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BERATUNGSPRAXIS

Lifestyle-Hormone

Forever young?


Von Michael van den Heuvel / Die meisten Menschen wollen alt werden ohne sich alt zu fühlen. Neben Kosmetika und Nahrungsergänzungsmitteln greifen Konsumenten in den USA verstärkt zu Hormonen. Viele Präparate gibt es als Nahrungsergänzungsmittel. Was sollten PTA und Apotheker wissen, falls Kunden nachfragen?

 

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Nahrungsergänzungsmittel mit DHEA (Dehydroepiandrosteron), auch Prasteron genannt, sind seit Jahren bei ame­rikanischen Senioren im Trend. Kon­sumenten erhalten die Präparate auch ohne medizinischen Rat in Drogerien oder Supermärkten.




Für immer gesund und fit bleiben – mit dieser Hoffnung werden gute Geschäfte gemacht.

Foto: Shutterstock/VGstockstudio


DHEA entsteht im Körper über mehre­re Zwischenstufen aus Cholesterin. Die Biosynthese läuft bei Männern in der inneren Schicht der Nebennierenrinde und bei Frauen zusätzlich in den Ovarien ab. Aus DHEA bilden sich sowohl­ männliche als auch weibliche Sexualhormone. Schon früh fanden Wissenschaftler heraus, dass der DHEA-­­Spiegel im Serum stark altersabhängig ist: Damit lag es nahe, DHEA zu verabreichen, um einen Mangel bei Senio­ren auszugleichen. Ob Patienten davon tatsäch­lich profitieren, ist un­gewiss. Etliche­ Foren preisen lebensverläng­er­n­de Effekte an. Auch bei Herz-Kreislauf-Erkrank­ungen, bei Krebs, Osteoporose oder Diabetes mellitus soll das Molekül Effekte zeigen. Cochrane Österreich, ein Netzwerk unabhängiger Wissenschaftler, hat vor wenigen Monaten Publika­tionen hinsichtlich ihrer Aussagekraft unter die Lupe genommen.

Zur geistigen Leistungsfähigkeit fanden Wissenschaftler Arbeiten mit 624 Frauen und Männern zwischen 44 und 85 Jahren ohne neurologische Grunderkrankungen. Sie erhielten 50 bis 57 mg DHEA oder Placebo über mehrere Monate bis zwei Jahre hinweg. Änderungen kognitiver Fähig­keiten wurden über etablierte Tests aus der Psychologie erfasst. Dabei zeigten sich keine signifikanten Unter­schiede. Wegen methodischer Schwächen, beispielsweise geringer Teil­nehmerzahlen, sind viele Ver­öffent­lichungen nicht sehr aussagekräftig.

Weitere Untersuchungen widmeten sich der Lebensqualität von 287 Frauen während und nach ihren Wechsel­jahren sowie 262 älteren Männern. Hier reichte das Dosisspektrum von 10 bis 1600 Milligramm DHEA pro Tag. Die An­wen­dungsdauer schwankte zwischen einer Woche und zwei Jahren. Keine Studie­ konnte positive Effekte im Vergleich zu Scheinmedikamenten nachweisen.

Sexuelle Funktionsstörungen waren ebenfalls ein Thema zahlreicher Arbeiten mit 287 Frauen und 221 Männern. Die Dosierungen lagen bei 10 und 1600 Milligramm pro Tag für eine Woche bis ein Jahr. Sexuelle Probleme wie Erek­tionsstörungen oder Schmerzen wurden über Fragebögen erfasst. Bei Teilnehmerinnen gab es statistisch sig­nifikante Unterschiede. Allerdings bezweifeln Cochrane-Spezialisten, dass der Effekt stark genug ist, um auch im Alltag Re­levanz zu haben. Männer profitierten nicht vom Lifestyle-Pharmakon.


Tabelle: Normwerte für DHEA-Sulfat.

