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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

FODMAP-Diät

Nur mit Vorbehalt zu empfehlen


Von Ulrike Becker / Der Begriff FODMAP taucht immer häufiger in Buchtiteln oder im Internet auf. Dahinter verbirgt sich eine spezielle Gruppe an Kohlenhydraten, die bei empfindlichen Menschen Beschwerden auslösen kann – aber nicht muss. Niemand sollte FODMAPs ohne fachliche Anleitung vom Speiseplan streichen.

 

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Die Abkürzung FODMAP steht für fermentable Oligo, Di- and Monosaccharides and Polyols – übersetzt bedeutet das fermentierbare (also von Darmbakterien ab­baubare) Mehrfach-, Zweifach- und Einfachzucker sowie Zuckeralkohole. Einige Menschen mit empfindlichem Magen-Darm-System oder mit einem Reizdarmsyndrom haben nach dem Verzehr dieser speziellen Kohlen­hydrate offenbar Beschwerden wie Blähungen­, Bauchschmerzen, Völle­gefühl und veränderten Stuhlgang. Manche Ärzte raten ihren Patienten daher zu einer FODMAP-armen Kost. Es gibt aber auch Ernährungsexperten, die diese Empfehlung kritisch sehen.




Illustration: Shutterstock/Paper Teo/OLEG525/mything


FODMAPs kommen natürlicher­weise in zahlreichen Lebensmitteln vor. Mehrfachzucker (Oligosaccharide) wie Fruktane – zum Beispiel Inulin – und Galaktooligosaccharide sind die natürlichen Kohlenhydratspeicher einiger pflanzlicher Lebensmittel. Dazu zählen Hülsenfrüchte, Lauch und Zwiebeln ebenso wie Weizen, Roggen und Gerste­. Weizen gilt dabei als Hauptquelle für die Aufnahme von Fruk­tanen. Zweifachzucker (Disaccharide) werden in der täglichen Ernährung hauptsächlich in Form von Milchzucker (Laktose) über Milch und Milchprodukte aufgenommen. Der Einfachzucker Fruktose kommt natürlicherweise in Früchten und Honig vor und findet sich als Zusatz vor allem in gesüßten Getränken­ und verarbeiteten Lebensmitteln. Zu den Zuckeralkoholen (Polyolen) zählen Sorbit, Mannit, Maltit, Xylit­ und Isomalt, die häufig als Zuckerersatzstoffe in zuckerfreien Kau­gummis oder »Light«-Produkten Verwendung finden. Sorbit ist aber auch von Natur aus beispielsweise in Pfir­sichen oder Aprikosen enthalten.

Gemeinsam ist dieser heterogenen Gruppe von Kohlenhydraten, dass sie für den Organismus in Abhängigkeit der aufgenommenen Menge nur schwer- bis unverdaulich sind. Denn der menschliche Organismus kann lediglich­ Monosaccharide resorbieren. Daher werden Kohlenhydrate nach Möglichkeit im oberen Dünndarm in einzelne Zuckerbausteine aufge­spal­ten, die dann über die Darmschleimhaut ins Blut gelangen. Bei unzu­reichender enzymatischer Aus­stattung oder zu großen Mengen gelangen die FODMAPs nahezu unverändert in den Dickdarm. Dort werden sie von Darmbakterien abgebaut (fermentiert). Es entstehen unter anderem kurzkettige Fettsäuren, aber auch Gase wie Kohlen­dioxid, Wasserstoff und Methan. Größere­ Mengen FODMAP-reicher Lebens­mittel können aus diesem Grund bei einem empfindlichen Darm Beschwerden hervorrufen. Nicht re­sorbierbare Kohlenhydrate zeigen zudem eine osmotische Wirkung. Das heißt, sie bewirken einen vermehrten Wassereinstrom in den Darm und können­ damit Durchfall auslösen.

Für Gesunde kein Problem

Für die meisten Menschen ist die Aufnahme­ von FODMAPs un­prob­lematisch. Eine Ausnahme stellt Fruk­to­se dar. Eine übermäßige Zufuhr überfordert­ auch bei Gesunden das Transportsystem im Darm, und so rea­gieren 30 bis 60 Prozent der Bevölkerung auf große Mengen Fruktose mit Blähungen, Völlegefühl und weichem Stuhl. Die Aufnahmekapazität ist bei den meisten bereits durch zwei Gläser (550 ml) Apfelsaft erschöpft oder durch den reichlichen Verzehr von Trockenobst, Früchtemüsli, Fertiggebäck oder süßen Erfrischungsgetränken. Für Polyole wie Sorbit ist die Aufnahmefähigkeit des Darms ebenfalls begrenzt, so dass Mengen von zehn Gramm bei 60 bis 70 Prozent der Menschen zu Problemen führen. Zu viele Light-Getränke oder zuckerfreie Kaugummis können so für Beschwerden sorgen.




