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MEDIZIN UND ERNÄHRUNG

Fremdkörperaspiration

Auch chronische Folgen möglich


Von Carina Steyer / Gelangt ein Fremdkörper in die Atemwege, sprechen Mediziner von einer Fremdkörperaspiration. Die Symptome reichen von akuter Atemnot bis hin zu chronischem Husten. Klarheit schafft nur eine Lungenspiegelung.

 

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Die Fremdkörperaspiration ist eine relativ häufige Verdachtsdiagnose in der Pädiatrie, von der überwiegend Babys und Kleinkinder zwischen sechs Monaten und vier Jahren betroffen sind. Das liegt zum einen an der kindlichen Neugier und dem natürlichen Verhalten, alles in den Mund zu nehmen und zum anderen an der noch nicht optimal funktionierenden Koordination von Kauen, Schlucken und Kehlkopfanpassung.




Kleinkinder erkunden Gegenstände, indem sie sie in den Mund nehmen. Spielzeuge dürfen deshalb nicht zu klein sein.

Foto: Getty Images/energyy



Bei Erwachsenen schließen sich während des Schluckvorgangs die Stimmbänder, die Kehlkopfmuskeln ziehen den Kehlkopf nach oben und der Kehlkopfdeckel klappt zu. Ein Einatmen ist nicht mehr möglich, und sollte ein Fremdkörper unerwartet in den Kehlkopf gelangen, katapultiert ihn ein reflek­torischer Hustenstoß wieder hinaus. Das alles funktioniert auch, während anderen Tätigkeiten nachgegangen wird. Bei Kleinkindern versagt dieser Schutzmechanismus oft. Richtiges Kauen und Schlucken beherrschen Kinder erst um das fünfte Lebensjahr herum, vorher kauen sie wenig und schlucken früher. Spielen oder Laufen während des Essens überfordert sie. Kommt nun noch ein Außenreiz hinzu, der Erschrecken, Lachen oder Weinen hervorruft, holen Kleinkinder umgehend tief Luft, wobei der im Mund befindliche Fremdkörper in die Atemwege gesogen wird.

Typische Symptome

Aspiriert werden kann alles, was klein genug ist. Ganz oben auf der Liste stehen Lebensmittel, allen voran Nüsse, gefolgt von Weintrauben, Karotten oder Gräten. Ältere Kinder aspirieren häufig Lego©- oder Playmobilteile© und Alltagsgegenstände wie Schrauben, Steine und Nadeln. Eine unterschätzte Gefahr kann von Luftballons ausgehen. Werden sie durch Hineinbeißen zum Platzen gebracht, können kleine Gummistücke eingeatmet werden.

Typisch für eine Fremdkörperaspiration ist ein plötzlich einsetzender, starker Hustenanfall, der von Würgen begleitet werden kann. Die Intensität der Symptomatik hängt von dem aspirierten Gegenstand und seiner Lage ab.

Ruhe bewahren

Größere Objekte bleiben oft schon im Bereich des Kehlkopfes oder der Luftröhre stecken und verursachen eine unmittelbare, akute Atemnot mit schweren Hustenattacken sowie pfeifenden oder zischenden Atemgeräuschen. Während sich Haut und Schleimhäute bläulich verfärben, wird die Haut um den Mund herum auffallend blass, und in der gesamten oberen Körperhälfte können Petechien entstehen, steck­nadel­kopf­große Blutungen aus den Kapillaren in die Haut oder Schleimhäute.

Auch wenn es schwerfällt, sollten Betreuungspersonen nun besonnen reagieren. Solange das Kind Luft bekommt, ist es wichtig, das Husten nicht zu stören und jegliche Aufregung, die Angst oder Weinen auslöst, zu vermeiden. Sie kann, ebenso wie der Versuch, den Fremdkörper mit dem Finger zu entfernen, die Situation verschärfen, weil der Gegenstand an eine noch ungünstigere Stelle verrutscht. Hustet das Kind nur ineffektiv, kann es nicht mehr sprechen und richtig atmen, wird der Rettungswagen verständigt und versucht, den Fremdkörper durch künstliche Hustenstöße zu entfernen (siehe Kasten). Sobald das Kind nicht mehr selbstständig atmet und das Bewusstsein verliert, sollten Ersthelfer mit der Mund-zu-Mund- Beatmung beginnen. Manchmal gelingt es dabei, den Fremdkörper mit dem Luftstrom zu verlagern und ein Weiteratmen zu ermöglichen.


