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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Skabies

Unerwünschtes Comeback


Von Barbara Erbe / Seit rund zwei Jahren tritt die Krätze (Skabies) in Deutschland deutlich häufiger auf als in den Jahrzehnten zuvor. Die für die Krankheit verantwortlichen Skabiesmilben verbreiten sich über Hautkontakt, Medikamente können die Aus­breitung aber zügig eindämmen.

 

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»Ich bin seit 25 Jahren Dermatologe, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt«, sagt der Stuttgarter Hautarzt Dr. Heiko Grimme im Gespräch mit PTA-Forum. »Früher hatte ich im Durchschnitt alle zwei Monate einen Patienten mit Krätze, heute kommt das ein bis zwei Mal pro Woche vor.« Dr. Utta Petzold, Dermatologin bei der Barmer Ersatzkasse, ergänzt, dass die Verordnungszahlen wichtiger Krätze-Medikamente bei den Barmer-Versicherten bundesweit von 2016 auf 2017 um 60 Prozent gestiegen sei, von 38 127 auf insgesamt 61 255 Verordnungen. »Die Ärzte verschreiben wieder deutlich mehr Krätze-Medikamente, und zwar in allen Regionen Deutschlands. Ähnlich­ stark dürfte also auch die Anzahl der Erkrankten gestiegen sein.«




Die Skabiesmilbe ist zurück: Seit einigen Jahren häufen sich die Krätzefälle wieder.

Foto: Your Photo Today


Warum das so ist, wissen die Experten noch nicht. Zunächst habe man spe­kuliert, dass es mit der verstärkten Zuwan­derung von Flüchtlingen aus wärmeren Ländern zu tun haben könnte, in denen die Skabiesmilbe weitverbreitet sei, berichtet Grimme. »Aber weil die Krätzemilbe ein langsames Tier ist, überträgt sich die gewöhnliche Krätze nur bei intensivem Haut­kontakt, der mindestens fünf bis zehn Minuten dauert.« Längere Hautkontakte zwischen­ Flüchtlingen und der einheimischen Bevölkerung seien aber selten – «und das spricht gegen die These von den Flüchtlingen als Ursache des Anstiegs«. Gut sei, dass die meisten Hautärzte inzwischen sensibel auf juckende Hautbeschwerden reagierten und auch an die Skabies als Ursache dächten.

Die maximal 0,5 mm große Skabies­milbe (Sarcoptes scabiei var. hominis), die zu den Spinnentieren gehört, gräbt sich in die obere Hautschicht des Menschen. Da sie ihren Sauerstoff über die Körperoberfläche bezieht, dringt sie niemals tiefer als in die Hornschicht (Stratum corneum) oder allenfalls in das Stratum granulosum vor. Dorthin legen die Weibchen über eine Lebenszeit von etwa vier bis acht Wochen mehrere Eier pro Tag. Es sind aber vor allem die Ausscheidungen der Milben, die nach einiger Zeit unangenehme Hautreaktionen hervorrufen.

Juckreiz typisch

Ein erstes Anzeichen ist meist der typische Juckreiz, der vor allem in der Wärme des Bettes auftritt. Betroffen sind hauptsächlich Finger- und Zehenzwischenräume, Handgelenke, Knöchel, Achseln, Ellenbogen, Brustwarzen und Genitalien, bei Babys und Kleinkindern manchmal auch der behaarte Kopf, das Gesicht oder die Hand- und Fußflächen. Das liegt daran, dass die Milben Areale mit verhältnismäßig hoher­ Temperatur und dünner Hornschicht bevorzugen. Die Gänge der Milben­ sind in Form von feinen röt­lichen Linien in der Haut mit bloßem Auge gerade noch erkennbar. Nach und nach reagiert die Haut mit stecknadelgroßen Bläschen, geröteten erhabenen Knötchen oder Pusteln. Durch Kratzen können sich verletzte Hautstellen auch eitrig entzünden.

