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Phytopharmaka

Geprüft und für gut befunden


Von Elke Wolf / Phytopharmaka sind besondere Arzneimittel, denn diese Vielstoffgemische aus der Natur bedingen eine nicht un­erheb­liche Heterogenität in der Produktklasse. Die Unterschiede im Zulassungs­status, in der Qualität sowie in ihrer therapeutischen Effektivität machen pflanz­liche Arzneimittel sehr be­ra­tungs­intensiv. PTA und Apotheker müssen letzt­lich extraktspezifisch prüfen, ob es sich um ein evidenzbasiertes Phyto­pharmakon handelt.

 

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Es ist die Intransparenz, die den Markt von pflanzlichen Arzneimitteln nicht nur für den An­wender, sondern auch für das pharmazeutische Personal unübersichtlich macht. Für PTA und den Apotheker ist es kaum nachvollziehbar, ob Extrakt X wirklich dem Spezialextrakt Y des Original­herstellers entspricht. Selbst wenn PTA und Apotheker die Deklara­tionen auf der Packung prüfen, wie Auszugsmittel oder Droge-Extrakt-Verhält­nis, die jeweiligen quantifizierten Inhaltsstoffe, bei Ginkgo- Extrakt beispielsweise die Abreicherung von Ginkgolsäuren, und alles identisch ist, weiß der Prüfende immer noch nicht, ob es sich tatsächlich um den gleichen Extrakt handelt.




 


Die Intransparenz beruht vor allem auf der Heterogenität der auf dem Markt befindlichen pflanzlichen Arzneimittel in Europa. Und das betrifft sowohl­ die Qualität als auch den rechtlichen Status der Pflanzenprä­parate. Dabei haben sie in Deutschland einen relativ hohen Regulations­standard – allerdings nur die, die über die Apotheke vertrieben werden. Dieser Umstand wird allerdings vom Verbrau­cher nicht wahrgenommen, und er tendiert zum preisgünstigeren, allerdings auch unterdosierten Prä­parat aus dem Supermarkt.

Diese Unterschiede in der Qualität und dem Leistungsvermögen der Präparate machen es der PTA und dem Apotheker in der Beratung nicht gerade einfach. So kommt der Abgebende bei pflanzlichen Präparaten schnell in einen­ Erklärungsnotstand und ist sofort in einer Verteidigungshaltung. Der Patient fragt natürlich, warum er das Johanniskraut-Präparat in der Apotheke für so viel mehr Geld kaufen soll als im Drogeriemarkt. PTA und Apotheker müssen viele Schritte erklären, etwa dass es sich bei einem geprüften Phyto­pharmakon nicht um eine zerkleinerte Pflanze handelt, sondern um einen Extrakt, bei dem etwas angereichert wurde, um überhaupt auf die Menge der benötigten Inhaltsstoffe zu kommen. Die Beratung ist sehr zeitintensiv.

Im Unterschied zu chemisch-synthetischen Präparaten sind Phytopharmaka Arzneimittel, die als wirksame Bestandteile ausschließlich pflanzliche Drogen oder Zubereitungen daraus enthalten. Dieser Umstand macht Phyto­pharmaka zu Vielstoffgemischen.

Viele Stoffe, ein Präparat

Auch wenn nur ein Teil der Inhalts­stoffe direkt mit der Wirksamkeit des Extraktes kausal in Verbindung gebracht werden kann, können doch andere Bestandteile die Wirksamkeit beeinflussen. Beispiel Efeublätter-Trocken­extrakt: Die für die Wirkung vorrangig verantwortlichen Substanzen sind als isolierte Substanzen schlechter löslich als im Zusammenspiel mit weiteren Extraktbestandteilen.




Foto: Fotolia/Alexander Raths


Die Definition »Vielstoffgemisch« bedeutet aber auch, dass isolierte Pflanzeninhaltsstoffe und Derivate wie 1,8-Cineol, Atropin oder Digitoxin definitionsgemäß keine Phytopharmaka sind. Auch wenn die Werbung in Wort und Bild manchmal einen anderen Eindruck vermittelt.

