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ALTER UND DEMENZ

Kommunikation mit Demenzkranken

Mit der Seele hören


Von Clara Wildenrath / Ebenso wie das Gedächtnis verlieren Demenzkranke nach und nach ihre sprachlichen Fähigkeiten. Das erschwert zunehmend die Kommunikation. Doch auch demente Menschen haben das grundlegende Bedürfnis, richtig verstanden zu werden.


Der 78-Jährige ist sehr ungehalten. Er will weder essen noch trinken und schon gar nicht seine Tabletten schlucken. »Ich will nach Hause zu meiner Mutter«, schreit er wütend. Seine Eltern sind aber schon lange tot; seit ein paar Jahren wohnt der demente Mann bei seiner Tochter. Diese versucht – wie schon etliche Male zuvor, ihn zu beschwichtigen: »Das geht doch nicht. Komm, wir setzen uns jetzt an den Tisch und du nimmst deine Medikamente.« Doch ihre Worte scheinen den Vater gar nicht zu erreichen.



Solche und vergleichbare Szenarien kennt jeder vom Umgang mit dementen Menschen. Auch Friederike Leuthe erlebt sie immer wieder. Die Diplom-Pflegewirtin ist Leiterin des Bodelschwingh-Hauses in Erlangen, Expertin für die Kommunikation mit Demenz­patienten und Buchautorin. Sie erklärt: »Was ein Mensch mit Demenz sagt, enthält nicht unbedingt intellektuelle Informationen, sondern ist Ausdruck einer emotionalen Lage.« Diesen Gemütszustand, der sich hinter dem Gesagten verbirgt, gilt es zu erkennen. »Beim Ruf nach der Mutter geht es nicht um deren Person. Oft stimmt vielmehr die Atmosphäre nicht. Der demente Mensch fühlt sich vielleicht nicht geborgen und will deshalb ›nach Hause‹.« Erst wenn der nicht-demente Gesprächspartner diese Realität akzeptiert, seine Gefühle und Bedürfnisse wahrnimmt, wird Kommunikation möglich.

Wortschatz schwindet

Die Bedeutung der Worte tritt dabei in den Hintergrund: Wichtig ist manchmal nicht, was ein Demenzpatient sagt, sondern wie und weshalb er es sagt. Mit dem Fortschreiten der Erkrankung wird diese nonverbale Ebene der Kommu­nikation immer wichtiger. »Durch die Demenz verändert sich die Sprachwahrnehmung. Der Wortschatz schwindet und ebenso die Fähigkeit, die passenden Begriffe zu finden«, zählt Leuthe auf. Die Sprache wird ­flacher und ärmer, komplexe Satzkonstruktionen sind nicht mehr möglich. Auch das Tempo der Sprachbildung ­verlangsamt sich. Das Gleiche gilt für das Sprachverständnis: Ein Dementer kann komplizierte Sätze und rasch aufeinander folgende Informationen nicht mehr entschlüsseln. Oft bleibt ihm nur das Ende einer Aussage in Erinnerung. Bildhafte Redewendungen, Ironie und Doppeldeutigkeiten erschließen sich ihm nicht mehr. Wichtig zu wissen: Erste sprachliche Defizite treten oft schon lange vor anderen klinischen Zeichen einer Demenz auf.

»Ganz sicher bleibt jedoch das Bedürfnis erhalten, in Beziehung zu ­treten und Teil der Gemeinschaft zu sein«, weiß Leuthe, deren Mutter ebenfalls an Demenz leidet. Nicht verloren geht auch der Wille, das Gehörte zu verstehen und für sich in einen logischen ­Zusammenhang zu rücken. Gelingt das nicht, führt das unter Umständen zu Rückzug, Aggressionen oder Angst. Wer zu dementen Menschen erfolgreich Kontakt aufbauen will, muss deshalb sein eigenes Kommunikationsverhalten verändern.