Explosionsartige Vermehrung

»Bleibt der Befall unbehandelt, entwickelt sich ein großflächiger aller­gischer Hautausschlag«, informiert Dermatologe Grimme. Vor allem bei immun­geschwächten oder immunsupprimierten Menschen kann es schlimmstenfalls zu der hoch ansteckenden Form Scabies crustosa (auch Krustenskabies oder Borkenkrätze, siehe Kasten Seite 45) kommen. Denn auf der Haut dieser Patien­ten können sich die Milben explosionsartig vermehren, sodass ihre Anzahl schnell in die Tausende geht. Betroffene sind über die typischen Areale hinaus befallen, auf ihrer Haut bilden sich dicke Hornschichten und Krusten­, die voller Milben sind. Der anson­sten für Krätze typische Juckreiz kann wegen des geschwächten Immunsystems ausbleiben, was die Diagnose­ erschwert.


Von Haut zu Haut

Skabies wird durch direkten Haut-zu-Haut-Kontakt übertragen – dazu reicht bereits die Übertragung eines einzigen begatteten Milbenweibchens oder mehrerer Larven unterschiedlichen Geschlechts. Da sich Krätzemilben aber nur langsam bewegen, sind kurzzeitige Berührungen wie Händeschütteln oder eine Begrüßungsumarmung bei gewöhnlicher Krätze unproblematisch. Nach Informationen des Robert-Koch-Insti­tuts setzt eine Übertragung einen­ großflächigen, längeren und kontinuierlichen Haut-zu-Haut-Kontakt in der Größenordnung von fünf bis zehn Minuten voraus. Personen, die sich bei einem Patienten mit gewöhn­licher Skabies anstecken, sind deshalb normalerweise Mitglieder einer Familie oder Wohngemeinschaft, Eltern mit Kleinkindern sowie pflegebedürftige Personen, deren Betreuer und Pfleger. Das Ansteckungsrisiko steigt allerdings mit der Anzahl der Milben. Deshalb­ können bei der Scabies crustosa bereits kurze Hautkontakte zur An­steckung führen und auch abgelöste Hautschuppen, die an einem Stofftier oder einer Decke­ hängenbleiben, Milben­ tragen.


Rote Linien und Pusteln

Angesichts des beschriebenen Juckreizes, feiner rötlicher Hautlinien sowie Bläschen oder Pusteln liegt der Verdach­t auf Skabies nahe. Während die Diagnose früher in der Regel gestellt wurde, indem man ein Haut­geschabsel via Mikroskop nach Milben oder Eiern absuchte, funktioniere der Nachweis heute einfacher über eine Dermatoskopie, sagt Grimme. »Mit dem Auflichtmikroskop kann man die Gänge der Milben erkennen und am Ende der Gänge oft auch die Parasiten selbst.« Allerdings gelinge dieser direkte Nachweis des Erregers nicht immer, betont Grimme, der auch im Berufs-verbands der Deutschen Dermatologen aktiv ist. Bei den meisten Patienten mit Krätze sitzen nämlich deutlich weniger als zehn Milben in der gesamten Haut, und nicht in jedem Knötchen befindet sich ein Parasit. »Können die Parasiten nicht direkt nachgewiesen werden, lässt sich die Diagnose auch aufgrund der juckenden Rötungen und Knötchen an den typischen Hautpartien stellen.« Bei einer Erstansteckung treten typi­sche Beschwerden wie Juckreiz und Rötungen normalerweise nach zwei bis fünf Wochen, bei einer Wieder­ansteckung bereits nach ein bis vier Tagen­ auf. Die Krätze ist also schon an­steckend, bevor Betroffene Symptome aufweisen. Zudem kann der Milben­befall bei Patienten, die eine intensive Körperpflege betreiben und reichlich Kosmetika einsetzen, auch über längere Zeit unbemerkt bleiben. Die Krätze müsse aber unbedingt medizinisch behandelt werden, betont Grimme: »Eine unbehandelte Skabies verschwindet nicht, sie wird chronisch.«




Bei der Skabies bilden sich rote erhabene Knötchen und Pusteln, die stark jucken.

