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Leben mit Zöliakie

Die Mehl-Rebellin


Von Narimaan Nikbakht / Katinka Reichelt litt jahrelang an Bauchschmerzen und Übelkeit nach dem Essen. Erst mit 19 Jahren erhält sie die Diagnose Zöliakie. Wie sie es geschafft hat, mit der Krankheit zu leben – und durch sie sogar ihre Berufung fand.

 

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Brot, Brötchen, Pizza, Burger, Kekse, ­Kuchen – für die 36-jährige Katinka ­Reichelt aus Hamburg waren diese ­Leckereien lange Zeit tabu. Nur ein Bissen davon reichte aus, um bei ihr eine Kette von ­Beschwerden auszulösen: Kopfschmerzen, Migräne, Sehstörungen, Übelkeit, Bauch-, Blasen- und Rückenschmerzen – stets in dieser Reihenfolge. »Die Symptome begannen bei mir im Teenager-Alter. Doch jahrelang wurde ich von den Ärzten nur mit dem Satz ›Sie ­bilden sich das alles nur ein!‹ wieder ­weggeschickt. Es war frustrierend und beschämend, so häufig als wehleidige Person abgestempelt zu werden«, ­er­innert sie sich.




Katinka Reichelt ist Zöliakie- Patientin und erfolgreiche Unternehmerin. Sie betreibt eine Online-Bäckerei, die nur glutenfreie Backwaren verkauft.

Fotos: Flour Rebels


Im Jahr 2001 nach jahrelanger Ärzte-Odyssee erfährt Katinka, dass sie absolut keine Hypochonderin ist. Ganz im Gegenteil: Nach einer Magenspiegelung erhält die 19-Jährige die Diagnose. Sie hat Zöliakie – eine der schwersten Formen von Gluten-Unverträglichkeit. Gluten ist das Klebereiweiß aus Weizen, Dinkel, Roggen, Gerste oder Einkorn.

»Nach der Diagnose erhielt ich den Rat, keinen Weizen mehr zu essen, sondern Roggen – der aber nahezu genauso viel Gluten enthält. Das tat ich dann auch. Aber die Symptome blieben und wurden immer schlimmer. Zu der Zeit wusste man nur wenig über diese Krankheit.« Katinka findet sich mit den Symptomen ab und beißt die Zähne zusammen. Für sie gibt es Wichtigeres: Sie ist jung, hat gerade ihr Abitur ­gemacht und möchte ein Jahr in Dubai verbringen.

Entzündeter Darm

Welche massiven Folgen es für sie haben wird, dass sie ihre Krankheit ignoriert, ahnt sie da noch nicht. Denn sobald Menschen mit einer Zöliakie Gluten essen, zerstört sich ihr Körper auf Dauer selbst. Zunächst entzündet sich der Dünndarm und seine Zotten bilden sich zurück. Dann schrumpft die Darmoberfläche, sodass Betroffene nicht mehr genügend Nährstoffe aufnehmen können – im schlimmsten Fall bringen diese Defizite schwere körperliche Folgen wie Osteoporose mit sich.

Noch aber bemerkt Katinka nichts davon. Wie geplant reist sie nach Dubai und beginnt an einer der Eliteunis aller Hotelfachschulen, der Emirates Academy of Hospitality Management, Culinary Arts zu studieren.

»Hier entwickelte sich mein Traum, ein eigenes Gourmet-Restaurant zu eröffnen.« Doch bevor sie diesen Plan in die Tat umsetzen kann, fordert die Vernachlässigung ihrer Krankheit ihren Tribut. Durch die lange unerkannte und unbehandelte Zöliakie ist Katinkas Körper so unterversorgt mit Nährstoffen, dass ihr mit 25 bei der Arbeit im Büro, einfach beim Sitzen, die Wirbelsäule bricht. Eine Osteoporose ist schuld an ihren schwachen Knochen. Sie muss sofort zurück nach Deutschland und operiert werden. Ganze neun Monate liegt die junge Frau im Bett.