Alter Weiblich Männlich 
1 – 4 Jahre  0,47 – 19,4 μg/dl 
5 – 10 Jahre  2,8 – 85,2 μg/dl 
10 – 14 Jahre 33,9 – 280 μg/dl 24,4 – 247 μg/dl 
15 – 19 Jahre 65,1 – 368 μg/dl 70,2 – 492 μg/dl 
20 – 24 Jahre 148 – 407 μg/dl 211 – 492 μg/dl 
25 – 34 Jahre 98,8 – 340 μg/dl 160 – 449 μg/dl 
35 – 44 Jahre 60,9 – 337 μg/dl 88,9 – 427 μg/dl 
45 – 54 Jahre 35,4 – 256 μg/dl 44,3 – 331 μg/dl 
55 – 64 Jahre 18,9 – 205 μg/dl 51,7 – 295 μg/dl 
65 – 74 Jahre 9,4 – 246 μg/dl 33,6 – 249 μg/dl 
> 75 Jahre 12 – 154 μg/dl 16,2 – 123 μg/dl 

Da die DHEA-Serumspiegel stark schwanken, wird meist der DHEA-Sulfat-Wert bestimmt

Quelle: Laborlexikon.de

Risiken weitgehend unerforscht

Und nicht zuletzt ging es um die körperliche Leistungsfähigkeit. Hier fanden Experten Veröffentlichungen mit ins­ge­samt 661 Teilnehmern zwischen Mitte 50 und Mitte 70. Es gab starke Unterschiede bei der Konzeption. Teilnehmer bekamen 50 und 100 Milligramm DHEA pro Tag oder Placebos für drei bis zwölf Monate. Sportprogramme kamen teilweise mit hinzu, was den Vergleich stark erschwerte. Außerdem bestimmten Forscher unterschiedliche Para­meter, etwa die Handkraft, in anderen die Presskraft der Beinmuskulatur. »Die Ergeb­nisse fallen teilweise zugunsten von DHEA aus, sind jedoch widersprüchlich«, heißt es in der Cochrane-Auswertung. Deshalb sei es momentan nicht möglich, die Relevanz abschließend zu bewerten. Wichtig wäre, ob ältere­ Menschen ihren Alltag besser bewäl­tigen oder seltener stürzen.

Bleibt als Fazit: DHEA zeigt nach aktu­eller Studienlage wahrscheinlich keine Wirkung als Anti-Aging-Präparat. Aufgrund fehlender Daten lässt sich nicht abschließend klären, ob sich das Leben dadurch verlängert oder ob sich altersbedingte Leiden verbessern. Cochrane-Experten halten große Effekte jedoch nicht für sehr wahrscheinlich.

Bei kurzfristig angelegten Unter­suchungen mit 200 mg pro Tag über 24 Wochen hinweg traten vor allem leichte androgene Nebenwirkungen auf. Bislang ist nicht klar, ob DHEA langfristig das Risiko von Brustkrebs, Prostatakrebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes mellitus erhöht. Hohe Dosen könnten auch zu Reiz­barkeit und Schlafstörungen führen.


Gute Nacht, Alterung

Neben DHEA ist Melatonin Bestandteil zahlreicher amerikanischer Nahrungsergänzungsmittel. Unsere Epiphyse bildet­ das Hormon aus Serotonin. Es steuert den Tag-Nacht-Rhythmus. Befürworter von Anti-Aging-Effekten führen mehrere Argumente an. Bei Senioren sinkt der Melatoninspiegel, und Menschen schlafen schlechter. Gleichzeitig wirkt das Molekül antioxidativ. Im Tierversuch verlängerte sich die Lebens­zeit von Mäusen, die Melatonin über ihr Futter erhielten, um 20 Prozent. Ob sich die Versuchsergebnisse auf Menschen übertragen lassen, ist ungewiss.