Milch enthält reichlich FODMAPs.

Foto: Shutterstock/ Vitalii Krokhmaliuk


Die übrigen zu den FODMAPs zählen­den Kohlenhydrate sind in Lebens­mitteln wie Milch- und Getreideprodukten sowie Hülsenfrüchten enthalten. Diese Lebensmittel liefern wertvolle Vitamine, Mineralstoffe, Ballast­stoffe und sekundäre Pflanzenstoffe und sollten deswegen regel­mäßig auf einem ausgewogenen Speise­plan stehen. Die speziellen Kohlen­hydratanteile dienen den Darmbakterien als Nahrung und sind damit für den Erhalt eines gesunden und vielfältigen Mikrobioms (Darmflora) unver­zichtbar. Aus diesen Gründen sollten FODMAP-haltige Lebensmittel nicht ohne triftigen Grund reduziert werden.

Im Internet und auf dem Büchermarkt gewinnt man jedoch den Eindruck, dass eine FODMAP-Diät – das meint eine FODMAP-arme Diät – für alle von Vorteil ist, die unspezifische Darmbeschwerden beobachten und sich selbst behandeln wollen. Vermutlich gehen zudem einige davon aus, dass sie mit dieser Diät auch Gewicht reduzieren können. Eine Suchmaschine im Internet listet unter dem Stichwort FODMAP-Diät 91000 deutschspra­chige Treffer auf, und auf dem Büchermarkt sind in den letzten beiden Jahren knapp 20 Ratgeber zu diesem Thema erschienen. Neben zahlreichen Internet-Blogs mit persönlichen Erfahrungen kursieren im Netz viele unterschiedliche Listen, welche Lebensmittel nun viele und welche wenige FODMAPs enthalten. Diese sind jedoch teilweise von Laien publiziert und liefern widersprüchliche Angaben.

Sinnvoll bei Reizdarm?

Begonnen hat das Interesse an den FODMAPs in Australien. Wissenschaftler von der Monash University in Melbourne­ beobachteten bereits Ende der 1990er Jahre, dass eine Kost, die reichlich FODMAPs enthält, bei Reizdarmpatienten Beschwerden auslösen kann. Sie entwickelten eine spezielle FODMAP-arme Diät, unter der sich die Symptome der Betroffenen ver­rin­gerten. Inzwischen berichten ver­schiedene Autoren von positiven Effekten­ bei Menschen mit unklaren, wieder­kehrenden Magen-Darm-Beschwerden. So schreibt Professor Stephan­ C. Bischoff von der Universität Hohenheim in einer Veröffentlichung von 2015, dass nach derzeitiger Studien­lage 70 Prozent der Reizdarmpatienten von einer sogenannten Low-FODMAP-Diät profitierten und deutlicher weniger unter Bauchschmerzen, plötz­lichem Stuhldrang, veränderter Stuhlbeschaffenheit oder Blähungen litten.


Was bedeutet Reizdarm?

Wiederkehrende Darmbeschwerden, für die sich keine organische Ursache finden lässt, werden als Reizdarmsyndrom bezeichnet. Als Ursache diskutieren Wissenschaftler unter anderem eine erhöhte Empfindlichkeit des Magen-Darm-Trakts – ein eindeutiger Auslöser ist bis heute nicht bekannt. Wie viele Menschen in Deutschland an Reizdarm leiden, lässt sich nur schwer beziffern. Die offizielle S3-Leitlinie zum Reizdarmsyndrom befindet sich in Überarbeitung und geht in der Fassung von 2011 von geschätzten zehn Prozent der Bevölkerung aus, allerdings mit einer­ großen Streubreite. Frauen sind häufiger betroffen als Männer­. Der Verein »Deutsche Reizdarmselbsthilfe« vermutet, dass fast ein Viertel der Erwach­senen an unspezifischen Ver­dauungsstörungen leidet.