Die Zusammensetzung der Vielstoffgemische differiert in Abhängigkeit von der Ausgangspflanze, der Droge­ und dem konkreten Her­stellungsverfahren. Die Basis für die Qualität eines Phytopharmakons ist die Qualität der Rohstoffe und der ver­wendete Teil der Arzneipflanze. In Deutschland ansässige Phytopharmaka-Hersteller verwenden meist eigenes Saatgut, eventuell in Form von Klonen, in kontrolliertem Anbau. Diese Form der Rohstoffgewinnung ist zu be­grüßen, weil das pharmazeutische Unter­nehmen somit die Qualität der Ausgangsware selbst in der Hand hat.Mit dem Lösungsmittel selektiert man, welche Bestandteile in den Extrakt gelangen. Im Folgenden ist es dann das konkrete Herstellungsverfahren, das die Qualität eines Phytopharmakons ausmacht. Streng reproduzierbare Bedingungen und die Standardisierung eines patentierten Spezialverfahrens gewährleisten dabei die gleichbleibend hohe Qualität eines Spezialextrakts. Erst durch eine kontrollierte und standardisierte Prozessführung wird das Arzneimittel konkretisiert. Deshalb heißt es bei Phytopharmaka: »Der Prozess bestimmt das Produkt«. Dadurch entsteht ein Extrakt, der innerhalb vordefinierter Grenzen reproduzierbar ist.

Den bestimmten Extrakt einer Arzneipflanze gibt es nicht. Der Extrakt und nicht die Droge ist der Wirkstoff. Deshalb ist es bedauerlich, dass Phytopharmaka oft über die Arzneipflanze und nicht bewusst als Fertigarznei­mittel wahrgenommen werden. Im Grunde verkennt die Reduzierung des Phytopharmakons auf die Arzneidroge das Potenzial guter, über viele Prozessparameter spezifizierte Fertig­arzneimittel. Ein Spezialextrakt ist einmalig in seiner Zusammensetzung, er ist ein Unikat.




Vom Saatgut bis zum fertigen Arzneimittel ist es ein langer Weg: Die Arzneipflanze beziehungsweise die Droge unterliegt dabei vielen Einflussfaktoren. Streng reproduzierbare Bedingungen und die Standardisierung eines patentierten Spezialverfahrens gewährleisten dabei die gleichbleibend hohe Qualität eines Spezialextrakts.

Fotos: (von links) Shutterstock/kurhan. picture alliance/Arno Burg, Fotolia/M. Schuppich, Dr. Willmar Schwabe, Fotolia/grthirteen



Generika ausgeschlossen

So sind zwei pflanzliche Arzneimittel – selbst wenn sie die gleichen Ausgangspflanzen enthalten und in der gleichen Darreichungsform vorliegen – nicht einfach gegeneinander austauschbar. Die Vielzahl an Einfluss­faktoren wie eine andere Kultivierung der Pflanzen und Behandlung nach der Ernte­ sowie Abweichungen im Herstellungsprozess machen es unmöglich, pflanzliche Arzneimittel zu kopieren. Generika in dem Sinn gibt es unter den Phytopharmaka nicht.

Dies bedeutet auch: Pharmako­logische Untersuchungen und Studienergebnisse zu Wirksamkeit und Verträglichkeit sind extraktspezifisch und lassen sich nicht auf andere Extrakte oder gar auf die Arzneipflanze an sich übertragen. In diesem Zusammenhang spricht man oft von einem »rationalen Phytopharmakon« oder auch von einem­ »evidenzbasierten pflanzlichen Arzneimittel«. Der Begriff »evidenz­basiert« grenzt von der tradierten Anwendung­ der Heilpflanzen, also von der Volks­medizin ab und orientiert sich an einer belegorientierten Anwendung.

Zulassen und registrieren

Heilpflanzen sind nicht nur Bestandteil hochwertiger Extrakte, sondern auch der unterschiedlichsten Zubereitungen wie Tees oder Nahrungsergänzungsmittel. Die einzelnen Produktklassen unterscheiden sich in ihrer pharmazeutischen Qualität und der Anwendung zum Teil erheblich. Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der europäischen Arzneimittelbehörde EMA versucht, der Unübersichtlichkeit Rechnung zu tragen und schlägt mit der Einteilung von Pflanzendrogen und da­raus resultierenden Extrakten in verschiedene Kategorien eine Schneise für gut geprüfte Phytopharmaka. Denn nur die Formulierung als Fertigarzneimittel gewährleistet eine gewisse Konsistenz.




