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ANGST UND PANIK

Psychosomatik

Panische Angst vor dem Zahnarzt


Von Inga Richter / Etwa 10 Prozent der Menschen fürchten sich so sehr vor Zahnbehandlungen, dass sie jegliche Vorsorgeunter­suchungen meiden. Die Dentophobie ist als psychosomatische Erkrankung anerkannt, doch sind sich viele Zahnärzte dieser Problematik zu wenig bewusst. Auf die Angststörung spezialisierte Dentisten nehmen das Leiden ernst und helfen den Betroffenen mit unterschiedlichen Ansätzen.


Neben dem absenkbaren Stuhl steht die mobile Behandlungseinheit bestückt mit den verschiedenen Instrumenten: gekrümmte Excavatoren zum Abkratzen des Zahnsteins, verschiedene Sauger, Spritzen und nicht zuletzt –der Bohrer. Nun heißt es, den Mund weit zu öffnen. Der Arzt beugt sich vor, sodass man seinen Atem hören kann.




»Bitte den Mund ganz weit öffnen«: Ein Satz, der einige Menschen in Panik versetzt. Für sie ist der Besuch beim Zahnarzt ein wahres Horrorszenario.

Foto: Shutterstock/Dusan Petkovic


Wohl niemand fühlt sich wohl beim Zahnarzt. Doch manche Menschen blicken einem Zahnarztbesuch regelrecht mit Panik entgegen. In Deutsch­land leiden Schätzungen zufolge 5 bis 15 Millionen Menschen unter Zahnarztangst. Allein der Gedanke an eine Zahnbehandlung löst bei den Betroffenen Herzrasen, Zittern, Schweißausbrüche oder Brechreiz aus. »Der Unterschied der Zahnarztphobie zur normalen Angst vor dem Zahnarzt ist unübersehbar«, erklärt Zahnarzt Michael Leu, Begründer der Deutschen Gesellschaft für Zahn­behandlungsphobie (DGZP) sowie der Gentle Dental Office Group (GDO) auf der Webseite.

Patienten mit einer Dento- oder auch Oralophobie scheuen den Besuch beim Zahnarzt über Jahre oder gar Jahrzehnte. Mit der Zeit werden die Zähne kariös oder sterben ab. Entzündungs­herde und Abzesse verursachen Schmerzen, die Patienten können nicht mehr normal essen und vermeiden es, zu reden oder zu lachen. Folgen können ein Missbrauch von Schmerztabletten und Alkohol sein, eine soziale Isolation sowie Depressionen. Die Erfahrung von Leu und seinem Team: »Erschreckend viele Patienten geben an, schon an Suizid gedacht zu haben.« Eine Phobie, die übermäßig stark ausgeprägte Furcht vor einem Objekt oder einer Situation, wirkt lähmend und lässt sich durch Willenskraft nicht kontrollieren. Die Betroffenen sind wider besseren Wissens, trotz Leidensdruck und Schmerzen, nicht in der Lage, das Telefon zu ergreifen und einen Termin zu vereinbaren, geschweige denn, diesen einzuhalten.

Die bislang beobachteten Ursachen fasst auch der Hamburger Zahnarzt Mats Mehrstedt auf der Webseite seiner zahnärztlichen Angst-Ambulanz zusammen: »Faktoren, die die Entwicklung von Zahnbehandlungsängsten verstärken, sind frühere negative Erfahrungen bei Zahnbehandlungen, die Beobachtung von Angstverhalten bei Freunden oder Familienmitgliedern sowie allgemeine Ängstlichkeit.« Insbesondere negative Erlebnisse scheinen häufig ursächlich zu sein. Bis Ende der 1980er -Jahre erhielten Kinder bei zahnärztlichen Behandlungen keine Betäubung, erklärt Mehrstedt: »Dann hat man eingesehen, dass das nicht gut geht.« Zudem kam der Bohrer damals häufiger zum Einsatz als heute. Denn das Verfahren, die Backenzähne der Kinder gegen eindringende Kariesbakterien zu versiegeln, gab es noch nicht. Eine ganze Generation hat somit gelernt, dass der Besuch beim Zahnarzt mit Schmerzen verbunden sein kann.

