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ARZNEIMITTELTHERAPIE

Vitamin B12

Lebenslang lebenswichtig


Von Elke Wolf / Ein Mangel an Vitamin B12 kann sich in allen Lebensphasen bemerkbar machen: Vom Säugling bis zum Senior führt ein Defizit an diesem Nährstoff zu Störungen der Blut­bildung oder des Nervensystems. Eine rasche Sub­sti­tution ist wichtig, damit sich hämatologische, neuro­logische und ­psychomotorische Einbußen nicht manifestieren.

 

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Vitamin B12, auch unter der Bezeichnung Cobalamin bekannt, zählt zu den essenziellen Vitaminen und muss über die Nahrung aufgenommen werden. Da es vor allem in Tierprodukten wie Eiern, Fleisch und Milch vorkommt, zählen Veganer und Vegetarier zur Risiko­gruppe Nummer eins eines nahrungsbedingten Vitamin-B12-Mangels. »Eine ausreichende Zufuhr des Vitamins ist bei veganer Ernährung ohne die Einnahme von Nahrungs­er­gänzungsmitteln nicht möglich«, sagte Professor Dr. Stefan Eber, Schwerpunktpraxis für Pädiatrische Hämatologie, Onkologie, Hämostaseologie und Immunologie in München, bei einem Fachsymposium der Firma Wörwag Pharma.




In jedem Lebensalter für Blut­bildung und Nerven­system essenziell: Vitamin B12.

Foto: iStock/Eva Katalin Kondoros



Daneben zählte Eber auch Schwangere, Stillende, Kinder und Jugendliche zu vornehmlich betroffenen Risikogruppen. Kinder haben geringere Vit­amindepots und einen relativ höheren Vitaminbedarf. Vom Fötus bis zum Kleinkind sind sie auf die Zufuhr durch die Mutter angewiesen. »Ursache eines schweren Vitamin-B12-Mangels beim Säugling kann ausschließliches Stillen bei Vitamin-B12-Mangel der Mutter durch deren vegane Ernährung sein«, sensibilisierte Eber. Nicht selten sei der Mangel mit einem Eisen- oder Vitamin-K-Mangel kombiniert.

Aufgrund der Schwere der neuro­nalen Schädigung und der verlangsamten körperlichen Entwicklung be­kräftigte Eber: »Vegane Ernährung ist während der Schwangerschaft, der Stillzeit und bei Kindern und Jugend­lichen ethisch nicht erlaubt.« Einmal eingetretene Schäden seien nicht mehr aufzuholen. »Die möglichst rasche Substitution mit Vitamin B12 ist für die psychomotorische Entwicklung und die Vermeidung schwerer neurologischer Schäden äußerst wichtig. Die schwere zerebrale Schädigung bei zu spät erkanntem Mangel ist auch durch eine Substitution nicht mehr wettzumachen. Auch bei latentem Vitamin-B12-Mangel können schon die Nervenaxone geschädigt werden.«

Schleichend, unspezifisch

Das größte Problem, einen Vitamin-B12-Mangel zu erkennen, liegt in der schleichenden Entwicklung der Symptome begründet. Denn die Speicher in Leber und Muskulatur verarmen nur allmählich. Ein leichter Mangel äußert sich völlig unspezifisch mit Müdigkeit und Abgeschlagenheit und wird selten frühzeitig erkannt. Erst die Kombi­nation zum Beispiel einer körperlichen Leistungs- und Ausdauerschwäche durch eine Anämie in Verbindung mit Gangunsicherheit – bedingt durch die mangelbedingte Hinterstrang-Funk­tionsstörung des Rückenmarks und die Polyneuropathie – und eine gleichzeitig auftretende Störung der Gedächtnisfunktion legt dann den Verdacht nahe, dass die Symptome zusammenhängen und auf einen Vitamin-B12-Mangel zurückzuführen sind, erklärte Dr. Andreas Leischker, Chefarzt und Internist an der Klinik für Geriatrie in Krefeld. »Die neurologischen Symptome können den häma­tologischen Anomalien deutlich vorausgehen, mitunter bleiben Blutbildveränderungen ganz aus.«


Richtig diagnostizieren

Die alleinige Bestimmung der Gesamt-Vitamin-B12-Konzentration im Serum ist wenig hilfreich, um einen unzureichenden Status aufzudecken. Der Grund: Der größte Anteil des Vitamins­ im Blut ist nicht physiologisch aktiv.

