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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Schielen

Frühe Behandlung notwendig


Von Carina Steyer / Bis heute hält sich die Fehlinformation, dass Schielen bei Kindern harmlos sei und sich im ersten Lebensjahr verwächst. Doch Schielen ist mehr als ein kleiner Schönheits­fehler. Ohne frühzeitige Behandlung entwickeln betroffene Kinder schwerwiegende Sehstörungen, die ein Leben lang bestehen bleiben.

 

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Laut den Daten der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland des Robert Koch-Instituts schielen rund vier Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen 0 und 17 Jahren. Schielen ist damit eine der häufigsten chronischen Augenerkrankungen im Kindesalter, von der besonders oft ehemalige Frühchen und Kinder mit Behinderungen wie dem Down-Syndrom betroffen sind. Sie gelten ebenso wie Kinder mit schielenden Familienmitgliedern als Risikogruppe, die bereits im ersten Lebensjahr auch ohne offensichtliches Schielen augenärztlich untersucht werden sollte.




Das nicht benutzte Auge schielender Kinder kann das Sehen irreversibel verlernen.

Foto: iStock/ideabug



Schielen oder Strabismus, wie es in der Fachsprache heißt, ist ein angeborener oder erworbener Stellungsfehler der Augen, bei dem ein Auge von der Blickrichtung des anderen abweicht. Wird ein Objekt fixiert, geschieht das statt mit zwei nur mit einem Auge. Das wirkt sich auf die räumliche Wahr­nehmung aus.

Normalerweise schauen beide Augen in die gleiche Richtung, so dass ein minimal unterschiedliches Bild wahrge­nommen wird. Diese Bilddaten werden an das Gehirn weitergeleitet, wo sie zu einem dreidimensionalen Bild verarbeitet werden und das räumliche Sehen ermöglichen. Beim Schielen unterscheiden sich die beiden wahrgenommenen Bilder so stark, dass sie das Gehirn nicht zu einem Bild verarbeiten kann. Der Betroffene sieht beide Bilder, es entsteht das sogenannte Doppeltsehen. Bei Babys und Kleinkindern kommt nun eine evolutionsbedingte Anpassung zum Tragen, die schwerwiegende Konsequenzen für ihr Sehvermögen hat. Zu Urzeiten hatten Kleinkinder mit einer Sehschwäche wesentlich schlechtere Überlebenschancen. Um diesen Nachteil auszugleichen, unterdrückt das Gehirn die Bildinformation, die das schielende Auge liefert. Der Preis dafür: Das schielende Auge lernt nicht zu sehen. Mediziner sprechen von einer Amblyopie. Darunter versteht man eine starke Sehschwäche eines eigentlich ­gesunden Auges. Unbehandelt entwickeln 90 Prozent aller schielenden Kinder eine einseitige Amblyopie, die ein Leben lang bestehen bleibt.

Verschiedene Formen

Bei den meisten Kindern schielt nur ein Auge, Mediziner s­prechen von monolateralem (einseitigem) Schielen. Beim ­alternierenden (wechselseitigen) Schielen sind beide Augen gleichwertig und wechseln sich im Schielen ab. Je nachdem, in welche Richtung das schielende Auge vom nicht-schielenden abweicht, unterscheiden Augenärzte vier Schielformen: Einwärtsschielen, Auswärtsschielen, Höhenschielen (Schielen nach oben oder unten) und Verrollungsschielen (Verdrehung um die Sehachse).

Eine weitere wichtige Unterscheidung besteht zwischen dem sogenannten Lähmungsschielen und dem Begleitschielen. Das Lähmungsschielen tritt überwiegend bei Erwachsen auf und entsteht durch eine Schädigung der für die Augenbewegungen zuständigen Hirnnerven. Im Kindesalter ist das Begleitschielen die häufigste Schielform. Es kann als angeborenes Schielen in den ersten Lebensmonaten auffallen, als erworbenes Schielen zwischen dem 1. und 3. Lebensjahr in Erscheinung treten oder als Spätschielen nach dem 3. Lebensjahr beginnen.

Warum einige Kinder schielen und andere nicht, ist bis heute nicht vollständig wissenschaftlich erklärbar. Bekannt sind jedoch einige Risikofaktoren wie eine unkorrigierte Fehlsichtigkeit, deutliche Unterschiede in der Brechkraft der beiden Augen sowie einige Augenerkrankungen wie zum Beispiel eine Linsentrübung, Hornhautnarben oder Netzhauter­krankungen. Darüber hinaus spielen Komponenten wie die Vererbung, Komplikationen während der Schwangerschaft und Geburt, schwerwiegende Kinderkrankheiten oder Entwicklungsstörungen eine Rolle.

