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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Binge-Eating-Störung

Kontrollverlust beim Essen


Von Verena Arzbach / Zwei Tafeln Schokolade, eine Tüte Chips, zwei Kuchenstücke und danach noch eine Pizza: Menschen mit einer Binge-Eating-Störung essen in kurzer Zeit deutlich mehr als allgemein üblich. Sie verlieren die Kontrolle und können nicht regulieren, was und wie viel sie essen. Was steckt hinter der Essstörung und wie kann sie behandelt werden?

 

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Der englische Begriff »binge eating« beschreibt ein exzessives, übermäßiges Essverhalten. Menschen, die an einer­ Binge-Eating-Störung leiden, erleben­ regelrechte Essanfälle, bei denen­ sie vor allem fettige und zucker­haltige Lebens­mittel in sich hineinstopfen. Bis zu 3000 Kalorien werden bei einem Anfall innerhalb kurzer Zeit verschlungen. Anschließend plagen die Betroffenen Schuldgefühle, aber – und das ist der Unterschied zur Bulimie – sie unternehmen keine Gegenmaßnahmen zur Gewichtsreduktion, das heißt sie erbrechen nicht oder treiben­ exzessiv Sport. Auch Abführmittelmissbrauch ist bei Binge Eatern nicht zu beobachten.




Essen im Übermaß: Binge Eater verlieren bei einem Essanfall die Kontrolle darüber, was und wie viel sie essen.

Foto: iStock/domoyega


Von der Binge-Eating-Störung sind nach Schätzungen des Bundesgesundheits­ministeriums (BMG) etwa 1 bis 3 Prozent der Bevölkerung in Deutschland betroffen. Unter Übergewichtigen ist der Anteil höher: Von 100 Menschen mit Übergewicht, die abnehmen wollen­ und deshalb eine Arztpraxis aufsuchen, haben laut BMG 15 bis 30 eine Binge-Eating-Störung.

Im Gegensatz zu anderen Ess­störungen, die häufig erstmals im Teenageralter auftreten, beginnt das Binge Eating eher spät, oft zwischen dem 20. und dem 30. Lebensjahr. Eine weitere Besonderheit ist, dass anders als bei Magersucht und Bulimie, auch viele Männer betroffen sind. Wie hoch deren Anteil genau ist, ist unklar, manche Quellen sprechen von bis zu einem Drittel männlicher Patienten.

Zwang statt Genuss

Ein Essanfall beim Binge Eating ist keine­ Heißhungerattacke. Das Essen ist für die Betroffenen kein Genuss, sondern­ ein Zwang. Wie andere Ess­störungen auch hat die Binge-Eating-Störung vor allem einen psychischen Hintergrund: Das übermäßige Essen ist für die Betroffenen ein Weg, mit Gefühlen umzugehen. Auslöser eines Anfalls­ können zum Beispiel Angst, Überforderung, Ärger, Trauer, Wut, Zurück­weisung oder Einsamkeit sein. Das Essen soll die Anspannung lösen­, doch anschließend fühlen sich die Betroffenen nicht besser, im Gegenteil. Sie ekeln sich vor sich selbst, schämen sich und fühlen sich schuldig.

Den Betroffenen gelingt es meist recht gut, die Essstörung vor Familie und Freunden zu verbergen. Die Anfälle finden meist allein hinter verschlossenen Türen statt, in Gesellschaft essen Binge Eater normal. Sichtbar ist allerdings ihr oft starkes Übergewicht, das aber umgekehrt nicht zwangsläufig auf eine Essstörung zurückgeführt werden kann. Durch das Überge­wicht beziehungsweise die Adipositas können­ bei einer Binge-Eating-Störung langfristig zahlreiche körperliche Pro­bleme auftreten, etwa das metabolische Syndrom, das wiederum ein Risiko­faktor unter anderem für Schlaganfall und Herzinfarkt ist. Auch Diabetes, Arthrose­, Asthma und verschiedene Krebsarten können als Folgeerkran­k­ungen der Adipositas entstehen.

Daneben hat das Übergewicht psychische Auswirkungen Die Betroffenen schämen sich für ihren Körper und den regelmäßigen Kontrollverlust beim Essen­. Häufig haben sie ein sehr nied­riges Selbstwertgefühl, oft kommen depressive Verstimmungen hinzu. Sie ziehen sich aus ihrem sozialen Umfeld zurück, fühlen sich dabei aber häufig sehr einsam. Untersuchungen zeigen, dass Menschen mit einer Binge-Eating-Störung auch stark gefährdet sind, eine Suchterkrankung zu entwickeln.

