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ARZNEIMITTELTHERAPIE

Arzneipflanzen

Auf Nachhaltigkeit setzen


Von Carina Steyer / Pflanzliche Arzneimittel und Kosmetika liegen im Trend, gleichzeitig bedrohen unkontrollierte Wildsammlungen viele Heilpflanzenarten. Zertifizierte Sammelprojekte und nachhaltiger Anbau sollen helfen, die weltweiten Bestände dauerhaft zu erhalten.

 

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Nach Schätzungen des World Wide Fund for Nature (WWF) werden weltweit mehr als 50 000 Pflanzenarten für medizinische Zwecke genutzt. Allein in Deutschland werden jährlich etwa 45 000 Tonnen Heilpflanzen verar­beitet, von denen nur etwa 15 Prozent aus heimischem Anbau stammen. Die meisten Arzneipflanzen werden in ihrer natürlichen Umgebung gesammelt, weil die Kosten für die Kultivierung zu hoch sind, sich die Pflanzen nicht für den Anbau eignen oder den Wildpflanzen eine höhere Wirksamkeit nachgesagt wird. Be­sonders in einkommensschwachen Regionen stellt das Sammeln von Wildpflanzen für viele Menschen eine wichtige Einkommensquelle dar.




Im kontrollierten Anbau bleiben die Inhaltsstoffe der Pflanzen qualitativ und quantitativ annähernd konstant.

Foto: Shutterstock/­francescoriccardoiacomino



Bei der Entnahme von Wildpflanzen nehmen Sammler oft nur wenig Rücksicht auf den Erhalt der Pflanze, was dazu geführt hat, dass heute weltweit rund 15 000 Heilpflanzenarten in ihrem Bestand gefährdet sind. Um dem Aussterben der Arzneipflanzen entgegenzuwirken, entwickelten die Naturschutzorganisationen WWF, TRAFFIC (Trade Records Analysis of Flora and Fauna in Commerce) und IUCN (International Union for Conservation of Nature) gemeinsam mit dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) im Jahr 2007 den »Internationalen Standard zur nach­haltigen Wildsammlung von Heilpflanzen« (ISSC-MAP). Seit 2008 ist er Teil der Fair Wild Foundation und wurde um einen entscheidenden sozialen Aspekt­ erweitert. Neben der Sicherung der Bestände formulierten die Organisationen ein neues, aber wesentliches Ziel: die Sammler angemessen zu bezahlen und zu schulen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Menschen, die vom Sammeln leben können, ein viel stärkeres Interesse dafür entwickeln, die benötigten­ Pflanzenteile schonend zu entnehmen und die Bestände als langfristige gute Einkommensquelle zu erhalten. Der sogenannte »FairWild-Standard« stellt deshalb Regierungen, Firmen, Händlern und Sammlern konkrete Anleitungen für eine ökologische, soziale und ökonomisch verantwort­liche Sammlung von Wildpflanzen zur Verfügung. So gibt es zum Beispiel definier­te Beschreibungen zu Sammel­zeiten, Ruhephasen und Erntemethoden einzelner Pflanzen. Seit der Ein­führ­ung des Standards wird dieser laut WWF in regionalen Projekten in Lesotho, China, Indien, Nepal, Bosnien-Herze­gowina, Südafrika und Kambodscha umgesetzt. Erste zertifizierte Produkte­ sind nach Angaben von FairWild­ seit 2009 auf dem Markt, Verbraucher­ erkennen diese an dem FairWild-Logo auf der Verpackung.

Gesetzlich geregelt

Im globalen Vergleich spielt die Wildpflanzensammlung in Deutschland eine sehr kleine Rolle. Auf den Sammellisten stehen vor allem Pflanzen, die nur in kleinen Mengen für die Her­stellung von Phytopharmaka benötigt werden. Eine berufliche Spezialisierung als Wildpflanzensammler gibt es in Deutschland nicht. Gesammelt wird meist von Pflanzenliebhabern und Personen, die beruflich mit Pflanzen zu tun haben wie zum Beispiel Förster oder Gärtner sowie in organisierten Sammel­aktionen.

Das Sammeln von Wildpflanzen unter­liegt in Deutschland dem Bundesnaturschutzgesetz. Es besagt, dass Wildpflanzen in geringen Mengen für den persönlichen Bedarf entnommen werden dürfen, solange der Standort keinem Betretungsverbot unterliegt und die Art nicht als geschützt gilt. Für das gewerbsmäßige Sammeln bedarf es einer Genehmigung bei der zu­ständigen Landesbehörde für Naturschutz und Landschaftspflege. Um sie zu bekommen, muss der Sammler sicher­stellen, dass das Sammelgebiet exakt definiert ist, nicht innerhalb eines­ Naturschutzgebietes liegt und der Grundstückseigentümer der Sammelaktion zustimmt. Die Genehmigung ist in der Regel mit speziellen Schutzbestimmungen verbunden, die vorschreiben, wann, wieviel und was gesammelt werden darf, welche Erntemethoden erlaubt sind, ob Hilfsmittel wie Leitern verwendet werden dürfen oder das Gebiet mit dem Auto be­fahren werden kann. Darüber hinaus müssen Wildpflanzensammler noch spezifische Auflagen oder definierte Arbeitsanweisungen des Abnehmers sowie die Richtlinie »Good Agricultural and Collection Practice for Medicinal Plants« der WHO einhalten.

