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BERATUNGSPRAXIS

Hexenschuss

Schmerzhaft, aber harmlos


Von Nicole Schuster / Wie aus dem Nichts taucht die quälende Pein im Rücken auf. Meistens gehen ihr Bewegungsmangel oder auch seelische oder körperliche Belastungen voraus. Anstelle Bettruhe zu halten, sollten Patienten ihre normalen Alltags­aktivitäten fortführen. Analgetika und Wärme lindern die Beschwerden und erleichtern die Mobilität.­

 

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Unter einem Hexenschuss, auch als Lumbago oder akute Lumbalgie bezeichnet, versteht man schmerzhafte Verkrampfungen der Muskulatur im unteren Wirbelbereich. Es handelt sich um eine Form des nicht-spezifischen akuten Kreuzschmerzes. Unspezifisch bedeutet, dass sich keine eindeutige körperliche Ursache feststellen lässt, die gezielt behandelt werden könnte. Unspezifische Rückenschmerzen wie der Hexenschuss treten häufig auf. Bis zu 90 Prozent der Erwachsenen trifft es mindestens einmal im Leben. Besonders gefährdet sind stressgeplagte Menschen mit unterentwickelter Rücken­muskulatur und daraus resul­tierenden funktionellen Instabilitäten.




Ein Hexenschuss kommt plötzlich und ohne Vorwarnung.

Foto: Shutterstock/Africa Studio


Mögliche Auslöser für einen Hexenschuss sind alltägliche Fehlbewegungen etwa beim Heben, Drehen, Bücken, Aufrichten oder beim Sport. Auch eine ungünstige Körperhaltung oder eine Verkühlung können zu den Verkrampfungen führen. Besonders gefährdet sind Menschen, die viel sitzen, keine ergonomischen Sitzmöbel nutzen, sich zu wenig bewegen, Übergewicht haben und/oder schwere körper­liche Arbeit verrichten. Nicht zu unterschätzen sind aber auch prä­disponierende Faktoren seelischer Art. Dazu zählen Stress, Ängste, Sorgen­, Selbstzweifel oder ungelöste Konflikte. Rückenschmerzen schränken nicht nur die Lebensqualität ein, sondern stellen auch eine immense Belastung für das Gemeinwesen dar.

Differentialdiagnose wichtig

Charakteristisches Symptom des Hexen­schusses sind plötzliche, sehr heftige­ und stechende Schmerzen, vor allem beim Aufrichten aus gebeugter Position im Bereich der Lenden­wirbelsäule. Auch Verhärtungen der Rücken­muskulatur und Bewegungseinschränkungen liegen typischerweise vor. Betroffene neigen dazu, eine Schonhaltung mit nicht natürlich gekrümmter, sondern gerade durch­gestreckter Lendenwirbelsäule ein­zunehmen. Wichtig zu wissen: Treten Taubheitsgefühle, Lähmungen, Schwierig­keiten beim Toilettengang oder allgemeine Symptome wie schlechtes Allgemeinbefinden oder Fieber auf, handelt es sich um ernst­zunehmende Warnzeichen. Patienten sollten sich schnellstmöglich an einen Arzt wenden, um potentielle Auslöser wie einen Bandscheibenvorfall abklären und medizinische Notfälle wie einen Harnverhalt therapieren zu lassen.

Zur Diagnose des Hexenschusses geben bereits die plötzliche Entstehung der Schmerzen, ihre Lokalisation und Art Hinweise, ebenso auslösende, ver­stärkende oder lindernde Maßnahmen. »Im Rahmen der körperlichen Unter­suchung ist es Aufgabe des Arztes, strukturelle Läsionen im Rückenbereich auszuschließen«, sagt Professor Dr. Hermann-Alexander Locher, Facharzt für Orthopädie und Mitglied der Autorengruppe »Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz« aus Tettnang im Gespräch mit dem PTA-Forum. »Bei Patienten über 50 ist eine differentialdiagnostische Abklärung unerlässlich. Der Arzt sollte dazu auch bildgebende Verfahren wie eine Röntgen-, CT- oder MRT-Untersuchung nutzen.« Potentielle Ursachen wie eine Fraktur, Osteoporose, Traumata, Tumore oder ein Bandscheiben­vorfall müssen dabei bedacht werden. Es können­ weitere Untersuchungen wie eine Labordiagnostik erforderlich sein oder auch Sensibilitätsprüfungen, um mögliche neurologische Grunderkrankungen festzustellen.

Symptomatische Behandlung der Schmerzen

Ein reiner Hexenschuss ist an sich harmlos und heilt ohne spezielle Therapie meist von alleine wieder ab. Um die Beschwerden zu lindern, helfen nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen, Diclofenac und Naproxen; sind sie kontraindiziert, stellt Metamizol eine Alternative dar. Die Devise dabei lautet: Die Dosierung sollte so niedrig wie möglich gehalten werden und die Anwendung so kurz wie möglich erfolgen.

