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Ocularisten

Auge um Auge


Von Michael van den Heuvel / Nicht immer gelingt es Ärzten, ein erkranktes oder verletztes Auge zu retten. Dann schlägt die Stunde der Ocularisten. Sie stellen eine möglichst perfekte Pro­these her. Stephan Fischer aus Köln gab dem PTA-Forum Einblicke in seinen Beruf, der viel mit Handwerk und mit Kunst zu tun hat.

 

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Etwa 20 000 bis 30 000 Patienten tragen bundesweit eine Augenprothese. Pro Jahr kommen weitere 2000 hinzu. »Der Verlust eines Auges betrifft Menschen jedes Alters«, erzählt Stephan ­Fischer aus Köln. Als einer von rund 75 Ocularisten in Deutschland fertigt er gläserne Augenprothesen an. Sein Geschick ist aus unterschiedlichen Gründen erforderlich.




Stephan Fischer ist einer von rund 75 Ocularisten in Deutschland.

Foto: Michael van den Heuvel


»In jungen Jahren führen Retinoblastome zur Enukleation, also zur Entfernung des Auges«, so Fischer. Die Krebserkrankung der Retina tritt meist vor dem dritten Lebensjahr auf. Bindehaut- oder Aderhautmelanome haben ähnliche Folgen. Andere Kunden seines augenprothetischen Instituts sind im Straßenverkehr oder beim Sport verunfallt, haben sich verätzt oder Verbrennungen erlitten. Diabetes mellitus, Netzhautablösungen oder Schrumpfungen des Augapfels kommen mit hinzu. Auch die Attacke einer brütenden Eule hatte schon schlimme Folgen – »sicher der bizarrste Fall«, kommentiert Fischer. Sein Resümee: »Menschen reagieren ganz unterschiedlich auf den Verlust. Für manche bricht eine Welt zusammen, andere stecken das souverän weg.«

Stellen Ärzte fest, dass sich das Auge nicht mehr retten lässt, führen sie in Vollnarkose eine Enukleation des Augapfels durch. Beim Eingriff bleiben Bindegewebe, Fettgewebe und Augenmuskeln in der Augenhöhle. Statt des Augapfels setzen sie dauerhaft eine Plombe aus Silikon oder Hydroxylapatit ein. An dieser befestigen sie vier der sechs Augenmuskeln, um Prothesen eine gewisse Beweglichkeit zu geben. Das Implantat bleibt dauerhaft im Auge, es trägt später das Glasauge.




 

Fischers Arbeit beginnt zehn bis 14 Tage nach der Operation, dann sind die gröbsten Schwellungen abgeklungen. »Patienten benötigen eine Verordnung ihrer Klinik oder ihres Augenarztes«, weiß der Ocularist. Krankenkassen erstatten Kunstaugen als medizinische Hilfsmittel. Laut dem V. Sozialgesetzbuch, Paragraf 33, haben Versicherte Anspruch auf die Versorgung mit »Körperersatzstücken (...), die im Einzelfall erforderlich sind, um den Erfolg der Krankenbehandlung zu sichern, einer drohenden Behinderung vorzubeugen oder eine Behinderung auszugleichen.« Übernommen werden 130 bis 480 Euro, in Ausnahmefällen mehr. Fischer: »In Deutschland ist ein Glasauge der Versorgungsstandard.«




 

Die erste Prothese bleibt als Provisorium bis zu drei Monate in der Augenhöhle. Erst danach sind alle Schwellungen soweit abgeklungen, und der Experte passt eine längerfristige Prothese an. Einmal pro Jahr haben Versicherte Anspruch auf einen Austausch. »Nach dieser Zeit beginnt sich die Schleimhaut bei manchen Patienten stärker zu röten und Sekret abzusondern«, so Fischer. Schreiner oder Bergarbeiter seien aufgrund des Staubs oft schon nach sechs Monaten betroffen.

