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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Oxytocin

Hormon fürs Wohlbefinden


Von Annette Immel-Sehr / Oxytocin interessiert Zeitungsleser und Besucher von Internetforen offenbar sehr. Denn seine viel­seitigen Wirkungen betreffen Lebensbereiche, die die Menschen emotional berühren. In den Überschriften der Beiträge ist dann meist vom Kuschel- oder Treuehormon die Rede. Auch als Orgasmushormon bezeichnen die Medien Oxytocin gerne. Was hat es damit auf sich?

 

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Das Peptid Oxytocin besteht aus einer Kette von neun Aminosäuren, zwei Cystein-Reste bilden eine Disulfidbrücke. Das Hormon wird in bestimmten Bereichen des Hypothalamus gebildet und von hier über die Fortsätze der Nervenzellen zur Hirnanhangdrüse (Hypophyse) transportiert und dort gespeichert. Bei bestimmten Reizen gibt die Hypophyse Oxytocin in das Blut ab. Die Ausschüttung von Oxytocin wird unter anderem durch angenehmen Hautkontakt hervorgerufen und auch durch das Saugen des Säuglings an der Brustwarze.




Oxytocin reguliert Stress und damit verbundene körperliche Reaktionen herunter.

Foto: iStock/PeopleImages


Oxytocin-Rezeptoren befinden sich unter anderem in den Milchdrüsen, den Geschlechtsorganen, der Niere, am Herzen, im Thymus, in der Bauchspeicheldrüse und in Fettzellen. ­Bislang ist nur eine Art von Oxytocin­rezep­toren bekannt. Dennoch unterscheiden sich die zellulären Effekte, die eine Stimulation des Rezeptors bewirkt, stark. Dies beruht auf Unterschieden in den G-Proteinen, die an die Rezeptoren gekoppelt sind.

Oxytocin ist zum einen das Geburtshormon. Es bewirkt die Kontraktion der Gebärmuttermuskulatur und löst damit zunächst die Wehen und später die Nachwehen aus, die mit für die Blutstillung nach der Geburt und die Rückbildung des Uterus sorgen. Forscher haben gefunden, dass die Zahl der Oxytocin-Rezeptoren in der Gebärmutter vor der Geburt ansteigt.

Mutterglück und Paargefühle

Auch für das Stillen ist Oxytocin von größter Bedeutung. Durch Rezeptorstimulation an den sogenannten myoepithelialen Milchdrüsenzellen entleeren sich die Drüsenbläschen, und die Milch schießt ein. Schon das Schreien des Säuglings und der Gedanke an das Stillen können bei der Mutter zu einer Oxytocin-Ausschüttung führen. Die hohen Oxytocinspiegel beim Stillen beruhigen die Mutter und senken den Blutspiegel des Stresshormons Cortisol. Das Peptid sorgt aber nicht nur für die Ernährung des Kindes, sondern ­bewirkt bei der Mutter angenehme Gefüh­le und verstärkt die emotionale Bindung der Mutter an das Kind. Auch der Säugling schüttet nach dem Stillen Oxytocin aus, er wird ruhig und zufrieden. Fehlt es an Oxytocin, kann dies auf die Stimmung drücken und möglicherweise eine postpartale Depression begünstigen. Darauf deuten Ergebnisse von Studien hin, die einen Zusammenhang von erniedrigten Oxytocinspiegeln am Ende der Schwangerschaft und der Entwicklung dieser Erkrankung vermuten lassen.

Eine große Bedeutung hat Oxytocin auch beim Geschlechtsverkehr. Es wirkt bei Männern als auch Frauen sexuell stimulierend. Oxytocin ist in der Prostata in hoher Konzentration vorhanden und spielt bei der Ejakulation eine Rolle. Freisetzungsreize für Oxytocin sind vor allem Körperkontakt, mechanische Reize­ der Vagina, des Uterus, der Brustwarze und der Orgasmus selbst. Das beim Orgasmus in großer Menge ausge­schüttete Oxytocin ruft Ent­spannung und Wohlgefühl hervor, das die Paarbindung stärkt.

Darüber hinaus hat Oxytocin eine Reihe weiterer Wirkungen: Es dient beispielsweise der Stressregulierung, senkt den Blutdruck, erniedrigt den Cortisolspiegel, wirkt sedierend und verbessert die Wundheilung.

Medizinisch kommen Oxytocin und der Oxytocin-Agonist Carbetocin derzeit nur in der Geburtshilfe zum Einsatz. Indikationen für Oxytocin sind vor allem die Geburtseinleitung, falls sie aus medi­zinischen Gründen erforderlich ist, sowie Wehenschwäche. Nach der Geburt beschleunigt Oxytocin die Ab­lösung und Ausstoßung der Plazenta und verhindert starke Blutungen. Des Weiteren setzen es Mediziner bei Müttern­ im Wochen­bett zur Prophylaxe und Therapie einer mangelhaften Rückbildung der Gebärmutter ein. Carbetocin beugt einer­ Kontraktionsschwäche der Ge­bärmutter nach Kaiserschnitt­geburt vor – so seine Indikation.




Das Hormon spielt eine große Rolle in der Entwicklung der Mutter-Kind-Bindung.

Foto: iStock/kieferpix


Die in Deutschland angebo­tenen Medikamente sind nur zur i.v. ­­App­likation bestimmt. In der Schweiz beispielsweise gibt es Oxy­tocin auch als verschreibungspflich­tiges Nasenspray, das die Milch­entleerung beim Stillen oder zum Abpumpen der Milch fördert.

Mehr Vertrauen

In den vergangenen Jahren wurde immer deutlicher, dass Oxytocin nicht nur die Mutter-Kind-Bindung stärkt, sondern generell das Vertrauen zu Mitmenschen und dass es die Bindungsfähigkeit steigert. Das Peptidhormon fördert ein positives Miteinander unter Menschen, reduziert Stress und Angst, dämpft Aggressionen und macht Menschen empathischer. Die zahlreichen psychischen Wirkungen von Oxytocin sind auf Oxytocin-Rezeptoren im ZNS zurückzuführen. Das macht die Substanz äußerst interessant für die Erforschung psychischer Erkrankungen sowie für die Entwicklung neuer Therapien. Derzeit untersuchen Forscher in aller Welt, wie Oxytocin bei verschiedenen psychischen Erkrankungen wirkt. Möglicherweise kann das Hormon Patien­ten mit einer autistischen Störung, einer Borderline-Persönlichkeitsstörung oder einer sozialen Angststörung helfen. Diskutiert wird auch über den Einsatz bei Depression und Schizophrenie.

Der unseriöse Internethandel sieht in Oxytocin ein lohnendes Geschäft. Dort werden Oxytocin-haltige Nasensprays angeboten, um »die sexuelle Erfüllung zu intensivieren«. Ob das überhaupt funktioniert, ist äußerst fraglich. Ein gesundheitliches Risiko stellt die Verwendung solcher Produkte aber in jedem Fall dar. Das gilt auch für die Anwendung bei psychischen Problemen. Entgegen anders lautender Versprechungen eignen sich Oxytocin-haltige Nasensprays nicht dazu, Beziehungen zu verbessern oder das Sozialverhalten von Außenseitern zu normalisieren. Sollte Oxytocin oder seine Analoga eines Tages zur Behandlung psychischer Probleme zugelassen sein, so nur in Kombination mit einer geeigneten Psychotherapie, so viel ist heute schon klar. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 13/2018

 

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