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ARZNEIMITTELTHERAPIE

Arzneimittel

Vier Neue im November


Von Sven Siebenand / Vier neue Arzneistoffe kamen Anfang November auf den deutschen Markt. Darunter befinden sich zwei Krebsmedikamente und ein Wirkstoff für Typ-2-Diabetiker. Besonders interessant ist der erste Vertreter einer neuen Klasse von Migräne-Medikamenten.

 

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Bei dem neuen Migräne-Wirkstoff handelt­ es sich um den monoklonalen Antikörper Erenumab (Aimovig® 70 mg Injektionslösung im Fertigpen/in einer Fertigspritze, Novartis Pharma). Er darf eingesetzt werden zur Migräne- Prophylaxe bei Erwachsenen mit mindestens vier Migränetagen pro Monat.




Für Erwachsene, die an mindestens vier Tagen pro Monat an Migräne leiden, steht ein neuer Antikörper zur Prophylaxe zur Verfügung.

Foto: iStock/Katarzyna Bialasiewicz


Das Neuropeptid Calcitonin-Ge­ne-Related Peptide (CGRP) ist an der Ent­stehung von Migräne beteiligt. Es wirkt zum Beispiel gefäßerweiternd. Untersuchungen zeigen, dass der CGRP-Spiegel während eines Migräne-Anfalls ansteigt. Erenumab bindet im Körper an den CGRP-Rezeptor. Der Antikörper konkurriert­ sozusagen mit CGRP um die Bindung am Rezeptor und hemmt damit dessen Funktion. Erenumab ist die erste verfügbare Substanz im Handel, die CGRP ausschaltet. Es wird aber nicht die einzige bleiben. Einen sehr ähnlichen Wirkmechanismus hat beispielsweise der Antikörper Galcanezumab (Em­gality®), der ebenfalls bereits die EU-Zulassung­ in der Tasche hat. Anders als Erenumab bindet Galcanezumab nicht an den CGRP-Rezeptor, sondern an CGRP selbst. Ebenso wie Galcanezumab wirken Fremanezumab, das in den USA schon zugelassen ist, und Eptinezumab.

Erenumab wird mithilfe einer Fertig­spritze oder eines Fertigpens unter die Haut injiziert. Sind die Patienten entsprechend geschult, können sie sich auch selbst spritzen. Beim Injizieren sollten die Stellen rotieren. Die em­pfohlene Dosis des verschreibungspflichtigen Medikaments beträgt 70 mg alle vier Wochen. Einige Patienten können von einer Dosis von 140 mg alle vier Wochen­ profitieren, die als zwei Injektionen zu je 70 mg gegeben wird. Innerhalb von drei Monaten nach Therapiebeginn sollte sich der Nutzen der Antikörper-Therapie zeigen. Tritt bis dahin keine Verbesserung ein, sollte der Arzt einen Therapieabbruch erwägen.

Häufig beobachtete Nebenwirkungen von Erenumab sind Reaktionen an der Injektionsstelle, Verstopfung, Muskelkrämpfe und Juckreiz. Aus Vorsichtsgründen wird Erenumab für Schwangere nicht empfohlen. In den ersten Tagen­ nach der Geburt wird auch stillenden Müttern nicht zur Aimovig-Therapie geraten. Falls es klinisch notwendig ist, kann der Arzt danach die Behandlung mit Erenumab während der Stillzeit in Erwägung ziehen.

Aimovig ist im Kühlschrank bei 2 bis 8 °C zu lagern. Nach der Entnahme aus dem Kühlschrank muss das Arznei­mittel, wenn es bei bis zu 25 °C auf­bewahrt wird, innerhalb von 14 Tagen verwendet werden. Die Injektion von Erenumab sollte immer bei Raum­temperatur erfolgen. Patienten dürfen die Spritze beziehungsweise den Fertigpen nicht mithilfe einer Wärmequelle er­hitzen und das Medikament auch nicht zu stark schütteln.

Neu gegen Brustkrebs

Abemaciclib (Verzenios® 50/100/ 150 mg Filmtabletten, Lilly Pharma) dient der Behandlung des lokal fortgeschrittenen oder bereits metasta­sierenden Brustkrebs. Zudem müssen der Hormonrezeptor (HR) positiv und der humane epidermale Wachstumsfaktor-Rezeptor-2 (HER2) negativ sein. Das Medikament wird immer mit einem­ Aromatasehemmer oder Fulvestrant kombiniert. Die Kombination darf als initiale endokrine Therapie oder bei Frauen mit vorangegangener endokriner Therapie erfolgen.




Abemaciclib ist in der Lage, über eine Enzymhemmung die Zellvermehrung bei ­fort­geschrittenem Brustkrebs zu bremsen.

Foto: Shutterstock/lovelyday12


Nach Palbociclib (Ibrance®) und Ribociclib (Kisqali®) ist Abemaciclib der dritte Vertreter aus der Klasse der Inhibitoren der Cyclin-abhängigen Kinasen 4 und 6 (CDK 4/6). Diese spielen eine Schlüsselrolle bei der Regulierung des Zellzyklus und bei der Steuerung des Zellwachstums. Werden diese Enzyme gehemmt, bremst das die Zellvermehrung.