Vom Glasstab zum Kunstauge

Künstliche Augen werden bis heute ausschließlich in Handarbeit hergestellt. Fischer: »Glas hat sich als bestes Material bewährt. Es ist biokompatibel, stabil, ruft keine allergischen Reaktionen hervor, und es hat die Brillanz menschlicher Augen.«




 

Er arbeitet mit langen Röhren von zwei bis drei Zentimetern Durchmesser aus spezialisierten Glashütten. Über der Flamme schmilzt der Ocularist eine gewisse Menge des Materials ab und formt eine Kugel. Iris und Pupille bringt Fischer in Form gefärbter Gläser auf. Sie enthalten unterschiedliche Metalloxide als Pigmente. Aufgrund des Einschlusses kommen die an und für sich toxischen Substanzen nicht mit dem Körper in Berührung.




 

Aus einem schwarz gefärbten Glas entsteht die Pupille. Feine rote Glasstrukturen simulieren die Bindehaut-Gefäße. Eine weitere Glasschicht versiegelt alle Strukturen und bildet gleichzeitig die künstliche Cornea, um dem Auge Tiefe zu verleihen. Im Bunsenbrenner wird die Kugel erhitzt und so in Form gebracht, dass sie möglichst gut zur Augenhöhle des Patienten passt. Dabei zieht Fischer vorsichtig Luft heraus und trennt sie schließlich vom Stab ab. Für einen guten Sitz ist eine ständige Kontrolle der Maße erforderlich. Nach dem Erkalten im Tiegel, um das Glas zu tempern, folgt die erste Probe. Feinheiten verändert ­Fischer noch nachträglich. Ziel sei, die Prothese optimal dem noch vorhandenen Auge anzupassen.




Aus einer Glasröhre ensteht in mehreren Schritten ein gläserner Augapfel.

Fotos: Michael van den Heuvel


Eine Reise durch die Zeit

Bis Ocularisten ihre Kunst soweit perfektioniert hatten, vergingen Epochen, wie ein Blick in die Geschichte zeigt. Archäologen fanden knapp 5000 Jahre alte, vergleichs­weise simple künstliche Augäpfel bei Ausgrabungen im heutigen Iran. In Ägypten, in Griechenland oder in China experimentierten Gelehrte ab 2000 vor Christus mit unterschiedlichen Materialien. Sie verwendeten Edelsteine, Elfenbein oder Metalle, um die Augen Verstorbener nach deren Mumifizierung zu ersetzen. Aus dem Mittelalter sind bemalte Lederflecken oder Einlegeaugen aus Edelmetallen erhalten. Alles in allem blieben die Resultate bescheiden.

Erst die Glasbläserei führte ab dem 17. Jahrhundert zu ästhetisch besseren Ergebnissen. Damals war Venedig eines der wichtigsten Zentren. Wenig später folgten Glashütten in Paris. Sie arbeiteten mit Bleikristall. Bei dieser Glassorte sorgen Bleioxide für eine hohe Lichtbrechung. Allerdings lässt unsere Tränenflüssigkeit das Material schnell trüb werden.


Für neue Impulse sorgte Professor Dr. Heinrich Adelmann (1807 bis 1884) aus Würzburg, einer der ersten Hochschullehrer mit Augenheilkunde als wissenschaftlichem Schwerpunkt. Er entdeckte Puppen mit außergewöhnlich guten Glasaugen. Die Spur führte zu Ludwig Müller-Uri (1811 bis 1888), einem Glasbläser aus dem thüringischen Lauscha. Im Jahr 1832 begannen Müller-Uri und Adelmann einen intensiven Austausch, um bessere Prothesen für Patien­ten herzustellen.

Durch Beimengungen von Calciumphosphat, Fluoriden oder Zinnoxid entstand nach vielen Experimenten ein milchig-weißes Glas (»Beinglas«), um Augäpfel nachzubilden. Für die Iris verwendete Müller-Uri Emaille-Farben. Später arbeitete er nur noch mit eigens entwickelten, gefärbten Glassorten. Nach diversen Vorarbeiten stellte der Glasbläser 1835 die erste Prothese für einen Patienten her.