Ansprechen und Ansehen

Entscheidend sind oft schon die ersten Momente. »Ich spreche sie oder ihn immer mit dem Namen an – egal wie oft am Tag ich Kontakt aufnehmen will. Ich schaue die angesprochene Person an und vergewissere mich so, dass sie sich gemeint fühlt. Ich warte auf die Erwiderung meines Blicks. Dann atme ich ein: Das macht meine Stimme warm und volltönend«, erläutert Sprachtrainerin Leuthe. Sie nennt das die A-A-A-Regel: Ansprechen mit dem Namen, Ansehen, Atmen.




Grundlage jeder Kommunikation mit dementen Menschen ist, sich dafür ausreichend Zeit zu ­nehmen.

Foto: iStock/BraunS


Diese Merkhilfe können auch PTA und Apotheker nutzen. Menschen mit beginnender Demenz reichen ihre ­Rezepte oft noch selbst in der Apotheke ein oder kaufen zusätzlich Arzneimittel, aber ihre Merkfähigkeit kann schon eingeschränkt sein. Mit dem Satz »Frau Müller, ich schreibe Ihnen hier noch einmal auf die Packung, wie sie das Medikament nehmen müssen« ist oft schon viel geholfen. Das gilt auch bei Folgerezepten, betont Leuthe. Noch ein Tipp von ihr: ­»Beobachten Sie, wie oft sich der Kunde etwas verschreiben lässt oder ein OTC-Präparat kauft.« Denn die Vorstellung von Mengen und Regelmäßig­keiten gehen bei einem Dementen ebenfalls verloren. So komme es vor, dass er beispielsweise eine Salbe in viel zu großen Mengen und viel zu häufig verwendet. Fällt PTA oder Apothekern so etwas auf, sollten sie dem Verantwortlichen oder dem Arzt darüber Rückmeldung geben, empfiehlt die Pflegeheimleiterin.

Zuwendende Atmosphäre

Darüber hinaus hat sie noch einige allgemeine Regeln parat, die den Kontakt zu Menschen mit Demenz erleichtern: »Ich stelle mich immer vor, wenn ich einem dementen Menschen zum ersten Mal an diesem Tag begegne. Auch bei meiner Mutter.« Dann muss der Demente nicht mühsam im Gedächtnis nach dem Namen suchen. Weil sich das Gesichtsfeld mit dem Fortschreiten der Erkrankung immer weiter einengt, empfiehlt es sich, dazu am besten direkt vor der Person zu stehen. Blickkontakt, ein freundliches Lächeln und eine einladende Geste schaffen eine zuwendende, wertschätzende Atmosphäre.


Zehn Regeln für die Kommunikation mit Menschen mit Demenz

  • mit Namen ansprechen
  • sich selbst vorstellen
  • Blickkontakt herstellen
  • langsam sprechen
  • kurze Sätze bilden
  • eindeutige, leichtverständliche Satzaussagen wählen
  • »Sie« beziehungsweise »du« verwenden statt »wir« oder »man«
  • Signalwörter benützen: hier, jetzt, da, also
  • auf korrekte Zeiten achten
  • wenig Alternativen anbieten


Körperkontakt empfinden viele Demente dagegen insbesondere im Anfangsstadium der Erkrankung schnell als übergriffig, weiß Leuthe: »Gerade Berührungen im Gesicht oder in gesichtsnahen Regionen können zu hef­tigen Abwehrreaktionen führen.« Sie empfiehlt, erst einmal zur Begrüßung die Hand zu reichen. »Dann merkt man schon, wie der andere reagiert.« Bei fortgeschrittener Demenz könne liebevoller Körperkontakt als Mittel der nonverbalen Kommunikation aber durchaus hilfreich sein – wenn der Patient das als angenehm empfindet.

Wichtig ist außerdem, sich für ­Alltäglichkeiten viel Zeit zu nehmen: Kommen sie geistig nicht mit, dann schalten Demente oft auf stur. Wer sich dagegen auf ihr Tempo einlässt, dem gelingen auch Verbandswechsel und Medikamenteneinnahme in der Regel ganz entspannt. Hilfreich ist es dabei, langsam und mit einer dunklen, ­ruhigen Stimme zu sprechen, weiß ­Leuthe.

