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Heilpädagogisches Reiten

Kur für Rücken und Seele


Von Narimaan Nikbakht / Die Gesundheit auf Trab bringen lohnt sich: Reiten kann Krankengymnastik- und Psychotherapie ­ersetzen. Immer mehr Höfe bieten therapeutisches Reiten an. ­Unsere Autorin hat probehalber aufgesattelt.

 

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Eine Delfin-Therapie in Florida wäre sicher auch gut für Körper und Seele. Doch meine Reise geht heute nur bis Hamburg-Öjendorf – zum »Centrum für Therapeutisches Reiten« von Heidi Eichhorn-Wallert.




Foto: Shutterstock/Fotokostic



Es ist Sonntagnachmittag: Ein Ambiente wie beim »Pferdeflüsterer«. Doch statt Robert Redford kommt mir eine resolute Frau mit sportlich-kurzen grauen Haaren entgegen: Heidi Eichhorn-Wallert, meine Reitpädagogin. Nach einer behutsamen Einführung über das pädagogische Reiten ächze ich mich eine Stunde später auf dem Rücken des Haflinger-Pferdes Hansi hi­nauf. Anderthalb Meter können ganz schön hoch sein! Nur gut festhalten. Heidi Eichhorn-Wallert steht in der Mitte des Reitplatzes und führt uns nun an einem Acht-Meter-Seil ruhig im Kreis herum. Mit jedem Schritt rutsche ich vor und zurück. Einen Sattel gibt es nicht, um das Tier besser zu spüren. Ich fühle neben dem Pferd meine Unsicherheit: Ich bin noch nie geritten, aber seit mich in Kindertagen mal ein Pferd gebissen hat, verfolgt mich eine gewisse Angst vor den Tieren. Eine große Herausforderung, die es zu meistern gilt.

Mein Pferd, mein Therapeut

Das Wissen, dass sich therapeutisches Reiten positiv sowohl auf den Körper (siehe Kasten) als auch auf die Seele auswirkt und besonders labilen Menschen helfen kann, wird zunehmend von Pädagogen, Medizinern und Psychologen genutzt. Manche Menschen lernen erst mithilfe der Tiere, Körperkontakt zu erleben und Vertrauen zu entwickeln. Denn Pferde bewerten Menschen nicht nach Äußerlichkeiten, Status oder Biografie, sondern nehmen jeden so an, wie er ist. Das tut gut. Das stärkt. Zudem reflektieren Pferde die Gefühle ihrer Reiter, ihre Angst, Ungeduld oder Unruhe. Dadurch werden sie auf subtile Weise zum Spiegel – wenn sie zum Beispiel auf rücksichtsvolle Annäherung des Reiters freundlich reagieren, bei hektischem Verhalten aber zurückweichen.


Darum ist Reiten gesund

  • …hilft beim Abnehmen. Das fanden Forscher der A&M University in Texas/USA heraus, als sie den Energieverbrauch von Menschen bei intensivem Reiten untersuchten. Das Ergebnis: Ein Pferd stramm 45 Minuten lang in Schritt, Trab und Galopp zu reiten, kann bis zu 200 kcal verbrennen.
  • …schont die Gelenke. Es ist eine gute Alternative für Menschen, die keine andere Ausdauer-Sportart wie Jogging betreiben können. Grund: Manche haben für längere Jogging-Distanzen zu schwache Gelenke, aber sie können durchaus eineinhalb Stunden reiten.
  • …belebt das Gehirn. Es fördert die Koordination, denn ein Reiter muss schnell auf unvorhersehbare Bewegungen des Pferdes reagieren – etwa wenn es buckelt. Allein der Grundsitz verlangt schon, dass sich der Reiter mit Rhythmusgefühl und Gleichgewichtssinn den Bewegungen seines Pferdes anpasst und dazu Arme, Hände, Oberkörper und Beine unabhängig voneinander einsetzt. Das stellt höchste Ansprüche an das zentrale Nervensystem
  • …strafft den Körper: Es gibt außer Reiten kaum eine Sportart, die den Körper zu fast 100 Prozent in Anspruch nimmt. Reiten ist ein Ganzkörpersport. Zum Vergleich: Beim Joggen wird nur ein Achtel der Muskeln beansprucht. Obwohl nach den ersten Reitstunden viele Menschen zunächst einmal Muskelkater in den Oberschenkeln und im Gesäß verspüren, ist die am häufigsten in Einsatz gebrachte Muskelpartie der Bauch. Der Bauch sorgt für eine aufrechte Haltung auf dem Pferd, und nur durch die Anspannung der Bauchmuskeln ist der tiefe Sitz auf dem Pferderücken möglich. Reiten führt zu einem straffen Bauch, durchtrainierten Waden und Oberschenkeln sowie einem knackigen Po.


Reitpädagogin Heidi Eichhorn-­Wallert bietet therapeutische Reitkurse für Kinder und Erwachsene an. »Da sind Frauen dabei, die einfach Hemmungen abbauen wollen, nicht nur gegenüber dem Pferd, sondern ganz allgemein. Und die sagen nach einigen Wochen, dass sie mehr Durchsetzungsvermögen, Elan und Kraft haben. Zumindest macht es dich stolz, wenn du merkst: Ich kann das Pferd führen. Da hören 600 Kilo auf mein Wort«, erklärt sie.