Foto: Shutterstock/anitasstudio


Mit gerade einmal 25 Jahren scheint alles vorbei zu sein für sie. »Ganze zwei Jahre dauerte es, bis ich ohne Rollstuhl und Krücken wieder gehen und wieder Auto fahren konnte«, so Katinka. Gleich nach der Operation 2007 beginnt sie, alles über glutenfreie Ernährung zu lesen und sich strikt daran zu halten. »Die Schmerzen durch die Zöliakie in Kombination mit denen der Rücken-OP waren unerträglich. Hinzu kam, dass sich mein Knochenaufbau nur dann reaktivieren würde, wenn ich mich strikt an eine glutenfreie Ernährung hielt.«

Sich spontan mit Freunden zum Essen in ein Restaurant zu verabreden, wird dadurch plötzlich schwierig, weil die meisten Menschen noch immer nicht wissen, was Gluten enthält und was nicht. Katinka muss nun alles, selbst jedes Medikament oder jedes Nahrungsergänzungsmittel, auf Gluten checken. Und sie steht vor der Frage: Was darf ich überhaupt noch essen und wo bekomme ich entsprechende Nahrungsmittel her?

Kein Vergleich

Glutenfreie Produkte gab es zwar schon – aber nur wenige schmeckten ihr. Vieles kam trocken und krümelig daher und hatte manchmal einen seltsamen Nachgeschmack. »Nichts, was ich je probiert habe, kam auch nur annähernd an das frische Brot, die knus­prigen Brötchen oder die Kekse meiner Großmütter heran.«




Ein Olivenbrot aus Katinkas Online-Bäckerei

Stattdessen behilft sich Katinka etwa mit trockenen, nach nichts schmeckenden und drei Jahre haltbaren Pappbrötchen und eingeschweißtem Sandkuchen. »Es schien mir unmöglich zu sein, diese industriell gefertigten Produkte lebenslang zu essen, zumal ich ein echter Brot-, Kuchen-, Keks-, Pizza- und Pasta-Fan bin.«

Zugleich wollte die junge Frau unbedingt wieder nach Dubai zurück, das ihr neues Zuhause geworden war. Nur wie? »Arbeiten ging nicht, ich saß immer noch im Rollstuhl, kam allein nicht von der Stelle.« Also baut Katinka in Dubai zunächst ein Online­business auf, bietet kleine Geschenke für Hochzeiten und Taufen an. Ihre Wohnung ist vollgestellt mit allem, was Brautmessen hergeben – und sie hat Erfolg. Wenn ihre Mutter sie besucht, reist sie mit einem Koffer voller glutenfreier Brote an. Denn der Markt für diese Produkte ist im Mittleren Osten rarer gesät als in Europa.

»Es wird hier in Dubai noch mehr Menschen wie mich geben, die auf glutenfreie Produkte angewiesen sind«, denkt Katinka. Also baut sie ihr Angebot um, und startet 2011 einen Online-Shop, der zunächst importierte glutenfreie Produkte anbietet. »Doch so hilfreich es war, nun besser an die Produkte heranzukommen – noch immer mochte ich mich nicht damit abfinden, mit Diätprodukten zu leben, die ich – wenn ich nicht müsste – niemals essen würde!«

Eigene Rezepte

Also beginnt sie, eigene Rezepte zu entwickeln. »Ich habe einfach alles nachgebacken, was ich vermisste. Und nicht locker gelassen, bis die Backwaren aus meiner Sicht so gut waren, dass auch ein Mensch, der nicht auf diese Diät angewiesen ist, sie gern vernascht.«

Als Erstes versucht sie sich an einem Toastbrot. »Das ging zunächst jedoch geschmacklich daneben.« Sie experimentiert weiter in ihrer 6 Quadratmeter großen Küche in Dubai. Und irgendwann hat sie den Dreh heraus. Sie lernt: Auf die Mischung kommt es an. »Man kann Weizenmehl nicht durch eine einzige andere Zutat ersetzen« Bei ihr besteht ein Bauernbrot jetzt aus selbst gemahlener Bio-Braunhirse, Leinsamen und Kartoffelmehl.