Auch die Wortwahl ist von großer Bedeutung. So können demente Menschen Pronomen (Fürwörter) nur schwer zuordnen und mit einem »wir« nicht viel anfangen. Konkreter sind ­»du und ich« oder »der Arzt« statt »er« – auch wenn ein Gesunder sich den Zusammenhang leicht aus dem zuvor Gesagten erschließen könnte. Leuthe empfiehlt außerdem, häufig Signalwörter wie »jetzt«, »hier«, »da« oder »also« zu verwenden: »Diese Wörter hat auch ein Demenzkranker sehr früh schon gelernt. Sie fördern die Konzentration auf den Moment.«




Einen Dementen liebevoll zu berühren ruft nicht immer die gewünschte positive Reaktion hervor.

Foto: iStock/annedde


Geht es darum, Entscheidungen zu fordern, sollte man nicht zu viele Alternativen anbieten. Also nicht: »Was möchtest du trinken? Mineralwasser, Apfelsaftschorle, Tee oder Orangensaft?«, sondern »Möchtest du ein Glas Mineralwasser?« Lautet die Antwort »Nein!«, so folgt die nächste Frage.

Optische Reize

»Sprache kann dabei auch die Sinne ­stimulieren und Erinnerungen wecken«, erklärt Leuthe. Einladend wirkt etwa: »Riech mal, wie gut der Tee ­duftet. Möchtest Du jetzt eine Tasse erfrischenden Pfefferminztee?« Optische Reize erleichtern die Entscheidung: »Hier, sieh mal, ein knackiger ­Apfel. Hast du Appetit auf ein Stück Apfel?«

Lebt der Demenzkranke in seiner Vorstellung in der Vergangenheit – beispielsweise, wenn er nach Hause zu ­seiner Mutter möchte, kann es sinnvoll sein, ihn durch einfühlsame Fragen dort abzuholen: »Du hast deine Mutter sehr geliebt, nicht wahr? Wie war denn deine Mutter?« Der richtige Gebrauch der Vergangenheitsform erleichtert ihm die Orientierung, weiß Alten­pflegerin Leuthe aus Erfahrung: ­»Demente Menschen haben meistens ein feines Gespür für die grammatika­lischen Zeiten.«

Manchmal entwickelt sich aus Fragen nach der Vergangenheit ein für beide Seiten anregendes Gespräch, aus dem sich auch wertvolle Informationen über die Vorlieben und Ängste des Erkrankten ergeben. Dabei helfen können sogenannte Erinnerungsbücher: Fotoalben mit kurzen Texten, die festhalten, was dem Betroffenen früher einmal wichtig war.

Spezielle Bücher und Filme

Manche Verlage bieten darüber hinaus Bücher und Filme an, die auf die Bedürfnisse von Demenzkranken zugeschnitten sind. Sich gemeinsam damit zu beschäftigen, vermittelt ebenfalls ein Gefühl von Geborgenheit und Wertschätzung. Auch Musik aus der Jugend, das Singen alter Volkslieder oder Gesellschaftstänze können Demente begeistern – alles das, was der Patient früher gern gemacht hat.

Wer sich auf die Realität und das Tempo eines Dementen einlässt, profitiert davon auch selbst, da ist sich Friederike Leuthe sicher: »Menschen mit Demenz können uns vieles ­lehren, was wir vergessen haben.« Beispielsweise, dass die Schnelllebigkeit unserer Zeit, die Informationsflut und das Überangebot an Sinnesreizen auch uns überfordern können: »Einfach mal weniger machen, langsamer reden, mit weniger Reizen gemeinsam Zeit verbringen: Diese Entschleunigung tut uns allen gut.« /


Zum Weiterlesen

Friederike Leuthe: Richtig sprechen mit dementen Menschen.

Ernst Reinhardt Verlag, München, 2012.

Zu bestellen im Govi-Buchshop unter Tel. 06196 928250, per Fax: 06196 928259 oder per E-Mail an service@govi.de




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