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BERATUNGSPRAXIS

Depression

Vielfältige Erscheinungsbilder


Von Ulrike Viegener / In den düsteren Wintermonaten sind Stimmungstiefs bekanntlich häufiger als bei strahlendem Sonnenschein. Eine Winterdepression liegt dann nahe. Den Symptomen kann jedoch immer auch eine Major Depression zugrunde liegen.

 

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Angesichts der steigenden Zahl de­pressiver­ Erkrankungen sind Apotheker und PTA zunehmend mit dem Problem­ konfrontiert, durch gezieltes Fragen, Hinweise auf den Schweregrad der Depression­ zu bekommen. Die verwirrende Begriffsvielfalt in diesem­ Kontext spiegelt die Vielfalt individueller Erscheinungsformen wider. Sie zeugt aber auch davon, dass die Klassifikation ­depressiver Störungen keineswegs in Stein gemeißelt ist. Die Erkenntnisse sind im Fluss, wobei­ mitunter noch Begriffe­ im Umlauf­ sind, die im aktuellen ICD-10-Diagnoseschlüssel gar nicht mehr vor­kommen. So hat sich die Unterteilung in neurotische, reaktive und endogene­ Depressionen­ längst überlebt.




Trübes Wetter gleich trübe Stimmung? Nicht immer ist die Winterzeit Ursache einer depressiven Verstimmung.

Foto: iStock/jeffbergen


Laut der Nationalen Versorgungs­leitlinie »unipolare Depression« sind – meist episodisch verlaufende –­ de­pres­sive Störungen unterschiedlicher Schwere­grade abzugrenzen gegenüber der Dysthymie als einer anhaltenden, mindestens zwei Jahre dauernden depressiven­ Verstimmung geringerer Intensität. Depressive Episoden haben definitionsgemäß eine Dauer von mindestens zwei Wochen. Die unipolare Depression als häufigste Form de­pressiver Störungen ist gekennzeichnet durch ­gedrückte Stimmung, Inter­essenverlust, Freudlosigkeit sowie einen­ verminderten Antrieb mit erhöhter Ermüdbarkeit und eingeschränkter Aktivität. Die ­traurige Grundstimmung ist etwas ganz anderes als echte Trauer, zu der depressive Menschen nicht in der Lage sind. Bei bipo­laren Störungen wechseln sich Phasen­, in denen über allem­ ein grauer Schleier liegt, mit hyper­euphorischen, hyperaktiven Phasen ab.

Soweit lässt sich das leicht nach­vollziehen, dann aber wird es schwierig: Die Vielfalt der individuellen Erscheinungs­bilder ist so groß, dass die Diagnose einer Depression einem ­komplizierten Puzzle gleicht. Zu den genannten Hauptsymptomen müssen sich sogenannte Zusatzsymptome gesellen­, die eine große Bandbreite aufweisen, zu denen Schuldgefühle, Konzentrationsmangel, Schlafstörungen und Appetitverlust zählen.

Somatische Symptome

Hinzu kommt, dass die Betroffenen sich oft schwertun, das eigentliche »Übel« zu benennen. Es kann sein, dass sie die Stimmungseintrübung gar nicht dominant wahrnehmen und vielmehr über somatische Syndrome und allgemeines Unwohlsein berichten. Vor dem Hintergrund einer Depression werden nicht selten unter anderem Abgeschlagenheit, Mattigkeit, Einschlaf- und Durchschlafstörungen, gastrointestinale Probleme wie Magendruck, Obsti­pation und Diarrhö, Nervenschmerzen und sexuelle Störungen beschrieben.

Auch vernachlässigte Körperpflege und Kleidung können auf eine Depres­sion hinweisen, da eine Überforderung mit einfachen alltäglichen Tätigkeiten zum möglichen Erscheinungsbild ­gehört. Und aus dem Sprechverhalten – Klang, Tempo, Modulation – können sich ebenfalls Verdachtsmomente ergeben.

Im Verdachtsfall empfiehlt die Leit­linie den »Zwei-Fragen-Test« als zeitökonomisches Verfahren mit hoher Aussagekraft (Sensitivität 96 Prozent): Fühlten Sie sich im letzten Monat ­häufig nieder­geschlagen, traurig bedrückt oder hoffnungslos? Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?