Anders als die beiden Vorgängersubstanzen ist Abemaciclib ZNS-gängig, weshalb bei Patientinnen mit Hirn­metastasen ein besseres Ansprechen zu erwarten ist. Das ist jedoch nicht durch Daten einer großen Studie belegt. Auch hinsichtlich des Einnahmeschemas gibt es einen Unterschied zu den anderen Substanzen: Abemaciclib wird kontinuierlich gegeben. Die empfohlene Dosierung beträgt eine Filmtablette à 150 mg zweimal täglich. Palbociclib und Ribo­ciclib nehmen die Patientinnen in Drei-Wochen­-Intervallen ein, gefolgt von einer einwöchigen Therapiepause. Wie bei Palbociclib und Ribociclib besteht auch bei Abemaciclib die Möglichkeit einer­ schweren Neutropenie, die es unbedingt zu verhindern gilt.

Neues Inkretin-Mimetikum

Mit Semaglutid (Ozempic® 0,25/ 0,5/1 mg Injektionslösung in einem Fertig­pen, Novo Nordisk) gibt es ein neues Medikament zur Behandlung des Typ-2-Diabetes. Zusätzlich zu einer Diät und verstärkter körperlicher Ak­tivität soll das neue Medikament in Kombination mit anderen Antidiabetika zum Einsatz kommen. Auch eine Monotherapie ist möglich, wenn eine Metformin-Gabe nicht infrage kommt oder diese unwirksam ist. Semaglutid muss einmal wöchentlich subkutan gespritzt­ werden. Der Tag der wöchent­lichen Anwendung kann bei Bedarf gewechselt werden, solange die Zeit zwischen­ zwei Dosen mindestens drei Tage beträgt.

Semaglutid ist ein weiterer Ver­treter aus der Substanzklasse der GLP-1-Rezeptoragonisten. Das Inkretin­-Hormon GLP-1 (GLP: Glucagon-like Peptid) schüttet der Darm unmittelbar nach einer Mahlzeit aus. Das Peptid­hormon bindet an seinen Rezeptor und veranlasst so die Betazellen der Bauchspeicheldrüse, Insulin freizusetzen. Darauf­hin sinkt der Blutzucker. Da­rüber hinaus übernimmt GLP-1 weitere Aufgaben. Es senkt den Glucagonspiegel, drosselt die Magenentleerung und reduziert den Appetit. Das Hormon selbst kann nicht als Wirkstoff genutzt werden, da es sehr schnell im Körper abgebaut wird. Erst aufgrund ihrer leicht veränderten Struktur erlangen Inkretin-Mimetika wie Semaglutid eine deutlich längere Wirkdauer.

Zu den häufigsten Nebenwirkungen von Semaglutid zählen – wie bei anderen Vertretern der Klasse – gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit und Durchfall. Auch Unterzuckerungen sind möglich, treten jedoch nur auf, wenn der GLP-1-Rezeptoragonist mit bestimmten anderen Diabetespräparaten kombiniert wird. Wie andere GLP-1-Rezeptoragonisten kann sich auch Semaglutid günstig auf das Gewicht auswirken. Im Gegensatz zu dem GLP-1-Rezeptoragonist Liraglutid (Saxenda®) ist Semaglutid aber nicht zur Gewichtsregulierung bei Übergewichtigen zugelassen. Her­steller Novo Nordisk arbeitet auch an einer oral verfügbaren Formulierung von Semaglutid. Das heißt, es könnte vielleicht eines Tages auch GLP-1-Rezeptoragonisten in Tablettenform geben.

Mit Streptozocin (Zanosar® 1 g Pulver für ein Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Riemser) kommt ein Wirkstoff für die Behandlung von Tumoren der Bauchspeicheldrüse in Deutschland in den Handel. Er wird immer­ mit dem Zytostatikum 5-Flu­oro­uracil kombiniert. Streptozocin ist eine schon seit Jahren bekannte Substanz und wird in dieser Indikation auch schon lange verwendet. Bislang musste der Wirkstoff aber aus dem Ausland importiert werden.

Streptozocin gehört innerhalb der Zytostatika zur Gruppe der Alkylanzien. Indem die DNA alkyliert wird, kommt es zu DNA-Quervernetzungen und die Zellteilung wird beeinträchtigt. Man geht davon aus, dass Streptozocin durch den Glucosetransporter GLUT2 in die Zelle transportiert wird. Dieser Transporter ist in großer Menge auf den Betazellen der Bauchspeicheldrüse vorhanden. Das macht man sich übrigens nicht nur bei Krebspatienten zunutze. Um bei Tieren einen künstlichen Diabetes auszulösen, behandelt man Ratten oder Mäuse mit Streptozocin und testet danach zum Beispiel potenzielle neue Diabeteswirkstoffe an den Versuchstieren.

Zanosar wird intravenös infundiert. Die Dosis richtet sich nach der Körper­oberfläche. In der Fachinformation sind unterschiedliche Dosierungs-Schemata beschrieben. Die häufigsten Nebenwirkungen sind gastrointestinale Beschwerden und Nierenfunktions­störungen. Die gleichzeitige An­wendung von Lebendimpfstoffen ist kontra­indiziert, ebenso unter anderem der Einsatz in der Stillzeit und die Gabe bei Niereninsuffizienz. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 22/2018

 

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