Selbst Pizzaböden gibt es online in der glutenfreien Variante.

Über soziale Netzwerke kontaktiert sie Mütter mit von Zöliakie betroffenen Kindern und bietet an, Geburtstags­torten für sie zu backen. Ihr Können spricht sich wie ein Lauffeuer herum. Und Katinka eröffnet eine eigene Bäckerei namens »The Treat Café & Bakery«, in der sie die glutenfreien Backwaren produzierte, ohne die sie selbst nicht mehr leben konnte und wollte. Die Rechnung geht auf. Kunden aus der Luxus-Gastronomie und der 5-Sterne-Hotellerie werden auf sie aufmerksam.

Doch die Sehnsucht nach ihrer Fa­milie wächst – ebenso der Wunsch, ein Familien­unternehmen zu gründen. Im Jahr 2016 kommt sie daher zurück nach Hamburg und gründet »Flour Rebels«, Deutschlands erste Online-Bäckerei für glutenfreie Produkte, die sie nun gemeinsam mit ihrer Familie betreibt.

Keine Zusatzstoffe

»Wir vermeiden alles, was den Stress für den Stoffwechsel zusätzlich erhöht, wie Farb-, Aroma- oder Konservierungsstoffe oder Gentechnik. Das kommt jedem Menschen zugute. Wir verwenden so oft wie möglich Biozutaten. Die Mehle, die wir verwenden, wie Braunhirse, Leinsaat, Buchweizen, Quinoa, Biomais, Kichererbsen- oder Mandelmehl, stecken voller gesunder Mi­kronährstoffe.« Mehr als 20 unterschiedliche Brot- und Brötchensorten und beinahe ebenso viele Keks- und Kuchenarten stellt Flour Rebels her. Ein siebenköpfiges Team versendet sie in ganz Deutschland und Öster­reich. Auch auf Aida-Kreuzfahrtschiffen bekommt man ihre Backwaren. Täglich backen drei Vollzeit-Angestellte 200 bis 300 Brote, 400 bis 500 Brötchen, Pizzaböden, Croissants, Kuchen, Brownies, bis hin zu vielfältigem Weihnachtsgebäck.

Alle Produkte werden erst gebacken, nachdem sie bestellt wurden. »Da wir an fünf Tagen in der Woche backen, die Waren selbst von Hand verpacken und mit einem Kurierdienst auf den Weg bringen, sind lange Arbeitstage keine Seltenheit.« Die Bestellungen kommen binnen ein bis zwei Tagen frisch beim Kunden an. /


Gluten-Verzicht als Zöliakie-Therapie

Bei einer Zöliakie entzündet sich der Dünndarm. Verantwortlich dafür ist das eigene Immunsystem, denn es stuft das eigentlich harmlose ­Klebereiweiß Gluten als fremd ein und reagiert heftig, sobald Betroffene Gluten mit der Nahrung aufnehmen. Das Klebereiweiß steckt in vielen Getreidesorten, darunter Weizen, Roggen, Gerste, Dinkel oder Grünkern. Es ist aber nicht nur in Getreideprodukten, sondern als Zusatzstoff beispielsweise auch in vielen Fertigprodukten enthalten. Die einzige Therapie bei Zöliakie besteht darin, lebenslang auf alle ­Lebensmittel, die Gluten enthalten, zu verzichten.

Schon die geringste Glutenmenge kann Schäden an der Dünndarmschleimhaut verursachen. Wer seine Ernährung umstellt, fühlt sich in der Regel schnell besser: Die typischen Beschwerden verschwinden, das allgemeine Wohlbefinden und der ­Gesundheitszustand verbessern sich, und auch Gewichtsverluste gleichen sich wieder aus. Wer sich streng glutenfrei ernährt, kann beschwerdefrei leben und das Risiko langfristiger Gesundheitsprobleme senken. Glutenfreie Getreidealternativen sind unter anderem Mais, Reis oder Hirse. Weitere Informationen zur Zöliakie gibt es bei der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft: www.dzg-online.de.



Beitrag erschienen in Ausgabe 22/2018

 

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