Werden beide Fragen mit »Ja« ­beantwortet, sollte eine weitere Ab­klärung durch einen Arzt erfolgen. Fragen­ nach Dauer der depressiven Stimmungslage beziehungsweise ­früheren Episoden sowie nach dem Vorkommen­ von Depressionen in der Familie eignen sich, den Verdacht auf eine ­ernste Erkrankung zu erhärten. Auch das Morgentief ist ein typisches Zeichen: Bei vielen, wenn auch nicht bei ­allen ­Erkrankten, ist die Stimmung morgens besonders ­gedrückt und hellt sich dann bis zum Abend auf.

Da viele Menschen, die an depressiven Verstimmungen leiden, zunächst in der Apotheke Rat suchen, können Apotheker und PTA entscheidend dazu beitragen, die Weichen frühzeitig richtig zu stellen. Sie haben zu vielen Kunden ein gutes Vertrauensverhältnis, das ein Gespräch über dieses mit Vor­behalten befrachtete Thema sehr erleichtern­ kann. Mit dem gebotenen Fingerspitzengefühl können sich Apotheker­ und PTA in Richtung »Depression­« vortasten und die Betroffenen behutsam für die Notwendigkeit eines ­Arztbesuchs empfänglich machen, falls sich der Verdacht ­erhärten sollte. Dies ist eine wichtige Aufgabe angesichts der zu vermutenden hohen Dunkelziffer bei Depressionen, die einerseits aus Unwissenheit und andererseits aus Angst vor Stigmatisierung resultiert.

Klare, verbindliche Ansagen, wann eine Selbstmedikation vertretbar ist, gibt es nicht. Wo eine Befindlichkeitsstörung aufhört und eine echte Depression beginnt, wird sich »auf die Schnelle« oft nicht zweifelsfrei klären lassen. Bei handfesten Depressionen – auch das ein Hinweis – ist die akute Stimmungslage in der Regel nicht mit der aktuellen Lebenssituation zu begründen. Zwar können Traumata bei der ­Entwicklung der affektiven Störung eine Rolle gespielt ­haben, diese hat sich dann aber verselbstständigt. Befinden sich die Betroffenen dagegen gerade in einer belastenden Lebenssituation, wird man eine Selbstmedika­tion eher für vertretbar halten. Auch beim Winter­blues erscheint eine Behandlung in ­eigener Regie gerechtfertigt. Die echte Winter­depression ­dagegen, die mit einer Lichttherapie gut zu behandeln ist, gehört in ärztliche Hände.




Leitliniengerecht: Johanniskraut wirkt als hoch dosierter Extrakt antidepressiv.

Foto: Shutterstock/ArtCookStudio


Johanniskraut: Evidenz­basierte Phytotherapie

Schließlich ist natürlich auch die Schwere der Symptomatik ein ­wich­tiges Argument. Johanniskraut (Hypericum perforatum) ist zur rezept­freien Anwendung bei leichten depressiven ­Erkrankungen zugelassen. Bei mittelschweren Depressionen dagegen unter­liegt das Phytopharmakon der Rezept­pflicht. Die S3-Leitlinie zur unipo­laren Depression empfiehlt Johannis­kraut ausdrücklich als geeignet für einen ersten ­Therapieversuch.

Eine 2017 publizierte große Metaanalyse, die auf 35 randomisierten kontro­llierten Studien mit rund 7000 Patienten basiert, hat die Wirksamkeit von Johanniskraut bei leichten bis mittelschweren ­Depressionen und hier eine Ebenbürtigkeit gegenüber synthetischen Antidepressiva be­stätigt. In den Studien wurden stan­dardisierte Extrakte mit 0,3 Prozent Hypericin­ und 1 bis 4 Prozent Hyper­orin verwendet. Die Nebenwirkungsrate von Johanniskraut liegt laut der Metaanaly­se auf Plazeboniveau. Johannis­kraut stellt ­damit ein taug­liches Mittel für eine evidenzbasierte Selbstmedi­kation bei leichten Depressionen beziehungs­weise depressiven Befindlichkeits­störungen dar.