Erste Hilfe

Betroffene Kinder werden mit dem Kopf nach unten gelagert, um die Entfernung des Fremdkörpers durch die Schwerkraft zu unterstützen. Säuglinge werden dafür in Bauchlage auf den Unterarm des Helfers gelegt, größere Kinder in eine vornübergebeugte Position gebracht. Der Hals darf dabei nicht zusammengedrückt werden, da dies die Situation verschlimmern kann. Mit dem Handballen werden nun bis zu fünf Schläge auf die Mitte des Rückens zwischen die Schulterblätter verabreicht. Gelingt es nicht, den Fremdkörper zu entfernen, wird bei Kindern über einem Jahr das sogenannte Heimlich-Manöver bis zu fünfmal ausgeführt. Dabei steht oder kniet der Helfer hinter dem Kind, umfasst seinen Rumpf und platziert eine Faust zwischen Nabel und Brustbein. Mit der anderen Hand wird die Faust scharf nach innen und oben gezogen. Bei Säuglingen darf das Heimlich-Manöver nicht durchgeführt werden, da die Gefahr eines Leber- oder Milzrisses zu groß ist. Sie werden auf dem Schoß des Helfers gelagert und in Kopftieflage werden bis zu fünf Thorax­kompressionen (Herzdruckmassage) durchgeführt.


Tödlicher Ausgang selten

Eine komplette Atemwegsverlegung, die zum Ersticken führt, ist selten. Das Risiko für eine tödliche Fremdkörperaspiration liegt bei etwa ein Prozent, wobei die Kinder meist schon vor dem Eintreffen im Krankenhaus versterben. Ist ärztliche Hilfe vorhanden, kann eine Intubation oder ein Luftröhrenschnitt zum Lebensretter werden.

Besonders kleine Fremdkörper passieren häufig die Stimmritze und gelangen in die Luftröhre, wo der größere Querschnitt ein normales Weiteratmen ermöglicht. Typisch dafür ist ein Symptomwechsel, der in drei Phasen verläuft. An die Akutphase mit starkem Husten und Atemnot schließt eine asymptomatische Phase an, in der fälschlicherweise oft angenommen wird, das »Problem« hätte sich von allein gelöst. Da bis zu 90 Prozent der Fremdkörper allerdings mit dem Luftstrom von der Luftröhre in die Bronchien wandern und dort einen Verschluss im Bronchialsystem verursachen, tauchen nach der asymptomatischen Phase abermals Symptome auf. Dazu gehören Hustenreiz, Lungenentzündung und Aushusten von blutigem Sekret.

Die veränderte Symptomatik kann dazu führen, dass Fremdkörper Wochen bis Monate im Bronchialsystem verbleiben, ohne erkannt zu werden. Fehldiagnosen und Behandlungen aufgrund von Asthma oder wiederkehrenden Lungenentzündungen sind bei einer chronischen Fremdkörperaspiration keine Seltenheit. Um dies zu vermeiden und weiteren Komplikationen vorzubeugen, ­raten Kinderärzte, nach jeder vermuteten Aspiration einen Arzt aufzusuchen, auch wenn die Symptome zu diesem Zeitpunkt aufgehört haben oder Teile des Fremdkörpers ausgehustet wurden. Je länger ein Fremdkörper unerkannt in den Atemwegen verbleibt, umso stärker ist die Entzündung, die er verursacht und umso schwieriger wird die Entfernung des Fremdkörpers. Bleibt eine Fremdkörperaspiration über Wochen unerkannt, können irreversible Schäden die Entfernung von Teilen des Lungengewebes erforderlich machen.

Schnelle Diagnose

In 90 Prozent der Fälle ist die Schilderung der Akutsymptome durch Betreuungspersonen in Kombination mit dem Abhören der Lunge bereits richtungsweisend. In Einzelfällen schließt der Arzt eine Röntgenaufnahme der Lunge an, jedoch sind die meisten eingeatmeten Fremdkörper nicht röntgendicht und indirekte radiologische Zeichen nicht immer vorhanden. Weil bis zu 30 Prozent der betroffenen Kinder einen normalen Röntgenbefund zeigen, ist das Standardvorgehen zur Diagnosesicherung eine Lungenspiegelung (Bronchoskopie). Dabei schiebt der Arzt einen Schlauch mit Kamera über den Rachen in die Luftröhre und Bronchien, um die Atemwege und das innere Lungengewebe darzustellen. Wird der Fremdkörper gefunden, kann er im Rahmen der Lungenspiegelung entfernt werden.

Der Zeitpunkt der Lungenspiegelung richtet sich nach dem Zustand des Kindes. Während in Akutsituationen keine Zeit verschwendet wird, wird bei stabilen Kindern bis zum nächsten Tag gewartet. Die wesentlichen Vorteile dieses Vorgehens sind die Nüchternheit des Kindes und die Durchführung mit optimaler OP-Besetzung, wodurch sich die Sicherheit erhöht.

In den meisten Fällen verläuft die Lungenspiegelung komplikationslos, dauert nur wenige Minuten und die Kinder können bereits ein bis zwei Tage später wieder nach Hause entlassen werden. Liegt der Fremdkörper länger im Bronchialsystem, kann der Eingriff in Ausnahmefällen bis zu zwei Stunden dauern. Ist es nicht möglich, den Fremdkörper in dieser Zeit zu entfernen, wird die Lungenspiegelung abgebrochen und drei bis fünf Tage später wiederholt. In der Zwischenzeit kann der Arzt eine Behandlung mit Antibiotika und Corticosteroiden einleiten. Zudem erfolgt die Verlegung in ein Spezial­zentrum. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 23/2018

 

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