der bekanntesten Heilpflanzen gegen Schwitzen ist Salbei (Salvia officinalis). Die Wirkung gilt als gesichert, als Wirkmechanismus wird ein hemmender Effekt der ätherischen Öle auf die Schweißdrüsennerven vermutet. Zur innerlichen Anwendung stehen Tee­zubereitungen und andere orale Dar­reichungsformen (wie Sweatosan® Dragees­, Salbei Curarina® Tropfen, Salvy­sat® Bürger Flüssigkeit/Tabletten) zur Verfügung. In der Aufbereitungsmonographie sind folgende Tages­dosen an­gegeben: 4 bis 6 g Droge, 0,1 bis 0,3 g ätherisches Öl, 2,5 bis 7,5 g Tinktur oder 1,5 bis 3 g Fluidextrakt. Bei einem Versuch mit Salbeitee sind über den Tag verteilt drei bis vier Tassen zu empfehlen, die am besten kalt ge­trunken werden, da das Heißgetränk einen Schweißausbruch provozieren könnte. Auch äußerlich ist Salbei anwend­bar. Bei Schweißfüßen zum Beispiel können eventuell regel­mäßige Fußbäder in Salbeiwasser helfen.


Tipps für das Beratungsgespräch

  • Keine Kleidung aus Synthetik­materialien tragen. Empfehlenswert ist luftige Kleidung aus Leinen­ oder Baumwolle.
  • Baumwollsocken tragen und diese­ täglich wechseln und waschen.
  • Die Schuhe sollten ebenfalls täglich gewechselt und nach dem Tragen gut ausgelüftet werden.
  • Viel barfuß laufen.
  • Achselhaare entfernen.
  • Den ganzen Körper und vor allem betroffene Körperpartien kalt und warm im Wechsel ab­duschen.
  • Den Konsum schweißtreibender Nahrungs- und Genussmittel wie Kaffee, Schwarztee, Alkohol und scharfe Gewürze minimieren.
  • Entspannungstechniken wie autogenes Training sind hilfreich.


Menschen, die unter fokaler Hyperhidrose an Händen und Füßen leiden, sollten PTA und Apotheker im Beratungsgespräch darüber informieren, dass sich in dieser Indikation die Iontophorese gut bewährt hat. Dabei werden die betroffenen Extremitäten regelmäßig in Schwachstrombädern gebadet. Die Behandlung lässt sich zu Hause durchführen, wobei langfristig eine Anwendung einmal pro Woche ausreichend ist.

Weitere Optionen

Eine weitere Option bei fokaler Hyperhidrose der Achselhöhlen ist die Injektion von Botulinumtoxin (Botox®), das die Freisetzung von Acetylcholin und so die Aktivierung der Schweißdrüsen hemmt. Die Wirkung einer Spritze hält mehrere Monate an.

Bei generalisierter Hyperhidrose ist eine systemische Therapie indiziert. Mittel der Wahl sind Anticholinergika, die einschleichend dosiert werden. Zugelassen für diese Indikation sind Bornaprin (Sormodren®) und Methantheliniumbromid (Vagantin®).

In der Homöopathie wird vor allem das Mittel Jaborandi, das aus Blüten des Jarobandibaums gewonnen wird, zur Linderung von unnatürlich starker Schweißneigung eingesetzt. Es steht als Einzelmittel (D3 oder D6, zwei bis drei Mal täglich einige Tropfen oder Globuli) oder zum Beispiel in Kombination mit Salbei als Komplexmittel (zum Beispiel Jaborandi Pentarkan® S, Jaborandi Similiaplex®) zur Verfügung. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 12/2018

 

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