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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Skoliose

Wirbelsäule unter Spannung


Von Carina Steyer / Krummer Rücken und schiefe Schultern: Eine Skoliose kann man oft auf den ersten Blick erkennen. Die konsequente Behandlung im Kindes- und Jugendalter hilft, Beschwerden im Alter vorzubeugen.

 

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Etwa 3 bis 5 Prozent der Bevölkerung in Deutschland haben eine Skoliose, eine dreidimensional verformte Wirbel­säule. Dreidimensional bedeutet, dass die Wirbelsäule nicht nur nach links oder rechts verkrümmt ist, sondern zusätzlich die Wirbelkörper verdreht sind. Die Richtung der Wirbel­drehung wird dabei von der Krümmung der Wirbelsäule bestimmt. So drehen sich die Wirbel­ immer zu der nach ­außen gewölbten Seite der Krümmung hin und weg von der nach innen gewölbten Seite­. Das bedeutet beispielsweise, dass im Brustbereich auch die angrenzende Rippe mit gedreht wird.




Bei der Skoliose ist die Wirbel­säule in sich verdreht.

Foto: iStock/champja


Das Krankheitsbild der Skoliose ist kein neues Phänomen, sondern seit den frühen Anfängen der Menschheitsgeschichte verbreitet. Schon prähistorische Skelettfunde zeigen typische Symptome, und bereits Hippokrates hat in der Antike versucht, mithilfe ­verschiedener Apparaturen die Ver­drehung zu korrigieren. In der Kinder­orthopädie zählt die Skoliose heute zu den häufigsten Krankheitsbildern, aber auch bei Erwachsenen kommt sie recht häufig vor.

Bei mehr als 80 Prozent der Skoliosen ist die Ursache unbekannt. Mediziner sprechen von einer idiopathischen Skoliose, die in Abhängigkeit vom ­Erkrankungsalter in vier Formen unterteilt wird: die infantile Skoliose, die ab der Geburt bis zum dritten Lebensjahr auftritt, die juvenile Skoliose vom vierten bis zum zehnten Lebensjahr, die adoleszente Skoliose nach dem elften Lebensjahr bis zum Abschluss des Wachstums und die adulte beziehungsweise Erwachsenenskoliose ab 18 Jahren.

Bei Mädchen häufiger

Mit Abstand am häufigsten kommt die adoleszente Skoliose vor. Mädchen sind viermal häufiger betroffen als Jungen. Wissenschaftler vermuten, dass hormonelle Veränderungen im weiblichen Organismus während der Pubertät eine Rolle bei der Entstehung der Krankheit spielen könnten. Dazu kommt eine genetische Komponente. Im Kindesalter, bis etwa sechs Jahre, sind allerdings Jungen häufiger von einer Skoliose betroffen. Anders als bei den später erkrankten Mädchen kann es bei ihnen, ohne therapeutische Maßnahmen, zu einem spontanen Rückgang der Verformung kommen. Die Ursache einer adulten Skoliose ist besonders im fortgeschrittenen Alter kaum mehr ausmachbar. Möglich ist, dass es sich um eine fortbestehende adoleszente Skoliose handelt, es kommen aber auch degenerative Veränderungen infrage.

Nur etwa 20 Prozent der Skoliosen sind sekundäre Skoliosen, bei denen das Krankheitsgeschehen auf eine spezifische Ursache zurückgeführt werden kann. Die Auslöser sind vielfältig, etwa Störungen in der embryonalen Wirbelentwicklung, neurologische oder muskuläre Erkrankungen, zum Beispiel ­Zerebralparese, oder Muskeldystrophie, Kollagenstörungen oder Unfälle.

Je stärker eine Skoliose ausgeprägt ist, umso auffälliger sind ihre körper­lichen Symptome. Dazu gehören die Ausbildung eines Rippenbuckels oder eines Lendenwulstes, eine Asymmetrie der Taillendreiecke und ein Schulterschiefstand. Besonders bei der adoleszenten Skoliose können die Symp­tome nach einem Wachstumsschub, der die Krümmung oft verstärkt, ­besonders deutlich hervortreten. Schmerzen verursacht die Skoliose bei Kindern und Jugendlichen übrigens nur selten. Bei Erwachsenen kommt es aber häufig zu Rücken- und Nackenschmerzen, Muskel­verkürzungen und bei stark ausgeprägten Skoliosen zu Einschränkungen bei der Atmung.

Für den Arzt sind die sichtbaren Auffälligkeiten wegweisend für die Diagnose. Während der Untersuchung werden Kopfhaltung, Höhe der Schulterblätter, Stand der Schultern, Taillendreiecke, Stellung des Beckens und die Beinlänge überprüft. Beugt sich der Patient mit gestreckten Beinen nach vorne, werden auch ein Rippenbuckel oder eine Lendenwulst deutlich sichtbar. Um die tatsächliche Krümmung der Wirbelsäule sehen und vermessen zu können, werden in der Regel Röntgenbilder aufgenommen. Auf diesen kann der Arzt die Haupt- und Nebenkrümmung der Wirbelsäule und den Grad der Abweichung genau bestimmen. Ein Röntgenbild der Handwurzelknochen oder der Beckenkammapophyse kann Aufschluss über den Verknöcherungsstatus geben. Es erlaubt dem Arzt außerdem, das zu erwartende Restwachstum des Patienten einzuschätzen.