Einige Patienten machen gute Erfahrungen mit topischen Arzneimitteln, die Capsaicin, Salicylate, hyperämisierend wirkende Inhaltsstoffe oder ätherische Öle wie Rosmarin, Minze oder Lavendel enthalten. Das Einmassieren fördert die Durchblutung und verbessert das Wohlbefinden. Wärme in Form einer Wärmeflasche oder als Wärmepflaster beziehungsweise -salbe entspannt ebenfalls. Ein Therapieversuch kann auch mit wenigen Sitzungen Akupunktur oder Verfahren wie der progressiven Muskelentspannung nach Jacobson versucht werden. Bettruhe indes ist beim akuten unspezifischen Kreuzschmerz nicht erforderlich. Im Gegenteil: »Eine individuell angepasste körperliche Aktivität ist empfehlenswert«, so der Facharzt. Dadurch werden die Muskulatur gelockert und die Durchblutung angeregt. Auch im Alltag sollten Menschen mit unspezifischem Kreuzschmerz versuchen, soweit es geht die normale körperliche Aktivität beizubehalten. Übermäßige Schonung führt dazu, dass die Muskeln noch mehr verspannen und verhärten. Die Schmerzen nehmen zu, Patienten reagieren mit verstärkter Ruhigstellung – es entsteht ein Teufelskreis.

Risiko Chronifizierung

Stellt sich nach vier bis sechs Wochen keine Besserung ein, gelten die Schmerzen als subakut und ab einer Dauer von zwölf Wochen als chronisch. Einer Chronifizierung sollte frühest­möglich entgegengewirkt werden. Zu ihren Risikofaktoren zählen­ unter anderem Depressivität, eine Fixierung auf die Schmerzen, ein extrem starkes Schmerzerleben sowie Hoffnungslosigkeit. Ärzte bezeichnen diese psychosozialen Risikofaktoren als »yellow flags«. Davon abzugrenzen sind die arbeitsplatzbezogenen Risiko­faktoren, die Experten als »blue flags« beziehungsweise »black flags« bezeichnen. Dazu zählen als »blue flags« die von den Betroffenen subjektiv empfundenen Belastungen wie Unzufriedenheit, mentaler Stress, Zeitdruck oder auch Mobbing sowie als »black flags« berufliche Rahmenbedingungen wie überwiegend körperliche Schwerarbeit, ungünstige oder monotone Haltungen oder eine ständige­ Vibrationsexposition. Fragen­ zur Situation am Arbeitsplatz und zu Belastungen im Privatleben gehören zur eingehenden Anamnese durch den Arzt. Zur Behandlung chronisch gewordener Schmerzen ist eine multimodale Therapie, bestehend aus Schmerz-, Psycho- und Bewegungstherapie angezeigt.




Die Rücken­muskulatur stärken beugt Schmerzen vor.

Foto: Shutterstock/­Roman Samborskyi


Das Leben wieder in die Hand nehmen

»Auch um rezidivierende Beschwerden zu verhindern, ist es unerlässlich, die Auslöser für die seelische oder körper­liche Überbelastung zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken«, erzählt Locher­, der auch Lehrbeauftragter an der Technischen Universität München ist. »Ein Hexenschuss kann dann auch Anlass sein, ungelöste Konflikte endlich anzugehen und verdrängte oder aufgeschobene Probleme aufzuarbeiten.« Möglicherweise benötigen Patienten dafür ebenso wie für den Umgang mit den Schmerzen therapeutische Unterstützung, etwa im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie.

Auch zur Vorbeugung gehört, Auslöser von Stress und körperlicher sowie seelischer Überbelastung zu meiden. Dem Patienten ist eine gesunde Lebensführung nahezulegen einschließlich regel­mäßiger körperlicher Aktivität, etwa in Form eines moderaten und individuell angepassten Trainings. »Ideal sind Ausdauersportarten, die gleichzeitig dem Stressabbau dienen«, sagt der Experte. »Je nach persönlicher Präferenz kann das zum Beispiel Joggen, Schwimmen, Ski fahren, Radeln oder Nordic Walking sein.« Im Alltag sollten Betroffene eine ausgewogene Balance zwischen Be- und Entlastung finden. Maßnahmen wie eine fachmännisch geleitete Physiotherapie oder die Teilnahme an Rückenschul-Kursen stärken darüber ­hinaus die Rückenmuskulatur.

Im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes­ zur Behandlung und Vor­beugung von Beschwerden wie dem Hexenschuss ist die Aufklärung zu einer­ gesunden Lebensführung ein wichtiger Baustein. Dazu kann auch die PTA gezielt beraten, Tipps zur Ernährung­ geben und zu mehr Bewegung motivieren. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 21/2018

 

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