Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

ARZNEIMITTELTHERAPIE

Dermatillomanie

Zwanghaftes Kratzen und Zupfen


Von Carina Steyer / Schorf abkratzen, Pickel ausdrücken, Unebenheiten auf der Haut mit Pinzette und Nadel traktieren: Patienten mit Dermatillomanie bearbeiten die eigene Haut so lange, bis blutende Wunden entstehen. Häufig als schlechte Angewohnheit verkannt, führt die Erkrankung zu einem hohen Leidensdruck. Sie bedarf gezielter verhaltenstherapeutischer Maßnahmen, um dem Teufelskreis ein Ende zu setzen.

 

Anzeige

 

Viele Menschen kratzen sich reflex­artig, sie drücken, kneten oder ziehen die Haut beim Nachdenken, vor Aufregung oder aus Langeweile. Dazu kommen Pflege- und Hygienemaßnahmen, die je nach Persönlichkeit stärker und schwächer ausfallen. Das vorsichtige Bearbeiten der eigenen Haut ist ein weitverbreitetes Verhalten, das die meisten Menschen täglich ausführen und als angenehm empfinden.




Foto: Shutterstock/Anetlanda


Anders ergeht es den geschätzten 1,5 bis 5 Prozent der Bevölkerung, die an einer Dermatillomanie leiden, einem unüberwindbaren Drang, die Haut immer wieder so stark zu reiben, quetschen, ziehen oder kratzen, dass blutende Wunden entstehen. Häufig ist das Ziel der Hautbearbeitung eine Unebenheit wie ein Pickel, ein Härchen oder eine Kruste, es wird aber auch gesunde Haut verletzt. Zum Krankheitsbild gehört außerdem das Abreißen oder Abschneiden kleiner Hautstücke, die von einigen der Betroffenen anschließend gegessen werden. Meist wählen die Erkrankten für die Manipulation der Haut gut erreichbare Bereiche wie das Gesicht, den Hals, die Oberarme, Schultern oder Beinstreckseiten. Selten werden schlechter zugängliche Areale wie der Rücken bearbeitet. Ausgeführt werden die Verletzungen mit den eigenen Zähnen, Fingernägeln oder Werkzeugen wie Pinzetten, Nadeln und Scheren.

Anerkannte Krankheit

Das Phänomen der zwanghaften Hautbearbeitung wurde zum ersten Mal 1868 von dem englischen Arzt Erasmus Wilson als »neurotic excoriation« beschrieben. Später beobachteten Mediziner, dass die Symptomatik gehäuft bei Mädchen im Pubertätsalter auftritt, das prägte den Begriff »Acne excoriée des jeunes filles« (Kratz-Akne bei jungen Mädchen). Heute sprechen Mediziner von Dermatillomanie oder dem Skin Picking Syndrom.

Seit 2013 gilt die Dermatillomanie als eigenständige Erkrankung, die den Impulskontrollstörungen zugeordnet wird. Sie kann in jedem Lebensalter beginnen, tritt aber gehäuft in der späten Kindheit oder frühen Jugend sowie zwischen dem 30. und 45. Lebensjahr auf. Der Frauenanteil liegt bei 60 bis 90 Prozent. Experten vermuten jedoch eine hohe männliche Dunkelziffer, die damit erklärt wird, dass Männer seltener ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.

Bei vielen Betroffenen beginnt die Dermatillomanie schleichend. Ein Mückenstich, Pickel oder Hautausschlag tritt zufällig in einer stressigen Phase auf. Der Betroffene erlebt, dass das Kratzen und Drücken hilft, Spannungen abzubauen und greift zunächst unbewusst immer wieder darauf zurück. Später kann eine sogenannte Skin-Picking-Episode, in der die Betroffenen ihre Haut exzessiv verletzen, durch zahlreiche Gefühle ausgelöst werden.




Hautunreinheiten, etwa Pickel, werden von den Betroffenen intensiv bearbeitet.

Foto: Shutterstock/George Rudy


Dazu gehören negative Emotionen wie Angst, Wut, Trauer, Gefühle der Leere oder ein diffuses Unwohlsein, aber auch positive wie Freude oder Neugier. Nicht selten kommt es außerdem zu ritualisierten Skin-Picking-Episoden, zum Beispiel immer zu bestimmten Tageszeiten oder wenn ein Spiegel in der Nähe ist. Je länger die Krankheit besteht, umso häufiger tritt zusätzlich ein automatisiertes, unbewusstes Kratzen auf, für das die Betroffenen keinen bestimmten Auslöser benennen können.