Ab 1868 entwickelte sein Neffe Friedrich-Adolf Müller getrübtes Glas, indem er der Glasschmelze Natrium­hexafluoroaluminat (Kryolith) zusetzte. Sein Kryolithglas erwies sich als wesentlich stabiler im Vergleich zu Blei- oder phosphathaltigen Gläsern, vor allem beim Kontakt mit Tränenflüssigkeit. Dadurch gelang es, die Lebens­dauer von Augenprothesen erheblich zu verlängern.

Durch die heißeren, von Robert Bunsen entwickelten Gasbrenner gelang es, besonders natürliche Farbverläufe herzustellen. Viele Produktionsschritte von Müller-Uri sind bis heute erhalten geblieben.

Prothesen aus Kunststoff

Während Ocularisten aus Deutschland schwerpunktmäßig Glas verwenden, setzen Kollegen aus anderen Ländern auf Dental-Kunststoffe. Ihre Heran­gehensweise erinnert an den Zahnarzt: Zu Beginn werden Abdrücke des Bindehautsacks genommen. Daraus entsteht ein Wachsmodell. Es wird in die Augenhöhle eingesetzt, weiter optimiert und in Gips gebracht. Diese Negativform dient als Basis, um ein Auge aus Poly­methylmethacrylat (PMMA) herzustellen. Nachdem der Kunststoff ausgehärtet ist, glätten Ocularisten die Ober­fläche, gestalten die Iris und simulieren Äderchen mit kleinen Baumwollfäden. Im letzten Schritt tragen sie nochmals Kunststoff auf, polymerisieren diesen und schleifen das Auge glatt.

Doch das Material hat mehrere Nachteile. Fischer zufolge führe Glas nicht nur ästhetisch zu besseren Ergebnissen. Kunststoff würde im Auge schlechter benetzt. Auch die polierte Oberfläche sei instabiler. Nicht überall gebe es die Expertise, Glas perfekt zu bearbeiten, erklärt Fischer.




Ein großes Sortiment an Glasaugen – eingeordnet nach Augenfarben

Foto: Michael van den Heuvel



Pflege und Komplikationen

Kunstaugen können unabhängig vom Material dauerhaft getragen werden. Fischer rät, Glasaugen morgens herauszunehmen und mit lauwarmem Wasser zu reinigen. Sie können im Gegen­satz zu PMMA-Augen auch mit Alko­hol desinfiziert werden, ohne dass die Oberfläche darunter leidet. Bei Kunststoff bieten sich pH-neutrale Tenside an, um die Oberfläche besser zu benetzen. Alkoholische Lösungen sind ungeeignet.

Um die Lidkanten zu pflegen, empfehlen Augenärzte, regelmäßig den Binde­haut­sack mit physiologischer Kochsalzlösung plus Natriumhydrogencarbonat zu spülen. Bei trockenen Augen haben viele Patienten gute Erfahrungen mit Hyaluronsäure als Bestandteil von Gelen gemacht. Die Produkte bilden länger als rein wässrige Lösungen einen Film über dem Kunstauge.

Sofort handeln

Beim Tragen von Prothesen kann es aufgrund pathologischer Prozesse zu Erkrankungen kommen, die bis zum Verlust der Fähigkeit führen, Prothesen zu tragen. »Patienten müssen bei Beschwer­den sofort zum Arzt«, sagt ­Fischer. Zu den möglichen Komplika­tionen gehört unter anderem eine Riesen­papillen-Konjunktivitis, also eine entzündliche Erkrankung der Bindehaut des Auges. Betroffene leiden an Schmerzen, an starkem Juckreiz und an vermehrter Schleimabsonderung. Zur Therapie haben sich Mastzellstabilisatoren wie Cromoglicinsäure oder topische Steroide bewährt.

Davon ist eine akute allergische Konjunktivitis abzugrenzen, die sehr selten direkt nach dem Einsetzen von PMMA-Augen auftreten kann. Hier sollte primär das Auge ausgetauscht werden. An Arzneistoffen stehen vor allem Antihistaminika, Cromone oder Glucocorticoide zur Verfügung. Bakterielle Bindehautentzündungen sind – wenn auch selten – ebenfalls ein Thema. Aufgrund möglicher Resistenzen verordnen Ärzte Antibiotika, nachdem sie einen Abstrich im Labor untersucht haben. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 15/2018

 

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