Eine aktuelle Meta-Analyse von Wissenschaftlern der Kliniken Essen-Mitte kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass die Beschwerden von Reizdarm­patienten zumindest kurzfristig zurückgehen. Auch eine ungarische Meta­-Studie aus dem letzten Jahr bestätigt, dass bei Patienten mit Reizdarmsyndrom eine FODMAP-arme Diät deutliche Besserungen brachte und bisherigen Empfehlungen für Reizdarmpatienten überlegen war. Die Forscher­ halten aber weitere gut kon­trollierte Studien für erforderlich, um den Zusammenhang zwischen der Verbesserung einzelner Symptome und der Wirkung einer FODMAP-Diät genauer zu ermitteln. Denn warum die Reduzierung der FODMAPs die Beschwerden bei bestimmten Personen verbessert, ist noch nicht abschließend geklärt.

Nicht nur bei einem Reizdarm­syndrom, sondern auch bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa wurde in Einzelfallstudien über positive Effekte einer verringerten Aufnahme von FODMAPs berichtet. In einer ameri­kanischen Studie aus 2017 mit ins­gesamt 72 Patienten beobachteten Wissenschaftler, dass sich Bauchschmerzen, Durchfall und Blähungen bei der Hälfte der Betroffenen besserten. Sie vermuten, dass Menschen mit entzündlichen Darmerkrankungen von der Diät profitieren könnten. Allerdings seien aufgrund der geringen Studienanzahl derzeit noch keine allgemeingültigen Empfehlungen möglich.

Drei-Phasen-Diät

Die Low-FODMAP-Diät sollte nur nach einer ausführlichen Anamnese und Abklär­ung weiterer medizinischer Befunde durchgeführt werden. Das Konzept­ besteht aus drei Diätphasen: Während der ersten Phase, die zwischen­ zwei und acht Wochen dauert, werden alle Lebensmittel vom Speisezettel gestrichen, die reich an FODMAPs sind. Diese Phase wird auch als Eliminationsphase bezeichnet. Die Lebensmittelauswahl ist dadurch erheblich eingeschränkt. Denn verbannt werden Brot, Milch, Obst und anderes mehr. Diese restriktive Zeit sollte auf maximal acht Wochen begrenzt sein. Vorab ist unbedingt abzuklären, ob eine Laktose- oder Fruktoseun­ver­träglichkeit vorliegt. Gegebenenfalls reicht es völlig aus, nur auf Milch oder größere Mengen Obst zu verzichten. Werden die beiden Zucker dagegen gut vertragen, müssen sie in der Diätphase auch weniger streng reduziert werden.

Stellt sich in der ersten Phase keine Besserung ein, ist es sinnlos, die Diät weiterzuverfolgen. Bei positiven Auswirkungen kann im Anschluss die zweite­ Phase starten. Schrittweise testet­ der Patient jetzt FODMAP-hal­tige­ Lebensmittel aus und beobachtet genau, wie er sie verträgt. Als sinnvoll gilt, pro Tag zunächst nur eine kleine Menge eines Lebensmittels auszu­probieren und die Menge dann all­mählich zu steigern. Hat die Auswahl an bekömmlichen Nahrungsmitteln die für eine ausgewogene Ernährung nötige­ Vielfalt erreicht, ist der Übergang in die dritte und langfristige Phase­ erreicht. Betroffene sollen jetzt in der Lage sein, selbst eine ausge­wogene, für sie bekömmliche Lebensmittelauswahl zu treffen. Diese sollte nur so wenige Einschränkungen um­fassen wie wirklich nötig.

Kritik am FODMAP-Konzept

Nicht ohne Grund empfehlen Ex­perten, die FODMAP-Diät nur unter Begleitung einer Ernährungsfachkraft durchzu­führen. Denn die drastisch reduzierte Auswahl an Nahrungsmitteln be­ein­trächtigt die Nährstoffzufuhr. Da­rüber hinaus sprechen nicht alle Reizdarmpatienten oder Menschen mit Magen-Darm-Beschwerden auf die Diät an.

Über die langfristigen Auswirkungen der Diät ist bisher nichts bekannt. So gibt es noch keine Erkenntnisse, ob und wie sich das Konzept auf die Zusammen­setzung der Darmbakterien auswirkt. Durch den Verzicht auf die FODMAPs wird der Darmflora ein Teil der Nahrung entzogen. Das könnte­ die Vielfalt der Mikrobiota einschränken. Eine vielfältige Zusammensetzung an Darmbakterien aber trägt zu einer gesunden Darmschleimhaut bei, die wiederum für das darmasso­ziierte Immunsystem eine wichtige Rolle spielt. Studien deuten auch darauf­ hin, dass eine fehlende Zufuhr an Kohlen­hydraten Entzündungen und DNA-Schäden begünstigen könnte.