»Aufgrund der mangelnden Sen­sitivität einzelner Marker ist eine Kombination von mehreren Para­metern für die Diagnose eines Vitamin­-B12-Mangels erforderlich.« Professor­ Dr. Rima Obeid vom Universitätsklinikum des Saarlandes empfiehlt eine schrittweise Diagnose, die mit einem Screening der Konzentration von Holo-TC anstelle von Serum-Vitamin-B12 beginnt. Das an Transcobalamin gebundene Vitamin B12, als Holotranscobalamin (Holo-TC) bezeichnet, gilt als biologisch aktiv­ und spiegelt die extrazellulären Verhältnisse. Es ist der früheste Marker­, der eine Entleerung der Speicher anzeigt. Holo-TC-Werte unter 35 pmol/l gelten als erniedrigt­. Bei Werten bis zu 70 pmol/l empfiehlt sich laut Obeid, im nächsten Schritt eine Messung der Methylmalon­säure-Konzentration und eventuell des Homocystein-Spiegels im Plasma durchzuführen. Die Messung der Plasmakonzen­tration von Methyl­malonsäure kann hilfreich sein, um einen intrazellulären Mangel zu erkennen.


Ein Vitamin-B12-Defizit ist keine bloße­ Mangelerscheinung, sondern eine ernsthafte Erkrankung, verdeutlichte Professor Dr. Karlheinz Reiners, Neurologe im Hermann-Josef-Krankenhaus in Erkelenz. Besonders was die psychischen Folgeerscheinungen betrifft, also Konzentrationsstörungen, Verwirrtheit und kognitive Einschränkungen, hat man in jüngerer Vergangenheit neue Erkenntnisse gewonnen. »So ist bereits ein niedrig-normaler Vitamin­-B12-Status mit einer signifikant geringeren Gedächtnisleistung assoziiert. Zudem scheint ein Vitamin-B12-Defizit auch das Risiko einer Alzheimer-Demenz zu erhöhen.« Der Zusammenhang mit einer Depression gilt als gesichert.

Senioren gefährdet

Neben Veganern und Vegetariern, die nicht substituieren, sind vor allem Senioren­ gefährdet, in eine Mangel­situation zu rutschen. Es sei nicht nur der geringe Verzehr von Fleisch und anderen tierischen Produkten, so Reiners, der in Sachen Vitamin B12 proble­matisch sei. Auch andere ungünstige Faktoren wie das Aufwärmen von Speisen kämen hinzu. »Zubereitung in der Mikrowelle reduziert die Vitamin-B12-Aktivität um über die Hälfte.« Die Folge­: Bei bis zu 30 Prozent der Personen über 65 Jahre liegen biochemische Störungen von Vitamin-B12-abhän­gigen Stoffwechselprozessen vor, zitierte­ Reiners groß angelegte Studien.




Wer noch kraftvoll zubeißen kann, hat meist keinen Vitamin-B12-Mangel.

Foto: Shutterstock/ Mladen Mitrinovic


»Eine niedrige Vitaminzufuhr über die Nahrung erklärt jedoch in der Mehrzahl der Fälle den Mangel vor allem bei älteren Personen nicht«, sagte Professor Dr. Rima Obeid vom Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg/Saar. Häufigste Ursache für den B12-Mangel im fortgeschrittenen Alter sei eine Malabsorption, bedingt zum Beispiel durch eine atrophische Gastritis. Dabei wird etwa das an Nahrungsprotein ge­bundene Cobalamin unzureichend abgespalten und aufgrund des im Darm oft fehlenden Intrinsic Factors ungenügend resorbiert.

Auch die dauerhafte Einnahme von Medikamenten wie Protonenpumpenhemmer und H2-Antagonisten bei Refluxerkrankungen sowie Metformin bei Diabetes können zu einem Vit­amin-B12-Mangel beitragen, erklärte Obeid. So werde etwa durch die Unterdrückung der Bildung von Magensäure auch die Freisetzung von Vitamin B12 beeinflusst.

Rechtzeitig gegensteuern

Die teils gravierenden Folgen eines Vitamin­-B12-Mangels können durch eine frühzeitige Substitutionstherapie verhindert werden. Entgegen früherer Annahmen ist selbst bei Malabsorption eine alleinige orale Therapie erfolgreich, wenn Vitamin B12 ausreichend hoch dosiert wird, waren sich die Exper­ten einig. Denn dann kann das Vitamin­ in ausreichend hoher Menge auch unabhängig vom Intrinsic Factor durch Diffusion passiv über die Darmschleimhaut aufgenommen werden.

Eine Metaanalyse der Cochrane-Collaboration zeigt, dass oral verabreichtes Cobalamin in Dosierungen zwischen 1000 und 2000 µg ebenso effektiv ist wie die parenterale Gabe, selbst bei Resorptionsstörungen. Zum Ausgleich des Vitamin-B12-Defizits erwiesen­ sich in einer Dosisfindungs­studie Dosierungen ab 600 µg/Tag als effektiv. Am wirksamsten war die Dosierung­ von 1000 µg am Tag. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 22/2018

 

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