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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Intersexualität

Das dritte Geschlecht


Von Carina Steyer / Ist es ein Mädchen oder ein Junge? Nicht alle frischgebackenen Eltern erhalten auf diese Frage sofort eine Antwort. Intersexuelle Kinder stehen zwischen den gesellschaftlich akzeptierten Geschlechtern, müssen mit anatomischen Besonderheiten umgehen und sind besonderen psychischen Belastungen ausgesetzt.

 

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Öffentliche Toiletten, Umkleidekabinen oder Bekleidungsabteilungen sind für Frauen oder Männer gemacht. Auf Behördenformularen muss das Geschlecht angegeben werden, Ver­sicherungen unterscheiden zwischen Frauen und Männern. Welches Geschlecht wir haben, spielt in der Gesellschaft eine entscheidende Rolle. Biologisch betrachtet ist die Fixierung auf weiblich oder männlich wenig sinnvoll. Es gibt mehr als zwei Geschlechter und die Grenzen sind, wie so häufig in der Biologie, fließend.




Foto: iStock/simarik


Am Beginn der Embryonalentwicklung kann nicht zwischen weiblichen und männlichen Embryonen unterschieden werden. Der Startschuss fällt erst, wenn bei männlichen Embryonen der sogenannte Hoden-determinierende Faktor SRY gebildet wird. Er veranlasst die Entwicklung von Hoden, die wiederum Testosteron und Anti-Müller Hormon produzieren. Testosteron sorgt bei männlichen Embryonen für die Ausbildung von Samenleitern, Nebenhoden, Samenbläschen und Prostata. Das Anti-Müller Hormon unterdrückt gleichzeitig die Entwicklung von weiblichen Geschlechtsorganen. Bei weiblichen Embryonen entwickeln sich die Keimdrüsen zu Eierstöcken. Diese beginnen mit der Bildung von Östrogenen und bewirken damit die Ausdifferenzierung von Eileiter, Gebär­mutter und Scheide.

Schon kleine Abweichungen in diesem komplexen System können dazu führen, dass das chromosomale Geschlecht­, die Gonaden (Eierstöcke oder Hoden) und das phänotypische Geschlecht eines Menschen nicht übereinstimmen. Ärzte sprechen von einer Störung der Geschlechtsentwicklung (disorder of sexual developement, DSD). Betroffene bevorzugen Begriffe wie Varianten der Geschlechtsent­wicklung oder Intersexualität.

Viele Ursachen

Die Ursachen, die eine Variante der Geschlechts­entwicklung ermöglichen, sind vielfältig. Etwa eins von 13 000 Kindern wird mit dem Adrenogenitalen Syndrom (AGS) geboren. Bei ihnen führt eine angeborene genetische Verän­derung zu einer verminderten Bildung von Cortisol und Aldosteron sowie einer­ vermehrten Bildung männlicher Hor­mone. Betroffene Mädchen entwickeln zwar eine Gebärmutter und Eierstöcke, die äußeren Genitalien wirken jedoch vermännlicht. Jungen sind anatomisch unauffällig. Bei beiden Geschlechtern zeigen sich bereits im Kindesalter Akne, eine vorzeitige Genital­behaarung und der Stimmbruch. Aufgrund der vermehrten Bildung männlicher Hormone wachsen Kinder mit AGS unge­wöhnlich schnell. Gleichzeitig schließen sich die Wachstumsfugen früher, so dass sie unbehandelt im Erwachsenenalter kleiner als der Durchschnitt sind. Ohne Hormon­behandlung tritt in der Pubertät bei Mädchen eine weitere Vermännlichung ein. AGS kann mit einem Salzverlust ein­hergehen, der im Säuglings­alter zu einer Gedeihstörung, Schock und Koma führen kann. Um dem vorzubeugen, werden heute alle Neu­geborenen standard­mäßig auf AGS gescreent.

Bei Gonadendysgenesien, also einer Fehlentwicklung der Gonaden, wirken Babys mit einer vollständigen Fehlent­wicklung äußerlich wie ein Mädchen, auch wenn der Chromo­somensatz männlich ist. Bei ihnen fällt die Inter­sexualität meist erst in der Pubertät auf, wenn typisch weibliche­ Entwicklungsschritte wie das Brustwachstum und das Einsetzen der Menstruation ausbleiben.

Gonadendysgenesien können auch leichtgradig aus­fallen oder nur einen Teil des Gonadengewebes betreffen. Die Folge sind nicht eindeutig interpretierbare äußere Geschlechts­organe.




Die meisten Formulare bieten nicht drei, sondern nur zwei Möglichkeiten: männlich oder weiblich.

Foto: Fotolia/lagom


Babys mit einem Androgen-Insensitivitäts-Syndrom (AIS) haben einen männlichen Chromosomensatz, ent­wickeln Hoden, die männliche Hormone produzieren, aber ihre Körperzellen reagieren kaum bis gar nicht auf die gebilde­ten Hormone. Bei kompletter Unempfindlichkeit erscheint­ das Neu­geborene eindeutig weiblich, allerdings endet die Scheide blind, Gebärmutter und Eierstöcke fehlen­. In der Pubertät entwickeln betroffene Mädchen Brüste, die Regelblutung setzt jedoch nicht ein. Sind die Testosteronrezeptoren nur zum Teil blockiert oder inaktiv, sprechen Mediziner von einer partiellen Androgenresistenz (PAIS). Das Neugeborene wird mit nicht eindeutigem Geschlecht­ geboren.

