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ARZNEIMITTELTHERAPIE

Obstipation bei Senioren

Laxanzien nach Maß


Von Michael van den Heuvel / Je älter ein Mensch, umso größer das Risiko, eine Obstipation zu entwickeln. Viele Faktoren tragen dazu bei. Mit der richtigen Beratung können PTA und Apotheker den Betroffenen einen guten Teil Lebensqualität zurückgeben, denn Verstopfung belastet den Alltag oft erheblich.

 

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Etwa fünf bis 15 Prozent der Bevölkerung leiden an Verstopfung – Frauen doppelt so häufig wie Männer. Mit zuneh­mendem Alter steigt die Zahl an Betroffenen stark an. Laut Umfragen des Lehrstuhls für Pflegewissenschaften der Universität Witten/Herdecke ist unter Heimbewohnern sogar jeder Zweite betroffen. Eine chronische Obsti­pation liegt vor, falls Patienten drei oder mehr Monate beim Stuhlgang stark pressen, die Entleerung subjektiv nicht vollständig ist oder klumpiger beziehungs­weise harter Stuhl auftritt. Weniger als drei Stühle pro Woche können ebenfalls Hinweise geben, dass nicht alles rund läuft.




Foto: Shutterstock/Alexander Raths


Verstopfung kann unterschiedliche Gründe haben. Vielen Senioren mangelt es an körperlicher Aktivität, sie trinken eher wenig und essen oft einsei­tig. Auch wenn Bewegung, Ballast­stoffe und ausreichend Flüssigkeit Verstopfung nicht erwiesener­maßen verschwinden lassen, so weiß man doch umgekehrt, dass Menschen, die sich regelmäßig bewegen, seltener unter Verstopfung leiden. Schon regelmäßige Spaziergänge – soweit möglich – würden zumindest nicht schaden. Aller­dings helfen Sätze wie »Sie trinken wohl zu wenig oder essen zu wenig Obst und Gemüse« Menschen mit Verstopfung kaum weiter.

Außerdem benötigen Senioren oft mehrere Medikamente in Dauertherapie, darunter solche, die den Magen-Darm-Trakt beeinflussen können. Hier sind Antibiotika (Fluorchinolone), trizyklische Antidepressiva wie Imipramin, Antiepileptika (Gabapentin), Antihypertonika (Clonidin), Calciumantagonisten (Verapamil), Diuretika (Thiazide), Opiat-Analgetika (Morpin, Codein) und Eisenpräparate zu nennen.

Auch die Umgebung kann mit zur Obstipation beitragen. Niemand verrichtet sein »großes Geschäft« gern ohne Privatsphäre. Alten, bettlägerigen Menschen, die mit anderen alten Bewohnern im Pflegeheim ein Zimmer teilen, bleibt aber oft nichts anderes übrig. Diese massive Störung der Intimsphäre allein reicht schon aus, um Verstopfung Vorschub zu leisten. Damit bleiben nur noch Arzneistoffe, um den Darm in Schwung zu bringen. Und nicht zuletzt führt jahrelanger Laxan­zien-Missbrauch zur Verstopfung. Umso wichtiger ist, im Beratungs­gespräch genau nachzufragen.

Grenzen der Selbstmedikation

Die aktuell in Überarbeitung befindliche S2k-Leitlinie »Chronische Obstipation bei Erwachsenen« empfiehlt ein stufenweises Vorgehen, das mit einer Umstellung von Ernährungs- und Bewegungsverhalten beginnen soll. Von einfachen Maßnahmen profitieren nur wenige Menschen. Doch es gibt Alternativen auf Basis verschiedener Wirkprinzipien.

Bevor Apotheker oder PTA die Möglichkeiten einer Selbstmedikation ausloten­, sollten sie bei Kunden nach Hinweisen auf mögliche Grund­erkrankungen suchen. Schmerzen, Blut im Stuhl beziehungsweise schwarz gefärbter »Teerstuhl«, Fieber oder eine ohne ersichtlichen Grund plötzlich aufgetretene Obstipation sind Warnzeichen. Möglicherweise behindern Polypen oder Tumore die Darmpassage. Auch Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa gehen mit Verdauungsstörungen einher. Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus oder Schilddrüsenunterfunktionen können einer Obstipation auch zugrunde liegen. Im geriatrischen Bereich sind Nervenerkrankungen wie Parkinson oder Multiple Sklerose von Bedeutung, was oft übersehen wird. Auch Muskelerkrankungen wie Muskel­dystrophie oder Myasthenia gravis können Obstipationen erklären. Jede unklare Obstipation mit Warnzeichen gehört in ärztliche Hand. Ansonsten gibt es etliche Möglichkeiten zur Pharmakothe­rapie.

