Ein Magazin der

www.pta-forum.de

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

www.pta-forum.de
Ein Magazin der 
 

BERATUNGSPRAXIS

Aufklärungsbedarf zur Ohrhygiene

Büroklammern und Wattestäbchen tabu


Von Ulrike Viegener / Das Ohr ist ein sehr empfindliches Organ. Das betrifft auch den äußeren Gehörgang, der mit einer leicht verletzbaren Haut ausgekleidet ist. Von einer Reinigung mit Wattestäbchen und anderen Instrumenten ist dringend abzuraten.

 

Anzeige

 

Ohrenschmalz (Cerumen) wird von vielen Menschen als eklig wahrgenommen. Dabei erfüllt das gelbe Sekret der Ohrschmalzdrüsen wichtige Dienste: Es fängt Schmutzpartikel und abgestorbene Zellen zur Entsorgung auf. Außerdem hält das Schmalz die Haut des Gehörgangs geschmeidig und stabilisiert ihren Säureschutzmantel, der bei der Abwehr pathogener Keime eine wichtige Rolle spielt. Vom Flimmerepithel des Gehörgangs werden Schmutzpartikel und Mikroorganismen dann, in Schmalz eingebettet, in Richtung Ohrmuschel transportiert, wobei Kau- und Sprechbewegungen diesen Selbstreinigungsmechanismus befördern.




Foto: Shutterstock/Syda Productions


Hohe Verletzungsgefahr

Zweifellos sieht es nicht schön aus, wenn gelbe Schmalzabsonderungen in der Ohrmuschel kleben. Sie können aber leicht mit einem Waschlappen entfernt werden. In den äußeren Gehörgang eindringen muss man zur Reinigung der Ohren nicht. Wattestäbchen sind für diesen Zweck sehr beliebt, aber auch andere Instrumente – aufgeklappte Büroklappern, Haarnadeln, Zahnstocher, Streichhölzer – kommen nicht selten zur Anwendung.

Im Beratungsgespräch sollte klar werden, wie unnötig und risikoträchtig solche Manipulationen sind. Man behindert dadurch die Selbstreinigung und läuft Gefahr, die feine Haut des Gehörgangs zu verletzen. Außerdem bekommt man oft kann gar nicht alles Ohrenschmalz zu fassen und schiebt große Teile nur tiefer in den Gehörgang hinein. Dadurch kann sich ein Schmalzpropf bilden, der den Gehörgang verschließt. Im schlimmsten Fall droht bei unprofessionellen Tiefenbohrungen eine Verletzung des Trommelfells, und sogar die Gehörknöchelchen im Mittelohr können sich verschieben. Solche Verletzungen, die eventuell Entzündungen und Infektionen nach sich ziehen, können Juckreiz, Druckgefühl, Schmerzen, Ohrgeräusche (Tinnitus) und Hörverluste provozieren.

Kein Zeichen mangelnder Hygiene

Die »American Academy of Otolaryngology-Head and Neck Surgery Foundation« hat unlängst eine Praxisleitlinie zum Thema Cerumenentfernung publiziert, in der auf die Notwendigkeit einer entsprechenden Aufklärung abgehoben wird. Es sei wichtig, Laien verständlich zu machen, dass Ohrenschmalz kein Zeichen mangelnder Hygiene sei. Im Gegenteil: Ohrenschmalz ist ein Zeichen funktionierender Ohrhygiene. Auch vor dem Gebrauch von Ohrkerzen, die in den Gehörgang eingeführt und am äußeren Ende angezündet werden, wird eindringlich gewarnt. Es gebe keine Evidenz dafür, dass sie eingeklemmte Schmalzpropfen lösen oder die Propfbildung verhindern. Andererseits bestehe hohe Verletzungsgefahr.




Foto: Shutterstock/Garsya


Abgesehen von einer unsachgemäßen Ohrhygiene gibt es weitere Faktoren, die das Risiko erhöhen, dass sich Schmalzklumpen im Gehörkanal festsetzen. Zum einen gibt es Menschen, die sehr viel Ohrenschmalz produzieren. Zum anderen nimmt der Fettgehalt des Cerumens im Alter ab. Das Ohrenschmalz wird fester, was seinen Abtransport durch die Flimmerhärchen erschwert. Und schließlich können auch Hörgeräte sowie bei häufigem Gebrauch Minilautsprecher und Ohrstöpsel dazu führen, dass sich Ohrenschmalz ansammelt und verhärtet.