Liegt eine gestörte Androgenbiosynthese vor, findet keine­ Entwicklung der äußeren männlichen Geschlechts­organe statt. Die Kinder wirken wie ein Mädchen, haben aber einen männlichen Chromosomensatz. In der Pubertät tritt eine verstärkte Androgenproduktion ein, die eine un­erwartete männliche Körperentwicklung auslöst. Betroffene Mädchen kommen in den Stimmbruch, entwickeln einen Penis­ und männliche Körperbehaarung.

Schätzungen zufolge leben in Deutschland 10 000 intersexuelle Menschen. Die älteren von ihnen wurden meist noch im Kleinkindalter geschlechtsangleichend operiert. Ärzte ent­schieden damals­, welches Geschlecht am besten zu rekonstruieren ist. Den Eltern wurde empfohlen, mit ihren Kindern nicht über die Hintergründe der Behandlung zu sprechen. Mit gravierenden Folgen für die Betroffenen. Viele von ihnen kämpf­en auch im Erwachsenenalter noch mit den physischen und psychischen Auswirkungen dieses Vorgehens.

Heute wird daran gearbeitet, das individuelle Recht des Kindes zu stärken. Von frühen Genitaloperationen aus ­Anpassungsgründen wird abgeraten. Betroffene Kinder sollen in den Entscheidungsprozess einbezogen werden und ihre Zustimmung zur Festlegung eines Geschlechts geben. In der ak­tuellen Leitlinie »Varianten der Geschlechts­entwicklung« die unter Feder­führung der Deutschen Gesellschaft für Urologie, Kinderchirurgie ­sowie Kinderendokrinologie und -diabetologie entstand, fordern die beteiligten Fachgesellschaften, Intersexua­lität nicht länger als Krankheit an­zusehen. Keine medizinische oder psychologische Intervention könne an dem Zustand der Uneindeutigkeit per se etwas ändern. Vielmehr handele es sich um ein gesellschaftspolitisches Problem, so die Experten.

Ziel ist es, die Lebensqualität über die Zuordnung zu einem eindeutig männlichen oder weiblichen Ge­schlecht­ zu stellen. Intersexuelle Neugeborene erhalten deshalb ein vorläufiges Erziehungsgeschlecht. Ob sich das Kind später mit dem Geschlecht­ identifiziert, in das gegen­teilige Geschlecht wechselt oder einen­ ganz eigenen Weg wählt, lässt sich nicht voraussagen.

Multidisziplinäre Unterstützung

Um die bestmögliche Entwicklung des Kindes anzustreben, werden be­troffene Familien vom Zeitpunkt der Diagnose bis zum Eintritt in das Erwachsenen­alter an einem spezia­lisierten Kompetenzzentrum durch ein multidisziplinäres Team betreut.




Selbsthilfegruppen ermöglichen Be­troffenen und deren Eltern den Austausch mit anderen.

Foto: Shutterstock/ Photographee.eu


Neben der medizinischen Behandlung spielt die psychologische Beratung eine wichtige Rolle. Vor allem Kinder und Jugendliche, die erst spät von ihrer Intersexualität erfahren, erleben eine starke Verunsicherung. Das bisherige Leben wird in Frage gestellt, die Geschlechts­identität durcheinandergewirbelt, Ängste vor Ablehnung können auftreten. Aber auch Eltern brauchen Unterstützung. Nach der Geburt eines intersexuellen Kindes können Gefühle wie Hilflosigkeit, Scham und Schuld auftreten. Ängste vor Stigmatisierung oder Ausgrenzung des eigenen Kindes können Eltern schwer belasten und den Wunsch nach einer geschlechtsan­gleichenden Operation aufkommen lassen. Eine sogenannte Peer-Beratung kann dann helfen. Sie wird von Selbsthilfeverbänden wie dem Verein Inter­sexuelle Menschen angeboten. Selbst Betroffene oder Eltern eines inter­sexuellen Kindes unterstützen neu diagn­ostizierte Kinder und deren Eltern aus ihrer ­eigenen Erfahrung heraus.

Geschlechtsneutrale Namensgebung

Seit November 2013 haben Eltern die Möglichkeit, ihr intersexuelles Kind ohne Geschlechtszuweisung in das Geburten­register eintragen zu lassen. Das Bundesverfassungsgericht hat außer­dem im November 2017 ent­schieden, dass intersexuelle Menschen die Möglich­keit haben müssen, ihr Geschlecht­ positiv eintragen zu lassen. Bis Ende dieses Jahres muss die Mög­lichkeit zur Eintragung eines dritten Geschlechts­ umgesetzt werden. Auch das Namensrecht ist offener ge­worden. Inzwischen ist es Eltern erlaubt, geschlechtsneu­trale Namen ohne eindeutig männlichen oder weiblichen Zweitnamen zu vergeben. /




Foto: iStock/Vesnaandjic




Beitrag erschienen in Ausgabe 13/2018

 

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