Die Dosis muss stimmen

Apothekenpflichtige Johanniskraut-Präparate, die standardisierte Extrakte ­enthalten, sind durchweg empfehlenswert (z. B. Jarsin® 300, Kira®, Laif® 612, Laif® 900 Balance, Neuroplant® aktiv). Besonders gut untersucht sind Hypericum-­Extrakte, die als OTC-Präparat und gleichzeitig als rezeptpflichtige Variante identischer Zusammensetzung ange­boten werden. Manche frei­verkäuflichen Präparate dagegen enthalten Hyper­forin in viel zu geringer Konzentration. Hyperforin gilt als Hauptwirkstoff, der wahrscheinlich auf die serotonerge und noradrenerge Signal­übertragung Einfluss nimmt. ­Anwender sollten ausdrücklich auf die Dosierung hingewiesen werden, die bei 600 bis 900 mg liegt. Auch sollten sie wissen, dass die stimmungsaufhellende Wirkung ein bis zwei Wochen auf sich warten lässt. Bei ­leichten Depressionen wird die regelmäßige Einnahme über mehrere Monate empfohlen, um den Therapieerfolg nach Abklingen der Beschwerden zu stabilisieren. Tritt unter­ Hypericum innerhalb von vier Wochen keine Besserung ein, ist ein Arztbesuch angesagt.




Lavendel wirkt anxiolytisch, es wird ihm zudem ein antidepressiver Effekt zugeschrieben.

Foto: Shutterstock/Yulia-Bogdanova


Das Risiko einer Photosensibilisierung betrifft in erster Linie hellhäufige Menschen. Sie sollten unter einer Hypericum-­Therapie starke Sonnen­exposition ver­meiden und hochpotente Sonnenschutzmittel anwenden. ­Arzneimittelinteraktionen sind ein ­weiteres Thema des Beratungs­gesprächs, da Johanniskraut einige Cytochrom­-P450-Enzyme und P-Glykoprotein induziert. Die Kombination mit Antikoagulanzien gilt als kontraindiziert. Infolge Wechselwirkung mit ­oralen Antikon­trazeptiva sind ungewollte Schwangerschaften beobachtet worden, weshalb der Umstieg auf ­andere Verhütungs­methoden zu empfehlen ist.

Bei Schlafstörungen wirkt Johanniskraut ausschließlich dann, wenn sich dahinter definitiv eine Depression ­verbirgt. Bei Schlafstörungen ohne ­Depression ist Johanniskraut dagegen unwirksam. Das ist wichtig, weil ­Kunden diesbezüglich oft mit falschen ­Informationen in die Apotheke ­kommen.

Düfte gegen Ängste

Sind Depressionen mit Ängsten ver­gesellschaftet, was sehr häufig der Fall ist, kann Lavendelöl (Silexan®) hilf­reich sein, das in Weichgelatinekapseln (Lasea®­) abgeboten wird. Auch diesem Phytopharmakon wird ein antidepressiver Effekt zugeschrieben, im Vor­dergrund steht aber die anxiolytische Wirkung­. Die hochkonzentrierten Inhalts­stoffe Linalool und Linalylacetat drosseln den Calciumeinstrom in Nerven­endigungen und entfalten so psychotrope Effekte. Nicht zuletzt ­wegen des offenbar fehlenden Abhängigkeitspotenzials wird das Lavendelöl als interessante­ Alternative zu synthe­tischen Anxiolytika beurteilt. /


Herz in Gefahr

Was immer noch wenig bekannt ist: Depressive Verstimmungen treiben das Risiko für eine koronare Herzkrankheit in die Höhe. Offenbar sind sie ein ebenso potenter kardiovaskulärer Risikofaktor wie die arterielle Hypertonie. Das hat unter anderem das Monica-Projekt ergeben, eine von der WHO initi­ierte internationale Studie, in der auch Menschen in und um Augsburg teilnahmen. Der gefundene Zusammenhang mit dem KHK-Risiko­ betraf Depressivität im weitesten Sinne und schloss neben affektiven­ Erkrankungen auch Befindlichkeits­störungen mit ein.



Beitrag erschienen in Ausgabe 23/2018

 

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