Ein Teufelskreis

Typisch für die Dermatillomanie und tückisch ist, dass schnell ein Teufelskreis entsteht. Skin-Picking-Episoden werden durch ein zunehmendes Gefühl von Anspannung ausgelöst, die sich erst legt, wenn die Haut bearbeitet wird. Obwohl die Betroffenen wissen, dass das Verletzen der eigenen Haut Schmerzen, Wunden und Narben hervorruft, schaffen sie es nicht, dem starken inneren Drang ausreichend Widerstand entgegenzusetzen. Nicht einmal der Schmerz der Verletzung kann sie von ihrer Handlung abhalten. Während einer Episode befinden sich die Erkrank­ten in einer Art Trance-Zustand, in der sie keinen Schmerz spüren. Die Hautmanipulation wird in diesem Zustand als angenehm, beruhigend und entspannend wahrgenommen. Schuldgefühle und Selbstvorwürfe treten erst auf, wenn der Zustand der Haut nach einer Skin-Picking-Episode realisiert wird. Die Betroffenen schämen sich für ihre Wunden, fürchten Fragen, Kritik oder Zurückweisung und ziehen sich im Verlauf der Krankheit immer stärker aus sozialen Beziehungen zurück. Die Frustration über das eigene Unver­mögen und die Einschränkungen in sozia­len Lebensbereichen wiederum erhöhen den Druck auf den Betroffenen und fördern den Drang, die Haut erneut zu bearbeiten.

Hoher Leidensdruck

Wo hört normale Hautbearbeitung auf und wo fängt die Dermatillomanie an? Selbst Experten können diese Frage nur schwer beantworten. Wegweisend für die Diagnose ist deshalb der Leidensdruck des Betroffenen. Neben regel­mäßigen, zwanghaften Skin-Picking-Episoden mit Wunden und Narben ist ein wichtiges Diagnosekriterium, dass der Erkrankte nach der Hautmanipulation Schuld-, Scham- oder Ekelgefühle empfindet. Zudem muss er wiederholt Versuche unternommen haben, das Skin Picking zu vermindern oder zu stoppen und die Erkrankung muss zu deut­lichen Einschränkungen in sozialen, beruf­lichen oder anderen wichtigen Bereichen des Lebens geführt haben.

Eine weitere Komponente ist das zeitliche Ausmaß der Hautbearbeitung. Die meisten Betroffenen berichten von mehreren Skin-Picking-Episoden pro Tag, in Extremfällen können es bis zu 150 sein. Ritualisierte und aufwendige Prozeduren können dabei mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Dazu kommt die Pflege der verletzten Hautbereiche und das Kaschieren mit Make-up, bevor die Betroffenen das Haus verlassen können.

Obwohl Leidensdruck und Hilflosigkeit bei den Betroffenen groß sind, rea­giert das Umfeld vielfach mit Unverständnis. Aufgrund der Unbekannt­heit des Krankheitsbildes wird die Dermatillomanie oft als schlechte Ange­wohnheit abgetan, die der Betroffene abstellen kann, wenn er will. Gute Ansprechpartner für Hilfesuchende sind deshalb Dermatologen, die mit dem Krankheitsbild vertraut sind. Eine Übersicht findet sich zum Beispiel auf der Web­site der Selbsthilfegruppe Skin Picking­ Köln (siehe Kasten).


Hilfe für Betroffene

Auf www.skin-picking.de, der Webseite der Selbsthilfegruppe Köln, findet sich eine Übersicht mit Selbsthilfegruppen in ganz Deutsch­land. Zudem werden Informationen für Betroffene wie Erfahrungs­berichte, Buchtipps, Forenadressen und Kontaktdaten von Therapeuten und Hautärzten bereitgestellt. Außerdem wird ein Habit-Reversal-Training von der Universitätsklinik Hamburg zum Download angeboten.


Dermatologen erkennen am Hautbild und an Informationen des Patienten, wenn Wunden und Narben von einem selbstverletzenden Verhalten herrühren. Wichtig ist aber dennoch, dass andere Hauterkrankungen, zum Beispiel Skabies, oder ein Substanzmissbrauch aus­geschlossen werden. In leichten Fällen schaffen es die Betroffenen oft schon durch die dermatologische Betreuung in Kombination mit einfachen therapeutischen Maßnahmen wie dem Verbinden der betroffenen Stellen oder dem Führen eines Kratztagebuchs, eine deutliche Verbesserung zu erreichen.

Verhalten ändern

Bewährt hat sich auch das sogenannte Habit-Reversal-Training, bei dem das problematische Verhalten durch ein unschädliches ersetzt wird. So kann sich der Betroffene statt zu kratzen, zum Beispiel auf seine Hände setzen oder einen­ Ball drücken. Besteht die Krankheit länger, treten viele Skin-Picking-Episoden auf, sind die verletzten Areale umfangreich oder der Leidensdruck des Betroffenen stark ausgeprägt, erfolgt die Betreuung zusätzlich durch einen Psychiater oder Psychologen. Gute Erfolge werden in diesen Fällen mit einer Verhaltenstherapie erzielt, manchmal kann auch der Einsatz von Psycho­pharmaka notwendig sein. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 18/2018

 

Das könnte Sie auch interessieren

 


© 2018 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=12098