Vererbte Furcht

»Bei manchen Patienten wurde die Angst auch von den Eltern übertragen, wenn diese schlechte Erfahrungen beim Zahnarzt gemacht haben«, so Thomas Wolf vom Freien Verband Deutscher Zahnärzte. Bei einigen haben zahnärztliche Fehldiagnosen mit schmerzhaften Folgen die Angst heraufbeschworen, psychische Probleme begünstigen die Entwicklung von Phobien, auch genetische Ursachen werden diskutiert. Vielfach beängstige das Gefühl, dem Arzt ausgeliefert zu sein und keine Kontrolle mehr zu haben. Viele Patienten wüssten allerdings nicht, woher genau ihre Angst rührt.

Anerkannte Krankheit

Seit 1997 gehört die Dentophobie zu den von der Weltgesundheitsorganisation WHO anerkannten psychosomatischen Erkrankungen. »Dennoch findet man Zahnärzte, die mit Zahnarzt-Angst gut umgehen können, nicht an jeder Ecke«, so die GDO. Leu bemängelt, dass ein Grundkurs in Psychosomatik kein Pflichtfach in der ärztlichen Ausbildung ist. Er und seine Mitarbeiter behandeln ausschließlich Oralophobiker mit der von ihm entwickelten Drei-Termine-Therapie. Nach einem ersten Vorgespräch inklusive Untersuchung und Röntgenbildern erfolgt beim zweiten Termin die Sanierung des kompletten Gebisses unter einer speziellen, bis zu sieben Stunden anhaltenden Vollnarkose. Letztlich wird der Zahnersatz im dritten Termin eingegliedert. »Die große Mehrheit unserer Patienten wird nach der Drei-Termine-Therapie wieder normal zahnärztlich behandelbar«, heißt es.

Mehrstedt und eine Reihe seiner Kollegen sind ebenfalls auf Angstpatienten spezialisiert und unter einem gemeinsamen Internetauftritt zu finden. Auch sie »haben beobachtet, dass bei Patienten, die sich einer ersten Zahnsanierung unter Narkose unterzogen haben, der Angstpegel sinkt und sie oft bereit sind, weitere Zahnbehandlungen in der Zahnarztpraxis durchführen zu lassen«. Allerdings wird diese Option erst angeführt, wenn alle anderen Maßnahmen nicht helfen oder die Schäden bereits zu ausgeprägt sind.


Zehn Tipps für Patienten mit Zahnarztangst

1. Eigenanalyse der möglichen Ursache für die Zahnbehandlungsangst

2. Konkrete Einschätzung der Angst: Welche Situationen ängstigen wie stark?

3. Akzeptanz der Angst, kein Verleugnen

4. Informieren: Erfahrungsaustausch mit anderen Betroffenen hilft bei der Angstbewältigung, z. B. in Selbsthilfegruppen, Internetforen

5. Einen Kennenlerntermin bei einem spezialisierten Zahnarzt vereinbaren: Gespräch ohne Behandlung jenseits des Behandlungsraumes, falls möglich mit nichtinvasiver Untersuchung und Anfertigung von Röntgenbildern

6. Bei der telefonischen Anmeldung das Praxisteam über die Angst informieren

7. Die Zahnarztangst dem Arzt genau erklären: Zu Hause Notizen machen, wovor die größte Furcht besteht (Geräusche, Spritze, Bohrer?), wie sich diese äußert usw.

8. Nicht in die Angst vor dem Termin hineinsteigern, sondern ablenken. Im Wartezimmer Musik hören oder lesen

9. Gegebenenfalls Begleitperson erfragen (Ehegatte, Freund oder Freundin), zur moralischen und seelischen Unterstützung

10. Sollte die Angst zu groß sein, einen Psychologen oder Psychotherapeuten aufsuchen

Wenn nichts hilft, kann eine notwendige Zahnbehandlung auch unter Narkose oder Sedierung erfolgen.