Ballaststoffpräparate

Ballaststoffpräparate enthalten meist Schalen indischer Flohsamen, Lein­samen oder Weizenkleie. Nehmen Patienten bis zu dreimal täglich ein bis zwei Teelöffel davon in Wasser gelöst ein, profitieren sie nach sechs bis acht Stunden vom mild abführenden Effekt. Wichtig ist, bei jeder Gabe mindestens ein großes Glas Wasser zu trinken. Die Stoffe quellen im Darm stark auf. Sie erhöhen das Stuhlvolumen. Damit andere Medikamente nicht schlechter resorbiert werden, sollten Anwender von Quellstoffen einen mindestens halb­stündigen Abstand zwischen Anwendung des Quellstoffs und Einnahme weiterer Arzneimittel einhalten. Leinsamen darf bei akuten entzündlichen Darmerkrankungen oder Darmverschluss nicht zum Einsatz kommen.

Osmotisch aktive Wirkstoffe

Zu den osmotisch wirksamen Abführmitteln gehören historisch vor allem Salze – Karlsbader Salz (Glaubersalz) aus Natriumsulfat sowie Bittersalz aus Magnesiumsulfat. Bei hoher Dosierung und/oder langfristiger Anwendung können sie zu Störungen im Elektrolyt- und Flüssigkeitshaushalt führen. Der Verlust an Kalium fördert wiederum die Obstipation. Später kamen­ Zuckeralkohole (Lactose, Lactulose, Mannit, Sorbit) oder Polyethylenglycol hinzu. Osmotisch aktive Laxanzien erhöhen den Wassergehalt im Stuhl, der Stuhl wird weicher. Gleichzeitig steigt das Stuhlvolumen. Auch hier müssen Patienten darauf achten, viel zu trinken. Für Patienten, die schon viele Medikamente benötigen, eignet sich Lactulose, da dieses Zuckerderivat nicht resorbiert wird. Allerdings zersetzen es Darmbakterien zu Milchsäure, Essigsäure beziehungsweise Kohlendioxid. Deshalb verursacht es mitunter Blähungen und Bauchschmerzen. Diese Nebenwirkungen lassen sich durch einschleich­endes Dosieren mini­mieren. Bei Senioren mit Niereninsuffizienz ist ebenfalls Vorsicht geboten.

Polyethylenglycole (Macrogole) entziehen dem Körper im Gegensatz zu anderen osmotisch wirksamen Stoffen kein Wasser und werden weder­ resorbiert noch von Darm­bakterien abgebaut.

Den Darm mit Kohlendioxid stimulieren

Als besonders mildes Laxans wirkt gasförmiges Kohlendioxid. Es stimuliert den Defäkationsreiz. Obwohl bereits in den 1930er-Jahren entwickelt, erfreuen sich Abführmittel auf dieser Basis erst jetzt größerer Beliebtheit, speziell in der Pflege und Kinderheilkunde. Suppositorien enthalten Natriumhydrogencarbonat und das leicht saure Natriumdihy­drogenphosphat. Im feuchten Milieu des Darms entsteht durch eine Säure-Base-Reaktion Kohlendioxid. Kleine Bläschen dehnen die Darmwand und aktivieren die Darmperistaltik. Nach etwa 15 bis 30 Minuten kommt es zum Entleerungsreflex. Nebenwirkungen oder Gewöhnungseffekte sind nicht zu befürchten.

Die Darmperistaltik fördern

Eine andere Strategie verfolgen Apotheker oder PTA mit Präparaten, die zur verstärkten Wasserabgabe in den Darm führen. Dazu zählen unter anderem Ricinolsäure aus Rizinusöl beziehungsweise Anthrachinon-Derivate aus Aloe. Bis heute haben sich Sennesblätter als pflanzliches Laxans bewährt.

Synthetische Derivate, etwa Bisacodyl und Natriumpicosulfat, bereichern das therapeutische Arsenal ebenfalls. Sie wirken peroral nach acht bis zwölf Stunden, rektal aber bereits nach 30 bis 60 Minuten. Das funktioniert über zwei Mechanismen: Die Wirkstoffe stimulieren die Dickdarmmuskulatur und hemmen die Wasserresorption, was zu mehr Stuhlvolumen führt.

Wenn alle Stricke reißen

Ärzte und Apotheker setzten früher Paraffinum­ subliquidum ein, um den Stuhl gleitfähiger zu machen. Heute gibt es Alternativen. Bei Opioid-induzierter Obstipation kommen peripher wirkende Antagonisten wie Methylnaltrexon zum Einsatz. Darüber hinaus wurde Prucaloprid zugelasssen. Dieser Serotonin-­Rezeptoragonist ist bei chronischer Verstopfung zugelassen, falls andere Präparate nicht den gewünschten Effekt­ gezeigt haben. Prucaloprid stimu­liert 5-HT4-Rezeptoren im Dickdarm und beschleunigt so die Darmmotilität. Bei Senioren mit starker Einschränkung der Nierenfunktion sollte die Dosis angepasst werden. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 17/2018

 

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