Fortschreiten verhindern

Ziel jeder Behandlung ist es, das Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern oder zumindest zu ver­zögern. Zur Verfügung stehen dafür Physiotherapie, Orthesenbehandlung oder operative Maßnahmen. Welche Behandlung die richtige für den jeweiligen Patienten ist, hängt neben dem Ausmaß der Krümmung auch von der Prognose ab. Diese ergibt sich aus dem Alter und dem noch zu erwartenden Wachstum des Patienten, seinem Geschlecht, der Form und Art der Krümmung und der Rotation der Wirbel.

Für die häufige adoleszente Skoliose gilt: Je jünger der Patient und je stärker das zu erwartende Restwachstum, umso größer ist die Gefahr einer Verschlechterung der Krankheit. Während bei einer leichten Verdrehung in der ­Regel physiotherapeutische Übungen helfen, ein Fortschreiten zu verhindern, wird ab einer Abweichung von 30 Grad zusätzlich das Tragen eines Korsetts empfohlen. Auch bei einer Verschlechterung um mehr als 5 Grad seit der ­letzten Kontrolle wird eine Orthesentherapie eingeleitet. Dazu kommen ­regelmäßige orthopädische Kontrollen im Abstand von vier bis sechs Monaten.




Im Röntgen­bild ist die Wirbelsäulen­krümmung gut zu erkennen.

Foto: Shutterstock/ChooChin


Sowohl die Physiotherapie als auch die Orthesenbehandlung erfordern die Therapietreue und Mitarbeit des Pa­tienten. Gerade in der Pubertät haben viele Jugendliche nur wenig Lust, ­Physiotherapie-Termine wahrzunehmen. Oft fühlen sie sich zudem durch das Korsett, das 23 Stunden täglich ­getragen werden sollte, eingeschränkt, nicht nur körperlich. Verständnisvolle Unterstützung durch die behandelnden Ärzte und die Eltern ist nun wichtig, um die Therapie bis zum Ende des Wachstums durchzuhalten.

Die operative Korrektur, bei der die betroffenen Wirbelsäulenabschnitte begradigt werden, indem einzelne ­Wirbel stabil miteinander verbunden werden, ist schweren Fällen vorbehalten. Ein großer Nachteil ist, dass in den behandelten Bereichen kein Wachstum mehr möglich ist. Bei jungen Patienten versuchen die Ärzte deshalb, die Operation mithilfe von Physiotherapie und Orthesenbehandlung möglichst bis zum Ende des Wachstums hinauszuzögern. Gelingt dies nicht, etwa weil sich die Skoliose stark verschlechtert oder schwere respiratorische Einschränkungen auftreten, können sogenannte ­dynamische Systeme eine Alternative sein. Dabei wird in einer ersten Operation eine Art internes Korsett aus Stäben, Haken und Schrauben implantiert, das die Wirbelsäule lenkt. Um ein Weiterwachsen zu ermöglichen, müssen die Stäbe allerdings alle sechs Monate verlängert werden, das heißt, jedes ­halbe Jahr ist ein operativer Eingriff notwendig. Erst nach Ende des Wachstums werden auch bei diesen Patienten ­betroffene Wirbel versteift und damit eine erneute Verformung verhindert.

Für die Behandlung der infantilen und juvenilen Skoliose gibt es aufgrund ihrer Seltenheit keine gängigen Em­pfehlungen. Hier müssen die behandelnden Ärzte von Fall zu Fall individuell über das richtige Vorgehen beraten.

Beschwerden lindern

Während die Therapie im Wachstums­alter darauf ausgerichtet ist, die ­Erkrankung zu stabilisieren, steht bei der adulten Skoliose die Linderung von Symptomen im Vordergrund. Symptomlose Skoliosen werden im Erwachsenenalter nicht mehr therapiert. Zur Verfügung stehen wie bei den jungen Patienten physiotherapeutische Maßnahmen und Orthesen, aber auch eine medikamentöse Schmerzlinderung und Injektionen. Die Indikation zur Operation wurde bei älteren Patienten aufgrund der häufigen Mehrfach­erkrankungen und dem hohen Komplikationsrisiko lange Zeit nur zurückhaltend gestellt. Inzwischen erlauben moderne Operationstechniken jedoch auch bei ihnen immer häufiger ein operatives Vorgehen und ermöglichen Patienten, bei denen andere ­Methoden versagen, eine höhere Lebensqualität. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 20/2018

 

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