Zur Entfernung größerer Mengen Ohrenschmalz werden rezeptfreie Ohrentropfen und –sprays angeboten. Die darin enthaltenen Pflanzenöle weichen das Ohrenschmalz auf, so dass es leichter »abfließen« kann. Das IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) hat eine Bewertung von Cerumenolytika vorgenommen und kommt zu dem Schluss, dass diese grundsätzlich geeignet sind, die Entfernung von Ohrenschmalz zu erleichtern. Unterschiede in der Wirksamkeit zwischen verschiedenen Präparaten ließen die verfügbaren – limitierten – Daten aus kontrollierten Studien nicht erkennen. Hausmittel wie erwärmtes Olivenöl zeigen laut IQWiG eine vergleichbare Wirksamkeit. Die Verträglichkeit von Cerumenolytika wird als gut eingeschätzt. In seltenen Fällen wurden Juckreiz, Hautirritationen, Entzündungen des äußeren Gehörgangs beziehungsweise Schwindel beobachtet.

Experten empfehlen, bei vermehrter Ohrenschmalzproduktion regelmäßig einen Arzt ins Ohr hineinschauen zu lassen. Bei Bedarf wird er eine professionelle Ohrreinigung mittels Spülen oder Absaugen durchführen. Die Anwendung von Cerumenolytika im Vorfeld einer Ohrspülung kann die Ergebnisse laut IQWiG optimieren. Bei Kindern, die zu viel Ohrenschmalz neigen, sollte dieses immer von einem Arzt entfernt werden. Und auch Erwachsene mit Ohrproblemen wie wiederkehrenden Infekten oder Tinnitus sollten auf eine Selbstreinigung verzichten.

Bei Ohrenschmerzen an Wirbelsäule und Kiefer denken

Menschen, die mit Ohrenschmerzen in die Apotheke kommen, sollten am besten ebenfalls erst einmal zum Arzt geschickt werden, damit eine differentialdiagnos­tische Abklärung erfolgt. Haben die Schmerzen ihren Ursprung im Ohr, können der äußere Gehörgang, das Trommelfell, das Mittelohr oder das Innenohr betroffen sein. Aber die Schmerzen können auch von benachbarten Körperregionen ins Ohr ausstrahlen. Das ist bei Erwachsenen sehr häufig der Fall, während bei Kindern Ohrenschmerzen meist »echte Ohrenschmerzen« sind.

Im Erwachsenenalter sind Ohrenschmerzen oft auf Muskelverspannungen im Nacken und/oder Blockaden der Halswirbelsäule zurückzuführen. Bandscheibenschäden oder Funktionsstörungen am zweiten und dritten Zervikalgelenk sind bei Erwachsenen für rund die Hälfte aller­ Ohrenschmerzen ohne pathologischen Ohrbefund verantwortlich. Und auch Kiefergelenk und Zähne stecken nicht selten hinter Ohren­schmerzen. Gebissfehlstellungen, kariöse Backenzähne und durchbrechende Weisheitszähne sind mögliche Ursachen von Ohrenschmerzen, für die der Zahnarzt zuständig ist. Knacken im Kiefergelenk und Schmerzzunahme beim Kauen können richtungsweisende Begleitsymptome sein.

Schließlich ist bei Ohrenschmerzen auch an Neuralgien der Gesichtsnerven zu denken. Der Zoster oticus zum Beispiel – eine durch reaktivierte Varizella-zoster-Viren hervorgerufene Entzündung der Ganglienzellen des VII. und VIII. Hirnnerven – geht mit Ohrenschmerzen, Bläschenbildung im äußeren Gehörgang und Schwindel einher. Vor allem bei älteren Menschen sind weiterhin Furunkel im Gehörgang relevant, und auch maligne Tumoren wie das Pharynxkarzinom können Ohrenschmerzen verursachen.