Jede Reitstunde beginnt mit Striegeln und Aufzäumen. So werden anfängliche Ängste ab- und Vertrauen und Verantwortung aufgebaut. »Wenn dich das Pferd auf dem Boden akzeptiert, wird es das mit hoher Wahrscheinlichkeit auch, wenn du auf seinem Rücken sitzt«, sagt Heidi Eichhorn-Wallert. Kurz darauf kommentiert sie mein Verhalten: »Du näherst dich dem Pferd und den Dingen des Lebens eher langsam, oder?« Nun ja, wo sie recht hat, hat sie recht.

Die Ruhe selbst

Für therapeutisches Reiten eingesetzte Pferde sind speziell ausgebildet und ruhen ganz besonders in sich. Ein solches Pferd wird zum Medium. Es hilft dem Therapeuten, dem Klienten bestimmte Verhaltensweisen zu verdeutlichen. Beim Auskratzen der Hufe bekomme ich etwa zu hören: »Ja, das braucht Mut: Du musst ordentlich zupacken! Mehr Durchsetzungskraft! Das hilft auch im Alltag!»Reitpädagogin Wallert zwinkert mir dabei zu. Alles gar nicht so einfach, aber höchst spannend.

Seit einigen Jahren ist heilpädagogisches Reiten eine vielversprechende Methode für verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche, zum Beispiel bei Autismus. Es hilft aber auch Menschen mit Beziehungsproblemen, Aggressionen oder motorischen Störungen. Zudem löst das passive »Bewegt werden« auf dem Pferd Verspannungen.




Unsere Autorin Narimaan Nikbakht nach der Trainings­­einheit: »Ich fühle mich entspannt und gelöst wie nach ­einer Massage.«

Foto: privat


Forschung bestätigt Erfolg

Die positive Heilwirkung der Reittherapie wird durch wissenschaftliche Forschung bestätigt. Dr. Ruth Hamsen vom Fachbereich Rehabilitationswissenschaften der Universität Dortmund untersuchte die Wirkung von Reiten auf Kinder, die unter einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden.

Das Ergebnis: Die kleinen Patienten zeigten weniger motorische Unruhe und waren mit mehr Konzentration bei der Sache. Und auch ich muss mich stark konzentrieren – beim Voltigieren, einer Art Zirkusturnen auf dem Pferderücken. Durch die Übungen komme ich Hansi auf natürliche Art näher und verstehe, warum junge Mädchen ihre erste Liebe eher einem Pferd als einem Jungen schenken.

»Trab?«, fragt Heidi Eichborn‑­Wallert. Okay, meinetwegen. Hansi schüttelt die Mähne, dann fällt er in den Rüttelgang. Ein herrliches Gefühl! Langsam komme ich ins Schwitzen. »Hebe mal ein Bein über seinen Hals und gehe in den Damensitz«, ruft mir meine Reitpädagogin zu. »Hepp! Etwas wackelig – klappt aber und ich fühle mich wie Sissi – zu ihren besten Zeiten, versteht sich! Bei so schnellen Erfolgserlebnissen bekommt mein Selbstvertrauen einen Schub.

Wärme und Geborgenheit

Es folgen weitere Übungen, wie bäuchlings auf dem Pferd liegen, was mir die Möglichkeit bietet, »frühkindliche Bedürfnisse nachzuholen«, so die Reitpädagogin. »Denn Hansi ist durch seine Statur in der Lage, dir ein Gefühl des Getragenwerdens zu vermitteln.« Zugleich spüre ich die Wärme seines Fells, was mir richtig viel Geborgenheit schenkt. Um mein Körpergefühl zu stärken, soll ich mich beispielsweise einmal um die eigene Achse auf dem Pferderücken drehen oder mit geschlossenen Augen reiten.

Kommandos zu geben, fällt mir schwer, was mich zum frustrierten Ausspruch »Führen ist wohl nicht mein Ding!« veranlasst. Heidi Eichborn-Wallert fragt mich daraufhin, ob ich bei ersten Begegnungen immer perfekt sein wolle, und wir müssen lachen. Mein Fazit: Pferdeangst ade! Ich fühle mich nach der Reitstunde entspannt und gelöst wie nach einer Massage. Und der kleine Muskelkater am nächsten Tag zeigt mir, dass ich auch körperlich etwas für mich getan habe.

Info: Ich habe das Centrum für Therapeutisches Reiten in Hamburg besucht: www.rc-heidiwallert.de. Auf der Homepage des Kuratoriums für therapeutisches Reiten finden Interessierte Infos zum Heilpädagogischen Voltigieren/Reiten sowie eine bundesweite Suchfunktion für Reit-Therapeuten und Einrichtungen: www.dkthr.de. Kosten: Einzelstunde (45 Minuten): 40 bis 60 Euro, Zweiertherapie circa 30 Euro. Bei ärztlicher Verordnung übernehmen manchmal die Krankenkassen anteilig die Kosten. /


Auswirkungen auf den Rücken

Immer wieder kursieren Gerüchte, dass Reiten den Rücken schädigt. Sportwissenschaftler und Physiotherapeuten verneinen dies aber. Verantwortlich für Rückenbeschwerden seien häufig falsche Bewegungen, die man ausübt. Grundsätzlich aber hilft Reiten, die Muskeln zu stärken. Es kann den Rücken sogar therapieren, und ­Beschwerden bessern – aber man kann mit einer Fehlhaltung im Sattel dem Rücken auch schaden. Mit der richtigen Reithaltung im Sattel ist Reiten also durchaus ein Sport für den Rücken.



Beitrag erschienen in Ausgabe 20/2018

 

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