In Webforen tauchen außerdem Berichte zu Somatropin auf. PTA und Apotheker kennen das Wachstumshormon in Zusammenhang mit der Behandlung von Kleinwüchsigkeit, falls sich die Epiphysenfuge in Knochen­ noch nicht geschlossen hat. Somatropin ist auch unter den Namen Somatotropes Hormon (STH) oder Human­ Growth Hormone (HGH) im Handel. Normalerweise produziert unser­ Hypophysenvorder­lappen das Hormon in ausreichender Menge. Maxi­malwerte werden in der Pubertät erreicht. Im Erwachsenen­alter führt ein labordiagnostisch nachgewiesener Mangel zu vielfältigen Symptomen. Die Muskelmasse sinkt, die Kör­per­fettmasse steigt, und die Knochen werden poröser. Kardiovaskuläre Risiken­­ kommen mit hinzu. Ohne Thera­pie verringert sich die Lebens­erwartung. Das rechtfertigt noch lange keinen Einsatz des Hormons als Anti-Aging-Präparat ohne medizinische Indi­kation. Bei gesunden Menschen führt Somatropin nach Abschluss des Knochenwachstums zur Akromegalie, also zu Knochenwucherungen.


Juristische Aspekte

In Deutschland zählen DHEA, Melatonin et cetera nicht zu den Nahrungs­ergänzungsmitteln. Apotheker können Präparate laut § 73 Absatz 3 Arzneimittelgesetz jedoch importieren. Das Deutsche Apotheken Portal hat alle erfor­derlichen Schritte zusammengestellt (https://bit.ly/2HiV2wV). In den meisten Fällen sind ärztliche Verordnungen erforderlich.


Neue Moleküle aus der Forschung

Aus wissenschaftlicher Sicht ist Anti-Aging aber trotzdem nicht aus­zuschließen. Das zeigen mehrere Ver­öffent­lichungen.

Im Mittelpunkt neuer Arbeiten steht Ghrelin (Growth Hormone Release­ Inducing). Es bildet sich in der Magenschleimhaut und der Bauch­spei­cheldrüse, hat aber nicht nur appetit­anregende Eigenschaften. Ghrelin­ bindet­ an spezielle Rezep­toren der Hypo­physe. Anschließend werden Wachstumshormone freigesetzt. In­ji­zierten Forscher älteren Mäusen Ghrelin­, entsprach ihre Lernleistung deutlich­ jüngeren Tieren. Gleich­zeitig verbesserte sich die neuro­nale Ver­netzung. Die Hoffnung auf neue Medikamente, um der Gehirn­alterung entgegenzuwirken, ist groß. Noch dazu fanden Wissenschaftler im Blut von Parkinson-Patienten niedrige Ghre­lin-Spiegel. Weitere Studien sind geplant.

Auch das Klotho-Protein hat inter­essante Eigenschaften. Stellen ge­­­netisch veränderte Mäuse größere Mengen des Hormons her, verlängert sich ihre Lebenszeit um 20 bis 30 Prozent. Ein Defekt im zugehörigen Gen, um Klotho auszuschalten, führte zu Alters­erkrankungen wie Arterios­kle­rose, Hautatrophie, Muskelschwund oder Osteoporose. Klotho wirkt als Cofaktor­, damit der Fibroblasten-Wachstums­faktor 23 (FGF23) wirken kann. FGF23 steuert vor allem den Phosphat- und Vitamin D-Stoffwechsel.

Sein chemischer Verwandter, das Protein FGF21, überraschte Forscher ebenfalls. Es bremste die Alterung des Immunsystems bei Versuchstieren. Das hat folgenden Hintergrund: Zu Beginn­ der Geschlechtsreife bildet sich der Thymus­ von selbst zurück. Im Organ werden aus Vorläuferzellen reife­ T-Lymphozyten. Erhöhten Forscher­ bei Mäusen den FGF21-Spiegel­ durch genetische Modifikationen, stoppten sie die Rückbildung ihrer­ Thymusdrüse. Nager lebten­ bis zu 40 Prozent länger als Vergleichs­tiere mit normalen FGF21-Werten./



Beitrag erschienen in Ausgabe 13/2018

 

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