Alternativen finden

Ein wesentlicher Nachteil von Wildpflanzensammlungen ist die Qualität der Rohware­. Die quantitative Zusammensetzung der Inhaltsstoffe kann in Abhängig­keit vom Standortklima, der Bodenqualität und den Verarbeitungsverfahren erheblich schwanken. Sammel­fehler führen dazu, dass falsche­ Pflanzen in die Sammelmasse geraten. Dazu können Verunreinigungen durch Pflanzenschutzmittel, Mikro­organismen oder Schwermetalle kommen, die das Verwerfen ganzer Chargen notwendig machen können.

Eine Alternative, die nicht nur die qualitativen, sondern auch die öko­logischen Schwierigkeiten der Wildpflanzensammlung beseitigen kann, besteht im kontrollierten Anbau. Die Inhalts­stoffe angebauter Arzneipflanzen bleiben qualitativ und quantitativ weitestgehend konstant und lassen sich jederzeit reproduzieren. Die Herkunft der Pflanzen und die Produktionsbedingungen, besonders die Verwendung von Pflanzenschutz- und Düngemitteln, sind nachvollziehbar. Zudem verpflichten sich viele Anbaubetriebe, Leitlinien wie die der »Guten Agrarfachlichen Praxis (GAP)« der European Herb Growers Association (EUROPAM) und der »Guten Praxis für die Sammlung und den Anbau von Arzneipflanzen« (GACP) der Euro­päischen Arznei­mittel-Agentur einzuhalten. Sie stellt sicher, dass Saatgut, Boden­beschaffenheit, Düngung, Bewässerung, Ernte, Trocknung und Lagerung auch betriebsübergreifend einheit­lichen Kriterien folgen.

Nischensparte

In Deutschland hat die Kultivierung von Arzneipflanzen eine lange Tradi­tion. Seit den ersten Anfängen in Klostergärten werden Heilpflanzen bis heute­ systematisch angebaut. Dennoch nehmen Arznei­pflanzen im Verhältnis zur Gesamtmenge der landwirtschaftlich und gartenbaulich erzeugten Produkte nur eine kleine Nische ein. Laut der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. bauen in Deutschland derzeit rund 750 Betriebe auf etwa 12 000 Hektar rund 120 verschiedene Arzneipflanzen-arten an. Die Produktionsflächen liegen vor allem in Thüringen, Bayern, Hessen und Niedersachsen, kultiviert wird in erster Linie Kamille, gefolgt von Lein, Mariendistel, Pfefferminze, Sanddorn, Fenchel, Johanniskraut und dem Wolligen Fingerhut. Das Ziel der Bundes­regie­rung besteht darin, die Anbaufläche bis zum Jahr 2020 auf 20 000 Hektar auszuweiten. Auch auf Abnehmer­seite besteht Interesse an größeren Mengen einzelner Rohprodukte. Die meisten der derzeit vorhandenen Betriebe­ haben allerdings bereits das Maximum ihrer Produktionskapazität erreicht, und Neueinsteiger zu finden ist nicht einfach.

Aufwendig und kostenintensiv

Die Kultivierung von Arzneipflanzen ist aufwendig. Sie erfordert umfang­reiches Spezialwissen, teure technische Investitionen und häufig viel Handarbeit. Bis eine neue Arzneipflanze erfolgreich kultiviert werden kann, ver­gehen in der Regel mehrere Jahre. Wer sich an eine komplett neue Kultur wagt, sollte bei krautigen Pflanzen im Durchschnitt fünf Jahre einplanen, raten Experten. Gehölze benötigen noch wesentlich mehr Zeit, in der aus­probiert, adaptiert und umgedacht werden muss. Das Interesse an der Kultur­ und ein ausgeprägter Forschergeist stellen deshalb ebenso wichtige Voraussetzungen dar wie die Bereitschaft, über mehrere Jahre keinen Gewinn mit der Pflanze zu erwirtschaften.

Auch die Bewirtschaftung bereits etablierter Kulturen verlangt den Landwirten mitunter viel ab. So können die Bauern meist keine herkömmlichen Erntegeräte verwenden, sondern be­nötigen teure Spezialmaschinen oder technisches Geschick, um vorhandene Geräte den neuen Anforderungen anzupassen. Da Arzneipflanzen in der Regel­ getrocknet abgegeben werden müssen, sollten Trocknungsanlagen vorhanden sein, die wiederum einen großen Wärmebedarf und damit hohe Bewirtschaftungskosten haben. Nicht zuletzt gibt es für Arzneipflanzen keinen­ freien Markt, sondern direkte Abnahmeverträge, die zwar eine gewisse Sicherheit bieten, den Bauern aber wenig­ Handlungs­spielraum ­lassen. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 19/2018

 

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