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BERATUNGSPRAXIS

Fenster zum Körper

In den Augen lesen


Von Annette Immel-Sehr / Krankheiten an den Augen ablesen – das mag nach Mittelalter und Wunderheilern klingen. Doch auch heutzutage beziehen Ärzte die Augen vielfach in die Diagnostik ein. Denn verschiedene Veränderungen am oder im Auge können auf Erkrankungen hinweisen.

 

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Bei trockenen Augen oder Bindehautentzündung suchen Patienten in der Apotheke Rat oder fragen gezielt nach Augentropfen. In den meisten Fällen sind die Beschwerden unproblematisch und können mit Präparaten für die Selbstmedikation gut behandelt werden. Doch wenn Rötung und Trockenheit der Augen über Tage bestehen und möglicherweise sogar mit Sehstörungen einhergehen, sollten sich die Patien­ten an den Augenarzt wenden. Eventuell verweist dieser sie dann zur weiteren Diagnostik und Behandlung an einen Rheumatologen – denn die Symptome könnten durch eine rheumatische Erkrankung ausgelöst sein.




Der Blick des Augenarztes auf den Augenhintergrund offenbart ihm verschiedene, auch systemische Erkrankungen.

Foto: Shutterstock/Serg ­Zastavkin


Betroffene bringen Beschwerden an den Augen normalerweise nicht mit Krankheiten in Verbindung, die in erster Linie andere Organe betreffen, also keine Augenkrankheiten im eigentlichen Sinne sind. Doch Beschwerden am Auge weisen häufig auf eine körperliche Erkrankung hin. Wenn ein Augenarzt dies bei einem Patienten vermutet, verweist er ihn mit einer Verdachtsdiagnose an einen anderen Facharzt. Erstes Anzeichen beispielsweise für Rheuma ist häufig eine Entzündung im Auge – meist an der Regenbogenhaut (Iris) oder an der Aderhaut im hinteren Abschnitt des Augapfels. Vor allem kindliches Rheuma (juvenile idiopathische Arthritis) zeigt sich oft zunächst mit einer Regenbogenhaut-Entzündung. Sie gilt als Alarmsignal. Der Augenarzt wird das Kind zur weiteren Diagnostik an einen Kinder- und Jugendarzt verweisen, damit die rheumatische Grunderkrankung gegebenenfalls fachgerecht behandelt wird. Junge Rheuma-Patienten können an erhöhter Blendempfindlichkeit, Schmerzen und unscharfem Sehen leiden. Bei Menschen nach dem 40. Lebensjahr geht eine Rheumatoide Arthritis häufig mit trockenen oder brennenden Augen, mit Fremdkörpergefühl, Rötung und manchmal auch stechendem Schmerz einher.

Entzündetes Augengewebe

Vergrößerte und hervortretende Augäpfel weisen auf die Schilddrüsenerkrankung Morbus Basedow hin. Ärzte bezeichnen dieses Symptom als Exophthalmus. Bei der Basedowschen Erkrankung handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung. Der Körper bildet ­Autoantikörper, die sich gegen die Thyreotropin-Rezeptoren in der Schild­drüse richten. Wie Forscher herausgefunden haben, gibt es solche Rezeptoren im Körper auch außerhalb der Schilddrüse, besonders im Auge. Genau wie in der Schilddrüse lösen die TSH-Autoantikörper im Augengewebe eine lang­anhaltende Entzündung aus. Dies kann schließlich dazu führen, dass vermehrt Bindegewebszellen und Kollagenfasern entstehen. Die Augäpfel treten hervor. Die Augenbeweglichkeit ist eingeschränkt, und die Sehleistung kann sich verschlechtern. Häufig spürt der Patient ein Fremdkörpergefühl im Auge. Die Bindehaut ist gerötet, die ­Augen tränen, und die Lider sind ­geschwollen. Manchmal lassen sich die Augen nicht mehr richtig schließen. Lichtempfindlichkeit und Doppelsehen sind weitere Symptome.

Eine andere Autoimmunerkrankung, die sich am Auge bemerkbar machen kann, ist die Myasthenia gravis. Es handelt sich dabei um eine schwere, belastungsabhängige Muskelschwäche, die durch eine Störung der neuromuskulären Übertragung hervorgerufen wird. Da die Augenmuskeln sehr kurz sind und Einschränkungen schlecht ausgleichen können, fallen Störungen hier sehr früh auf. Daher bemerken Patienten eine Muskelschwäche in der Regel zuerst am Auge. Danach breitet sie sich über weitere Gesichtsmuskeln aus. Im weiteren Verlauf kann die Krankheit auf alle Muskelgruppen im Körper übergehen. Die Symptome an den Augen sind relativ unspezifisch: Sehstörungen, Sehen von Doppelbildern und herabhängende Augenlider (sogenannter Schlafzimmerblick). Die Patienten empfinden oft eine »Müdigkeit« der Oberlider und können die Augen schließlich nicht mehr gleich weit öffnen.