Gekürzt und modifiziert nach www.zahnbehandlung-angst.de: Zehn Tipps für Zahnarztangst-Patienten


Kontrolle übernehmen

Die Mediziner zählen das Gefühl des Kontrollverlustes zu den ausschlaggebenden Faktoren für die panischen Reaktionen: »Da es in der Zahnmedizin fast keine Behandlungsmaßnahme gibt, die nicht sofort unterbrochen werden kann, bieten wir Ihnen zu Beginn der Behandlung an, die aktive Kontrolle zu übernehmen.« Gibt der Patient beispielsweise ein vereinbartes »Aaa« von sich, stoppen die Ärzte ihre Behandlung – unerheblich aus welchem Grund die Pause erwünscht ist. »Der Patient lernt so, dass er die Kontrolle hat«, so Mehrstedt. Er betont, dass jeder ein solches Vorgehen mit seinem Zahnarzt vereinbaren könne. Dasselbe gelte, wenn Patienten für eine noch so geringfügige Behandlung eine Lokalanästhesie wünschen. Aber: »Viele Patienten trauen sich nicht, zu widersprechen.«

Für den Fall einer notwendigen Vollnarkose arbeitet Mehrstedt mit einem Narkosearzt und zur Behandlung der Angstsymptomatik mit einem Psychiater zusammen. Einer der psychotherapeutischen Ansätze ist die Desensibilisierung. Das bedeutet, dass der Patient und der Zahnarzt zusammen überlegen, welche Aspekte der Zahnbehandlung für den Patienten die schwierigsten sind und welche vielleicht einfacher. Diese Angstkaskade erstreckt sich individuell beispielsweise von der Terminvereinbarung bis hin zum Bohrer.

Dann erlernen die Patienten eine Entspannungstechnik und führen diese Übungen durch, während sie sich Stufe für Stufe die jeweiligen Schweregrade vorstellen. Gelingt es ihnen, selbst bei der Visualisierung des Bohrens entspannt zu bleiben, geht es mit einer reellen Terminvereinbarung von vorne los. »Angst ist ein erlerntes Gefühl, durch Erlebnisse, die objektiv nicht schlimm sein mögen, die der Betroffene aber als schlimm empfunden hat«, erklärt Mehrstedt. Und Erlerntes könne man auch wieder verlernen.

Hypnose hilft

In manchen Fällen mag es reichen, die Patienten mental von der Situation zu distanzieren: »Durch moderne medizinische Hypnose wird der Patient in einen entspannten Trancezustand versetzt, in dem er sich auf angenehme Vorstellungsbilder konzentriert«, heißt es bei der Deutschen Gesellschaft für Zahnärztliche Hypnose (DGZH). Zu diesen Bildern, etwa von einem besonders geliebten Ort, überlegen sich Arzt und Patient zuvor einige Schlüsselwörter, mit deren Hilfe die Vorstellung vor der Behandlung wieder hervorgerufen wird. »Der Patient fühlt sich entspannt, angenehm wohl«, so Wolf, selbst Mitglied der DGZH. Hypnose sei bei 90 Prozent der Bevölkerung anwendbar. Bei 10 Prozent ließe sich eine völlige Schmerzfreiheit erreichen, bei 80 Prozent immerhin eine Schmerzreduktion, sodass im Bedarfsfall nur ein Viertel der üblichen Dosis an Lokalanästhetika benötigt würde. Auch für die Ärzte sei es einfacher, einen entspannten Patienten zu behandeln. Doch Hypnose erfordert Fortbildungen, kostet Zeit und Energie und hat sich daher noch nicht flächendeckend durchgesetzt.

Die Experten sind sich einig, dass nur ein offenes Gespräch mit dem Zahnarzt zutage fördern kann, welche der Maßnahmen in jedem individuellen Fall angebracht ist. Leu rät Patienten, am besten mehrere Zahnärzte auszutesten und darauf zu achten, ob und wie diese die Besorgnis ihrer Patienten wahrnehmen und respektieren. /


Links und weitere Informationen:

Gental Dental Office Group:

www.zahnarztangst.de

Mats Mehrstedt:

www.traumzahnarzt.de




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