In der Kritik

Der »Arbeitskreis Diätetik in der Aller­gologie«, ein Netzwerk aus spezialisierten Ernährungsfachkräften, kri­tisiert eine pauschale Anwendung der FODMAP-armen Diät für alle, die unter unklaren Verdauungsbeschwerden oder Reizdarm leiden. So sei der Vorteil eines weitgehenden Verzichts auf FODMAPs­ nicht schlüssig belegt, schreibt die Allergieexpertin Dr. Anja Waßmann-Ott auf der Website des Arbeits­kreises (www.ak-dida.de). Es lägen­ zwar Lebensmittelanalysen vor, auf deren Grundlage die Low-FODMAP-Diät entwickelt wurde. Doch seien konkrete­ Verzehrsempfehlungen nur unzureichend beschrieben. Hinterfragt wird auch die Behauptung, dass ein hoher­ FODMAP-Gehalt schuld an den Beschwerden sei. Denn manche Lebens­mittel, wie Knoblauch, würden bereits in geringen Mengen bei Reizdarm Probleme bereiten. Die von einigen­ Autoren festgelegten Grenzwerte für FODMAPs seien nicht nachvollziehbar.

Ein weiterer Kritikpunkt lautet, dass in Studien meist die Wirkungen von High- und Low-FODMAP-Diäten ver­glichen würden. Dabei seien aber die FODMAP-Gehalte in der High-Variante viel höher als in normaler Kost üblich. Das würde die beobachteten positiven Effekte einer Kohlenhydratreduktion in Frage stellen. Eine weitere Ein­schränkung sehen Kritiker darin, dass bei manchen Patenten bereits die po­sitive Erwartungshaltung zu einer Besserung­ der Beschwerden beitrage.




Wer eine FODMAP-Diät beginnen möchte, sollte die Ursache für seine Beschwerden zuvor genau abklären lassen.

Foto: iStock/Leonardo Patrizi



Insgesamt geben 25 bis 30 Prozent der deutschen Bevölkerung an, nach dem Essen bestimmter Lebensmittel Beschwerden zu entwickeln. Das ist eine Erklärung dafür, dass so viele Menschen sich auf die FODMAP-arme Kost »stürzen«. Wenn jemand bestimmte Nahrungsmittel nicht gut verträgt, sollte das zwar ernst genommen werden­. Die hohe Anzahl an selbst beob­achteten Unpässlichkeiten hängt aber auch mit der Präsenz der Themen Unverträglichkeiten, Allergien, glutenfreie Kost et cetera in der Öffentlichkeit zusammen. Doch wer kennt das nicht, dass nach dem Essen hin und wieder Unwohlsein, Völlegefühl oder Bauchschmerzen auftreten? Gelegentliche Beschwerden von ernsthaften Pro­blemen abzugrenzen, ist nicht immer einfach. In vielen Fällen hängt das Auftreten von der aufgenommenen Menge­ und der Zusammensetzung der Ernährung insgesamt ab und ist nicht allein einem Lebensmittel zuzuordnen.

Nicht zu vernachlässigen ist, dass sich die Essgewohnheiten bei vielen Menschen zum Ungünstigen hin verändert haben: durch längere Wege zur Arbeit, einen stressigen Job, Doppelbelastung und nicht zuletzt durch das permanent verfügbare Angebot an fett- und zucker­reichen Lebensmitteln. Wer nur im Stehen­ schnell etwas isst und regelmäßig zu süßen oder fettigen Snacks aus dem Imbiss greift, nimmt ver­mutlich hauptsächlich stark verarbeitete und wenig frische Lebensmittel zu sich. Da ist es kaum verwunderlich, dass Magen oder Darm sich öfter einmal bemerkbar machen. Sinnvoll ist daher­, diejenigen, die über Beschwerden klagen, zunächst zu motivieren, ihr Essverhalten einmal genau zu beobachten und ein Ernährungstagebuch zu führen. Treten die Beschwerden immer wieder auf oder gehen sie mit Gewichtsverlust, Durchfall oder Erbrechen einher, sollte un­bedingt ein Arzt die Ursache abklären. Empfiehlt er dann das Low-FODMAP-Konzept als Therapieversuch, ist eine individuelle Begleitung der Betroffenen durch eine Ernährungsfachkraft dringend anzuraten. Menschen mit unklaren­ Darmbeschwerden sollten keinesfalls auf eigene Faust alle FODMAP-reichen Lebensmittel aus ihrem Essen verbannen. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 21/2018

 

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