Foto: iStock/Neustockimages


Otitis externa eher bei Jugendlichen

Bei Jugendlichen sind Entzündungen des äußeren Gehörgangs (Otitis externa) der häufigste Grund für Ohrenschmerzen. Bakterien und Pilze, die sich die Kids vor allem im Schwimmbad einfangen, sind die Auslöser. Allergische Reaktionen zum Beispiel auf nickelhaltigen Schmuck oder Kosmetika spielen ebenfalls eine Rolle. Charakteristisch für die Otitis externa ist ein starker Druckschmerz des Tragus, der knorpligen Erhebung der Ohrmuschel am Eingang zum äußeren Gehörgang. Bei einer Mittelohrentzündung (Otitis media) dagegen ist dieser Tragus-Druckschmerz nicht vorhanden, was als Unterscheidungsmerkmal dienen kann. Zur Behandlung der Otitis externa empfiehlt die aktuelle Leitlinie »Ohrenschmerzen« der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) eine Lokaltherapie mit Antibiotika oder Corticosteroiden. Laut Analyse des IQWiG gibt es keine Evidenz dafür, dass rezeptfreie desinfizierende Ohrentropfen, die zur Behandlung von Entzündungen des äußeren Gehörgangs angeboten werden, eine ähnlich gute Wirksamkeit besitzen.

80 Prozent spontane Heilungsrate

Bei kleineren Kindern kommen Ohrenschmerzen meistens aus dem Mittelohr. Infekte der oberen Atemwege greifen bei Kindern schnell auf die Ohren über, weil die Ohrtrompete (Eustachische Röhre), die Nasen-Rachen-Raum und Paukenhöhle miteinander verbindet, noch nicht ausgewachsen ist. Typisch für die akute Otitis media sind plötzlich einsetzende, rasch zunehmende, heftige Ohrenschmerzen, die mit Hörstörungen und Schwindel einhergehen. Fieber, reduzierter Allgemeinzustand und Reizbarkeit sind ebenfalls charakteristisch, und bei Kleinkindern treten nicht selten auch unspezifische Symptome wie Bauchschmerzen auf.

Der Umgang mit einer akuten Otitis media ist heute entspannter als früher, so zumindest empfehlen es die Ex­perten in der DEGAM-Leitlinie. Denn in 80 Prozent der Fälle heilen unkom­plizierte Mittelohrentzündungen innerhalb weniger Tage spontan aus. Antibiotika sind deshalb nicht zwingend ­erforderlich. Laut der Leitlinie ist eine umgehende Antibiose ausschließlich bei erhöhtem Komplikationsrisiko erforderlich, wobei Alter und Symptomatik zu berücksichtigen sind. Risikofaktoren sind unter anderem Otorrhö, beidseitige Otitis, hohes Fieber sowie anhaltendes Erbrechen. Sonst wird zunächst eine symptomatische Behandlung mit systemischen Analgetika empfohlen: Paracetamol bis maximal 60 mg/kgKG/d (3- bis 4-mal 10 bis 15mg/kgKG/d) oder Ibuprofen bis maximal 20 bis 30 mg/kgKG/d (verteilt auf 3 bis 4 Gaben täglich). Bei aus­bleibender ­Besserung innerhalb von 48 Stunden oder bei akuter Verschlechterung soll sofort ein Antibiotikum gegeben werden. Erste Wahl ist Amoxi­cillin 50 mg/kgKG/d (2 bis 3 Einzeldosen) über sieben Tage.

Abschwellende Nasentropfen werden – entgegen einer viel geübten Praxis – als begleitende Maßnahme in aktuellen nationalen und internationalen Leitlinien nicht explizit empfohlen. Abgesehen davon, dass Nasentropfen den meist verschnupften Kindern das ­Atmen erleichtern, sollen die abschwellenden Tropfen den Druck im Mittelohr vermindern. Bisher liegen jedoch keine Studien vor, die belegen, dass die ­Ohrenschmerzen dadurch schneller nachlassen beziehungsweise der Heilungsprozess gefördert wird. /


Bewährtes Hausmittel

Das klassische Hausmittel bei Mittel­ohrentzündung ist das Zwiebel­säckchen: kleingehackte, überbrühte Zwiebeln, in einem trockenen­ Leintuch verpackt. Zur unterstützenden Schmerzlinderung ist dieses altbekannte Mittel durchaus einen Versuch wert. Abgesehen von der analgetischen Wirkung werden der Zwiebel durchblutungssteigernde, entzündungshemmende und antibakterielle Eigenschaften zugeschrieben.



Beitrag erschienen in Ausgabe 21/2018

 

Das könnte Sie auch interessieren

 


© 2018 Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH

Seiten-ID: http://ptaforum.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=12233