Gestörte Blutfette

Eine weitere Erkrankung, die sich am Auge zeigt: die familiäre, das heißt genetisch bedingte Hypercholesterin­ämie. Zum einen findet sich häufig ein weißgelber Ring um die Iris. Zum anderen bilden sich durch die massiv erhöhte Cholesterin-Konzentration im Blut sogenannte Xanthelasmen aus. Als Xanthelasmen bezeichnen Augenärzte kleine, gelbliche Knötchen am Ober- und Unterlid. Es handelt sich um Cholesterin-Ablagerungen. Xanthelasmen müssen nicht unbedingt auf einer Fettstoffwechselstörung beruhen, sondern können auch unabhängig auftreten. Um die Ursache abzuklären, sollten Betroffene ihre Blutfettwerte bestimmen lassen. Falls eine Fettstoffwechselstörung vorliegt, verhindert die Be­handlung mit einem Lipidsenker das Entstehen weiterer Xanthelasmen. Die bestehenden bilden sich allerdings nicht zurück. Wenn Betroffene sie als kosmetisch störend empfinden, können sie mittels Laser chirurgisch entfernt werden. Dies gilt auch für die Xanthelasmen, die nicht auf eine Fettstoffwechselstörung zurückgehen.

Dicke Augenlider und Ringe unter den Augen können von Schlafmangel oder übermäßigem Alkoholkonsum herrühren. Wenn zusätzlich eine gelbliche Verfärbung des sonst weißen Teils der Augen und der Haut auffällt, sollte der Patient einen Arzt aufsuchen. Denn Ursache dieser Symptome können Erkrankungen der Leber oder der Gallenwege sein. Gerade im Anfangsstadium lässt sich eine Gelbsucht oft an einer leichten Gelbfärbung der Augen erkennen. Sie geht auf einen zu hohen Gehalt an Bilirubin im Blut zurück, dem Abbauprodukt des Hämoglobins. Wenn die Lider dick und geschwollen sind, kann das aber auch auf Flüssigkeitseinlagerungen beruhen. Als mögliche Ursachen kommt zum Beispiel eine verminderte Leistung des Herzens oder der Nieren in Frage.

Verdacht auf MS

Neben den genannten Erkrankungen macht sich auch eine Multiple Sklerose oft zunächst mit Augen-Symptomen bemerkbar. Die Sehschärfe kann sich verschlechtern, sogenanntes »Schleiersehen« sowie Entzündungen der Netzhaut, von Augengefäßen oder des Sehnervs können auftreten.

Nicht zuletzt können Einschränkungen beim Sehen auch Zeichen einer diabe­tischen Retinopathie sein.

Der Augenarzt entdeckt häufig auch als erster Arzt eine Hypertonie. Meist als Zufallsbefund, wenn der Patient sich aus einem anderen Grund augenärztlich untersuchen lässt. Ein Bluthochdruck fällt häufig bei einer Netzhautuntersuchung auf, da sich die feinen Blutgefäße am Augenhintergrund durch langfristig zu hohe Werte ver­ändern.

Doppelbilder, zeitlich begrenztes, verschwommenes und eingeschränktes Sehen bis hin zur vorübergehenden Erblindung können auch Vorzeichen ­eines Schlaganfalls sein. Wenn kurzzeitige Lähmungen, Schwindel oder Kopfschmerzen hinzukommen, ist sofort der Notarzt zu rufen.

Fazit: Sehstörungen und Veränderungen am Auge sollten immer als Warnsignal gedeutet und grundsätzlich von einem Augenarzt abgeklärt werden. /


Irisdiagnose

Die Betrachtung des Auges – besser gesagt der Iris – zählt zu den alternativmedizinischen Diagnosemethoden und wird von manchen Heilpraktikern angeboten. Im Leistungskatalog alternativmedizinischer Praxen finden sich dann Begriffe wie Irisdiagnose, Iridologie oder Irisanalyse. Dabei lesen Heilpraktiker in der Iris ähnlich wie in einer Landkarte. Sie unterteilen sie in Ringe rund um die Pupille sowie in Kreissektoren. Die Ringe sind bestimmten Funktionen zugeordnet, die Sektoren einzelnen Organen. Veränderungen in der Struktur der Iris sollen Schwächen im Organismus widerspiegeln und zusammen mit anderen Verfahren eine Erkrankung diagnostizieren lassen. Die Irisdiagnostik ist wissenschaftlich nicht belegt.



Beitrag erschienen in Ausgabe 15/2018

 

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