Erster Schritt

Menschen, die entsprechende Symp­tome bei sich selbst beobachten, sollten sich möglichst an einen Arzt, Therapeuten oder eine Beratungsstelle wenden. Da dieser Schritt vielen schwerfällt, gibt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) online Tipps, wie erste Schritte hin zu einem gesünderen Essverhalten gelingen können. Wichtig sei es, langsam und genussvoll zu essen und gut zu kauen, auch sollten regelmäßige Mahlzeiten auf dem Speiseplan stehen. Betroffene sollten versuchen, auf die Signale ihres Körpers zu achten und nur zu essen, wenn sie hungrig sind. Während einer Mahlzeit sollte die volle Aufmerksamkeit auf den Genuss und die Nahrungs­auf­nahme gerichtet sein, nebenher fernzusehen oder zu lesen ist nicht empfehlenswert. Wenn möglich, sollten sich Betroffene zum Essen sozialen Anschluss suchen. Diejenigen, die dazu neigen, unter Stress zu viel essen, essen in Gemeinschaft oft weniger. Streitgespräche bei Tisch gilt es allerdings zu vermeiden. Ebenso sollten Betroffene vermeiden, sich außerhalb der Mahl­zeiten mit Essen zu beschäftigen, etwa keine Kochshows oder Kochbücher anschauen­ oder für andere kochen.




Eine kognitive Verhaltenstherapie kann Patienten mit Binge-Eating-Störung helfen.

Foto: iStock/KatarzynaBialasiewicz


Die Binge-Eating-Störung gilt allgemein als relativ gut behandelbar, wenn die Betroffenen bereit sind, Hilfe anzunehmen. Ärzte empfehlen dann in der Regel eine psychotherapeutische Behandlung. Standard ist eine kognitive Verhaltenstherapie, bei der die Patienten beispielsweise lernen, sich in stressi­gen oder aufwühlenden Situationen nicht von einem Essanfall überwältigen zu lassen. Sinnvoll kann auch eine sogenannte Interpersonelle Psycho­therapie sein, deren Fokus auf den sozialen Problemen liegt, in deren Kontext die Ess­anfälle auftreten. Auch spezielle Online-Selbsthilfeprogramme wurden – bislang allerdings vor allem im Rahmen von Studien­ – erfolgreich bei Binge-Eating-Patienten eingesetzt.

In ersten Studien haben Mediziner auch das Amphetaminderivat Lis­dexamfetamin, das zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung ADHS zugelassen ist, bei der Binge-Eating-Störung getestet. Lisde­xamfetamin senkte demnach die Tage mit unkontrollierter Nahrungs­aufnahme. Die Wirksamkeit wird nun in einer größeren Phase-III-Studie unter­sucht. Sollten sich die Ergebnisse bestätigen, könnte mit Lisdexamfetamin zukünftig die erste medikamen­töse Therapiemöglichkeit für Patienten mit Binge-Eating-Störung zur Ver­fügung stehen. /


Diagnose Binge-Eating-Störung

  • Wiederholte Episoden von Ess­anfällen. Dabei wird in einem bestimmten Zeitraum erheblich mehr Nahrung verzehrt, als die meisten Menschen essen würden.
  • Das Gefühl, während des Anfalls die Kontrolle über das Essverhalten zu verlieren: Nicht aufhören können, keine Kontrolle über Art und Menge der Nahrung.
  • Die Essanfälle treten gemeinsam mit mindestens drei der folgenden Symptome auf:

    a. Wesentlich schneller essen als normal
    b. Essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl
    c. Essen großer Nahrungs­mengen, wenn man sich körperlich nicht hungrig fühlt
    d. Allein essen aus Scham über die Nahrungsmengen
    e. Ekelgefühle, Traurigkeit oder Schuldgefühle nach dem Essanfall

  • Es besteht deutlicher Leidensdruck wegen der Essanfälle
  • Essanfälle mindestens einmal pro Woche über einen Zeitraum von drei Monaten
  • Keine gewichtsreduzierenden Maßnahmen wie bei Bulimie

Diagnosekriterien nach DSM-5 (Diag­nostic and Statistical Manual of Mental Disorder, American Psychiatric­ Association)



Beitrag erschienen in Ausgabe 22/2018

 

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