Die Herstellung des Ginkgo-Spezial­extrakts EGb 761 erfordert mehr als 20 Produktions­schritte. Hier reichern sich die Inhaltsstoffe in der organischen Phase an.

Foto: Dr. Willmar Schwabe


Aus regulatorischer Sicht beinhalten die HMPC-Monographien (HMPC: Committee on Herbal Medicinal Products) dieses EMA-Ausschusses den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand. Die nationalen Behörden der EU-Mitgliedsstaaten sollen sie bei der Bewertung von Anträgen auf Zulassung (well-established use) beziehungsweise Registrierung (traditional use) von pflanzlichen Arzneimitteln zugrunde legen. Die Monographien sind nicht unmittelbar bindend, werden aber rechtlich als Empfehlung angesehen.

Heute werden Phytopharmaka entweder (selten) auf Basis eines sogenannten Vollantrags mit vollständiger Dokumentation der präklinischen und klinischen sowie präparatespezifisch durchgeführten Untersuchungen oder (häufiger) auf Basis ihrer allgemein anerkannten medizinischen Verwendung (well-established medicinal use) zugelassen. Bei Letzterem muss der Antragsteller keine eigenen präklinischen und klinischen Daten vorlegen, wenn er nachweisen kann, dass der Wirkstoff (also der Extrakt) des Arzneimittels seit mindestens zehn Jahren allgemein medizinisch verwendet wurde, sich die Wirksamkeit aus Publikationen belegen lässt und ein annehmbarer Grad der Sicherheit vorliegt. Aus Sicht des HMPC ist für die Zuordnung zu dieser Kategorie mindestens eine gute klinische Studie erforderlich.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, Phytopharmaka als »traditionelle pflanzliche Arzneimittel« mit Indikationen für relativ geringfügige Gesundheitsstörungen (traditional use) regis­trieren zu lassen, wenn der Wirksamkeitsbeleg nicht ausreichend erbracht werden kann, die Arzneimittel aber eine auf 30-jähriger Anwendung und Erfahrung beruhende plausible Wirksamkeit, eine ausreichende pharmazeutische Qualität und eine belegte Unbedenklichkeit nachweisen können.




Aus einer Pflanzendroge entsteht ein Extrakt.

Foto: Dr. Willmar Schwabe


Hierbei gilt es für das pharmazeutische Personal zu bedenken: Es gibt auch traditionelle Präparate, die auf der Basis tradierten Wissens nach dem ehemaligen § 109a Arzneimittelgesetz regis­triert wurden, die aber hinsichtlich der wissenschaftlich begründeten Indikation von Gesetzes wegen deutlich unterdosiert sind. Man könnte also deshalb behaupten, dass sämtliche Zubereitungen, die im Drogeriemarkt erhältlich sind, per Gesetz unterdosiert sind. Mit dieser Unterdosierung will man von Gesetzes wegen regeln, dass keine starke pharmakologische Wirkung zustande kommen kann. Was es PTA und Apotheker zusätzlich erschwert, geeignete Phytopharmaka auszuwählen, ist das Fehlen von Handelsnamen in Leitlinien. Bislang dürfen in deutschsprachigen Leitlinien nur Wirkstoffe und keine konkreten Präparate aufgenommen werden. Zumindest die Angabe des Extraktnamens, für den valide Studien vorliegen, wäre wünschenswert. Schließlich werden klinische Studien extraktspezifisch durchgeführt. Bislang ist das jedoch nur selten der Fall, etwa in der aktuellen S3-Leitlinie zu Demenzen und in der S3-Leitlinie zu Reizdarmsyndrom. Sie nennen den Ginkgo-Spezialextrakt EGb 761® beziehungsweise die fixe Neuner-Pflanzenkombination STW-5®. /


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Beitrag erschienen in Ausgabe 19/2018

 

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