Foto: Your Photo Today


Die gute Nachricht: Die gewöhnliche Krätze lässt sich schnell mit Arzneimitteln bekämpfen. Rund 24 Stunden nach Beginn der Behandlung sind die Milben tot und die Patienten nicht mehr ansteckend. Prinzipiell ist sowohl eine topische Therapie mit Cremes, Sprays oder Salben als auch eine systemische mit Tabletten möglich. Örtlich aufgetragene Antiscabiosa enthalten Permethrin (Infectoscab®), Benzylbenzoat (Antiscabiosum®) oder Cro­tamiton (Crotamitex®). In Tablettenform wird hauptsächlich Ivermectin (Scabioral®) verabreicht, das in Deutschland seit 2016 für diese Indikation zugelassen ist.


Laut der Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Skabies ist das Auftragen von Permethrin auf die Haut das Mittel der ersten Wahl, bei fehlendem Ansprechen wird die Einnahme von Ivermectin empfohlen. »In hartnäckigen Fällen, etwa wenn ich den Eindruck habe, dass die Patienten Schwierig­keiten mit der flächendeckenden Anwendung haben, verschreibe ich auch Cremes und Tabletten«, berichtet Grimme. Bei der Scabies crustosa ist häufig eine wiederholte Behandlung erforderlich, bis die Erkrankten nicht mehr ansteckend sind. Darüber hinaus ist es meist nötig, Juckreiz und mögliche Sekundärinfektionen zu behandeln, die auch nachdem die Milben abgetötet sind, noch einige Tage bestehen bleiben.

Schutz vor Ansteckung

Wegen der Ansteckungsgefahr sollten Patienten und Kontaktpersonen wie Familienmitglieder zeitgleich behandelt werden. Zudem ruft die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) Erkrankte dazu auf, den Kontakt zu anderen Menschen­ einzuschränken und besonders den direkten Hautkontakt zu meiden­, bis die äußerliche Behandlung oder die Tabletteneinnahme mindestens 24 Stunden zurückliegt. Ebenso wichtig sei es, Kleidung, Unterwäsche, Handtücher und Bettwäsche von Erkrankten täglich bei mindestens 60°C zu waschen. Gegenstände mit längerem Körperkontakt wie Schuhe­ oder Plüschtiere, die nicht gewaschen oder gereinigt werden können­, sollten für mindestens drei Tage bei über 21°C in verschlossenen Plastik­säcken trocken gelagert werden. Polstermöbel sollten mit dem Staubsauger gereinigt oder mindestens zwei Tage nicht benutzt werden. /


Kindergarten und Pflegeheim

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts kommen Skabiesfälle in Deutschland vor allem in Kinder­gärten sowie Pflege- und Versorgungseinrichtungen vor, denn dort ist enger Haut-zu-Haut-Kontakt üblich­. Kinder und Erwachsene, die erkrankt sind oder bei denen der Verdacht auf Skabies besteht, dürfen laut Infektionsschutzgesetz Gemeinschaftseinrichtungen vorübergehend nicht besuchen oder dort tätig sein (in der Regel nicht länger als 24 Stunden, da die Behandlung schnell wirkt). Außerdem sind Betroffene verpflichtet, die Ein­richtung über die Erkrankung und auch über den Verdacht auf eine Erkrankung zu informieren.

Besonders gefährdet sind ältere Menschen, die in Wohn- oder Pflegeheimen leben. Ist ihr Immunsystem durch Grunderkrankungen oder auch durch Medikamente geschwächt, tragen sie ein hohes Risiko, an der hoch ansteckenden Scabies crustosa zu erkranken. Zudem können weitere Hautprobleme, beispielsweise Ekzeme, den Blick auf die Krätze zunächst verstellen.



Beitrag erschienen in Ausgabe 18/2018

 

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