Augenärztlich-orthoptische Abklärung

In den ersten drei Lebensmonaten beginnen Babys, ihre ­Umwelt mit den Augen immer besser wahrzunehmen. Sie lernen Farben zu sehen, zwischen hell und dunkel zu unterscheiden, Bewegungen und Gesichter zu erkennen und Gegen­stände zu fixieren. Unkoordinierte Augenbewegungen oder ein sporadisches Schielen gehören zum Lern­prozess dazu. Spätestens im vierten Lebensmonat ist dieser Entwicklungsschritt jedoch abgeschlossen und bei normal e­ntwickelten Kindern das räumliche Sehen nachweisbar. Schielt ein Baby über diese Zeit hinaus, raten Experten unbedingt zu einer augenärztlich-orthoptischen Abklärung.

Nicht immer ist das Schielen auf den ersten Blick sichtbar. Die meisten Kinder haben einen sogenannten Mikrostrabismus. Dabei ist der Schielwinkel so klein, dass ein Laie ihn kaum oder gar nicht erkennen kann. Trotzdem hat das Schielen dieselben Konsequenzen wie bei stark ausgeprägten Schielwinkeln. Um dem vorzubeugen, empfiehlt der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e. V., alle Kinder im Alter von 30 bis 42 Monaten augenärztlich untersuchen zu lassen. Zusätzlich sollten Eltern folgende Warnzeichen ernst nehmen und medizinisch abklären ­lassen: Lichtempfindlichkeit, Augentränen, Zukneifen eines Auges, Verstimmung oder Reizbarkeit, chronische Lidrandentzündung, schiefe Kopfhaltung und ungeschickte Bewegungen.

Der richtige Ansprechpartner für schielende Kinder sind Augenärzte, die eine »Sehschule« in ihrer Praxis inte­griert haben. Hier arbeitet der Augenarzt mit einem Orthopisten zusammen, der viel Erfahrung in der Durchführung der notwendigen Sehtests hat. Der alleinige Besuch beim Optiker reicht keinesfalls aus.




Schielende Kinder sollten so früh wie möglich behandelt werden.

Foto: Science Photo Library/ Phanie/Voisin


Einfache Tests

Die Beurteilung des Sehens lässt sich schon bei Babys und Kleinkindern ohne Sprachkompetenz mit einfachen Tests durchführen. Ob das Kind ein Objekt ­fixieren, die Fixation halten und dem Objekt in alle neun Blickrichtungen ­folgen kann, lässt sich schnell mit einer Lampe oder einem anderen interessanten Gegenstand prüfen. Mit dem sogenannten Brückner-Durchleuchtungstest kontrolliert der Augenarzt die Augenstellung sowie die Refraktion und Morphologie. Dabei werden beide Augen gleichzeitig beleuchtet und beobachtet, wie die Pupillen aufleuchten. Liegt kein Schielen vor, leuchten beide Pupillen gleich auf. Bei schielenden Kindern ist eine Pupille heller als die andere. Um das räumliche Sehen zu testen, eignet sich ab dem Greifalter ein einfacher Faden. Gesunde Kinder greifen nach ihm. Später wird der Lang-Stereo-Test verwendet. Aus den gemusterten Bildkarten tritt ein Bild hervor, auf das schon kleine Kinder mit Erstaunen reagieren, wenn sie es sehen. Schielende Kinder können das Bild in der Regel nicht erkennen.

Frühe Therapie

Um einen möglichst großen Therapieerfolg zu erzielen, müssen schielende Kinder so früh wie möglich behandelt werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Therapie Erfolg zeigt, sinkt mit dem Alter des Kindes und dem Fortschritt seiner visuellen Entwicklung. Die Sehentwicklung von Kindern ­beginnt mit der Geburt und ist im 6. bis 8. Lebensjahr weitgehend abgeschlossen. Was die Augen bis dahin nicht ­erlernt haben, kann in den meisten ­Fällen nicht mehr nachgeholt werden.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um das Schielen zu korrigieren. Liegt gleichzeitig eine Sehschwäche vor, kann eine Brille ausreichen. Brillen können schon ab dem 4. Lebensmonat ­angepasst werden, und die Kinder gewöh­nen sich sehr schnell an das ­Tragen. Das wechselseitige Abkleben eines Auges (Okklusionsbehandlung) soll einer Amblyopie vorbeugen, indem das schielende Auge zum Sehen gezwungen wird. Allerdings gehört die Behandlung in erfahrene Hände. Die Augen müssen wechselseitig und über kurze Zeiträume abgeklebt werden, damit am Ende nicht das nicht-schielende Auge an Sehschärfe verliert. Bei Erwachsenen kann eine auf das Brillenglas aufgeklebte Mattfolie das Sehen von Doppelbildern verhindern.

Je nach Schielform stehen außerdem verschiedene Operationen zur Verfügung, die den Augenmuskel korrigieren, so dass sich die Stellung der ­Augen verändert. Meist wird bereits im Alter von sechs Monaten operiert, um den Kindern die Entwicklung des ­beidäugigen Sehens zu ermöglichen. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 15/2018

 

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